Vorsicht bei Lehrerwahl statt Schulaufsicht

Quelle: GA 192, S. 130-131, 2. Ausgabe 1992, 01.06.1919, Stuttgart

Ein anderes ist dasjenige, was heute für fast unerläßlich gehalten wird in den weitesten Kreisen, was insbesondere eine große Bedeutung für die unteren Schulstufen hat: das ist die sogenannte staatliche Schulaufsicht. Es kann nichts Ruinöseres geben für eine wirklich sachgemäße Entwickelung des Geisteslebens als eine solche amtliche oder halbamtliche Schulaufsicht. Dasjenige, was Bedürfnis des Geisteslebens im Schulwesen ist - und derjenige, der in die Dinge innerlich hineinschaut, der könnte das wissen -, was zu einer wirklich gedeihlichen Fortentwickelung notwendig ist, das erfordert eine Rücksichtnahme auf alle einzelnen Augenblicke, die sich ergeben aus dem lebendigen Unterricht selber. Das kann und darf niemals beurteilt werden durch irgendeine außenstehende Schulaufsicht. Einem Menschen, dem man einmal in der Selbstverwaltung des Geisteslebens durch alle die Vorsichten, die dazu notwendig sind, das Vertrauen geschenkt hat, daß er auf irgendeiner Stelle Menschen erzieht oder unterrichtet, dem darf, solange er auf seinem Posten steht, niemand in seine Methodik oder dergleichen hineinreden. Das ist etwas, was viele Leute heute noch nicht verstehen; aber mit diesem Nichtverstehen verstehen sie zugleich nicht eine der Grundbedingungen alles wirklich heranreifenden Geisteslebens. Sie sehen daraus, in welch radikaler Weise Hand angelegt werden muß an all dasjenige, was heute die Leute als etwas Selbstverständliches hinnehmen, ja, dessen Erstarkung sie sogar noch fordern. Denn es gibt doch kaum irgendein, sagen wir, auch nur soziales Programm, das aus Parteidenken hervorgeht und nicht irgendwelche Punkte über amtliche oder halbamtliche Schulaufsicht hat. Damit ist nicht irgend jemand ein Vorwurf gemacht, auch nicht einer Partei ein Vorwurf gemacht, sondern einfach hingewiesen auf dasjenige, was sich ergeben hat gerade aus dem verkehrten Geistesleben, das allmählich heraufgekommen ist.