Panslawismus freier Individualismus statt imperialistischer Zwang

Quelle: GA 171, S. 245-252, 1. Ausgabe 1964, 14.10.1916, Dornach

Nun, bei denjenigen Kulturen, die von den westlichen Ideen beherrscht sind (siehe Schema Seite 252), neigt die menschliche Organisation, weil sich diese immer einseitig ausbildet, mehr dahin, die Aufmerksamkeit auf dasjenige zu lenken, was vermöge des erdartigen Elementes im Menschen erlebt wird. Bei denjenigen Kulturen, die nach dem Bösen, dem Tod, der Befreiung, der gegenseitigen Hilfeleistung hingeneigt sind, da neigt die Natur durch ihre natürlichen Anlagen dazu, die Aufmerksamkeit mehr auf dasjenige zu richten, was infolge des Lebensäthers erlebt werden kann. Das sind die beiden Einseitigkeiten: die Einseitigkeit des Westens, die mehr infolge des irdischen, des erdartigen Elementes im Menschen erlebt wird, die Einseitigkeit des Ostens, die mehr infolge des einseitigen Erlebens im Lebensäther erlebt wird.

In tiefste Geheimnisse der Evolution unseres Zeitraumes führen uns gerade diese Betrachtungen hinein. Und sie müssen wohl ins Auge gefaßt werden, denn dadurch droht gewissermaßen der Menschheit die einseitige Geltendmachung von polar einander entgegengesetzten Impulsen. Heute ist diese Evolution, des einen und des anderen, noch nicht besonders weit, aber für den, der nicht gegenüber dem Leben Vogel-Strauß-Politik treiben will, sich betäuben will gegenüber dem Anblick der Wirklichkeit, doch schon deutlich wahrnehmbar, wenn er nur die Begriffe hat, um die Dinge zu beherrschen. Es entwickelt sich auf der einen Seite immer mehr und mehr der Drang, nur das Sinnlich-Wirkliche gelten zu lassen, auf der anderen Seite der Drang, nur dasjenige, was aus der imaginativen Welt kommt, gelten zu lassen als das Berechtigte nicht nur in der Erkenntnis - da vielleicht sogar noch am wenigsten -, aber in alle dem, was das Leben durchdringt und durchgestaltet, was man gerade ins soziale Leben eindrängen will. Darinnen entwickeln sich diese Dinge. Es ist für die eine Gruppe, die links stehende (Seite 252), schon deutlich zu sehen; für die andere Gruppe sind wir erst sehr im Beginne einer anderen Einsicht. Der eine Impuls geht dahin, wenigstens für die Erkenntnis das imaginative Leben zu bekämpfen und nur gelten zu lassen das bloße Phänomen. Sie sehen diese Tendenz rein ausgesprochen, wenn Sie all dasjenige ins Auge fassen, was Darwin selbst geschrieben hat. Denn Hypothesen, Theorien hat ja erst der Haeckelismus in den Darwinismus hineingebracht. Bei Darwin haben wir immer die Sehnsucht, die Phänomene zu beschreiben.

Er zieht nur die großen Linien aus den Voraussetzungen heraus, auf die ich Sie neulich aufmerksam gemacht habe, und er zieht die großen Linien nach dem, was das Leben anstrebt innerhalb dieser Kulturgemeinschaft, nun wiederum nur das äußere Physische gelten zu lassen und immer mehr und mehr den Blick nur auf das äußere Physische zu richten, zu bekämpfen die imaginative Welt, auszumerzen die imaginative Welt, auszumerzen auch aus dem sozialen Leben. Und so entsteht, ich möchte sagen, aus diesem Begriffskomplex heraus ein ganz bestimmtes Menschenideal, ein Menschenideal, das sich in alles hineinfrißt und alles durchdringen will, das den Menschen in einer bestimmten Weise zu einem Erkennenden machen will, einem solchen Erkennenden, der die äußere physische Welt überschaut, aber mit Bezug auf alles dasjenige, was in die geistige Welt hineinführt, ablehnend sich verhält. Manchmal täuscht er sich darüber hinweg, daß er sich eigentlich ablehnend verhält, indem er allerlei Worte prägt für sonderbare Begriffe, die geistig, oftmals sogar mystisch sein sollen, die aber in Wirklichkeit doch auf nichts anderes hinauslaufen als auf dasjenige, was ich jetzt charakterisiert habe.

