Nationalismus als Lüge

Quelle: GA 185a, S. 076-077, 2. Ausgabe 1963, 15.11.1918, Dornach

Genau ebenso, wie die Bourgeoisie den Militarismus des Adels demokratisiert hat, so popularisiert das Proletariat in einer ganz blinden Gläubigkeit die Bourgeois-Wissenschaft, oder besser gesagt, die bourgeoise Wissenschaftlichkeit.

Daraus sehen Sie schon, daß das Proletariat mit Bezug auf sein ganzes Denken der Erbe ist desjenigen, was von der Bourgeoisie gerade mit Bezug auf menschliche Gedanken, mit Bezug auf menschliche wissenschaftliche Hervorbringungen getan worden ist. Das wird sich als eine ganz außerordentlich wichtige Tatsache in die nächste Zukunft hinein zeigen, und es würde ungeheuer notwendig sein, daß man gerade auf solche Dinge achten lernen kann. Sonst wird man über Wichtigstes, was sich heranschleicht, nun, eben wiederum in bequemen Illusionen, die von der Lüge nur durch eine schmale Kluft getrennt sind, leben wollen.

Es gibt zum Beispiel nichts, was der Wahrheit abträglicher ist in dem Sinne, wie ich von dieser Wahrheit vorhin gesprochen habe, als der Nationalismus. Aber der Nationalismus gehört gerade zu dem Programm, das als ein besonders segensreiches Programm der nächsten Zukunft gelten wird. Er gehört zu dem Programm der nächsten Zukunft. Daher wird man es erleben müssen, wenn dieser Nationalismus wird bauen wollen - er kann ja in Wirklichkeit nur zerstören -, daß die Illusionen, die von der Lüge durch eine schmale Kluft getrennt sind, sich eben fortsetzen werden. Denn so viel Nationalismus in der Welt entstehen wird, so viel Unwahrheit wird in der Welt sein, besonders gegen die Zukunft hin. Und so werden sehr viele Quellen für neue Unwahrheiten da sein. Unwahrheit hat in vieler Beziehung die Welt regiert. Aber sie wird nicht regieren können, indem die Menschheit in sich aufgenommen hat jene Impulse, jene Strömungen, die heute chaotisch in den proletarischen Massen zutage treten und die, wie Sie gesehen haben - ich habe Ihnen das neulich aus geisteswissenschaftlichen Unterlagen vorgeführt -, einer der drei großen Strömungen in der Menschheitsentwickelung entsprechen.

Mit diesen Dingen hängen die tatsächlichen Ereignisse ganz wesentlich zusammen. Aber man war abgeneigt, namentlich in den letzten Jahrzehnten, so in die Welt hineinzuschauen, daß man wirklich das Wirkliche gesehen hätte. Man konnte nur nicht, ohne daß man auf den Geist schaute, in die Welt hineinschauen, wenn man nicht das Wirkliche sich entgehen lassen wollte.

Sehen Sie, all das, was sich zugetragen hat in den letzten Jahren, es geht ja zurück im Grunde genommen auf geistig durchschaubare Kräftewirkungen in der zivilisierten Welt. Es war eigentlich nichts gräßlicher im Verlaufe dieser traurigen Ereignisse als das Reden aus diesem oder jenem sogenannten nationalen oder anderen Standpunkte heraus. Da redete man zumeist von Dingen, die mit dem Gang der Ereignisse nicht das allergeringste zu tun hatten. Das Eigentümliche war ja, daß die leitenden Staatsmänner auch so redeten, daß ihre Reden mit dem Gang der Ereignisse nicht viel zu tun hatten.