Nicht den Menschen, sondern soziale Folgen seiner Taten beurteilen

Quelle: GA 164, S. 070-077, 1. Ausgabe 1984, 20.09.1915, Dornach

Ferner aber [als das imaginative Erkennen] steht dem Menschen alles dasjenige, was auf einem inspirativen Wege, durch Inspiration, in seine Seele hereinkommt. Denn das sind ja dem Substantiellen nach die Tatsachen der alten Sonnenentwickelung, mit denen der Mensch verbunden war. Und dasjenige, was der Mensch während der alten Sonnenentwickelung in sich aufgenommen hat als Lebenselement, auch das ist da unten in den Tiefen der Menschennatur [bewahrt]. Das muß beleuchtet werden durch bewußte Erkenntnis, wenn es zur Inspiration kommen soll.

Ich habe gestern angedeutet, daß bei der wirklichen, bei der wahren Kunst ein unbewußtes Heraufziehen dieser Dinge, die den alten Sonnentatsachen angehören und die der Mensch als Erbgut bewahrt hat, stattfindet; daß, wenn dieses tief in den verborgenen Untergründen der Seele Befindliche heraufgehoben wird in das bewußte Seelenleben, es da als künstlerische Inspiration dem Menschen bewußt werden kann. Der Mensch lebt dann nur in den Folgen, die von unten heraufkommen; er lebt nicht in den Ursachen. Wenn ich Ihnen schon andeuten mußte, daß der Gedanke unter der Schwelle des Bewußtseins sehr verschieden ist von dem Gedanken, den wir haben, wenn wir aus den unterbewußten Gedanken durch die Erinnerung wieder etwas [ins Bewußtsein] heraufbringen, so muß betont werden, daß noch viel verschiedener, radikal verschieden dasjenige ist, was in Wahrheit in den Tiefen der Künstlerseele lebt, von dem, was dann in das Bewußtsein des Künstlers heraufsteigt.

Nun müssen wir uns eine Eigentümlichkeit recht scharf in die Seele schreiben, wenn wir überhaupt das Ganze der Inspiration verstehen wollen. Sehen Sie, für den Menschen, an den die Inspiration herankommt, gibt es keinen Unterschied zwischen einem objektiven Naturgesetz und demjenigen, was er in seiner Seele erlebt als Gedanke, als Seelenerlebnis. Das Naturgesetz empfindet er ebenso als zu sich gehörig, wie er dasjenige, was in seiner eigenen Seele lebt, als zu sich gehörig empfindet. Ich will so sagen: Wenn sich der Mensch, an den die Inspiration herankommt, zu irgend etwas entschließt, wenn er aus irgendeinem Motiv heraus etwas tut, so liegt dem eine Gesetzmäßigkeit zugrunde. Diese Gesetzmäßigkeit, die ist man zunächst befugt als eine Gesetzmäßigkeit der eigenen Brust zu empfinden, als ein eigenes Erlebnis. Aber man empfindet sie in derselben Objektivität, wie man den Aufgang der Sonne gesetzmäßig in Objektivität empfindet. Ich kann auch so sagen: Wenn ich die Uhr ergreife, so empfinde ich das als meine Angelegenheit auf dem physischen Plan. Bei der physischen Erkenntnis werde ich es nicht so als meine Angelegenheit empfinden, wenn die Sonne morgens aufgeht. In bezug auf dasjenige, was wirklich aus dem Impuls der inspirierten Welt herauskommt, empfindet man aber dasjenige, was in der Natur geschieht, als zu sich gehörig.

