Verwandschaft zwischen Nationalismus und Sexualität

Quelle: GA 174, S. 142-143, 1. Ausgabe 1966, 14.04.1917, Dornach

Was von den Volksgeistern ausgehend auf die Menschen wirkt, das wirkt auf die Organe, die mit dem Gangliensystem in Zusammenhang stehen. Daher ist das Volkstum etwas dem Bewußtsein so Entzogenes, etwas so dämonisch Wirkendes. Und es hängt aus den Gründen, die ich angedeutet habe, deshalb so stark zusammen mit all dem, was die Örtlichkeit ist; denn viel mehr als man glaubt, ist die Örtlichkeit, das Klima, verknüpft mit dem Wirken der Hierarchie der Archangeloi. Klima ist ja nichts anderes als dasjenige, was auf dem Umwege der Luft auf den Menschen wirkt.

Sie sehen, wie man, indem man auf das Gangliensystem verweist, zeigt, wie im Unbewußten des Menschen die Impulse der Volksseelenhaftigkeit walten. Jetzt werden Sie auch begreifen, daß mehr, als man gewöhnlich denkt, gerade die Zugehörigkeit zum Volkstum mit gewissen Eigenschaften des Menschen zusammenhängt, die an sein Gangliensystem gebunden sind. Mehr als man glaubt, ist nämlich das Problem des Volkstums in Beziehung zu setzen mit dem sexuellen Problem. Denn die Zugehörigkeit zum Volkstum beruht auf der gleichen Organgrundlage - dem Gangliensystem -, dem auch das Sexuelle zugrunde liegt. Das ist ja äußerlich schon dadurch zu verstehen, daß man seinem Volkstum durch die Geburt angehört, insoferne als man in der Mutter eines bestimmten Volkes gereift wird; insoferne ist ja schon die Vermittlung da. Da sehen Sie, durch welche, ich möchte sagen, seelenunterirdischen Untergründe gerade das Nationalproblem schon mit dem Sexualproblem zusammenhängt. Und daher ist in der Erscheinung so viel Verwandtes zwischen diesen beiden Impulsen im Leben. Wer nur offene Augen für das Leben hat, der wird ungeheuer viel Verwandtes finden zwischen der Art und Weise, wie sich der Mensch betätigt aus dem Erotischen heraus, und wie er sich betätigt in seiner Zugehörigkeit zum Volkstume. Es ist natürlich damit weder Pro noch Kontra in bezug auf das eine oder andere etwas gesagt; aber die Tatsachen liegen so, wie ich das charakterisiert habe. Die Erregungen nationaler Art, die insbesondere stark unbewußt wirken, wenn sie nicht ins Ich-Bewußtsein heraufgeholt werden, indem man die Frage zu einer Karmafrage macht, so wie ich das neulich charakterisiert habe, sind sehr verwandt den sexuellen Erregungen. Man darf über solche Dinge nicht dadurch hinweggehen, daß man aus gewissen Täuschungen und Sehnsuchten heraus eine emotionelle Art des Nationalempfindens zu einer recht vornehmen Empfindung machen möchte, und die Sexualempfindung zu einer recht wenig vornehmen; denn die Tatsachen liegen schon so, wie ich es Ihnen entwickelt habe.