Proletarisches Klassenbewußtsein als Sprung der Geschichte

Quelle: GA 328, S. 012-015, 1. Ausgabe 1977, 03.02.1919, Zürich

Wer die Geschichte nur so betrachtet, wie es nun auch die sozialistische Wissenschaft der neueren Zeit wiederum tun will, daß man immer sagt, das Folgende gehe aus dem Vorhergehenden hervor, Wirkung führe immer auf eine Ursache zurück, der berücksichtigt nicht, daß Wandelkräfte, Umgestaltungskräfte in der lebendigen Wirklichkeit vorhanden sind, die den bloßen Zusammenhang von Ursache und Wirkung, ich möchte sagen: des nüchternen, trockenen Zusammenhangs von Ursache und Wirkung, an bestimmten Punkten dieser Entwickelung revolutionierend gestalten.

Sehen wir hin auf die einzelne menschliche Entwickelung. Wir können sie, wenn man so sagen darf, sukzessive verfolgen, meinetwillen von der Geburt bis zum siebenten Lebensjahre ungefähr, wo der Zahnwechsel eintritt. Da ist eine mächtige Revolution in der Entwickelung des menschlichen Organismus. Man muß den Blick hinrichten auf das, was da gerade in dieser Periode des Lebens geschieht. Da ist nicht bloß ein geradliniger Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Dann geht es [] wiederum vom siebenten bis annähernd in das vierzehnte, fünfzehnte Jahr hinein so, daß man eine geradlinige Entwickelung von Ursache und Wirkung verfolgen kann. Dann aber folgt wiederum eine revolutionierende Gestaltung im menschlichen Organismus bei der Geschlechtsreife. Weniger bemerkbar sind später solche Umwandlungen, aber sie sind auch da. Wie so im einzelnen menschlichen Leben solche Dinge sich abspielen, welche zuschanden machen das immer und immer wiederholte bequeme, aber durchaus unrichtige Wort, die Natur mache keine Sprünge, wie im einzelnen Organismus solche Sprünge vorhanden sind, so auch in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit. Einfach haben sich innerhalb derjenigen Zeit, die sich etwa begrenzen läßt von der Mitte des 14., 15. Jahrhunderts bis heute, die weiter laufen wird, mächtige Umwandlungsprozesse im menschlichen Bewußtsein selber abgespielt.

So wie der einzelne menschliche Organismus ein anderer ist, wenn er geschlechtsreif geworden ist, als er vorher war in einer gewissen Richtung, so ist der menschliche soziale Organismus etwas anderes geworden, nachdem die elementaren, grundlegenden, nicht bloß innerhalb der geraden Linie von Ursache und Wirkung aufzufindenden Impulse sich geltend gemacht haben. Wer genauer das geschichtliche Leben zu beobachten vermag, der weiß, daß vor diesem Zeitraum in der Menschheit vieles instinktiv sich abgespielt hat, was in diesem Zeitraum eintritt in die volle Bewußtheit, was aufgenommen werden muß von der vollen Bewußtheit. Daher nimmt die soziale Bewegung in dieser Zeit, für die sie besonders charakteristisch ist, die Gestalt an, die in dem ja oft gebrauchten Wort, das nur nicht intensiv genug charakterisiert wird, zutage tritt: proletarisches Klassenbewußtsein. Bei diesem Wort «proletarisches Klassenbewußtsein» sollte man viel weniger darauf Rücksicht nehmen, daß es hindeutet auf den notwendigen Kampf, in den sich der Proletarier gegen die anderen Klassen verstrickt glaubt, man sollte vielmehr darauf hinweisen, daß etwas eingezogen ist in die Seele des Proletariers in einem Zeitalter, in dem soziale Instinkte, die früher gewaltet haben, in soziales Bewußtsein sich umgestalten. Früher waren Klasseninstinkte vorhanden. Nunmehr liegt zugrunde der sozialen Bewegung Klassenbewußtsein. []

