Ausreichendes Einkommen statt abstraktes Recht auf Waren

Quelle: GA 331, S. 078-079, 1. Ausgabe 1989, 22.05.1919, Stuttgart

Lesen Sie in meiner Schrift über die soziale Frage nach. Da werden Sie sehen, daß ja in der Zukunft manches ganz anders sein wird. So zum Beispiel steht der Familienvater in ganz anderer Art im sozialen Organismus als der Ledige, und zwar deshalb, weil, wenn der Rechtsstaat sich wirklich so ausbildet, wie ich es annehme, dann jedes Kind das Recht auf Erziehung besitzt. Dann ist die Situation nicht die, daß der Familienvater seinen kärglichen Lohn auf eine große Familie verteilen muß, während der Ledige alles für sich verbrauchen kann. Die Verhältnisse werden ganz andere.

[Zwischenruf: Und die anderen Bedarfsartikel?]

Das Recht auf Bedarfsartikel ist ja ein selbstverständliches. Das ist ja dadurch, daß der Wirtschaftsprozeß ein realer ist, gesichert. Jeder, der etwas produziert, wird einfach durch den Wirtschaftsprozeß die Möglichkeit haben, die viel sicherer ist als ein abstraktes Recht, die Bedarfsartikel zu beschaffen. Das, was durch die Emanzipierung des Wirtschaftslebens hervorgerufen werden soll, ist, daß man so viel hat, daß es reicht. Der Bedarf wird besser befriedigt dadurch, daß man ein Recht auf Bedarfsartikel und damit genug im Portemonnaie hat. Das ist dasjenige, was das Recht auf Bedarfsartikel betrifft. Es ist das eigentlich kein brauchbarer Ausdruck, weil es in der Realität nicht von Bedeutung ist, wenn man wirklich an eine Realisierung des dreigliedrigen sozialen Organismus denkt. Dann nämlich wird ja hergestellt das, was den Menschen von einem gewissen Lebensalter an auch wirklich gleichstellt mit einem anderen Menschen.

Nicht wahr, das Einkommen als solches, das braucht unter Umständen gerade in einem wirklich sozialisierten Gemeinwesen gar nicht maßgebend zu sein für dasjenige, was man verbrauchen kann. Denn es ist durchaus möglich, daß der Mensch dadurch, daß er irgendwie eine, nun, nennen wir es Qualitätsarbeit, zu leisten hat, daß er scheinbar gerade im sozialistischen Gemeinwesen mehr einnimmt als ein anderer; er hat deshalb nicht mehr für seinen Verbrauch als ein anderer, er muß es wiederum ausgeben in der entsprechenden Weise.