Das ist zum Beispiel bei der Bergsonschen Philosophie der Fall. Gewiß, bei der Bergsonschen Philosophie glauben heute viele, sie sei wie eine Art Mystik und stelle sich als eine Art Mystik in das gegenwärtige Leben herein. Aber nicht darauf kommt es an, was man über etwas meint, sondern was in der Realität herauskommt. Und gerade nicht zu einer Widerlegung, sondern zu einer Stütze einer bloß positivistischen Weltanschauung wird dennoch diese vermeintliche Mystik führen.

Gewiß, es liegen in diesem Kulturimpuls alle Elemente, das Urphänomenale herbeizuführen; aber es bereitet sich darin auch die Einseitigkeit vor, alles Imaginative zum Phantasieprodukt zu stempeln und es vom sogenannten Wissenschaftlichen auszumerzen, und das mit Bezug auf den Menschen als einem Erkennenden.

Auch mit Bezug auf den Menschen als einem Handelnden, als einem sozialen Wesen, bereitete sich das vor, daß immer mehr und mehr das Prinzip der bloßen Nützlichkeit des Erlebens und Handelns in dem, was äußerlich wahrnehmbar ist, was äußerlich da ist, was für den Menschen Wert hat zwischen Geburt und Tod, in den Vordergrund tritt, und alles andere gewissermaßen nur dazu da sein soll, damit in der richtigen Weise in eine glückseligmachende Welt oder in eine Nützlichkeitswelt eingespannt ist, was in der Sinneswelt da ist.

Gesetze, Ideale werden gemacht, um gewissermaßen das Sinnlich-Wirkliche besser genießen zu können. Diesen Zug, man kann ihn sowohl bei den Utopisten wie auch bei den Sozialisten des Westens deutlich wahrnehmen. Überall dringt er durch, ich möchte sagen von Morus bis Comte, von Adam Smith bis Karl Marx, überall tritt er in der Theorie auf. Aber er tritt auch in den Lebensgewohnheiten auf, er durchsetzt das soziale Fühlen, das soziale Denken, aber auch das Handeln. Und man kann sagen: Das Ideal vom Menschen, das sich herausbildet unter dem Einflusse dieser Impulse, die hier durch ein paar Abstraktionen notdürftig angedeutet sind, das ist das Gespenst, könnte man sagen, des Bourgeois, der wie eine Art Ideal spukt überall da, wo der charakterisierte einseitige Impuls einseitig sich ins Dasein treiben will. Nur eine Hinwegtäuschung über Wesentlichstes ist es, wenn heute der Sozialist oftmals meint, er sei nicht mehr beherrscht von dem Bourgeois-Ideal. Er strebt oftmals gerade erst recht dem Bourgeois-Ideal zu, indem er für sich auch haben will nach und nach, was dem Bourgeois zuteil wurde durch die Zeit, in welcher der Bourgeois eben heraufgekommen ist. Der Bourgeois erkennt die Sinnenwelt und betrachtet dasjenige, was für ihn geltend ist. Begriffe und Ideen sind nur dazu da, die Sinnenwelt mit Klammern zusammenzuhalten. Der Bourgeois erlebt sich in dem, was für die Zeit zwischen Geburt und Tod wesentlich ist, und betrachtet alles übrige, was an sozialen Einrichtungen, an sozialen Idealen ausgedacht werden kann, insoweit, als es fördern kann dasjenige, was zwischen Geburt und Tod eingeschlossen ist.

Viele, die heute tief drinnenstecken in diesem Ideale des Bourgeoistums, werden sich in ihrem Bewußtsein furchtbar dagegen wehren. Aber auf sie ist anwendbar, vielleicht nur variiert, dasselbe, was der Mephisto sagt: «Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.» So merken die Menschen oftmals dasjenige nicht, wovon sie am meisten beeinflußt sind.

