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Bürgerliche Egoistik Stirners als Untergang

Quelle: GA 192, S. 067-080, 1. Ausgabe 1964, 01.05.1919, Stuttgart

Nicht das eigentlich sagt uns über die Entwickelung der ganzen Menschheit viel, was wir heute in unserem Bewußtsein haben, obwohl wir im Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung gerade leben, obwohl es für den einzelnen Menschen in diesem Zeitalter gerade weltgeschichtlich gesetzmäßig ist, daß er seine Bewußtseinsseele entwickelt. Es ist für die ganze Menschheit, zum Unterschied von einzelnen Menschen, dieses Zeitalter so, daß eben die ganze Menschheit mit Bezug auf die inneren Seelen- und Geisteskräfte durch eine Epoche durchgeht, die die Entwickelung mehr im Unterbewußten sich vollziehen läßt.

Im Unterbewußten müssen wir für die ganze Menschheit die wesentlichsten Übergangskräfte finden, wie wir für den einzelnen Menschen heute in diesem Zeitalter die wichtigsten Kräfte finden müssen gerade in der Aneignung des vollen Bewußtseins. Für den einzelnen Menschen geht das instinktive, das mehr naive Erleben der Seele immer mehr und mehr in ein bewußtes Erleben der Seele über; für die ganze Menschheit aber vollzieht sich unbewußt ein Wichtiges, ohne daß der einzelne oftmals auf dieses Wichtige hinschaut, wenn er nicht gerade geisteswissenschaftliche Vertiefung anstrebt.

Und dieses Wichtige, dieses Wesentlichste, es ist gar nicht so leicht zu beschreiben. Denn unsere Sprache ist ja im Grunde genommen gemacht für die seelische Wiedergabe der äußeren sinnlichen Wirklichkeit. Diese Sprache macht es uns schwer, ganz präzise, namentlich hinreichend zu schildern, was nicht der sinnlichen Wirklichkeit angehört, was dem übersinnlichen Dasein angehört. Man muß sich da oftmals helfen durch Vergleiche, aber nicht durch abstrakte Vergleiche, sondern durch solche Vergleiche, wie Sie sie gut aus der Geisteswissenschaft her kennen, die immer eine Lebenserscheinung mit der anderen zusammenstellt, damit die eine Lebenserscheinung die andere erörtere. Wenn dann solche Vergleiche gebildet werden, dann muß man sich klar sein, daß nur ein bewegliches Denken, ein Denken, das die Begriffe, die Worte nicht preßt, auf den genauen Sinn des Darzustellenden wirklich kommt. Ich muß nämlich vergleichen, wenn ich das Wichtigste, was in der gesamten Menschheit in der weltgeschichtlichen Gegenwart vor sich geht, charakterisieren will - ich habe das schon neulich angedeutet -, ich muß vergleichen die heutigen Untergründe der geschichtlichen Vorgänge mit der Erfahrung, welche der einzelne Mensch nur dann bewußt durchmachen kann, wenn er, wie man sagt, die Schwelle in die übersinnliche Welt überschreitet. Sie wissen ja alle aus der Darstellung, die ich über dieses individuelle Erlebnis des Menschen gegeben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», daß es ein tief in die Menschenwesenheit eingreifendes Ereignis ist, wenn der Mensch jene Schwelle überschreitet, diesseits welcher für das Bewußtsein des Menschen die sinnliche Welt und jenseits welcher die übersinnliche Welt ist.

Es wird ja wahrhaftig alles jenseits dieser Schwelle zur übersinnlichen Welt anders, als hier in der sinnlichen Welt die Dinge liegen. Und der Mensch macht da etwas durch - Sie wissen es ja -, was von denjenigen, die es namentlich im Stile älterer Zeitalter durchgemacht haben, mit dem bedeutungsvollen Worte «das Überschreiten der Pforte des Todes» bezeichnet worden ist. Den Tod in seiner Wesenheit muß eben derjenige kennenlernen, der diese Schwelle wirklich überschreiten will. Den Tod in seiner Bedeutung für das gesamte Leben des Menschen muß er erkennen.