Es dehnt sich wirklich das menschliche Interesse über die Naturangelegenheiten aus. Die Naturangelegenheiten werden die eigenen Interessen des Menschen. Solange man nicht das Leben der Pflanze in sich so vertraut empfindet wie die Erlebnisse des eigenen Herzens, so lange kann in der Inspiration keine Wahrheit sein. Solange man nicht einen fallenden Stein, der auf die Oberfläche des Wassers aufplatscht und Tropfen aufspritzen macht, in derselben Weise empfindet, wie man empfinden kann dasjenige, was im eigenen Wesen vorgeht, so lange ist die Inspiration nicht der Wahrheit entsprechend. Ich könnte auch so sagen: Alles, was im Menschen diesem näher liegt als die Natur in ihrer Fülle, das gehört nicht zu den inspirierten Wahrheiten. Ein völliger Unsinn wäre es aber, zu glauben, daß der Inspirierte, wenn ihm einer den Schädel einschlägt, dieses ebenso objektiv empfinden würde, wie er den Ausbruch eines Vulkans empfindet. Subjektiv macht er diesen Unterschied selbstverständlich; aber da ist er eben in dem Augenblick, wo ihm einer den Schädel einschlägt, nicht ein Inhaber einer Inspiration. Für alles aber, was in diesem Sinne Gebiet der Inspiration ist, ist sein Interesse über die ganze Natur hinaus erweitert. Und ich habe schon in dem Haager Zyklus darauf aufmerksam gemacht, wie die Erweiterung des Interesses es ist, worauf es bei der erweiterten Erkenntnis überhaupt ankommt. Wer nicht wenigstens für einen kurzen Zeitraum loskommen kann von dem, was ihn allein angeht, der kann selbstverständlich zu keiner Inspiration kommen. Er braucht es ja nicht immer; im Gegenteil, er wird gut tun, seine eigenen Interessen scharf abzugrenzen von demjenigen, was Gegenstand seiner Inspiration sein soll. Wenn aber der Mensch sein Interesse über die Objektivität hinaus also ausdehnt, wenn er versucht, das Leben der Pflanze in ihrem Werden so zu empfinden, wie er dasjenige, was in seinem Leben vorgeht, empfindet, wenn ihm das, was da draußen wächst und keimt und wird und vergeht, so intim vertraut ist wie das Leben im eigenen Wesen, dann ist er mit Bezug auf alles das, was so an ihn herantritt, inspiriert.

Aber dann ist diese Art, Interesse zu haben, notwendigerweise verknüpft mit einem allmählichen Aufsteigen zu einer solchen Menschenbeurteilung, wie die von uns angedeutete Goethesche Menschenbeurteilung allmählich eine wurde. Goethe lernte durch sein Bemühen [um lebendige Gedanken] des Menschen Verrichtungen von der menschlichen Wesenheit zu unterscheiden. Und dies ist etwas außer-, außerordentlich Wichtiges! Was wir tun oder getan haben, gehört der objektiven Welt an, ist ins Werk gesetztes Karma; was wir als Persönlichkeit sind, ist in fortwährendem Werden. Und das Urteil, das wir fällen über irgend etwas, was ein Mensch getan hat, muß im Grunde genommen auf einem ganz anderen Blatt stehen, als das Urteil, das wir fällen über den Wert oder Unwert einer menschlichen Persönlichkeit. Wir müssen, wenn wir uns den höheren Welten nähern wollen, lernen, der menschlichen Persönlichkeit so objektiv gegenüberstehen zu können, wie wir einer Pflanze oder einem Stein objektiv gegenüberstehen. Wir müssen lernen, Anteil haben zu können auch an der Persönlichkeit derjenigen Menschen, die Taten verrichtet haben, die wir vielleicht im eminentesten Sinne verurteilen müssen. Gerade diese Trennung des Menschen von seinen Taten, die Trennung des Menschen auch von seinem Karma, die muß man vollziehen können, wenn man imstande sein will, ein richtiges Verhältnis zu den höheren Welten zu gewinnen.

Und hier müssen wir, wenn wir uns wahrhaftig auf den Boden der Geisteswissenschaft stellen wollen, auch wiederum sehen, daß da einer der Fälle ist, wo wir scharf in Gegensatz kommen zu dem materialistischen Denken unserer Zeit. Dieses materialistische Denken unserer Zeit hat nämlich als eine Tendenz in sich, die Persönlichkeit des Menschen immer mehr und mehr hineinzuziehen in das Richten über seine Taten. Denken Sie doch nur einmal, daß in der letzten Zeit auf dem Gebiet der äußeren Jurisprudenz immer mehr und mehr die Tendenz sich herausgebildet hat, man müsse nicht bloß, wenn ein Mensch eine bestimmte Tat begangen hat, über diese Tat richten, sondern man müsse auch die ganze menschliche Natur beobachten, müsse Rücksicht darauf nehmen, wie des Menschen Seele ist, wie er dazu gekommen ist [die Tat zu tun], ob er minderwertig oder vollwertig ist und dergleichen. Und gewisse Kreise fordern sogar schon von der äußeren Jurisprudenz, daß nicht nur Ärzte als Sachverständige bezüglich der Beurteilung von Vergehen und Verbrechen zugezogen werden sollen, sondern sogar Psychologen. Aber es ist Anmaßung, über das Wesen des Menschen zu urteilen, anstatt über Taten, die einzig und allein das äußere Leben angehen.

