Sozialer Organismus steht auf dem (menschlichen) Kopf

Quelle: GA 188, S. 172-177, 2. Ausgabe 1967, 25.01.1919, Dornach

Ich habe Ihnen gestern gesagt: Drei Glieder hat man zu unterscheiden in der menschlichen Natur. Wie man sie benennt, ist eine Sache für sich. Wir nennen sie heute den Nerven- und Sinnesmenschen, den Menschen des Rhythmus, den Menschen des Stoffwechsels. Dreierlei haben wir zu unterscheiden in bezug auf eine wirklich organisch geordnete, soziale Struktur: das Geistige, das rein regulierende Staatliche, das Wirtschaftlich-Ökonomische. Der Mensch berührt sich mit diesem sozialen Leben, der Mensch steht drinnen. Aber er steht gewissermaßen schon in seiner Dreigliederung umgekehrt da, als die Dreigliederung des sozialen Organismus ist. Beachten Sie das: Es ist immer notwendig, darauf hinzuweisen, daß man ja nicht konstruiere, nicht Analogien sucht, nicht in abstrakten Begriffen solche Dinge ausdeutet, sondern wirkliche geistige Forschung treibt. So kommt auch derjenige zu nichts, der den Winter der Erde etwa vergleicht mit der Nacht oder mit dem Schlaf, und den Sommer mit dem Wachen, während für die Erde der Sommer gerade das Schlafen darstellt, und der Winter das Wachen. Nichts erreicht derjenige, der sich die Entwickelung der Menschheit in Analogie denkt mit der Entwickelung des Einzelmenschen. Während der Einzelmensch von der Kindheit bis zum Greisenalter vorschreitet, schreitet die Menschheit zurück vom Greisenalter in die Kindheit. Wirkliche Forschung zeigt eben etwas ganz anderes als das, was die Menschen phantastisch aussinnen. Nur ja keine Analogien spinnen, sondern die Dinge ansehen, wie sie sind! Wenn wir den dreigliedrigen Menschen ins Auge fassen, so haben wir zunächst das Geistige des Menschen in der Sinnes-Nervensphäre. Dann haben wir das Mittlere in der rhythmischen Sphäre, das Untere in dem Stoffwechsel. Sie können das Genauere nachlesen in meinem Buche « Von Seelenrätseln ». Aber ich habe aufmerksam darauf gemacht: Im Stoffwechsel ist eigentlich der Abdruck des Höchsten, des Geistigen. Der Stoffwechsel entspricht daher, wenn wir das Geistige sehen, der Intuition, das Rhythmische entspricht der Inspiration, und das Nerven-Sinnesleben entspricht der Imagination. Der Mensch ist ein dreigliedriges Wesen. Aber auch der richtige soziale Organismus, dem die gegenwärtige Menschheit im fünften nachatlantischen Zeitraum zustrebt, ist dreigliedrig. Nur haben wir da, indem wir diese Dreigliederung beobachten, das Folgende nicht außer acht zu lassen.

Wo liegt eigentlich dasjenige beim Menschen, worauf es im menschlichen Organismus abgesehen ist - nicht im ganzen Menschen, sondern im menschlichen Organismus? Ja, hierüber hat die Welt nun einmal eine ganz vertrackte Ansicht, und die wirkliche Ansicht, die wahre Ansicht, die kommt den Menschen vertrackt vor. Der heutige waschechte Physiologe, der denkt sich, wie ich schon gestern sagte: Die Menschen essen, stopfen so die Nahrungsmittel in sich hinein; dann wählt sich der Organismus aus diesen Nahrungsmitteln das aus, was er braucht, das andere stößt er aus. Das verwandelt er in sich selber, und so geht es, nicht wahr, Tag für Tag. Nun, ich habe Ihnen gestern gesagt, daß dieser Stoffwechsel so überhaupt nur den tagtäglichen Stoffwechsel bedeutet, und daß von diesem Stoffwechsel gar nicht unmittelbar der andere Stoffwechsel abhängt, der den Menschen hinüberführt von den ersten Zähnen zu den bleibenden Zähnen, dann wieder über die Geschlechtsreife und so weiter. Dieser Stoffwechsel, der sich ausdehnt über die großen Zeiträume zwischen Geburt und Tod, der hängt nicht mit dem zugleich zusammen, mit dem Hineinstopfen und Umwandeln von Nahrungsmitteln und so weiter, sondern dem liegen andere Gesetze und andere Substanzverarbeitungen zugrunde. Darauf habe ich ja schon gestern hingewiesen. Was bedeutet denn aber überhaupt diese tägliche Nahrung, die wir in uns aufnehmen? Da kommen wir auf ein Kapitel, wo man nun wiederum in den heftigsten Widerstreit kommen muß mit der gewöhnlichen heutigen Wissenschaft.