Dieses Klassenbewußtsein, es ist, ich möchte sagen, nur der Oberfläche nach bezeichnet, wenn man den Wortlaut ernst nimmt: proletarisches Klassenbewußtsein. Das, was sich in diesem Wort «proletarisches Klassenbewußtsein» versteckt, das ist etwas ganz anderes. Und es läßt sich vielleicht, wenn man kurz eine wichtige Tatsache charakterisieren will, diese Tatsache so charakterisieren: Innerhalb alter Berufszusammenhänge, wie sie sich zum Beispiel im alten Handwerk oder in anderen Berufen zum Ausdrucke brachten, lagen gewisse soziale Instinkte, die in die menschliche Seele hereinleuchteten, die in der menschlichen Seele krafteten. Diese Instinkte konnten wirken, so daß sie ein gewisses persönliches Band bildeten zwischen dem, was der Mensch denkt, fühlt, will, was er für seine Ehre, für seine Freude, für sein ästhetisches Bedürfnis hält. Die Arbeit selbst gab den Menschen für alle diese Dinge etwas.

Als der Mensch an die Maschine gestellt worden war, als er in das durchaus unpersönliche Getriebe des modernen Kapitalismus hineingestellt wurde, wo nicht mehr klar durchsichtig für die verfertigte Menschenleistung das Entgelt auftritt, sondern wo die Vermehrung des Kapitals durch das Kapital das Wesentliche ist, also der Mensch hineingestellt worden ist auf der einen Seite in das Maschinengetriebe, auf der anderen Seite in den modernen Kapitalismus und seine Wirtschaftsordnung, da war er herausgerissen aus denjenigen Welt- und Lebenszusammenhängen, die ihm etwas gaben für sein Persönliches, für seine persönliche Freude, für seine persönliche Ehre, für seine persönlichen Willensimpulse. Er war gewissermaßen auf die Spitze seiner Persönlichkeit gestellt neben der Maschine, innerhalb der rein objektiven, unpersönlichen Zirkulation von Ware und Kapital, die ihn menschlich-persönlich im Grunde nichts anging. Aber die menschliche Seele will immer in einer gewissen Weise voll wirken, will immer ihren ganzen Umfang eigentlich entfalten. Und so wurde der Arbeiter, der entrissen wurde aus den charakterisierten anderen Lebenszusammenhängen, der hineingestellt wurde in einen Zusammenhang, der losgerissen ist von der voll lebendigen Menschlichkeit, darauf hingewiesen, über seine Menschenwürde nachzusinnen, seine Menschenwürde nachzuempfinden.

Und so verbirgt sich hinter dem, was man proletarisches Klassenbewußtsein nennt, in der modernen geschichtlichen Entwickelung in [] Wahrheit ein Heraufdämmern, ein Heraufglänzen eines vollen, aus dem Menschenwesen, aus der menschlichen Seele selbst geschöpften Menschenbewußtseins. Hinlenkung des Bewußtseins auf die Frage: Was bin ich als Mensch? auf die Frage: Was bedeute ich als Mensch in der Welt? - das zu empfinden hatte derjenige Gelegenheit, der als Proletarier hingestellt war neben die den Menschen verleugnende Maschine, neben das den Menschen verleugnende Kapital.

Da glaube ich doch, daß die ganze Betrachtung der sozialen Frage auf einen anderen Boden gestellt wird, wenn man bedenkt, daß, während die übrigen Menschen mehr oder weniger aus Lebenszusammenhängen heraus, die nicht so radikal Revolutionierendes brachten, aus den alten Instinkten in das moderne Bewußtsein hineingetrieben worden sind, der moderne Proletarier radikal in die bewußte Auffassung seiner selbst hineingetrieben wurde aus der früher bloß instinktiven Auffassung der Menschenwürde und der sozialen Stellung des einzelnen Menschen in der menschlichen Gesellschaft.