Nun, ich habe Ihnen das letzte Mal charakterisiert, wie auch das Spirituelle, wenn man das erreicht hätte, was gewisse Kreise mit der Blavatsky wollten, was aber dann durchkreuzt worden ist, wie auch das Geistige in den Dienst des reinsten Bourgeois-Ideales hätte gestellt werden sollen: Da hätten eben errichtet werden sollen Auskunftsstellen, in denen man die Medien benützt hätte, damit man auf diese Weise durch «Geistes Kraft und Mund» so manches Börsen- und sonstige Geheimnis für das Leben erfahren hätte. Daß übrigens dieser Drang nicht gar so ohne Widerhall in den Herzen der gegenwärtigen Menschen ist, dafür ließen sich sogar viele dokumentarische Beweise anführen; denn die Briefe sind nicht so selten, die bei mir einlaufen von Leuten, die immer wieder und wiederum schreiben, sie seien um ihr Vermögen gekommen und ich möchte ihnen für diese oder jene Lossorte angeben aus Kundgebungen der geistigen Welt heraus, welche Nummer gezogen werden wird, und ähnliche Dinge. Sie lachen darüber, aber diese Dinge sind nicht so ganz selten, und vor allen Dingen aus solchen Gesellschaftskreisen heraus, daß Sie oftmals staunen würden, wenn man Ihnen die Titel anführen würde der Menschen, die solches und ähnliches schreiben.

Also auch das Spirituelle, die Kraft, hineinzuschauen in die geistige Welt, sie wird nicht ins Auge gefaßt von diesem einseitigen Impuls so, daß man hineinkommen soll in die geistige Welt, sondern daß man, wenn es schon solche Kräfte gibt, sie hereinfaßt in die physische Welt, um die physische Welt mit Bezug auf das Prinzip der Nützlichkeit zu fördern. Das ist eine Einseitigkeit. Ich will sie zunächst heute abstrakt schildern, morgen wird es konkreter sein.

Die andere Einseitigkeit, welche der Evolution der fünften nachatlantischen Periode droht, ist diese, welche eben in einseitiger Weise unter dem Einfluß jener Begriffe und Ideen steht, wo die großen Errungenschaften der phänomenalen Welt mehr abgelehnt werden, dafür aber die Pflege der Imaginationen vor allen Dingen in Aussicht genommen wird. Das steht noch viel mehr am Anfange als die andere Einseitigkeit. Aber wer die Entwickelung des russischen Geisteslebens kennt, der kennt auch die mannigfaltigen Einseitigkeiten auf diesem Gebiete. Denn innerhalb mancher östlicher Kreise bildet sich immer mehr und mehr die Anlage zu bedeutsamen Imaginationen heraus. Welche Gestalt solche Imaginationen annehmen, davon kann sich jeder überzeugen, der - was ich empfehlen möchte - den ersten Band der Übersetzung Solowjows liest; in den «Drei Gesprächen», am Schluß des Bandes, da werden Sie finden, wie diesem bedeutendsten russischen Philosophen wirklich bedeutende, bedeutsame Imaginationen aufgehen. Dieses Hineindringen in die geistige Welt, wenn es auch vielfach einseitig, wenn es auch vielfach schief ist - darauf kommt es jetzt nicht an -, sondern darauf kommt es an, daß das sich als gewisse Anlage herausbildet. Das ist charakteristisch für den anderen einseitigen Impuls unserer Evolution der fünften nachatlantischen Periode. Da wird sich mehr ein Leben herausbilden, welches wenig Wert legt auf die Weltenphänomene, dagegen immer mehr und mehr Wert legt auf dasjenige, was der Mensch an Imaginationen aus sich selbst heraussetzt, Imaginationen, die sich oftmals bis zum visionären Leben steigern können. Da wird sich eine besondere Vorliebe für solches visionär gestaltete Leben mit all dem herausbilden, was solches im Gefolge hat.

