Todesstrafe auf Privatisierung öffentlicher Angelegenheit in Utopia

Quelle: GA 173, S. 153-154, 1. Ausgabe 1966, 17.12.1916, Dornach

Zunächst müssen wir für bedeutsam ansehen, daß Utopia so geschildert wird, daß es in seinen Einrichtungen eine gewisse Reife erlangt hat; denn es wird ausdrücklich gesagt, daß der geschilderte Zustand nicht vom Anfang an in Utopia vorhanden war, sondern 1760 Jahre gebraucht hat zu seiner Entwickelung, so daß es sich gewissermaßen um einen Reife-, um einen Endzustand handelt.

Das erste, was besonders hervorgehoben wird, ist, daß der Besitz gemeinsam ist, daß niemand ein spezielles Eigentum hat, und daß der Staat in gewisse Familien eingeteilt ist, welche, wenn wir so sagen wollen, Älteste wählen. Aus den Ältesten heraus wird wiederum ein Fürst gewählt, und in einer von Zeit zu Zeit einberufenen Versammlung verhandeln die Gewählten über die öffentlichen Angelegenheiten in dem Sinne, wie sie von den einzelnen Gliedern des Volkes beauftragt worden sind. Da finden wir sogleich eine höchst merkwürdige Einrichtung: Über öffentliche Angelegenheiten darf nur auf dem vorgeschriebenen Wege verhandelt werden. Wenn sich jemand in Utopia privatim mit andern Menschen über öffentliche Angelegenheiten unterhält, so steht darauf die Todesstrafe. Wir finden ferner eine höchst vernünftige Einrichtung: Wenn ein Vorschlag in der öffentlichen Versammlung gemacht wird, darf hierüber niemals sogleich verhandelt werden, sondern die Leute müssen erst nach Hause gehen und nachdenken; die Sache wird dann bei einer späteren Gelegenheit behandelt. Derjenige, der das erzählt, gibt an, daß auf diese Weise die Leute nachdenken können und nicht dazu getrieben werden, ein vorschnelles Urteil abzugeben, und dann selbstverständlich den Eigensinn und Egoismus haben, an diesem Urteil festzuhalten. Denn sie halten nicht daran fest, weil sie die Sache geprüft und für richtig befunden haben, sondern weil sie sich einmal mit ihrem Urteil engagiert haben.