Freie Seele überragt den Weltorganismus

Quelle: GA 072, S. 264-271, 1. Ausgabe 1990, 30.11.1917, Bern

Die sozialen Versuche sind deshalb so trostlos geblieben, sie haben deshalb so viele reale Irrtümer hervorgerufen, weil man glaubte, die sozialen Begriffe so auffassen zu können, wie man naturwissenschaftliche Begriffe aufstellt, weil man wirklichkeitsfremd diese Begriffe aufstellte. Aus der Imagination, aus dem Untertauchen in dasjenige, was sonst von dem gewöhnlichen Bewußtsein nur wie im Traume erlebt wird, können diejenigen Impulse nur hergeholt werden, die der braucht, der irgend etwas, was als soziale Idee gelten will, auszusprechen hat. Jede Zeit ist eine Übergangszeit. Es ist natürlich eine triviale Wahrheit, wenn immer wieder und wieder gesagt wird , eine Zeit ist eine Übergangszeit, es kommt nur darauf an, was übergeht. Aber in unserer Zeit geht das instinktive Bewußtsein über in das freie, in das volle Bewußtsein, das unter der Idee der Freiheit lebt.

Da müssen die alten Impulse, die aus dem instinktiven Bewußtsein gekommen sind - auch das römische Recht gehört noch dazu -, sie müssen abgelöst werden von dem, was für das soziale Leben Imagination, für das ethisch-sittliche Leben die Inspiration ergibt, was für das Rechtsleben die Intuition ergibt. Das ist allerdings nicht so bequem, wie wenn man aus dem Abstrakten heraus allerlei Rechtsbegriffe konstruieren will und weiß, weil man ja ein gescheiter Mensch ist, wie die ganze Welt beschaffen sein soll. Das weiß man!

Als Geistesforscher ist man nicht in dieser Lage; da muß man überall in die Wirklichkeit eindringen. Man hat heute gar nicht viel Begriff davon, wie dieses geschieht. Durch Jahrzehnte hindurch wird auf diesem Gebiete so, aus dem Abstrakten heraus, gehandelt. Man weiß nicht, wie zum Beispiel die westlichen Völker Europas - als Völker, nicht als einzelne Menschen! - gewisse Seeleneigentümlichkeiten haben, die Völker Mitteleuropas, die Völker Osteuropas, Asiens, gewisse andere Seeleneigentümlichkeiten haben, wie diese Seeleneigentümlichkeiten zusammenhängen mit dem, was diese Völker sind. Heute in dieser katastrophalen Zeit sehen wir, wenn wir tiefer blicken, vielfach dasjenige, was die Geistesforschung allein zu sehen vermag, sehen ein für das äußere Bewußtsein nicht verständliches, trauriges Ereignis durch die Menschheit gehen in der Welt, deren Zeichen so deutlich sprechen, in der sich die Menschheit nur zurechtfinden kann, wenn sie wirklichkeitsgemäße Begriffe suchen will. Wirklichkeitsgemäße Begriffe sind nicht diejenigen, die nach dem Muster der Naturwissenschaft gemacht sind oder nach dem Muster des wachen Tagesbewußtseins, wenn es sich um das Soziale, das Sittliche, um das Rechtsleben handelt.

Hier in der Schweiz ist ein Anfang gemacht worden, ein schöner Anfang in bezug auf Rechtsbegriffe, es ist versucht worden, die Begriffe des gewöhnlichen Vertragsverhältnisses aus der konkreten Wirklichkeit herauszuholen. Dr. Roman Boos hat in seinem ausgezeichneten, vor kurzem erschienenen Buch «Der Gesamtarbeitsvertrag nach Schweizerischem Recht» zum ersten Mal in der heutigen Zeit den Anfang damit gemacht, aus der konkreten Wirklichkeit heraus etwas zu suchen, was zur Rechtsstruktur gehört.