Nun wissen Sie aus der Darstellung, die ich diesem Ereignis der Überschreitung der Schwelle in die übersinnliche Welt in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gegeben habe, daß bei diesem Überschreiten die ganze seelische Wesenheit des Menschen eine Umänderung erfährt, allerdings natürlich nur für diejenigen Zeiten, in denen man da bewußt in der übersinnlichen Welt verweilt. Mit der Seelenverfassung, die man hier in der sinnlichen Welt hat, die für das Leben, für das Wirken, für das Handeln in dieser sinnlichen Welt angemessen ist, mit dieser Seelenverfassung läßt sich gar nicht hineinkommen in die übersinnliche Welt. Hier in der sinnlichen Welt sind die Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen in einem unzertrennlichen Zusammenhang, so daß wir in unserem Sinnesleben gar nicht dazu kommen, diese Seelenkräfte getrennt zu empfinden, zu erleben. Jemand, der nicht zugleich in der Seele ein gewisses Maß von Wollen, wenn auch in innerem latentem Zustande, entwickeln würde, während er denkt, der wäre seelisch eigentlich nicht gesund. Wir sind gar nicht in unserem sinnlichen Leben imstande, diese drei Seelenkräfte voneinander zu trennen, so daß wir mit der Seele eigentlich niemals ein reines, bloßes Denken entwickeln, nie ein bloßes reines Fühlen, nie ein bloßes reines Wollen. Immer sind in unserem Vorstellen Empfinden, Handeln und Wollen, diese drei Seelenkräfte doch miteinander vermischt, miteinander vermengt. Überschreiten wir die Pforte in die übersinnliche Welt, das heißt, bringen wir unsere Seele dahin, daß wir wirklich, so wie wir sonst hier in der Welt von Sinnesdingen, von Sinnesgeschehnissen umgeben sind, dann umgeben sind von übersinnlichen Wesenheiten, von übersinnlichen Taten dieser Wesenheiten, dann muß in unserer Seele eine reinliche Trennung eintreten zwischen Denken, Fühlen und Wollen.

Der Mensch muß dann, wie Sie ja aus den Darstellungen in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» entnehmen können, so geschult sein, daß er die innere Kraft entwickeln kann, mit seinem Ich diese drei Elemente des Seelenlebens zusammenzuhalten: Denken, Fühlen und Wollen; sonst würde er sich zerspalten in drei Persönlichkeiten. Ja, das ist das bedeutsame innere Aktivitätserlebnis, das wir haben müssen nach dem Überschreiten der Schwelle: dieses Sich-Hineinfinden in höchster Aktivität des Ich, in höchster Betätigung des Ich, um die getrennten Seelenkräfte, Denken, Fühlen und Wollen, zusammenzuhalten. Das ist auch zunächst die Furcht, die der heutige schwachmütige Mensch hat: die Furcht vor wirklich übersinnlichen Erkenntnissen, diese Furcht vor innerer Seelenbetätigung höchsten Stiles. Der Mensch möchte heute eigentlich alle seine Betätigung so verlaufen lassen, daß sie von der Außenwelt hervorgerufen wird und in der Außenwelt erfolgt. Innere Aktivität liegt dem heutigen Menschen noch nicht, muß sich aber gerade für den heutigen Menschen immer mehr und mehr gegen die Zukunft hin entwickeln. Aber weil diese Entwickelung erst eine Aufgabe ist, nicht eigentlich schon vorhanden ist, deshalb hat der Mensch die Scheu, die Furcht, in die übersinnliche Welt einzutreten. Unbewußt fürchtet er sich - wenn ich diesen Ausdruck formulieren darf - vor dieser Kraftanstrengung, die drei Seelenfähigkeiten, die sich da trennen, zusammenzuhalten. Ich schildere dieses innere individuelle Erlebnis hier, um Ihnen charakterisieren zu können - sonst würde man es gar nicht charakterisieren können -, was im Inneren des seelischen Erlebens - und Sie wissen, wir dürfen von einem solchen reden -, was im Inneren des seelischen Erlebens der gesamten Menschheit im jetzigen Zeitalter vorgeht. Das, was ich eben geschildert habe als individuelles Erlebnis beim Überschreiten der Schwelle in die übersinnliche Welt, das ist natürlich für den, der diese Schwelle überschreitet, ein vollbewußtes Ereignis, viel bewußter als irgendwelche bewußten Erlebnisse des gewöhnlichen wachen Tagesbewußtseins.