Unter den neueren Philosophen hat einzig und allein einer einige Aufmerksamkeit auf diesem Boden bewiesen. Sie finden ihn auch in meinen «Rätseln der Philosophie» angeführt, allerdings unter anderen Gesichtspunkten. Es ist Dilthey, der aufmerksam darauf gemacht hat, daß die Jurisprudenz wiederum loskommen muß von der psychologischen Jurisprudenz und von allem ähnlichen.

Dasjenige, was der Mensch tut, geht zwei Gebiete an: erstens sein Karma. Das richtet schon durch seine Ursächlichkeit von selbst, das geht den anderen Menschen nichts an. Der Christus selber hat die Sünde der Ehebrecherin nicht gerichtet, sondern sie in den Erdboden hineingeschrieben, weil sie sich im Laufe des Karma ausleben wird. Als zweites geht die menschliche Tat das menschliche Zusammenleben an, und nur von diesem Gesichtspunkte aus ist die Menschentat zu beurteilen. Über den Menschen als solchen zu richten, steht der äußeren gesellschaftlichen Ordnung gar nicht zu.

Aber Geisteswissenschaft wird allmählich sich zu etwas anderem als zum Richten aufschwingen; aufschwingen wird sie sich zum Verständnisse. Und diejenigen Psychologen, die da heute berufen werden könnten, um als Sachverständige zu funktionieren, wenn gerichtet werden soll über die äußeren Taten des Menschen, die werden nichts nützen, denn sie werden doch nichts von der Seele eines Menschen wissen. Die Beurteilung des Menschen soll nicht dem Richten entsprechen, sondern dem Verständnis, denn zu helfen, und nicht zu richten soll unter allen Umständen die Tendenz sein. Zu helfen, und nicht zu richten! Man kann aber nur helfen, wenn man ein Verständnis hat für dasjenige, was in einer menschlichen Seele vor sich geht.

Allerdings, wenn man in Wahrheit und nicht in Lüge die Tendenz hat zu helfen, so wird man von der Welt am allermeisten verkannt werden. Denn derjenige, dem geholfen werden soll, der wird am allerwenigsten dazu geneigt sein, den, der in der richtigen Weise helfen will, auch in richtiger Weise zu beurteilen. Derjenige, dem geholfen werden soll, der wird wollen, daß man ihm in der Art und Weise helfe, wie er es sich denkt! Aber das kann vielleicht die schlechteste Hilfe sein, die man ihm angedeihen läßt, wenn man ihm so hilft, wie er es sich selber denkt. Ein auf Grundlage des seelischen und geistigen Lebens gewonnenes Verständnis wird uns oftmals dazu führen, daß wir dem Menschen, dem wir helfen wollen, gerade das nicht tun, was er voraussetzt, daß wir für ihn tun sollen, sondern daß wir etwas ganz anderes für ihn tun. Vielleicht wird sogar manchmal das Sich-Zurückziehen von einem solchen Menschen die viel bessere Hilfe sein als das Kajolieren; wird das schroffe Zurückweisen von irgend etwas eine viel bessere, liebevollere Hilfe sein als das schmeichelnde Entgegenkommen und Eingehen auf dasjenige, was der betreffende Mensch gerade will. Derjenige kann viel liebevoller einem Menschen gegenüberstehen, der ihn unter Umständen streng behandelt, als der, der ihm in jeder Weise nachgibt. Und Verkennung kann selbstverständlich auf diesem Gebiete nicht ausbleiben, das ist ganz selbstverständlich. Vielleicht wird gerade derjenige, der sich am meisten bemüht, auf diese Art auf die Seele eines Menschen einzugehen, am allermeisten verkannt. Aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß man unter allen Umständen Verständnis sucht, und nicht ein Richteramt ausübt.

