Volk als Karma mit Wechselmöglichkeit statt Blut

Quelle: GA 174, S. 056-062, 1. Ausgabe 1966, 07.01.1917, Dornach

Wodurch wirkt denn eigentlich die Volksseele in das Menschengemüt herein? Wenn wir so, wie die Menschheit einmal ist, betrachten, was in bezug auf diese Sache geschieht, so müssen wir sagen: Das Hereinwirken der Volksseele in die individuelle Menschenseele ist zunächst ein unterbewußtes, das nur teilweise heraufsteigt in das Bewußtsein. Der Mensch fühlt sich diesem oder jenem Volkstum angehörig, und in der Hauptsache geschieht ja die Einwirkung der Volksseele auf die Individualität des Menschen durch den Umweg des mütterlichen Prinzips. Das mütterliche Prinzip ist eingebettet in das Volksseelentum. Was den Menschen als physisch-ätherisches Naturwesen mehr herausreißt aus dem Gruppenhaften, ist die Einwirkung des väterlichen Impulses. Das habe ich in früheren Jahren öfter auseinandergesetzt. Für die christliche Weltanschauung liegt das schon in den Evangelien ausgedrückt. Auch darüber ist in früheren Jahren gesprochen worden. Im wesentlichen wird, so wie die Dinge heute noch liegen, zunächst durch das Blut vom Volkstume aus in den Menschen hereingewirkt, und durch dasjenige, was im Ätherleibe dem Blute entspricht. Natürlich haben wir es da mit einem mehr oder weniger animalischen Impulse zu tun, und er bleibt animalisch für den weitaus größten Teil der heutigen Menschen. Der Mensch gehört einem gewissen Volkstum an durch sein Blut. Welche geheimnisvollen Kräfte und Impulse in das Blut hineinwirken, ist schwierig im einzelnen auseinanderzusetzen, weil diese Impulse außerordentlich vielgestaltig, mannigfaltig sind. Aber sie liegen unter der Oberfläche des Bewußtseins.

Viel bewußter lebt der Mensch in all dem, was an Menschlichkeit ohne Unterschied der Nation in ihm lebt. Daher wird auch das Pathos, die Leidenschaft, der Affekt, mit dem sich der Mensch einer Nationalität angehörig fühlt, mit einer gewissen elementaren Kraft hervortreten. Der Mensch wird nicht versuchen, logische Gründe oder Urteile geltend zu machen, wenn es sich für ihn darum handelt, seine Zusammengehörigkeit mit seiner Nationalität zu bestimmen oder zu empfinden. Das Blut und das Herz, das unter dem Einflusse des Blutes steht, bringt den Menschen mit seiner Nationalität zusammen, läßt ihn in der Nationalität drinnen leben. Die Impulse, die da in Betracht kommen, sind unterbewußt, und es ist schon viel gewonnen, wenn man sich dieses unterbewußten Charakters bewußt ist. Gerade in bezug darauf ist es wichtig, wenn der Mensch, der an die Geisteswissenschaft herantritt, in sich selber eine Entwickelung durchmacht, wenn er in bezug auf diese Dinge gewissermaßen anders empfindet als die übrige Menschheit. Wenn Menschen, die nicht der Geisteswissenschaft angehören, gefragt werden, wie sie mit ihrer Nationalität zusammenhängen, so werden und müssen sie sagen: Durch das Blut! - Das ist die einzige Idee, die sie sich über die Zugehörigkeit zu ihrer Nationalität machen können. Der Geisteswissenschafter soll allmählich dazu kommen, sich nicht diese Antwort zu geben, sondern eine andere. Würde er sich nicht allmählich zu dieser andern Antwort entwickeln können, so würde er die Geisteswissenschaft nur theoretisch nehmen, nicht im eigentlichen Sinne praktisch und lebendig. Während also der Nichtgeisteswissenschafter sich nur die Antwort geben kann. Durch mein Blut hänge ich mit meiner Nationalität zusammen, durch mein Blut verteidige ich dasjenige, was in der Nation lebt, durch mein Blut fühle ich die Verpflichtung, mich zu identifizieren mit meiner Nationalität -, muß der Geisteswissenschafter sich die andere Antwort geben: Durch mein Karma bin ich mit der Nationalität verbunden, denn es ist ein Teil des Karma. - Sobald man Karmabegriffe einführt, vergeistigt man allerdings das gesamte Verhältnis. Und während der Nichtgeisteswissenschafter für alles das, was er als Angehöriger eines bestimmten Volkes tut, das Pathos, die Impulsivität, das Blut aufrufen wird, wird derjenige, der die geisteswissenschaftliche Entwickelung durchgemacht hat, sich durch das Karma verbunden fühlen mit diesem oder jenem Volkstum.

Das ist eine Vergeistigung der Sache. Außerlich mag dasselbe ablaufen, äußerlich mag der Mensch, wenn er diese Vergeistigung empfindet, das gleiche geltend machen; aber innerlich wird die Sache vergeistigt sein, und er wird ganz anders empfinden als derjenige, der die Zugehörigkeit gewissermaßen nur animalisch empfindet.

