Keine Freiheit bei Völkern

Quelle: GA 174, S. 056-062, 1. Ausgabe 1966, 07.01.1917, Dornach

Hebbel war ja ein Genie von einer etwas schwerfälligen Art, der, trotz eines reichlichen Welthumors, schwer produzierte. Ich habe Ihnen ja schon ausgeführt, daß er der geisteswissenschaftlichen Auffassung der Welt nicht sehr fern stand. Er hat zum Beispiel als Plan in sein Tagebuch die Behandlung des folgenden Stoffes eingetragen: Der wiederverkörperte Plato sitzt als Schüler in einer Gymnasialklasse, wo der Lehrer gerade den Plato durchnimmt, und versteht gar nichts von dem, was im Plato enthalten sein soll, so daß der Professor ihn hart anfährt. Diese Idee wollte Hebbel dramatisch behandeln. Er ist nicht dazugekommen; aber man sieht, daß ihm selbst die Wiedergabe des Reinkarnationsgedankens in der Dramatik vorschwebte.

Nun hat Hebbel Grillparzer erlebt, der sein Zeitgenosse war. Hebbel war, wie gesagt, ein etwas schwerfälliges, schwerblütiges Genie, und als er sich die Grillparzerschen Dramen «Das Goldene Vließ», «Weh dem, der lügt!», «Der Traum ein Leben» und so weiter angeschaut hatte, sagte er - und das ist eben sehr interessant: Grillparzer bringt tragische Konflikte zur Darstellung, aber solche, bei denen man immer sagen kann, wenn die Menschen nur ganz klug wären und die Verhältnisse durchschauten, so würden sich diese Konflikte zuletzt ausgleichen müssen. - Bei Grillparzer kommt eigentlich nach Hebbel das Tragische dadurch zustande, daß die Menschen nicht genügend klug sind, um das Tragische zu durchschauen. Das aber sei nicht das richtige Tragische; das richtige Tragische zwischen Menschen entsteht erst dann, wenn die Beteiligten so klug, so umsichtig sein mögen, wie sie nur wollen, und ihnen alle Klugheit, alle Umsichtigkeit nicht helfen: es muß der Konflikt herauskommen.

Was Hebbel als Dramatiker für sich in Anspruch nimmt, was er das eigentlich Tragische nennt, das müssen wir als eine Kategorie, als einen Begriff in die Menschheitsentwickelung, in das eigentlich Menschliche einführen, sonst wird man immer zu dem einfältigen Urteil kommen, daß sich dies oder jenes hätte vermeiden lassen. Die Dinge lassen sich nicht vermeiden, wenn sie zu solchen Konflikten führen, wie der gegenwärtige es ist. Und alle Deklamationen über den Schuldbegriff nehmen sich vor einer eindringlichen Beurteilung recht deplaciert aus.

Deshalb stellte ich diese Betrachtungen an, die wir in den letzten Tagen und Wochen gepflogen haben, um klar hervortreten zu lassen, daß man selbst einer solchen Erscheinung wie dem Opiumkrieg gegenüber nicht in dem Sinne von Schuld spricht, wie man in dem Verhältnisse von Mensch zu Mensch, von Einzelmensch zu Einzelmensch von Schuld spricht. Denn diese Begriffe: Schuld, Freiheit und so weiter, wie sie auf den einzelnen Menschen anwendbar sind, sind nicht anwendbar für Seelen, die auf andern Planen leben, und die Volksseelen leben eben nicht auf dem physischen Plan, sondern wirken nur durch die individuelle Seele auf den physischen Plan herein; sie haben ihren Sitz eben in andern Sphären, auf andern Planen.

Diese Dinge werden heute schon von einzelnen Menschen gefühlt. Aber man versteht diese nicht, wenn man mit den Begriffen, die heute gang und gäbe sind, die Ereignisse beurteilen will und nicht versucht, die sachlichen Unterlagen ins Auge zu fassen. Sich heute als ein Angehöriger irgendeiner Nationalität hinzustellen und über andere Nationalitäten so zu urteilen, wie man nur über einen einzelnen Menschen urteilen könnte, das zeigt nichts anderes als ein Zurückgebliebensein in der Urteilsfähigkeit. Daß allerdings bis in die furchtbarsten historischen Dokumente hinein, von denen unendliche Blutmengen abhängen werden, die Ignoranz, die Zurückgebliebenheit spricht, weil gewisse Staatsmänner hinter dem zurückgeblieben sind, was man heute schon wissen kann, dies ist natürlich eine historische Notwendigkeit. Aber auf der andern Seite kommt dazu, daß für diejenigen, die es hören wollen, immer wieder betont werden muß, daß der Fortschritt und das Heil der Menschheit darinnen bestehen, das Urteil aus dem spirituellen Leben herauszuholen, um weiterzukommen.