Kindliche Nachahmung Vorbereitung für wirtschaftliche Anpassung an Bedürfnisse

Quelle: GA 330, S. 279, 2. Ausgabe 1983, 18.06.1919, Stuttgart

Die neuere Zeit fordert eine Umgestaltung dieses Wirtschaftslebens in dem Sinne, daß nicht mehr der Profit, daß nicht mehr der Kapitalerwerb und der Lohnerwerb das Ausschlaggebende sind, sondern daß der Konsum, die Berücksichtigung der menschlichen Bedürfnisse eingerichtet wird auf der Grundlage freier Assoziationen, Genossenschaften, Körperschaften, die von den Bedürfnissen des menschlichen Wirtschaftslebens werden ausgehen müssen, von den Bedürfnissen, die lebendig immer vorhanden sind und nach denen der Verkehr, die Produktion erst eingerichtet werden muß. Was heute auf blindes Angebot und blinde Nachfrage des Marktes gestellt ist, das wird auf Einsicht in die Menschenzusammenhänge, auf Einsicht in die menschlichen Konsumbedürfnisse gestellt werden müssen. Die praktische Erfahrung, die ja auf die menschlichen Bedürfnisse muß eingehen können, sie kann sich nur entwickeln, wenn die Menschen in ihrer Kindheit gemäß dem Prinzip der Nachahmung erzogen worden sind, wenn sie gelernt haben, unbewußt, sich den Menschen anzupassen. Wenn sie für das öffentliche Rechtsleben des Staates die Achtung des Menschenlebens entwickelt haben, dann können sie auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens Verständnis entwickeln für die menschlichen Bedürfnisse. Es muß heute gefordert werden, daß auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens Koalitionen, sagen wir zum Beispiel Genossenschaften, von Betriebsräten eingerichtet werden. Diese Betriebsräte werden einen schwierigen Stand haben, wenn sie künftig nach der Einsicht in Produktion und Konsumtion dasjenige werden zu besorgen haben, was heute dem Zufall von Angebot und Nachfrage überantwortet ist. Aber keine Betriebsräte, keine irgendwie gearteten Räte auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens werden jemals segenbringend sein, wenn nicht die Erziehung des Menschen so eingerichtet wird, daß die Talente für diese Räte, das heißt für die Menschenanpassung, denn die drückt sich auch aus im Verständnis der menschlichen Bedürfnisse, daß die Entwickelung dieser Räte nicht vorbereitet wird durch die richtige Erziehung im zarten Kindesalter nach dem Prinzip der Nachahmung.