Staat, Nation und Volk nicht verwechseln

Quelle: GA 185a, S. 078, 2. Ausgabe 1963, 15.11.1918, Dornach

Mit den Dingen, die da berührt werden, sollte man nicht so unzart umgehen, mit dem, was man nennen könnte das Schicksal der Menschen, insoferne diese Menschen in Gruppen zusammengedrängt sind, in Völkergruppen zum Beispiel. Denn da berührt man im Grunde genommen recht tief, tief mit dem Geistigen zusammenhängende Verhältnisse, von denen man nicht so oberflächlich sprechen sollte, als oftmals gesprochen wird.

Vor allen Dingen kommt in Betracht, daß man nicht übersehen sollte, daß gewisse Begriffe an verschiedenen Orten der Welt ganz Verschiedenes bedeuten. Denken Sie doch nur, daß die Menschen überallhin, sagen wir, vom Staate sprechen. Aber es kommt nicht darauf an, daß man einen gewissen Begriff vom Staate hat, sondern daß man doch wenigstens etwas mit diesem Begriff verbindet von den verschiedenen Gefühlsnuancen, die sich da oder dort an diesen Staat knüpfen, und daß man vor allen Dingen loskomme von der unseligen Verquickung von Staat und Nation und Volk, von jener unseligen Verquickung, die ein Grundcharakteristikum des Wilsonianismus ist, der immer zusammenwirft Staat und Nation und Volk, und sogar Staaten begründen will nach Nationen, wodurch eben nur in gewissen Strömungen die Lüge perpetuiert würde, wenigstens wenn es möglich wäre.

Man muß überall die konkreten, die wirklichen Dinge ins Auge fassen. Ich habe Ihnen im Laufe dieser Betrachtungen dargestellt, wie eine gewisse Konfiguration Mitteleuropas zusammenhängend ist mit jenen alten, auf die Gruppeninstinkte rechnenden Suggestionen, die von dem römischen Katholizismus, von Rom ausgingen. Sehen Sie, mit diesem Gespenste des alten Römischen Reiches, wie die spirituelle Wissenschaft sagt, hing innig zusammen dasjenige, was die alte, 1806 verstorbene Kaiser-Idee Mitteleuropas war.

Bis dahin gab es mehr oder weniger, wirklich mehr oder weniger nominell das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das 1806 erst verschwunden ist. Es ist nicht eigentlich verschwunden, sondern es ist nur abgeschoben worden. Denn dieses Heilige Römische Reich, das mehr oder weniger günstig oder ungünstig durch lange Zeiten hindurch die verschiedenen deutschen Stämme zusammengehalten oder auch entzweit hat, dieser kaiserliche Impuls des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ist eigentlich nach und nach übergegangen auf die habsburgische Hausmacht, und damit ist dann eben dasjenige beglückt worden, was österreichisch-ungarischer Staatszusammenhang war. Aber Staat, der im Lichte der Habsburgermacht stand, bedeutet etwas anderes als Staat, der, sagen wir, sich so herausgebildet hat seit dem fünfzehnten, sechzehnten Jahrhundert, wie er, eigentlich mehr mit dem Volkstum zusammenhängend, in England oder Frankreich sich als Staat gebildet hat. Wo der Staat gar keinen wirklichen Inhalt hat, in dem, was Habsburgerreich war, wo verschiedene Völkerschaften zusammengehalten waren unter dem Gesichtspunkte der habsburger Hausmacht und diese habsburger Hausmacht wie einen Mantel hatten, wie ein altes Kleinod hatten, war etwas tief Mittelalterliches, nämlich das Kaisertum aus dem alten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Das, was Habsburg war, war ältestes Mittelalter, und leider auch durch und durch verbunden mit ältestem Mittelalter mit Bezug auf den Romanismus, mit Bezug auf jenen Katholizismus, der durch die Gegenreformation wiederum lebendig oder wenigstens lebensähnlich gemacht worden war und der alle jene Zustände hervorgebracht hat, von denen ich Ihnen auch hier schon gesprochen habe, der so viel beigetragen hat zur Einschläferung, zur Eindämmerung, aber auch zu anderen üblen Wirkungen innerhalb der mitteleuropäischen Welt.