Ständeordnung als Rest aus den indischen Kasten

Quelle: GA 174, S. 179-181, 1. Ausgabe 1966, 15.01.1917, Dornach

Vier Kasten unterschied der Inder, vier Stände unterschied der alte Grieche, nacheinander sind sie hervorgekommen durch den zweiten, dritten, vierten nachatlandtischen Zeitraum; im fünften nachatlantischen Zeitraum muß der vierte Stand, das Gemeindeleben, das Allgemein-Menschliche, hervorkommen. Nicht alle können Priester sein, aber das Priestertum kann die Macht, die Herrschaft anstreben. Wir sehen es im dritten nachatlantischen Zeitraum, wir sehen es wiederaufleben in der hierarchisch-theokratische-romanischen Kraft. Die zweite Kaste, das Königstum im Griechisch-Römischen, wir sehen es wiederum aufleben im zweiten nachatlantischen Elemente, wo das Diplomatisch-Politische besonders rege ist; denn das Republikanische ist in Frankreich nur der Widerpart, wie ja alles seinen Widerpart erzeugt. Dem eigentlichen französischen Staatscharakter entspricht nur das monarchische Prinzip, daher auch jetzt nur dem Worte nach die Republik besteht; in Wirklichkeit herrscht eben ein König, welcher zufällig ein Advokat ist, der früher rumänische Prozesse geführt hat. Aber auf die Worte kommt es nicht an, auf die Sache kommt es an. Und gerade darin besteht das Schlimme in unserer heutigen Zeit, daß man sich durch Worte so leicht berauschen läßt. Wenn man jemanden einen Präsidenten nennt, so ist er deshalb noch nicht ein Präsident, sondern es kommt darauf an, wie die realen Verhältnisse sind.

Der dritte Stand ist bekanntlich das Element des Industriellen, des Kommerziellen in Ägypten und Griechenland. Das strebt neu herauf im Britischen Reich, muß aber noch herrschen über das vierte Element, das erst das Allgemein-Menschliche ist. Es ist interessant, dies besonders an einer einzelnen Erscheinung zu beobachten. Man muß schon wirklich Einsichten gewinnen in die Verhältnisse, wenn man die Welt verstehen will. Ganz kurios ist es, wenn man sich die Frage stellt: Wo ist eigentlich die sozialistische Theorie am scharfsinnigsten herausgekommen? - Unter den deutschen Sozialisten, ganz dem Prinzipe entsprechend, wie ich es charakterisiert habe; daß der Deutsche immer die Mission hat, die Begriffe rein auszuarbeiten. So haben die Deutschen selbst für den Sozialismus Begriffe rein ausgearbeitet, nur paßt die deutsche sozialistische Idee auf die deutschen Verhältnisse wie die Faust aufs Auge. Nichts in den deutschen sozialen Verhältnissen paßt auf die deutsche sozialistische Theorie! Daher ist es ganz begreiflich, daß, nachdem ich eine Zeitlang in einer sozialistischen Schule gelehrt hatte, ich zuletzt aus ihr verbannt wurde, weil ich sagte, es müsse doch im Sinne des Sozialismus liegen, Freiheitslehre zu entfalten. - Von seiten des Führers der Sozialdemokraten hat man mir damals entgegengerufen: Auf Freiheit kommt es nicht an, sondern auf vernünftigen Zwang! - Die sozialistische Theorie paßt nicht auf die sozialen Verhältnisse, das heißt, die soziale Theorie will herausentwickelt sein aus der Evolution der Menschheit. Daraus entwickelt sie ihre drei großen Prinzipien: erstens das Prinzip der materialistischen Geschichtsauffassung, zweitens das Prinzip des Mehrwertes und drittens das Prinzip des Klassenkampfes, Die drei Theorien sind fein herausgearbeitet, aber sie passen nicht auf deutsche, dagegen wunderbar auf britische Verhältnisse. Da sind sie auch studiert worden, da war Marx und hat die Sache zuerst ausgearbeitet, da war Engels, da war Bernstein, Daraus sind sie entsprungen, darauf passen sie, weil sie sich - nehmen wir das dritte Prinzip - -auf den Klassenkampf begründen. Dieser waltet aber im Grunde in der britischen Seele, denken Sie an Cromwell. Und wenn man alles, was seit Cromwell in der britischen Seele waltet, seinen Im pulsen nach studiert, so bekommt man Material für das dritte Prinzip, für den Klassenkampf. Seit der Erfindung der Spinnmaschine und der Einführung jenes sozialen Lebens, das durch die Spinnmaschine gekommen ist, waltet im Britischen Reich dasjenige, was eingeflossen ist in die Theorie des Mehrwertes. Und die materialistische Geschichtsauffassung ist im Grunde genommen nichts anderes als eine ins Pedantisch-Deutsche übersetzte Geschichtsauffassung von Buckle, zum Beispiel Buckles «Geschichte der Zivilisation». Nur daß sie dort so ausgeführt ist, wie man in der britischen Kultur die Dinge ausführt, gemäß dein Grudsatze, niemals in die Konsequenzen zu gehen. Darwin ist ja auch nicht in die Konsequenzen gegangen, sondern hat sich begrenzt in einer gewissen Weise, währenddem die Sache straff, rücksichtslos, wenn Sie wollen, deutsch-pedantisch umgeformt ist in der materialistischen Ceschichtsiuffassung von Karl Marx. Es ist interessant, daß für jenes Allgemein-Menschliche, das die vierte Kaste oder Klasse darstellt, die nicht mehr eine Herrschaft anstreben kann - denn es gibt nichts mehr darunter, das zu beherrschen wäre, man kann nur das Verhältnis begründen von Mensch zu Mensch -, keine Theorie geschaffen worden ist. Die wird erst kommen, wenn man jenes Allgemein-Menschliche zugrunde legt, das eben in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft gegeben ist.