Bildungsfeindschaft wird sich durch soziale Dreigliederung erledigen

Quelle: GA 329, S. 029-030, 1. Ausgabe 1985, 11.03.1919, Bern

Man hat heute noch keinen Sinn dafür, daß geistiges Leben seine Wirklichkeit nur dann dem sozialen Organismus in der richtigen Weise eingliedern kann, wenn dieses geistige Leben völlig emanzipiert von allem übrigen Leben auf sich selbst gestellt ist, wenn es sich selbst seine Verwaltung, seine Struktur geben kann. Während man in der neueren Zeit immer mehr und mehr danach strebte, das ganze Schulwesen zu verstaatlichen, liegt es in den Entwickelungskräften gerade des modernen Menschen, auf diesem Gebiete eine völlige Umkehr zu bewirken. Man stelle sich nur einmal vor: Wenn der unterste Lehrer nicht der Diener des Staates ist, sondern wenn der unterste Lehrer sich hineinzustellen weiß in ein frei organisiertes Geistesleben, sich hineinzustellen weiß in einen geistigen Organismus, wie anders er dasjenige, was er zu leisten vermag, dann gerade der Einheit des menschlichen sozialen Organismus eingliedern kann, wie anders, als wenn der Staat von ihm fordert, was er zu tun oder zu lassen hat, was er dem werdenden Menschen beizubringen hat!

Diejenigen, welche über diese Dinge urteilen, die glauben vielleicht aus mancherlei üblen Erfahrungen, die gemacht worden sind, daß die Leute, die zum Beispiel die Wissenschaft zu besorgen haben, von der wieder so viel abhängt, nach gewissen Rücksichten angestellt werden. Aber die Wissenschaft selbst und ihre Lehre sind frei. Solche Gesetze findet man ja in den verschiedensten Staaten. Und daß dies so sei, behaupten ja auch viele Leute. Wer die Dinge wirklich kennt, der weiß, daß nicht nur in bezug auf die Anstellung, nicht nur in bezug auf die Verwaltung der geistigen Ämter diese Überschreitungen eintreten, sondern auch in der Arbeit selbst. Freies Geistesleben, das kraftvoll mit seiner eigenen Wirklichkeit sich hineinstellen kann in den gesunden sozialen Organismus, das muß sich auch frei und abgesondert vom staatlichen und Wirtschaftsleben als auf sich selbst gestellt entwickeln können.

Ich kenne die billigen Einwände, die gemacht werden können: « Wenn wiederum die Schule befreit sein wird von dem Staatszwange, wenn jeder seine Kinder in die Schule schicken kann aus dem Eifer, den er für die geistige Bildung hat, dann kehren wir wieder in den Analphabetismus zurück.» Menschen, die so sprechen, rechnen mit alten Empfindungen in modernen Verhältnissen. Wir werden gleich sehen, wie diese modernen Verhältnisse ganz anderes bewirken, als diese Menschen mit den alten Empfindungen vermuten.