Dasjenige, was unter dem westlichen Impulse steht, das sieht ab von den geistigen Zusammenhängen, geht auf das Physisch-Sinnliche; was da das einzelne ist, muß daher die geistigen Zusammenhänge, weil sie ja nur physisch zutage treten sollen, in die physischen Kräfte aufnehmen, das heißt es muß möglichst in die Machtorganisation des sozialen Lebens das Geistige hineinfließen. Daher strebt diese einseitige Machtorganisation nach großen Imperien, nach mächtigen Organisationen, welche die einzelne Individualität vernichten. Wenn solche Dinge heute erst im Anfange sind und sie daher derjenige, der sie nicht sehen will, nicht sehen kann, so tut das nichts für die Erkenntnis des Wahrhaftigen. Im Osten dagegen ist das Geistige unmittelbar im einzelnen individuellen Menschen gegeben. Der Mensch kann ja nur in seiner Individualität das Geistige real machen hier in der physischen Welt. Daher strebt alles dasjenige, was unter dem Einfluß dieser Impulse steht, zur Auflösung der äußeren Machtorganisationen, zur Auflösung alles dessen, was durch Verträge, Gesetze, Staatsorganisationen und so weiter die Menschen zusammenhalten will, strebt viel mehr zu dem Sektiererischen, zu dem Vereinzelten hin, zur Negation der äußeren Machtorganisation. Solche Dinge kaschieren sich oftmals. Wenn aber im Osten heute große Machtzusammenhänge, Machtorganisationen auftreten, so ist das zunächst nur eine Reaktion gegen das eigentliche Prinzip des Ostens, lauter kleine Gemeinschaften mit sektiererischem Charakter zu bilden, nicht nur auf dem Gebiete des religiösen Lebens, sondern auch auf dem Gebiete des sozialen Lebens, der Ansichten über das gewöhnlichste, alltäglichste Zusammenleben. Das strebt alles nach Auflösung des Imperialistischen. Und das Menschheitsideal, das sich da heranbildet, das ist dasjenige des Menschen, der durch das Leben gehen will, um sich vom Leben zu befreien, um als ein möglichst Starker durch den Tod hindurchzugehen, um als ein möglichst Starker die Impulse des Bösen zu überwinden, Befreiung zu suchen von dem, was nur Gültigkeit hat zwischen Geburt und Tod. Das wird innerhalb dieser Kulturgemeinschaften angestrebt: durch das Leben zu gehen so, daß sich der Mensch ganz auf die in seinem Innern sich losringende imaginative Welt stellen kann, gewissermaßen eine Art Kosmos, seelischen Kosmos in seinem Innern ausbildet, unbekümmert um die äußeren Zusammenhänge. Während einerseits äußere Zusammenhänge immer wichtiger und wichtiger sein werden, während man immer mehr träumen wird von äußeren Zusammenhängen und immer mehr und mehr die Seligkeit in äußeren Zusammenhängen suchen wird, wird andrerseits immer auftreten das Durchgehenwollen durch das menschliche Leben. Während im Westen das Menschheitsideal der Bourgeois ist, ist im Osten das menschheitliche Ideal - ich kann zunächst kein anderes Wort bilden als - der Pilger, wie man in manchen deutschen Dialekten sagt: der «Bilcher», der durch das Leben pilgert, der das Leben auch als eine Pilgerschaft ansieht, und der im Grunde genommen pilgert, bis er durch das Tor des Todes geht, um da mit starker Seele, die alle Erlebnisse getragen hat, in die rechte Befreiung einzugehen. Wenn er sich einseitig ausbilden wird, dieser Impuls, wird er das feste Stehen in dem anderen Impuls verleugnen.

I II

Verwandtschaft Das Böse (Leiden, Schmerz)

Geburt Glückseligkeit (Nützlichkeit) Tod Erlösung (Bestimmung)

Kampf um Dasein Gegenseitige Hilfeleistung

Bourgeois Pilger