Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit durch (Selbst-)Erziehung

Quelle: GA 330, S. 275-277, 2. Ausgabe 1983, 18.06.1919, Stuttgart

Das, worauf ich im Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in meinem Buche «Die Philosophie der Freiheit» aufmerksam zu machen versuchte, war, daß der Mensch zu seinem Volldasein nur kommen kann, wenn er dieses Volldasein wirklich in seinem Werden zwischen Geburt und Tod entwickelt, wenn er namentlich dasjenige, was eine Seele doch haben muß, wenn sie ein menschenwürdiges Dasein anstrebt-, wenn er das Bewußtsein seiner freien Menschennatur durch die Entwickelung der in seinem Innern angelegten Kräfte erst entbindet. Frei kann man nur werden und frei können die Menschen nur werden, wenn sie zur Freiheit erzogen werden oder sich selbst erziehen. Wer dies durchschaut, der wird das, was heute als Ruf nach Sozialismus auftritt, doch in einer tieferen Weise anschauen, als das gewöhnlich geschieht. Er wird fragen, ist es nicht vielleicht so, daß wir uns als Mensch zu Menschen nicht sozial und demokratisch hinfinden, weil unser Erziehungsleben dasjenige in uns, was für Demokratie und Sozialismus veranlagt ist, nicht in der richtigen Weise heranentwickelt? Man braucht ganz bestimmte innere Antriebe der Menschennatur, wenn man sich in eine demokratische Gemeinschaft hineinstellen soll, oder wenn man eine soziale Wirtschaftsgemeinschaft begründen will. Und man könnte fast sagen, wenn man damit nicht durch eine allerdings richtige Wahrheit zu viele Menschen der Gegenwart schockieren würde: So wie der Mensch geboren wird - die Entwickelung des Kindes zeigt es deutlich -, so hat er zunächst nicht die Triebe nach Demokratie und auch nicht die nach Sozialismus, die müssen erst in seine Seele hineingesenkt werden. Sie liegen veranlagt darin, aber sie kommen nicht von selbst heraus. Und ehe nicht unser Erziehungssystem auf eine gründliche und eine wirklichkeitsgemäße Erkenntnis der Menschennatur gestellt wird, eher erleben wir es nicht, daß der Mensch in eine soziale oder demokratische Gemeinschaft selber mit demokratischer und sozialer Gesinnung sich hineinstellen kann. Er wird, wenn er sich auch dessen nicht bewußt ist, aus unterbewußten Triebkräften heraus stets Demokratie und Sozialismus zu sprengen versuchen. Und werden nicht Ansätze gemacht zur Erziehung in demokratischem Sinne wie auch in sozialem Sinne, dann leben die Menschen des weiteren wiederum so zusammen, daß aus dem Demokratischen irgendeine Tyrannis, aus dem Sozialen irgend etwas Antisoziales wird, wie ja ganz gewiß aus dem Sozialen, das man im europäischen Osten anstrebt, das Antisozialste in verhältnismäßig kurzer Zeit werden mußte und eben jetzt schon da ist! Dadurch wird der Blick desjenigen, der es heute mit der Menschheitsentwickelung ehrlich meint, vor allen Dingen auf das Geistesleben, auf die Erziehung gelenkt. Und die Notwendigkeit stellt sich heraus, auf eine wirkliche sachgemäße Menschenerkenntnis vor allen Dingen das Geistesleben und seinen wichtigsten Bestandteil, die Erziehung und den Unterricht, zu stellen.