Diese Art, in sozialer, in sittlicher, in freiheitlicher Weise ins juristische Leben hineinzuleuchten, die muß ihren Fortgang nehmen, wenn wir die wirklichkeitsgemäßen Begriffe suchen wollen. Es gibt ein einfaches Mittel - gäbe ein einfaches Mittel -, das sehr hilfreich wäre, wenn in seiner radikalen Form versucht werden würde, irgendwo zu zeigen, wie die Begriffe des gewöhnlichen Bewußtseins, die sich so großartig ausnehmen auf naturwissenschaftlichem Gebiet, wie diese Begriffe unvermögend sind, in das sittlich-soziale Leben einzugreifen. Man brauchte nur den Versuch zu machen, einmal ein Parlament zusammenzusetzen aus solchen Menschen, die gerade groß sind auf dem Gebiete philosophischen Nachdenkens über die Welt mit den Begriffen, die nur dem gewöhnlichen Bewußtsein, das man auch das wissenschaftliche nennt, entnommen sind. Ein solches Parlament wäre am geeignetsten, das Gemeinwesen, zu dem dieses Parlament gehört, in der kürzesten Zeit zugrunde zu richten, weil ein solches Parlament nur die untergehenden Impulse sehen würde.

Zum schaffenden Leben gehören diejenigen, welche in das Bewußtsein heraufheben können, was sonst im äußeren realen Leben und in der Geschichte nur träumt, was in den Schlaf hinuntergesunken ist.

Daher sind auch Utopien so trostlos. Utopien sind wirklich so, wie wenn man eine ausstudierte Schachpartie anwenden wollte, ohne Rücksicht auf den Partner. Utopien bilden heißt, dasjenige, was leben sollte, in die abstrakten Verstandesformen fassen. Daher kann eine Utopie niemals etwas anderes enthalten, als was ein Gemeinwesen zugrunde richten kann, nicht aber, was es aufbauen kann. Denn was die Wirklichkeit aufbauen kann, das kann nicht im Anschlusse an verstandesmäßige Begriffe gefaßt werden, das wirkt nur in lebendigen Imaginationen und hat im unmittelbaren Wirken etwas, was verwandt ist, aber nicht dasselbe ist - ich bitte das ausdrücklich zu bemerken -, was verwandt ist mit einem künstlerischen Wirken. Das mannigfaltigste wird einem geoffenbart, wenn man gerade dieses soziale, dieses sittliche Leben betrachtet vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft.

Vor allen Dingen wird, wenn dasjenige, was sich auf diese Weise als sozial-sittliche Ideen, als juristische Ideen ausprägt, ins Leben hineingeht, immer gipfeln können in der menschlichen Freiheit. Diese menschliche Freiheit kann naturwissenschaftlich nie begriffen werden, weil Naturwissenschaft nicht auf das Freie im Menschen gehen kann; für die Naturwissenschaft kann der Mensch kein freies Wesen sein. Geisteswissenschaft zeigt aber den urewigen Wesenskern des Menschen, von dem ich Ihnen gesagt habe, das ist wie ein anderer Mensch im Menschen. Naturwissenschaft zeigt nur den einen, nicht den anderen Menschen; der andere ist aber der freie. Der freie Mensch lebt auch in dem Menschen. Aber durch das sozial-sittliche Leben, durch das staatliche Leben, durch das ethische Leben wird der freie Mensch herausgeholt.

Moderne Betrachtungsweise, wie sie jetzt durch die Tatsachen widerlegt werden sollte, wenn man richtig beobachten könnte, moderne Betrachtungsweise führt eigentlich überall schon in der Theorie zum Austreiben der Freiheit.

Lassen Sie mich am Schlusse dieses noch anführen. Es hat ja immer gegeben in der neueren Zeit - und auch jetzt tritt es hervor und macht Aufsehen - solche Betrachtungen des sozial-sittlichen und des Staats- und politischen Lebens, welche den Staat zum Beispiel vergleichen mit einem Organismus, mit einer Lebensform. Von einem ausgezeichneten Forscher, den ich sehr schätze, ist ein aufsehenerregendes Buch erschienen: «Der Staat als Lebensform». Aber es ist so recht ein Beispiel für dasjenige, was überwunden werden muß. Manche haben versucht, diese Analogien zu bilden, den Staat zu vergleichen mit einem Organismus. Vergleichen kann man alles. Wenn es auf das Vergleichen ankäme, so könnte man ganz gut Vergleiche anführen zwischen einem Pfirsich und einem Spazierstock; es kommt nur darauf an, daß man geistreich genug dazu ist! Auf Vergleiche kommt gar nichts an, sondern darauf kommt es an, daß der Vergleich auch wirklichkeitsgemäß ist, wenn er schon gebraucht werden soll.