Ein gesteigertes Bewußtsein ist es, in dem man die Schwelle überschreitet und in dem man die innere Dreigliederung der menschlichen Seelenwesenheit in der übersinnlichen Welt wahrnimmt.

Etwas Ähnliches, aber jetzt naturgemäß von selbst, nicht bewußt, macht im heutigen Zeitalter als ein kosmisches geschichtliches Ereignis die ganze Menschheit durch. Man merkt es nicht, wenn man nicht den unbewußten Vorgang, der sich für die ganze Menschheit abspielt, geisteswissenschaftlich bewußt studiert. Sie wissen, unser Zeitalter ist das fünfte nach der großen atlantischen Katastrophe, durch die ja erst die gegenwärtige Konfiguration unserer Erdoberfläche entstanden ist. Die fünfte nachatlantische Periode ist es, in der wir leben, und in dieser Periode muß in ihrer Gesamtentwickelung die Menschheit durchgehen durch etwas Ähnliches, wie es die Schwelle ist für den einzelnen individuellen Menschen beim Hineinschreiten in die übersinnliche Welt. Die Menschheit als Ganzes, sagte ich, in ihrer kosmischen, oder wir können auch sagen meinetwillen terrestrischen Geschichtsentwickelung, sie schreitet über die Schwelle, diesseits welcher, das heißt in der vorhergehenden Zeit, eine ganz andere Art von Weltanschauung, von Erkenntnis für die Gesamtmenschheit notwendig war, als jenseits der Schwelle, das heißt nachher.

Das ist es, was im Unbewußten der ganzen Menschheit sich heute abspielt, was man bloßlegen muß durch die Geisteswissenschaft, was aber auch beweist, wie notwendig dieser heutigen Menschheit die Geisteswissenschaft ist. Denn dieses Überschreiten der Schwelle darf eigentlich nicht im Unbewußten bleiben. Dieses Überschreiten der Schwelle muß den Menschen bekannt sein, sonst verschlafen oder mindestens verträumen die Menschen dasjenige, was eigentlich als wichtigstes Ereignis mit ihnen vorgeht. Und wir sollen ja gerade in dieser fünften nachatlantischen Epoche das Bewußtsein ausbilden. Wir können mit Bezug auf das Wichtigste, was mit der Menschheit vorgeht, nicht das Bewußtsein anders ausbilden, als durch Aufsteigen von der bloßen Sinneswissenschaft zur Geisteswissenschaft.

Wenn Sie dies bedenken, dann wird Ihnen vielleicht ins Gedächtnis kommen, was immer wiederum gesagt worden ist im Laufe der jetzt ja schon seit so langer Zeit auch hier in Stuttgart aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft heraus gehaltenen Vorträge. Sehen Sie, immer wiederum mußte ich betonen: Geisteswissenschaft - so wie sie hier gemeint ist - ist nicht bloß etwas, was gewissermaßen subjektive Erkenntnisbedürfnisse des Einzelnen befriedigen soll. Geisteswissenschaft ist etwas, was mit dem Erfassen, dem denkenden, fühlenden, wollenden Erfassen des Grundimpulses der Menschheit in unserer Zeit zusammenhängt. So daß die Beschäftigung mit Geisteswissenschaft eben nicht sein sollte eine bloße Befriedigung von Neugierde oder Wißbegierde des Einzelnen. Sondern Geisteswissenschaft soll sein die Erfüllung einer gewissen Pflicht, die man hat mit Bezug auf die ganze Menschheit, die erkennen soll in der Gegenwart, was in ihren Tiefen, in den Tiefen ihrer Entwickelung gerade in dieser Epoche vorgeht. [...]

