Auswirkung des freien Geisteslebens auf das Wirtschaftsleben

Quelle: GA 330, S. 264-265, 2. Ausgabe 1983, 16.06.1919, Stuttgart

Wird das eintreten, was ich hier in einer Reihe von Vorträgen geschildert habe als das freie Geistesleben, das Geistesleben mit Selbstverwaltung des Pädagogisch-Didaktischen im dreigegliederten sozialen Organismus, dann wird der Mensch nicht mehr seinen Willen gehemmt fühlen, sondern er wird umgeben sein von einer Atmosphäre, die erzeugt wird aus diesem freien Geistesleben, so daß er sich sagt, dieses freie Geistesleben nimmt auch meinen Willen als einen freien auf. Und aus dem Verständnis des selbstverwalteten Geisteslebens wird hervorgehen, was die neuen sozialen Triebe sind, die bestehen in dem gegenseitigen, wahren, sachlichen Tolerieren und Verstehen eines Menschen durch den andern auf dem Gebiete des zweiten Gliedes des sozialen Organismus, des Rechtsstaates, wo jeder Mensch jedem anderen Menschen, sofern sie mündige Menschen sind, als gleicher gegenübersteht. Und als drittes wird hervorgehen, das werden wir übermorgen noch genauer sehen, eine solche Struktur des Wirtschaftslebens, daß diejenigen, die in diesem Wirtschaftsleben arbeiten, vom höchsten Geistesarbeiter bis zum letzten Handarbeiter, als selbständige, freie menschliche Individualitäten sozial mitwirken, so daß an die Stelle der Zeit, wo es den Menschen schwarz wurde vor den Augen bei den Gedanken an das Wirtschaftsleben, die Zeit treten wird, wo das vernünftige Handeln der Betriebsräte, der Verkehrsräte, der Wirtschaftsräte die Wirtschaft regeln wird, wo der Mensch nicht mehr dem Zufall von Angebot und Nachfrage und der Krisenhaftigkeit von Angebot und Nachfrage, der Kapitalwirtschaft, übergeben sein wird, sondern wo der einzelne Mensch wirtschaftend neben dem anderen Menschen im Leben drinnen stehen wird; wo gerechte Preis- und Arbeitsverteilung aus der Vernunft hervorgehen wird, so daß wir uns in das, was einmal notwendig ist im Wirtschaftsleben, als freie Menschen hineinstellen können. Und wie wir uns in den Leib hineinstellen in seiner naturgemäßen Notwendigkeit, so wird der Mensch sich seine Freiheit erringen im modernen demokratischen Sozialismus, in der modernen sozialen Demokratie.