Nun, ich kann im einzelnen die Sache heute nicht durchführen, weil die Zeit dazu nicht ausreicht. Aber vergleicht man wirklich das, was im sozial-sittlichen Leben pulsiert, mit dem, was im organischen Leben vorhanden ist, dann gilt der Vergleich nur insofern, als man den einzelnen Staat, ja, das einzelne Gemeinwesen vergleichen muß mit einer Zelle. Und wenn man eine Ansammlung von Zellen, wie es der Organismus ist, vergleichen will, so kann man nur das gesamte Leben auf der ganzen Erde zum Vergleich mit dem Organismus verwenden.

Wie gesagt, das genannte Buch, «Der Staat als Lebensform», von Kjellén ist absolut unmöglich, aus dem Grunde, weil es diesen Vergleich in ganz unmöglicher Form gebraucht. Man kann aber, wenn man den Vergleich richtig gebraucht, den einzelnen Staat mit der Zelle vergleichen und das gesamte Leben über die Erde hin etwa mit einem aus einzelnen Zellen aufgebauten Organismus. Dann ist in diesem Organismus noch gar nicht dasjenige drinnen enthalten, was sich im Organismus als Seele, als Geist entwickelt. Aber auf das, was sich im Organismus als Seele, als Geist entwickelt, kommt es an; darauf kommt es sogar sehr an, daß zu dem Gesamtleben der Erde Geist hinzukommt. Und nur eine solche soziale Struktur der Erde wird richtig gedacht sein, welche nicht bei der Betrachtung des rein Äußerlichen die Meinung hegt, damit auch den Gesamtmenschen umfassen zu können.

So wenig man im Organismus die Seele umfassen kann, den Geist umfassen kann, so wenig kann man, auch wenn man die organische Betrachtung über die ganze Erde ausdehnt, im bloßen staatlichen Leben dasjenige umfassen, in dem menschliche Freiheit wurzelt. Denn menschliche Freiheit ragt über die Organisation hinaus.

Das ist etwas, was einem den Beweis liefern kann, wenn Sie es vollständig durchschauen, daß sogar dasjenige Nachdenken, welches die gewöhnliche abstrakte Bewußtseinsform hineinträgt in die Betrachtung des staatlichen Lebens, den Freiheitsbegriff ausschließen muß.

Geisteswissenschaft, indem sie das Leben ins Auge faßt, das frei ist von der Leiblichkeit, das sich nicht vergleichen läßt mit einem Organismus, wird allein berufen sein, auch wiederum den Begriff der freien menschlichen Seele einzuführen in das Leben.

Ich habe den Anfang damit gemacht schon 1894, als ich meine «Philosophie der Freiheit» - die leider schon so lange vergriffen ist - verfaßt habe, indem ich versuchte zu zeigen, wie dadurch, daß der Mensch tatsächlich ein freies Seelenleben entwickelt, das sich als ein anderes loslöst von dem in der Naturwissenschaft mit Recht bloß betrachteten Kausal-Begriff, wie dadurch der Mensch zu dem Ausleben seiner Freiheit kommt. Solange man nicht der Ansicht ist, Naturwissenschaft habe ganz recht, wenn sie Freiheit leugne auf ihrem Gebiete, weil sie es nur zu tun hat mit demjenigen, wo keine Freiheit ist - solange man das nicht einsieht, sieht man auch nicht ein, daß dasjenige, worauf sich Freiheit bezieht, auch nicht durch Naturwissenschaft zu erfassen ist.

Das aber erreicht Geisteswissenschaft, indem sie zeigt, daß der Mensch neben seinem Leib, der nach der einen Seite ein Ausdruck seiner Seele und seines Geistes ist, sein Geistiges hat, das nur erfaßt werden kann vom schauenden Bewußtsein, vom übersinnlichen Bewußtsein: vom imaginativen Bewußtsein, aus dem auch die sozialen Ideen fließen, vom inspirierten Bewußtsein, aus dem die sittlichen Ideen fließen, die sich im gewöhnlichen Leben im Mitgefühl, im Miterleben der anderen Menschen ausleben, aus dem, indem es intuitives Bewußtsein wird, die juristischen Ideen fließen, dadurch, daß im intuitiven Bewußtsein der Mensch nicht nur eindringt in das, was das andere Wesen ist, sondern durch dieses intuitive Bewußtsein das andere Wesen bis zu einem gewissen Grade auch in sich selber durchlebt. Und indem Geisteswissenschaft eindringt in das, was ewig ist im Menschen und was nur erfaßt werden kann durch imaginatives, inspiriertes, intuitives Bewußtsein, dringt Geisteswissenschaft auch vor zu dem, was unter dem Lichte, unter der Sonne der Freiheit im menschlichen Leben pulsieren kann.