Da sehen Sie gerade einen Punkt, in dem Zugehörigkeit zur Geisteswissenschaft die Seele zu etwas anderem macht, eine andere Stimmung in die Seele hineinbringt. Sie sehen aber zugleich, wie weit das allgemeine Zeitbewußtsein zurück ist hinter dem, was heute von den willigen Leuten wohl gewußt werden könnte. Das allgemeine Zeitbewußtsein kann gar nicht anders, als die Zugehörigkeit des Menschen zur Nationalität nach dem Blute, oder nach dem, was sehr wenig blutsmäßig, aber eben im Zusammenhange mit dem Blut und aus diesem Anschauen des Blutes heraus geregelt wird, auffassen. Es wird eine viel freiere Auffassung dieser Zugehörigkeit Platz greifen, wenn die ganze Angelegenheit als eine Karmaangelegenheit betrachtet wird. Dann werden gewisse feine Begriffe auftauchen für denjenigen, der sich vielleicht der oder jener Nationalität bewußt anschließt und dadurch eine Karmaschwenkung vollzieht.

Aber wie wir die Sache auch nehmen, ob in dem unvollkommenen Sinn, in dem der größte Teil der Menschheit es heute empfinden muß, oder in dem vollkommeneren Sinn, in dem man es empfinden kann als Angehöriger der Geisteswissenschaft, es bleibt bestehen, daß durch die allgemeinen Weltenverhältnisse die Menschheit heute in Gruppen differenziert ist. Und nichts kann uns schmerzlicher als die gegenwärtigen Ereignisse zum Bewußtsein bringen, daß diese Gruppendifferenzierung heute in hohem Maße noch vorhanden ist. Dabei wird diese Gruppendifferenzierung vielfach vermischt mit ganz andern Verhältnissen und Tatsachen, um den menschlichen Gemütern eine Aufklärung darüber zu erschweren, warum solch schmerzliche Gegensätze, solche schmerzlichen Disharmonien in der Menschheit auftreten können, wie sie jetzt aufgetreten sind.

Kurz, in dem, was da berührt wird, liegt ein Tragisches, das mit der gewöhnlichen Logik, den äußerlichen oberflächlichen Urteilen nichts zu tun haben sollte; denn ob man die Sache auffaßt als eine Blutsache oder als eine Karmasache: das Blut liegt unterhalb, das Karma oberhalb des Logischen. Daher müssen durch dasjenige, was da ins Auge gefaßt wird, notwendigerweise Konflikte im menschlichen Zusammenleben resultieren, und diese Konflikte muß man eben als notwendige verstehen. Zu glauben, daß diese Konflikte sich beurteilen lassen nach denselben Begriffen, die gültig sind zwischen einzelnen Menschen, führt zu den größten Irrtümern, und darinnen besteht der große Irrtum, daß heute im weitesten Umfange über Völkerkonflikte so gesprochen wird, wie wenn es sich um Menschenkonflikte, um Konflikte zwischen menschlichen Individuen handelte. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht: Begriffe wie Recht und Freiheit sind anwendbar auf die einzelnen menschlichen Individualitäten; sie als Programmpunkte für Völker anzugeben, bedeutet von vornherein, nichts zu wissen von den Eigentümlichkeiten des Volkstümlichen, gar nicht den Willen haben, auf das Eigentümliche des Volksmäßigen einzugehen.

Für denjenigen, der die Dinge durchschaut und sachliche, naturgemäße Notwendigkeiten aus der geistigen Erkenntnis heraus zu durchblicken vermag, ist der Glaube, der heute aus vielen Publikationen spricht, ganz gleich mit dem Glauben, den ein Haifisch haben würde, wenn er sagt: Ich will ein Abkommen treffen mit den kleinen Fischen, die ich sonst fresse! Es ist unmenschlich, es ist inhuman, die kleinen Fische zu fressen; ich werde das abstellen! - Er stellt sich damit sein Todesurteil aus, denn es ist in der Welt eben einmal so eingerichtet, daß der Haifisch die kleinen Fische frißt! Man muß eine gründliche Empfindung dafür bekommen, daß man die Welt nicht verstehen kann, wenn man nicht im Realen die notwendigen Konflikte sieht, die zum Tragischen in der Welt führen. Und es heißt zugleich, die Eigentümlichkeit des physischen Planes überhaupt nicht zu verstehen, wenn man meint, innerhalb des physischen Planes könne so etwas sein wie ein Paradies. Das Paradies ist nicht auf der Erde. Es muß notwendigerweise Unverstand herrschen bei denjenigen, die entweder in der physischen Welt das neue Jerusalem als eine Utopie realisieren, oder wie ein Sozialdemokrat irgendeinen andern allgemein befriedigenden Zustand herbeiführen wollen. Es ist ein tiefes Gesetz, daß der Mensch, insofern er hier auf dem physischen Plane lebt, nur dann zu einer befriedigenden Auffassung der Wirklichkeit kommen kann, wenn er sich bewußt ist, daß es höhere Welten gibt, daß er mit seiner Seele mit höherenWelten zusammenhängt. Nur wenn wir wissen, daß wir Bürger höherer Welten sind, ist eine Befriedigung möglich. Daher würde auch mit dem Auslöschen des geistigen Bewußtseins der Menschheit eine Zeit heraufkommen müssen, in der diese nicht mehr verstehen könnte, warum so viel Unheil, so viel Konflikte hier in der Welt sind. Lösen können sich diese Konflikte nur, wenn man sich nicht nur in der physischen, sondern auch in der geistigen Welt lebendig darinnen fühlt. Dann fängt man an zu begreifen: Ebenso wie der Mensch nicht immer jung sein kann, sondern auch altern muß, so muß es auch ein Abtragen dessen geben, was aufgebaut wurde, daß zugleich mit der Entstehung Konflikte, Zerstörung da sein müssen. Wenn man dieses versteht, so versteht man, daß auch zwischen Menschengruppen Konflikte eintreten müssen. Diese Konflikte sind das Tragische im Weltengeschehen, und als Tragisches muß man sie auffassen.