Betriebsrätegesetz will Individualisierung statt Sozialisierung der Betriebe

Quelle: GA 330, S. 233-243, 2. Ausgabe 1983, 31.05.1919, Stuttgart

Sollen die Betriebsräte eine Tätigkeit entfalten in dem Zeitalter der Sozialisierung, so wie sie gefordert wird in Wahrheit, wie das Zeitbewußtsein sie, wenn auch noch vielfach unbewußt, durch die weitesten Kreise des Proletariats fordert, da müssen diese Betriebsräte erwachsen auf dem selbständigen Boden des Wirtschaftslebens, das von allem übrigen, was politisches, was geistiges Leben ist, in seiner innerlichen Struktur abgetrennt ist. Mit dem, was damit eigentlich gesagt ist, daß die Betriebsräteschaft aufsteigen muß durch freie Wahl der am Wirtschaftsleben beteiligten Personen, damit sie sich Konstitutionen für die Zukunft des Wirtschaftslebens geben kann, mit dem Wesen dessen, was aus tiefen unterbewußten Seelengründen heraufzieht und nach Taten sucht -, mit dem sind diejenigen, welche heute sich Lebenspraktiker nennen, so unbekannt, daß ein Gesetz projektiert ist über die Betriebsräte, welches in allen seinen einzelnen Punkten das Gegenteil von dem trifft, was die Betriebsräte werden sollen, welches in allen seinen einzelnen Punkten hervorgeht aus dem Glauben, daß man nicht einer neuen Zukunft entgegengehen solle, sondern daß man konservieren könne, was innerlich schon abgestorben ist. Es gibt kein deutlicheres Symptom für die Unpraxis und das Utopistische unserer Zeit als die Erscheinung dieses lebensfremden Gesetzentwurfs. Ist es da nicht an der Zeit, daß selbst diejenigen, die sonst anderswo ihre geistige Heimat gefunden haben, aus ihrer Pflicht heraus sprechen müssen, weil sie sehen, wieviel Utopistisches die Zeit durchsetzt, wie unendlich entfernt diese an Lebensroutine so reiche Zeit von aller wirklichen Lebenspraxis ist? [...]

Wenn ich ein paar Worte sagen soll über die aufgeworfene Frage der Betriebsräte, so weise ich auf die kurze Bemerkung hin, die ich schon in dem Vortrage gemacht habe, daß die Betriebsräteschaft hervorgehen muß aus dem bloßen Wirtschaftskörper, so daß einfach in den Betrieben aus geistig- und handarbeitenden Persönlichkeiten heraus, ohne irgendwie durch sonst etwas als durch das bloße im Zusammenarbeiten begründete Vertrauen zunächst die Betriebsräte auf die Beine gestellt werden müssen. Dann sind die Betriebsräte da, welche das Vertrauen ihrer Mitarbeiter in den Betrieben haben. Sozialisieren kann man nicht in den einzelnen Betrieben. Darin besteht eben gerade das Unpraktische dieses Gesetzentwurfs über die Betriebsräte, der von allem Sozialisieren wahrhaftig weit genug entfernt ist. Das wirklich Praktische wird darin bestehen, daß aus diesen Betriebsräten die zwischenbetrieblichen Einrichtungen entstehen, die entstehen müssen dadurch, daß die Betriebsräte, welche gewählt sind aus den einzelnen Betrieben, eine Betriebsräteschaft über ein geschlossenes Wirtschaftssystem hin bilden und sich selbst erst in einer Art Urversammlung eine Konstitution geben, außerdem die Richtlinien angeben, wie aus der gemeinsamen sozialen Verwaltung der Betriebsräteschaft dann die einzelnen Betriebsräte wiederum in den Betrieben zu wirken haben. Aus den Kräften des Wirtschaftslebens selbst heraus, des auf sich selbst gestellten Wirtschaftslebens, muß hervorgehen, was aus menschlich sozialen Untergründen heraus, nicht aus bürokratischen, lebensfremden Regierungsmaximen heute - nun, man nennt es in der Amtssprache «marschieren» soll, obwohl dieses Marschieren gegenwärtig noch dem alten militärischen Marschieren recht unähnlich sieht, eher einem Zappeln oder vielleicht einem Sich-Verstecken ähnlich sieht.