Sozialisierung heißt Produktion aus den Bedürfnissen heraus

Quelle: GA 330, S. 099-100, 2. Ausgabe 1983, 25.04.1919, Stuttgart

Wenn wir nur wollen, dann werden solche gesunden sozialen Ideen von der Dreiteilung in Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben Platz greifen können. Denn dieses Wirtschaftsleben, das wird nur gesund, wenn es von den beiden anderen abgegliedert wird. Dann werden sich auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, wie ich es in meinem Buche dargestellt habe, Assoziationen bilden, Genossenschaften bilden, die aber in gesunder Weise nicht darauf ausgehen, zu produzieren und zu profitieren, sondern die von der Konsumtion ausgehen und die Produktion nicht so machen, daß Arbeitskräfte in die Luft verpulvert werden, sondern daß Arbeitskräfte aufgerufen werden zur Gesundung der Konsumtion, zur Befriedigung der Bedürfnisse.

Gestatten Sie noch, daß ich Ihnen den Anfang erzähle, den wir gemacht haben in der Gesellschaft, von der ich gut begreife, da sie so viel verleumdet wird, daß Sie sie nicht lieben, - daß ich Ihnen erzähle, wie auf einem bestimmten Gebiet versucht wurde, das Geistesleben wirtschaftlich zu sozialisieren. Als ich genötigt war, etwa vor zwanzig Jahren, mit meinen Freunden diese Gesellschaft zu führen, da handelte es sich mir darum, daß ich mir sagte: Gibst du die Bücher, die auf dem Boden dieser Gesellschaft von mir hervorgebracht werden, in derselben kapitalistischen Art in die Welt hinaus, wie es heute der Brauch ist im Buchhandel, dann versündigst du dich gegen ein gesundes soziales Denken. Denn wie werden heute die Bücher fabriziert? Viele Menschen halten sich ja heute für fähig, gute Bücher zu fabrizieren. Nun, wenn alles das gelesen werden sollte, was heute gedruckt wird, dann hätte man viel zu tun. Aber sehen Sie, deswegen gibt es einfach diesen Brauch im Buchhandel: Irgend jemand hält sich für ein Genie und schreibt ein Buch. Das Buch wird in tausend Exemplaren gedruckt. Von den meisten dieser Bücher werden 950 Exemplare wieder eingestampft, weil nur fünfzig verkauft sind. Was heißt das aber volkswirtschaftlich? Sehen Sie, soundso viele Leute, die das Papier fabrizieren müssen, soundso viele Setzer, soundso viele Buchbinder und die sonst noch beschäftigt waren, sind zur Arbeit angestellt worden; diese Arbeit ist unproduktiv, diese Arbeit wird verpufft. Darin liegt der große Schaden. Oh, Sie würden staunen, wenn Sie nur einmal den Versuch machten, sich die Frage zu beantworten, wieviel von der Arbeit, die die verehrten Anwesenden, die hier sitzen, verrichten müssen, wieviel davon verpufft. Das ist der große Sozialschaden. Wie habe ich es also versucht zu maßen? Ich sagte mir: Mit dem Buchhandel ist nichts zu machen. Wir haben selbst eine kleine Buchhandlung gegründet. Dann aber habe ich zunächst dafür gesorgt, daß die Bedürfnisse dafür vorhanden sind, für die das Buch gedruckt werden sollte. Das heißt, ich mußte mir die Mühe machen, zuerst die Konsumenten zu schaffen; nicht auf dem Wege natürlich, daß ich eine Säule anbringen ließ, wie die Säulen mit der Anzeige: Macht mit Maggi gute Suppen! - sondern auf dem Wege, zuerst die Bedürfnisse zu schaffen - man kann gegen diese Bedürfnisse etwas sagen, selbstverständlich-, und dann erst mit Drucken zu beginnen, wenn ich gewußt habe, kein einziges Exemplar bleibt liegen, kein einziger Handgriff ist fruchtlos getan. Auch mit der Brotfabrikation wurde es versucht, da war es nicht in derselben Weise möglich bei den heutigen Verhältnissen, aber wo es durchgeführt werden konnte, da zeigte sich gerade in wirtschaftlicher Beziehung das Fruchtbare, wenn man ausgeht nicht von der blinden Produktion, die nur auf das Reichwerden abzielt, sondern von den Bedürfnissen, von der Konsumtion. Dann, wenn das geschieht, dann wird auf dem Wege des genossenschaftlichen Wirtschaftslebens eine wirkliche Sozialisierung durchgeführt werden können.