Im kleinen Maßstab läßt sich nichts erreichen

Quelle: GA 185a, S. 149-151, 3. Ausgabe 2004, 22.11.1918, Dornach

Mir begegnete vor vielleicht achtzehn, neunzehn Jahren in Berlin ein Mann, der schon damals als nationalökonomischer Denker und Organisator außerordentlich geschätzt war. Mir begegnete er dazumal, ich kannte ihn, ich war da und dort einmal mit ihm zusammengekommen, hatte auch von seiner Berühmtheit gehört. Die Leute erzählten schon dazumal in Berlin, der Mann sei so berühmt, daß er, nachdem jetzt eine große Zeitung gegründet worden sei, mit einem großen Gehalt bei dieser Zeitung angestellt worden sei, und zwar nicht für Artikel, die er für diese Zeitung schreiben sollte, sondern es war ihm freigestellt, wann er wollte, alle Jahre einmal einen Artikel zu schreiben. Aber das einzige, was er zu leisten hatte für das hohe Gehalt, das war, daß er für alle anderen Zeitungen nicht schrieb. So berühmt war der Mann, daß einer der größten Zeitungsunternehmer Berlins ihm einfach ein hohes Gehalt gab dafür, daß ihm keine Konkurrenz erwuchs durch das Schreiben dieses Mannes in anderen Zeitungen, währenddem er ihm freistellte, wann er wollte, in seiner Zeitung zu schreiben. Dieser Mann ging auch immer mehr und mehr schon mit dem Plane um, im Kleinen über ein bestimmtes Terrain hin allerlei soziale Einrichtungen, gewissermaßen kleine soziale Mustergesellschaften oder Musterstaaten, könnte man sagen, zu errichten. Es galt für ungeheuer scharfsinnig, wie er sich diese sozialen Mustergemeinschaften ausgedacht hatte. Und wenn er nicht eigentlich noch viel mehr Anhänger gewann und die Anhänger, die er gewann, nur im Theoretischen blieben, so rührte das auch nicht davon her, daß die Leute ihn nicht für sehr scharfsinnig gehalten hätten, sondern es rührte davon her, daß die Leute zu bequem waren, selbst zu so etwas sich zu bekennen, was sie für sehr scharfsinnig und sehr wohltätig für die Menschheit hielten. Nun begegnete er mir und sagte - ich sah ihn schon mit strahlendem Gesichte kommen -: Jetzt habe ich endlich den Geldmann gefunden, der mir die Summe zur Verfügung stellt, daß ich einmal eine solche Siedelungsgenossenschaft gründen kann. Jetzt wollen wir das Gemeinwesen der Zukunft gründen. - Ich sagte nichts als: Gründen Sie es nur, es wird schon nach nicht allzu langer Zeit verkrachen. - Denn solche Dinge gründet man doch nur in der gegenwärtigen Zeit, damit sie verkrachen, selbstverständlich.

Ich erzähle Ihnen diese Geschichte aus dem Grunde, weil der Glaube sich leicht festsetzen könnte bei einem nicht energischen Denken, bei einem Denken, das nicht an die großen Probleme des Lebens anknüpfen will, man solle in der Gegenwart mit allerlei Gründungen im Kleinen anfangen; mit nicht umfassenden Gründungen und gerade bei kleinen Gründungen müsse es sich zeigen, ob irgend etwas sich auch im Großen bewähren könne. Das aber ist ein vollständiges Unding, denn Sie begründen dann innerhalb einer kranken gesellschaftlichen Ordnung irgend etwas, was vielleicht ganz musterhaft sein kann, aber gerade, wenn es gut ist und sich dadurch mächtig unterscheidet von all dem, in das es hineingestellt ist, so muß es um so sicherer mißlingen. Sie können unmöglich, so wie die Dinge sich entwickelt haben, wo die Welt im Großen zeigt, wie sie sich ins Absurde geführt hat, auch nur im entferntesten daran denken, irgendwie mit kleinen Teilchen irgend etwas zu erreichen oder im kleinen Maßstabe irgend etwas zu machen. Nur dasjenige kann irgendeine Bedeutung haben, welches das Umfassende heute ergreift, welches seine Strahlen aussenden kann, ich möchte sagen, nach allem, was Mensch ist. Es schadet nichts, wenn solches ins Große Gedachte mißlingt, denn es wird die Anregung bleiben, und, auf diese kommt es an. Auf den Impuls kommt es an.