Goethe durch verschobene Demokraten mißverstanden

Quelle: GA 171, S. 278-279, 1. Ausgabe 1964, 21.10.1916, Dornach

Wenn auch Goethe von vielen heute genannt wird, wenn auch viele glauben, seine Werke zu kennen, dasjenige, was eigentlich in seiner Weltanschauung lebt und webt, das ist doch etwas, was noch zu dem Unbekanntesten in der Menschheitsentwickelung gehört, und was, wenn es immer mehr und mehr eintreten wird in die Menschheitsentwickelung, das wissenschaftliche, das soziale und auch das übrige Denken, aber auch die Impulse des Handelns der Menschen wesentlich umgestalten wird. In unserer Zeit wirken noch außerhalb der anthroposophischen Bewegung für ein Verständnis der Goetheschen Weltanschauung wenig günstige Kräfte, wenig günstige Impulse. Denn so berechtigt und so großartig das sogenannte demokratische Prinzip für die Menschheitsentwickelung ist, wenn es in richtigem Sinne verstanden wird, so verderblich wirkt es in unserer Zeit, wo es oftmals am falschesten Ende angepackt und angewendet wird.

In unserer Zeit herrscht eine intensive Abneigung, Antipathie, ja mehr als das, in vielen Seelen ein intensiver Haß und eine Gegnerschaft gegen eine so geartete Weltanschauung, wie sie ihre Quellen in Goethescher Denkungsart und Goethescher Gesinnung hat. Denn zu dieser Weltanschauung ist vieles, vieles nötig, was gerade unsere Zeit am allerwenigsten gern hat. In unserer Zeit möchte jeder, ohne sich Grundlagen dafür besonders geschaffen zu haben, gewissermaßen seine eigene Weltanschauung haben, seine eigene Weltanschauung sich aufbauen, ein Eigenbrötler der Weltanschauung sein. Und die nächste Empfindung, die jeder hat, ist ungefähr diese, daß die einzelnen Weltanschauungen so gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Dasjenige, was einem gerade von Goethe so einzigartig charakterisiert im Faustischen Streben entgegentritt, von dem spricht heute jeder journalistische Tropf und jeder, der diesen Tröpfen nachspricht; aber vom Kennen des innersten Nerves dieses Faustischen Strebens kann ja gerade heute im allergeringsten Maße nur die Rede sein.