Altjüdisches und romanisches Denken auf Erdenleben und Vererbung reduziert

Quelle: GA 186, S. 026-030, 3. Ausgabe 1990, 29.11.1918, Dornach

Daß dieses romanische Gespenst einen so tiefen Einfluß gewinnen konnte, das rührt ja eben davon her, daß im wesentlichen im Menschendenken das Denken der alttestamentlichen Weltanschauung noch nicht überwunden ist. Das Christentum ist wirklich erst im Anfange. Das Christentum ist noch nicht so weit, daß es die Menschengemüter wirklich durchdrungen hätte. Dafür hat schon die römische Kirche, welche ja selbst ganz unter dem Einfluß des romanischen Gespenstes in bezug auf Theologie steht, schon das Nötige gewirkt. Diese römische Kirche hat ja, wie ich öfter erwähnt habe, mehr beigetragen zur Hintanhaltung als zum Hineintragen des Bildes des Christus in die Menschenherzen und Menschenseelen. Denn die Vorstellungen, die verwendet worden sind innerhalb der römischen Kirche, um den Christus zu erfassen, die sind ganz die Vorstellungen der sozialen und politischen Struktur des alten römischen Reiches. Wenn die Menschen das auch nicht wissen, in ihren Instinkten wirkt es.

Diejenigen Vorstellungen, welche im Alten Testamente geltend waren, die wir vorzugsweise bezeichnen müssen als die Vorstellungen des alttestamentlichen Judentums, die ihre Verweltlichung gefunden haben im Romanismus - wenn er auch gegensätzlich ist zum Judentum, er ist nur dasjenige auf weltlichem Gebiete, was das Judentum geistig ist -, die sind auf dem Umwege durch das Römertum hereingekommen in unsere Gegenwart, sie spuken gespensterhaft herein. Dieses alttestamentliche, noch nicht durchchristete Denken, das muß man seinem wahren Ursprunge nach in dem Menschen suchen. Man muß sich die Frage beantworten: Von welchen Kräften hängt gerade dieses Denken ab, wie es das alttestamentliche Denken ist?

Dieses Denken hängt ab von dem, was mit dem Blute von Generation zu Generation vererbt werden kann. Die Fähigkeit, so zu denken, wie die Denkrichtung des Alten Testamentes ist, die wird in der Menschheitsfolge im Blute vererbt. Das, was wir von unseren Vätern an Fähigkeiten erben, einfach dadurch, daß wir geborene Menschen sind, dadurch, daß wir vor unserer Geburt embryonale Menschen waren, das, was wir also als Kraft des Denkens erben, was im Blute lebt, das ist das alttestamentliche Denken. Denn unser Denken zerfällt durchaus in zwei Glieder, in zwei Teile. Das eine Denken ist dasjenige, das wir haben durch unsere Entwickelung bis zu unserer Geburt, das wir also erben von unseren Vätern beziehungsweise von unseren Müttern. Wir können so denken, wie man alttestamentlich gedacht hat, weil wir Embryos waren. Das ist das Wesentliche auch des alten jüdischen Volkes, daß es in der Welt, die man hier durchlebt zwischen der Geburt und dem Tode, nichts hinzulernen wollte zu dem, was man als Fähigkeit mitbekommt dadurch, daß man Embryo gewesen ist bis zu der Geburt. Sie verstehen das alttestamentliche Denken nur dadurch, daß Sie es so auffassen, daß Sie sich sagen: Das ist das Denken, das wir haben kraft dessen, daß wir Embryo gewesen sind.

Das Denken, das zu diesem hinzukommt, ist dasjenige, das wir uns nach der Embryonalzeit noch erwerben in der menschlichen Entwickelung. Für gewissen äußeren Gebrauch erwirbt sich ja der Mensch allerlei Erfahrung, aber er treibt das nicht bis zu einer wirklichen Umgestaltung des Denkens, so daß selbst heute noch, viel mehr als man glaubt, das alttestamentliche Denken nachwirkt. Der Mensch ist genötigt, zwischen Geburt und Tod hier auf der physischen Erde zu leben. Aber er durchdringt die Erfahrungen, die er hier macht, nicht mit dem Denken, das sich ihm aus diesen Erfahrungen selbst ergibt. Das tut er im allergeringsten Sinne, höchstens instinktiv. Er treibt wenigstens diese Erfahrungen, die er macht, nicht bis zu der Geburt einer besonderen Denkungsart. Das tut nur der wirkliche, im heutigen Sinn entwickelte Okkultist. Der verwendet das Leben, das er hier lebt, so, daß er neuerdings aufwacht, so wie das Kind, nachdem es geboren wird, erwacht. Derjenige, der sich im Sinne von « Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» verhält, der macht das noch einmal durch, der verhält sich, wie sich der gewöhnliche Mensch zum Embryo verhält. Aber im gewöhnlichen Leben macht man es so, daß man ja zwar genötigt ist, die Erfahrungen zu machen, daß man aber das Denken nur anwendet, das man kraft dessen, daß man Embryo war, erworben hat. So gehen die Menschen herum, machen ihre Erfahrungen, wollen nicht weitergehen, sondern wenden auf diese Erfahrungen als Denkinhalt, namentlich als Denkrichtung, als Denkform dasjenige an, was ihnen das Leben als Embryo gibt, was also durch das Blut sich von Generation zu Generation vererbt.