Bitte, ich will Sie jetzt nicht zum Nichtessen veranlassen, bitte nur ja keine vertrackten, unsinnigen Schlüsse aus den Dingen zu ziehen, die um des Wissens, um der Erkenntnis Willen gesagt werden, nicht daß jemand allerlei Tollheiten daraus als Konsequenzen zieht!

Aber warum essen wir denn eigentlich? Essen wir, damit wir das, was außer uns ist, in uns haben? Nein, sondern wir essen, damit die verschiedenen Stoffe, die in uns gelangen, besondere Kraftäußerungen vollziehen, und gegen diese Kraftäußerungen wehrt sich unser Organismus, und zu diesem Wehren müssen wir den Anstoß haben durch das Essen. Sie können sich bildlich vorstellen: Indem Sie die Nahrungsmittel in sich aufnehmen, verursachen diese Nahrungsmittel in Ihnen kleine Explosionen; diese Explosionen brauchen Sie, weil Sie sie wiederum zerstören müssen, wiederum ablähmen, vernichten müssen, und in diesem Vernichten entwickelt sich eigentlich Ihre innere Kraft. Der Mensch braucht Anstoß, Anregung, und im wesentlichen ist das, was uns die Nahrung ist, Anregung. Denn dasjenige, was wir als Mensch sind, das bekommen wir in der Tat auf geheimnisvolle Weise ganz woanders her.

Sie erinnern sich, ich sagte schon öfter: Der Kopf ist eigentlich hohl. Dadurch kann er aus dem Weltenall dasjenige aufnehmen, was im Menschen produktiv ist. Und diese Produktion, die wird gewissermaßen aus dem Kopf nur herausgelockt. So kommt der Kopf wiederum zu seinem Rechte. Der Kopf ist ja eigentlich in vieler Beziehung der unwichtigste Teil; er ist das letzte Überbleibsel aus der vorhergehenden Inkarnation. Er ist dasjenige, was zum Beispiel ohne die rhythmische Tätigkeit nicht denken könnte. Man glaubt immer, der Kopf denke. Er denkt in Wirklichkeit nicht, sondern er reflektiert nur die Gedanken. Aber dadurch kommt er wieder zu seinen Ehren, daß er das eigentlich Produktive ist. Und der Mensch ist darauf angewiesen, um diese Produktion zu entfalten, daß außer dem Rhythmus in ihm auch noch der Stoffwechsel herrscht, der der fortwährende Anreger ist. Der Stoffwechsel ist also der fortwährende Anreger, durch den kommt der Mensch mit der Außenwelt in Beziehung.

Wie ist es nun beim sozialen Organismus? Da ist es nämlich in Wahrheit umgekehrt. Was beim Menschen innerlich ist, was der Mensch innerlich in sich trägt, durch das er seinen Hohlkopf hat, was da der Anregung von außen bedarf durch den Stoffwechsel, das ist für den sozialen Organismus so die Grundlage, wie für uns die Nahrungsmittel. Was für uns das ist, was wir essen, das ist für den sozialen Organismus das, was die Menschen aus ihrem Nerven- und Sinnesleben hervorbringen.

Also der Staat, oder besser gesagt, der soziale Organismus, ist ein organisches Wesen, welches, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, dasjenige ißt, was die Menschen ausdenken, was die Menschen erfinden, was aus der menschlichen Geistigkeit kommt.

Nehmen Sie die eigentliche Grundkraft, die eigentliche Grundeigenschaft aus der menschlichen Geistigkeit hinweg, nämlich die Freiheit, die individuelle Freiheit, so ist das genau so, wie wenn Sie den Menschen heranwachsen lassen wollten, ohne ihm zu essen zu geben. Die freien, individuellen Menschen, die sich in eine soziale Zwangsstruktur hineinstellen und ihre freie Geistigkeit steril machen, lassen ebenso die soziale Struktur absterben, wie ein Mensch absterben muß, dem Sie keine Nahrungsmittel geben. Das, was die menschlichen Köpfe in die Welt hereinbringen, das sind die Nahrungsmittel für den sozialen Organismus.

