Krieg bringt Verachtung ohne Ursachen

Quelle: GA 192, S. 224-225, 1. Ausgabe 1964, 22.06.1919, Stuttgart

Der Mann, den ich oft schon angeführt habe, der einer der feinsten Kunstbetrachter ist, hat einmal ein schönes Wort gesprochen, wobei er ungefähr das Folgende sagte: Ach, da machen wir Geschichte. Da untersucht man, wie sich die Ereignisse eigentlich auseinander entwickelt und ergeben haben und wie die Völker in Kriege hineinkommen. Aber all das, was da geschrieben wurde, ist ja doch nur dazu da, um nach unserem subjektiven Standpunkte den einen, den wir brauchen, zu loben, und den anderen zu verurteilen oder zu verlästern. Und wahr ist es, daß die Völker, wenn sie Kriege unternehmen, überall wie die Wilden Krieg führen und nicht fragen nach den Gründen. Herman Grimm meint, in dem Augenblick, wo die Menschen Kriege unternehmen, werden sie zu Wilden. Die Menschen werden, wenn sie ein Staat, eine Nation werden, nicht ein Höheres, sondern sie werden ein Niedereres. Das ist das große Unglück in unserer Zeit, daß man den Staat oder die Zusammengehörigkeit höher schätzt als den einzelnen individuellen Menschen. Aber so verstrickt sind die Menschen heute in das Höherschätzen der Gemeinschaften als des Einzelnen, daß sie sich ganz wohl fühlen, entmenscht zu sein, eine Staatsschablone zu sein. Da ist es natürlich schwer, so etwas zu bilden, was das Geistesleben wirklich emanzipieren kann. Aber in unserer Zeit ist die Menschheit trotz ihres Materialismus dem Geiste näher, als man glaubt. In uns walten Inspirationen und Imaginationen. Nur verwandeln wir die Imaginationen wegen unserer mangelnden produktiven Phantasiekraft in allerlei gespenstige Bilder über die Zusammenhänge der Welt, mit denen wir die wirklichen Weltzusammenhänge verleumden.