Wenn Sie das gründlich überdenken, was ich eben gesagt habe, müssen Sie sich da nicht sagen: Der Mensch ist gegenwärtig durch das unbewußte Überschreiten der Schwelle vor eine starke Prüfung in der Menschheitsentwickelung gestellt? Ja, das ist er. Denn wenn er Aktivität der Seele, starke Betätigung der Seele nicht entwickeln will, so ist er dazu verurteilt, in Untätigkeit, in Inaktivität, und dadurch in Unglauben gegenüber dem Dasein zu verfallen, wenigstens in eine Art von Unsicherheit zu verfallen, wenn es sich darum handelt, mit seinem Innern sich hineinzustellen in das ganze Getriebe der Weltentwickelung. So ist ungefähr die Seelenverfassung eines solchen repräsentativen, typischen Menschen wie Fritz Mauthner. Es gibt viele solche in der Gegenwart, nur ist er innerlich tapfer genug gewesen, das in vielen Schriften zu gestehen, während andere in der gleichen Seelenverfassung sind und es nicht gestehen.

Er hat auch die Resignation gehabt, sich zuletzt in einer Südecke Bayerns zurückzuziehen, nachdem er sein Leben lang Journalist gewesen war zum Brotverdienen. Und da hat er die «Kritik der Sprache», sein Buch herber Verzweiflung an menschlichem Erkennen, ausgedacht, hat dann dort sein «Philosophisches Wörterbuch» geschrieben. Er hat sich zurückgezogen, er schreibt noch mancherlei Artikel, die wahrhaftig nicht mehr als seine Bücher geeignet sind, in ein positives, tatkräftiges Sich-Hineinstellen des Menschen in die Gesamtentwickelung hineinzuführen. Es ist bei ihm immer eine Art Zweifel an der Möglichkeit, in das Dasein richtig einzugreifen, weil man ja im Grunde genommen das Dasein nicht erkennend erfassen kann. Mauthner hat die Konsequenz gezogen, sich zurückzuziehen in einen für ihn gleichgültigen Beruf, dem Journalismus sich hingegeben, bei dem man schon Skeptiker, am Leben Zweifelnder, sein kann. Aber es gibt auch Schüler von Fritz Mauthner, die haben diese Resignation nicht gehabt.

Und fragen wir uns jetzt einmal etwas ganz Bestimmtes aus inneren Gründen heraus: Was wird aus diesen Schülern, die mit vollem Herzen sich zu der Lebensauffassung Mauthners bekennen, was wird aus diesen Schülern niemals werden können? Niemals werden sie zu einem lebensvollen Erfassen der Wirklichkeit kommen können. Daher kein solches Erfassen der Wirklichkeit, das fruchtbar in diese Wirklichkeit eingreifen kann. Diese Menschen können nicht ins Leben hineinpassen, wenn sie sich hineinstellen. Fritz Mauthner hat sich ja auch hinausgestellt. Diese Leute erfassen ja nur das sinnliche Leben und glauben an das, was darüber hinausgeht, nur wie an einen Traum, an ein Schlafen.

Solch ein Schüler Mauthners, ehrlich, aufrichtig, aber daher für das soziale Leben der Gegenwart so untauglich wie möglich, ist zum Beispiel Gustav Landauer. Das ist ein wirklicher Schüler von Fritz Mauthner. Es genügt heute nicht, das Leben nur von der Oberfläche aus zu beurteilen. Wir stehen heute vor Aufgaben, die nur zu bewältigen sind, wenn wir den guten Willen haben, in die Untergründe des Lebens unterzutauchen.

Wir dürfen heute nicht, wie solche Menschen, wie ich sie eben geschildert habe, aus demjenigen heraus, was die Zeit gebracht hat, Gedankenimpulse suchen für eine neue, soziale Ordnung. Nein, wir müssen aus der aufgehenden Zeit, aus den Impulsen, die eben erst im Aufgang sind, aus den Impulsen der geistigen Erkenntnis heraus, auch die sozialen Impulse suchen; sonst kommen wir nicht zu wirklichen sozialen Impulsen. Dann, wenn sie gefunden sind, können sie, wie alle geisteswissenschaftlichen Erlebnisse, vom gesunden Menschenverstand aufgefaßt werden. In einem solchen Sinn möchte ich auch noch auf unsere Dreigliederung hinweisen.