Im Zusammenhange unserer geisteswissenschaftlichen Vorträge mußte oftmals von Ahriman und Luzifer gesprochen werden. Selbstverständlich kann man gerade nach den Ausführungen, die in der letzten Zeit gepflogen worden sind, einsehen, wie die menschliche Natur stärker oder schwächer von Ahriman und Luzifer erfaßt werden kann. Denn im Grunde genommen ist ja das Leben überhaupt ein Hin- und Herpendeln zwischen ahrimanischen und luziferischen Impulsen, nur daß die Gleichgewichtslage von dem Sein der Welt selber angestrebt wird, und das Leben gerade in dem Einhalten dieser Gleichgewichtslage besteht. Aber nun fassen Sie einen großen, einen ungeheuren Unterschied ins Auge. Man kann zweierlei tun: Man kann das Urteil fällen, irgendeine Tat eines Menschen sei ahrimanisch oder luziferisch beeinflußt, und kann danach den Menschen richten. Oder man kann das andere tun: Man kann einsehen, daß eine Tat des Menschen ahrimanisch oder luziferisch beeinflußt ist, und kann versuchen, aus dieser Tatsache heraus den Menschen zu verstehen. Und zwischen diesen beiden Urteilen ist der denkbar größte Unterschied. Denn das Urteil zu fällen, irgend etwas Ahrimanisches oder Luziferisches sei im Menschen, erfordert, daß man niemals unter einem anderen Gesichtspunkt dieses Urteil fällt als so: daß man die Menschen ebensowenig nach dieser Erkenntnis, im Menschen leben Ahriman und Luzifer, richtet, wie man irgendeine Pflanze richtet, weil sie rot und nicht blau blüht. Von der Vorstellung, irgend etwas sei im Menschen ahrimanisch oder luziferisch, muß jegliche Art eines richterlichen Urteils ausgeschlossen sein, so wie ausgeschlossen sein muß aus unserem Urteil die Abgabe irgendeines Werturteils, wenn wir die Pflanze, sei sie rot oder blau, erkennen wollen.

Wir müssen vor allen Dingen suchen, die Erkenntnis rein zu halten von jeglicher Emotion, von jeglichem Subjektiven. Und wir werden das in dem Maße immer mehr können, je mehr wir uns bemühen, ein solches zu tun, je mehr wir wirklich anstreben, solche Dinge, wie sie eben ausgesprochen worden sind, mit dem allertiefsten Ernst zu nehmen.

Goethe ist zum Beispiel bestrebt gewesen, gerade in seiner reifsten Zeit, Ereignisse zwischen Menschen hinzustellen wie Naturereignisse. Selbstverständlich nicht von dem Gesichtspunkte aus, als wenn eine mechanische Notwendigkeit in den Menschenzusammenhängen so wie in den Naturzusammenhängen stecken würde. Davon kann keine Rede sein. Sondern die Stellung der Menschenseele zu den Ereignissen im Menschenleben wird allmählich so, daß man mit derselben objektiven Liebe, wie man Naturereignisse betrachtet, auch die Ereignisse im Menschenleben wird gelten lassen für die Erkenntnis. Das gibt jene innere Toleranz, die aus der Erkenntnis selher hervorgeht.

Dadurch aber erwirbt man sich die Möglichkeit, allmählich hineinfließen zu lassen in die Erkenntnis dasjenige, was sonst gar nicht hineinfließen darf in die Erkenntnis: nämlich die Terminologie, die aus dem Gefühl und dem Willen heraus ist. Als ich Ihnen die Psychoanalyse dargelegt habe, haben wir gerade an einem Tage damit geschlossen, daß wir über sie ein verurteilendes Wort sprechen mußten; aber wir haben zuerst nachgewiesen, daß das aus der Sache selber folgte. Und warum konnte dieses Urteil gefällt werden? Hier darf man auch etwas Subjektives aussprechen. Warum durfte ich mir denn zutrauen, ein scheinbar ganz subjektives Urteil über die Psychoanalyse auszusprechen? Weil ich mich bemüht habe - ich spreche etwas Subjektives aus, aber dann ist es so, daß die Dinge vielleicht am leichtesten verstanden werden -, die Psychoanalyse so zu studieren, wie ich etwas studiere, was mir sehr angenehm und sehr sympathisch ist. Das heißt: dieselbe objektive Liebe dem einen wie dem anderen entgegenbringen. Und zu diesem müssen wir uns allmählich hindurchringen, wirklich hindurchringen; sonst suchen wir in der Erkenntnis auch nichts anderes als Sensation, suchen nur das Angenehme in der Erkenntnis. Aber man hat niemals Erkenntnis, wenn man in der Erkenntnis nur das Angenehme sucht!

Für unser physisches Leben gelangt das Sonnenhafte niemals anders in das Bewußtsein des Menschen herein als dadurch, daß es ihn freut oder ihn abstößt. Nur Gefühle gelangen vom Sonnenhaften herein, und wir müssen entgegenkommen dem Sonnenhaften mit unserem Verständnis, wir müssen hinunterdringen in das dem Menschen sonst Fremde. Wir sagten, das Mondenhafte ist dem Menschen verwandt, das Sonnenhafte aber ist dem Menschen nicht mehr verwandt. Wir müssen hinunterbringen, hinuntertragen in Regionen, in die wir sonst nicht eindringen, unser Verständnis, wenn wir das Sonnenhafte der Inspiration uns nahebringen wollen.