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Ständeordnung als Rest aus dem Griechentum
Quelle: GA 186, S. 011-012, 3. Ausgabe 1990, 29.11.1918, Dornach
Was errungen werden muß im Sinne des Bewußtseinszeitalters, in dem wir leben, des fünften nachatlantischen Zeitraumes, ist, daß an die Stelle der alten Ständegliederungen der Mensch tritt. Daher wäre es ganz verhängnisvoll, wenn man verwechseln würde, was ich letzten Sonntag hier entwickelt habe, mit dem, was eben vielfach hereinragt aus überlebten Zeiten in unsere gegenwärtige soziale Gliederung. Aus dem Griechentum ragt herein in unsere soziale Gliederung dasjenige, was durch die Regeln, die im Weltgeschehen sind, überwunden werden will: die Gliederung der Menschheit in Nährstand, Wehrstand, Lehrstand. Das soll gerade durch das, was ich Ihnen am letzten Sonntag angegeben habe, überwunden werden; denn die Gliederung nach Ständen, die ist es, welche das Chaos in unsere gegenwärtige soziale Struktur hereinträgt. Diese Gliederung wird gerade überwunden dadurch, daß nun nicht nach derjenigen Gliederung, von der ich am letzten Sonntag hier gesprochen habe, die Menschen eingeteilt werden irgendwie nach Ständen. Diese Stände werden ganz naturgemäß verschwinden. Dahin geht die historische Notwendigkeit, daß die Verhältnisse gegliedert werden und der Mensch gerade als Mensch, als lebendiges Wesen, nicht als Abstraktum, sondern als lebendiges Wesen die Verbindung zwischen den drei Gliedern hervorruft. Nicht um eine Gliederung nach Nährstand, Wehrstand und Lehrstand handelt es sich, wenn ich davon spreche, daß man entgegengehen muß der politischen Gerechtigkeit, der ökonomischen Organisation, der freien geistigen Produktion, sondern darum, daß die Verhältnisse in dieser Weise gegliedert werden, und daß der Mensch als solcher gar nicht mehr einem Stande angehören kann, wenn die Verhältnisse in dieser Weise sich wirklich gliedern. Der Mensch steht als Mensch innerhalb der sozialen Struktur und bildet gerade das Verbindungsglied zwischen dem, was in den Verhältnissen gegliedert ist. Nicht ein besonderer ökonomischer Stand, ein besonderer Nährstand wird da sein, sondern eine Struktur ökonomischer Verhältnisse wird da sein. Ebenso wird nicht ein besonderer Lehrstand da sein, sondern die Verhältnisse werden so sein, daß die geistige Produktion in sich frei ist. Und ebenso wird nicht ein besonderer Wehrstand da sein, sondern immer mehr und mehr wird das, was jetzt in der Konfusion für alle drei Glieder angestrebt wird, für das erste Glied in einer liberal-demokratischen Weise angestrebt werden müssen.
Darum handelt es sich gerade, daß der Fortgang von der alten Zeit zur neuen Zeit notwendig macht, den Menschen als Menschen in der Welt hingestellt zu sehen. Nicht anders bekommen wir die Möglichkeit eines Verständnisses dessen, was unsere Zeit fordert, als dadurch, daß wir uns in die Lage versetzen, den Menschen wirklich als Menschen zu verstehen. Das kann natürlich nur geschehen von denjenigen Empfindungen, die aus Geisteswissenschaft heraus hervorgebracht werden.