Heute ist es notwendig, daß in allen Dingen die Menschen lernen, mit tiefster Ehrlichkeit erstens nach wahrhaftiger Selbsterkenntnis, zweitens nach wahrhaftiger Welterkenntnis zu suchen.

Nehmen Sie das, was hier Geisteswissenschaft genannt wird, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus durch. Gewiß, auch da wird, wie in mancher abstrakten Mystik und in manchen abstrakten Okkultismus, von Selbsterkenntnis in ihrer Notwendigkeit, von Welterkenntnis in ihrer Notwendigkeit gesprochen, aber anders. So wird es besonders unserer Zeit ins Herz schreiben gesprochen, wie ich es besonders unserer Zeit ins Herz schreiben möchte: Daß man niemals zur wirklichen Selbsterkenntnis kommen kann, ohne diese Selbsterkenntnis durch Welterkenntnis zu suchen. Hineinbrüten in das Selbst liefert keine Selbsterkenntnis. Welterkenntnis schult erst unser Selbst so, daß dieses Selbst zur Selbsterkenntnis kommen kann. Und Wiederum: Niemand kann zu einer Welterkenntnis kommen, ohne daß er den Weg ins eigene Selbst tut. Welterkenntnis ist nicht möglich ohne Selbsterkenntnis. Die beiden Dinge scheinen sich da sogar etwas zu widersprechen, aber dieser Widerspruch ist lebensvoll und fruchtbar: Welterkenntnis nicht ohne Selbsterkenntnis, Selbsterkenntnis nicht ohne Welterkenntnis. Es ist wie das Schlagen eines Pendels, der hin und zurück ausschlagen muß.

So muß der Mensch in seinem Leben suchen, stetig suchen den Pendelschlag zwischen Selbsterleben und Welterleben, Welterleben und Selbsterleben. Das aber erst gibt dann Stärkung der Seele, jene innere Aktivität der Seele, die heute und gegen die Zukunft hin der ganzen Menschheit notwendiger und notwendiger werden wird.

Deshalb weil der Mensch aus einem gewissen, im Zeitalter der Bewußtseinsseele natürlichen Egoismus, so sehr leicht in sein Inneres hineinbrütet, deshalb ist die Menschheit verfallen in unserem Zeitalter in die Liebe zur Abstraktion. Sie kann eigentlich gar nicht einmal mehr selber richtig beurteilen, wie stark die Liebe zum bloßen Abstrahieren in unserem Zeitalter ist. Dafür aber auch ist es das Allernotwendigste, daß wir aufsteigen, gerade um die Schwelle, die ich bezeichnet habe, in der richtigen Weise zu überschreiten, daß wir uns bewegen von einer bloßen Abstraktionsnotwendigkeit, einer bloßen Gedankennotwendigkeit, zu einer Tatsache. Von einem bloßen abstrakten Erkennen zu einem Tatsachenerleben. Zu einem Denken in uns nicht im bloßen Gedanken, sondern zu einem Denken, das untertaucht in die Dinge und mit den Dingen und Ereignissen der Welt denkt Nur dann können wir der Gegenwart gewachsen bleiben. [...]

Das sind die Dinge, auf die es heute ankommt. Sie sind heute nur zugänglich dem, der den Ernst dazu hat, das Innere des Werdens zu studieren. Denn wir sind in einer komplizierten Zeit des inneren Lebens angekommen, wo so jemand wie Mach und Avenarius glauben kann, daß er ein Mann der Ordnung ist, daß er ein Mann ist, der nur in geistigen Ordnungshöhen lebt, und nicht ahnt, daß es zu politischem Dynamit werden kann, was er lehrt, wenn seine Gedanken übergehen von ihm in andere Seelen.