Nun ist eine Tatsache von fundamentaler Bedeutung. Diese Tatsache ist, daß das Mysterium von Golgatha in seiner besonderen Eigenart nie begriffen werden kann mit dem Denken, das man nur kraft der Embryonalentwickelung hat. Ich habe Ihnen daher in diesen Vorträgen auch bei meinem diesmaligen Hiersein ausgeführt, daß das Mysterium von Golgatha etwas ist, was man mit dem gewöhnlichen physischen Denken nicht erfassen kann, was man immer ableugnen wird, wenn man ehrlich ist, solange man beim physischen Denken stehenbleiben will. Das Mysterium von Golgatha, alles Durchchristete überhaupt, muß begriffen werden nicht vom Monden-, sondern vom Sonnenhaften, von demjenigen Standpunkte aus, den man erringt nach der Geburt hier im Leben. Das ist der große Unterschied zwischen dem Durchchristeten und dem Nichtdurchchristeten. Das Nichtdurchchristete wird von einem Denken beherrscht, das in der Blutsfolge sich vererbt. Das durchchristete Erfassen der Welt wird von einem Denken beherrscht, das man individuell, als Persönlichkeit in der Welt erwerben muß durch die Erfahrungen des Lebens, indem man diese Erfahrungen so vergeistigt, wie Sie es beschrieben finden in « Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»

Das ist das Wesentliche, daß dasjenige Denken, das man kraft der Embryonalentwickelung hat, nur dahin führt, die Gottheit als Vater zu erkennen. Dasjenige Denken, welches man erwirbt in der Welt durch das persönliche Leben in der Nachembryonalzeit, führt dahin, die Gottheit auch als Sohn zu erkennen.

Der Drang, sich nur desjenigen Denkens zu bedienen, das ein Jahve-Denken ist, wirkt nach und zwar bis in das neunzehnte Jahrhundert. Dieses Denken ist aber auch nur geeignet, vom Menschen dasjenige zu begreifen, was vom Menschen in die Naturordnung hereingehört. Und das ist dadurch gekommen - Sie wissen, Jahve ist einer der sieben Elohim -, daß diese Jahve-Gottheit, also einer der sieben Elohim, zunächst vorzeitlich sich bemächtigt hat der Herrschaft über das menschliche Bewußtsein und die anderen Elohim zurückgedrängt hat. Dadurch sind die anderen Elohim zunächst in die Sphäre der sogenannten Illusion gedrängt worden, das heißt, sie werden für phantastische Wesen gehalten. Das rührt aber davon her, daß die Jahve-Gottheit diese Geister vorläufig verdrängt und das menschliche Bewußtsein nur mit dem durchsetzt hat, was aus der Embryonalzeit erkraftet werden kann.

Das ging bis ins neunzehnte Jahrhundert herein; denn dadurch, daß die Jahve-Gottheit gewissermaßen entthront hat die anderen Elohim und die anderen Elohim sich erst durch die Persönlichkeit des Christus wieder geltend machten und sich nacheinander geltend machen werden in der verschiedensten Weise, dadurch kam die menschliche Natur unter den Einfluß niedererer elementarer geistiger Wesenheiten, die entgegenwirkten den Bestrebungen der Elohim. So daß also die Entwickelung für das menschliche Bewußtsein so war, daß die Jahve-Gottheit sich als Alleinherrscher eingesetzt und die andern entthront hat. Dadurch, daß die andern entthront worden sind, ist die menschliche Natur unter die Einflüsse von niedrigeren Wesen als die Elohim gekommen. Und so wirkt nicht nur Jahve fort bis ins neunzehnte Jahrhundert, sondern die niedereren Götter anstelle der Elohim. Und wenn auch das Christentum sich ausgebreitet hat - ich habe Ihnen ja immer gesagt, es ist in Wirklichkeit erst im Anfange -, die Menschheit hat es noch nicht verstanden und zwar deshalb, weil eben die Menschen nicht gleich die Wirksamkeit der Elohim entgegengenommen haben, sondern hängengeblieben sind an dem Jahve-Denken, an dem durch embryonale Kraft erweckten Denken, und weiter unter dem Einfluß der Gegner der Elohim geblieben sind.

Nun hat sich das im neunzehnten Jahrhundert, und zwar genau in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, die ich Ihnen öfters als einen besonderen Wendepunkt bezeichnet habe, so herausgestellt, daß allmählich Jahve selbst in seinem Einfluß auf das menschliche Bewußtsein von der Gewalt derjenigen Geister, die er gerufen hat, überwältigt worden ist. Daraus ging hervor - weil man mit der Jahve-Kraft bloß das begreifen kann, was an die Naturordnung im Menschen, also an das Blut gebunden ist -, daß das frühere Suchen des einen Gottes in der Natur durch den Einfluß der entgegenstrebenden Dinge auf die bloße atheistische Naturwissenschaft, in das bloße atheistische, naturwissenschaftliche Denken und, auf praktischem Felde, in das bloße Utilitätsdenken überging. Das ist genau festzuhalten für die vierziger Jahre, für den Zeitpunkt, den ich Ihnen angegeben habe. So ist dadurch, daß Jahve die Geister, die er gerufen hat, nicht losbekam, übergegangen das alttestamentliche Denken in die atheistische Naturwissenschaft der neueren Zeit, die auf dem Gebiete des sozialen Denkens Marxismus oder ähnliches geworden ist, so daß auf dem Gebiete der sozialen Welt ein von der Naturwissenschaft beeinflußtes Denken waltet.