So daß man sagen kann: Das Produktive aus Nerven- und Sinnessphäre ist die Nahrung für den sozialen Organismus. - Das, was beim Menschen das rhythmische System ist, dem entspricht allerdings im sozialen Organismus alles dasjenige, was eigentlich dem Staate übertragen werden soll, wie ich schon gestern sagte: alles, was sich auf Regulierung, auf die äußere Gesetzlichkeit, also staatliche Gesetzmäßigkeit bezieht. Und was ist nun im Staat das Produktive? Dasjenige, was aus der Naturgrundlage im weiteren Sinne herauskommt, das Wirtschaftsleben. Das ist gewissermaßen der Kopf des Staates. Das Wirtschaftsleben, die Naturgrundlage, alles das, was produziert wird, das ist gewissermaßen der Kopf. Es ist umgekehrt wie beim individuellen Menschen. So daß wir ebensogut sagen können: Wie der Mensch produktiv ist durch seine Nerven und Sinne, so ist der soziale Organismus durch seine Naturgrundlage produktiv. Und wie der Mensch seinen Stoffwechsel von der Natur erhält, so erhält der soziale Organismus seine Nahrung aus dem Menschenkopf heraus.

Den sozialen Organismus verstehen Sie im Verhältnis zum Menschen nur richtig, wenn Sie den Menschen auf den Kopf stellen. Hier im Menschenkopf ist eigentlich der Grund und Boden des Menschen. Der Mensch wächst von oben nach unten, der staatliche Organismus wächst von unten nach oben. Er hat seinen Kopf, wenn man ihn schon mit dem Menschen vergleichen will, unten und steht auf dem Kopf und hat seine Beine oben. Seine Nahrung bekommt er aus dem einzelnen individuellen Menschen. So muß man innerlich das, was sozialer Organismus ist, verstehen. Analogiespiel macht nichts aus; aber der Hinblick auf die wahre Wirklichkeit, auf die echte Realität, das ist es, worauf es ankommt.

Nicht wahr, wir haben im Laufe des 19. Jahrhunderts, gerade indem dieser wichtige Einschnitt in der Mitte des 19. Jahrhunderts sich geltend machte, die eigentliche Neigung zum Materialismus, die Abkehr vom Geistigen zu verzeichnen. Es war die Hochflut des Materialismus. Was ist da eigentlich geschehen mit Bezug auf die menschliche Weltauffassung? Ja, mit Bezug auf die menschliche Weltauffassung ist das geschehen, daß die Menschen den Geist des Übersinnlichen verloren haben. Sie haben das verloren, was gerade durch ihren Hohlkopf an Produktion geleistet werden sollte; was in den Hohlkopf hineinkommen soll, das haben die Menschen verloren. Sie wollen sich nur überlassen mit Bezug auf alle Erfindungen und Entdeckungen auf den Zufall des Experimentierens. So stolz, so hochmütig man auf die Errungenschaften aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist, studieren Sie die Geistesgeschichte: Sie werden sehen, wie selbst die größten dieser Errungenschaften nicht auf der unmittelbaren Initiative des Kopfes, sondern auf Konstellationen beruhen, die eingetreten sind im Verlaufe des Experimentierens. Man hat den Gott, man hat den Geist verloren, indem man mit dem Kopf nicht mehr entgegenstrebte dem Geist.

Was wäre denn im sozialen Organismus das Gegenbild? Da würde man die Naturgrundlagen verlieren, da würde man gerade herumstreiten, ohne auf die Naturgrundlage Rücksicht zu nehmen. Das ist in der Tat der Charakter des sozialen Debattierens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis heute, heute am heftigsten. Denn heute reden die Leute über soziale Einrichtungen, über Sozialisierung der menschlichen Wirtschaft und dergleichen: Gerade so lassen sie weg bei diesem Debattieren die eigentliche Naturgrundlage, die Art und Weise, wie produziert werden soll, wie die Materialisten weglassen dasjenige, was der Kopf in dem Menschen machen soll. Verliert die materialistische Zeit den Geist aus der Weltanschauung, so verliert der entsprechende soziale Organismus die eigentliche Materie aus der Wirtschaft, aus dem sozialen Zusammenhang heraus. Und im sozialen Werden besteht die große Gefahr, die dem Verlust des Geistes in der materialistischen Weltanschauung entspricht: der Verlust einer die Menschheit möglichst befriedigenden Produktion, einer möglichsten Einsicht in das Produktive.

Nun, zu dem Verständnis der sozialen Struktur kann man nicht kommen, wenn man nicht sich schult an der Dreigliederung des Menschen und dadurch lernt, wie man das Verhältnis der Menschenwissenschaft zur Sozialwissenschaft gestalten muß. Sonst bewertet man nämlich alles falsch.