Es ergeht heute an die Menschheit der große Ruf, sich einen Sinn anzueignen für die tieferen Zusammenhänge des Lebens. Ohne diesen Sinn kommt man nicht weiter. Wollen wir zu fruchtbaren sozialen Ideen kommen, dann dürfen wir auch nicht wie Richard Avenarius und Ernst Mach die toten Endprodukte der alten, in sich selber sich vernichtenden Weltanschauungen aussuchen, sondern wir müssen uns zuwenden jenem Neuaufbau der Weltanschauungen, der nur in der Geisteswissenschaft gegeben werden kann und der allein in der richtigen Weise zu fragen versteht: Was muß als soziale Ordnung auftreten, wenn der Mensch in der Zukunft, von der Gegenwart an und in der Zukunft immer mehr und mehr so innerlich dreigeteilt - denn er geht über die Schwelle innerlich dreigeteilt - durch die Welt schreitet?

Da muß ihm die äußere soziale Ordnung das Spiegelbild sein; das muß die äußere soziale Ordnung dreigeteilt sein. Dann wird Äußeres und Inneres sich in der Zukunft entsprechen. Diese Dreigliederung ist, wenn man sie wirklich mit ernster geistiger Wissenschaft zu betrachten vermag, nicht etwas Ersonnenes; sie ist etwas einfach dem wahren inneren Werdegang der Menschheit, wie er vorschreitet von der Gegenwart zu der Zukunft, Abgelauschtes. [...]

Ich möchte durch eine solche Betrachtung wie die heutige ein Gefühl davon hervorrufen, wie ein innerer Zusammenhang ist zwischen dem, was ersterbende Weltanschauung und wissenschaftliche Richtung der alten Zeit ist, und der noch im Keime befindlichen, heute eigentlich erst auftauchenden Geisteswissenschaft im Sinne dessen, was werden muß gegen die Zukunft hin. Es stoßen aber hart die beiden Dinge aneinander. Und hier beginnt anschaulich zu werden eine tiefe Tragik des modernen Lebens, die wir durch innere Menschenkraft besiegen müssen. Dasjenige, was ich, mag man mir es noch so übel nehmen, die untergehende bürgerliche Welt- und Lebensauffassung nenne, das ist ein letztes Ende, das bereitet sich selber den Untergang. Dasjenige, was heute noch wahrhaftig sehr weit von dem entfernt ist, was es werden soll, was als proletarische Sehnsucht herauftaucht, das hat andere menschliche Untergründe. Während die bürgerliche Weltanschauung untergeht im Ätherleib geht aus dem Astralleib auf dasjenige, was sich aus der proletarischen Welt entwickelt. Und ein furchtbar deutlich sprechendes Symbolum der untergehenden Weltanschauung war die Egoistik Max Stirners. Sie finden sie in ihrem Zusammenhange geschildert in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie».

Jetzt leben wir in einem Zeitalter, wo wir durchaus versuchen müssen, dasjenige, was aufgeht, nicht nach seiner Außenseite zu beurteilen. Mag es heute da oder dort noch so viel irren, wir müssen dasjenige, was sich heute als soziale Bewegung aus dem Proletariat heraus entwickelt, als das Werden des Zukünftigen anschauen können, gerade vom geistigen Gesichtspunkte des Menschen aus. Wir müssen sehen können: Die Menschheit überschreitet eine Schwelle, sie muß hinein in das übersinnliche Erkennen. Und gerade das ist für den geistig Erkennenden ein scharf sprechendes Mittel, die Richtung zu schauen, daß sich gerade die proletarische Welt in diesen oder jenen Führern, in diesen oder jenen Bonzen, recht sehr materialistisch benimmt und sich wehrt gegen das, was sie einst sein wird. Sie wehrt sich. Sie hat angenommen als letztes Erbstück die bürgerliche Denkungsweise, aber sie ist in der menschlichen Entwickelung dazu berufen, bewußt über die Schwelle zu schreiten, sich herauszuarbeiten aus materialistischem Irrwahn zur wirklichen Erkenntnis des Übersinnlichen. Gerade dasjenige, worauf hier hingewiesen wird, es muß durch Beobachtung eines geistigen Untergrundes so erforscht werden, daß es nicht bloß zu abstraktem Erkennen wird, sondern daß es unserem Willen innerlich Impuls werden kann. Dann werden wir uns zur rechten Zeit in der rechten Weise in diese gegenwärtige soziale Ordnung mit vollem Bewußtsein hineinstellen können.