Eingeweihter sieht mitschlafendes Volk

Quelle: GA 157, S. 049-054, 2. Ausgabe 1960, 28.11.1914, Berlin

Gestern wurde versucht die italienische, die französische, die britische, die deutsche Volksseele zu charakterisieren. Gewiß wird es unter den Zuhörern solche gegeben haben, die geglaubt haben, daß da nicht objektive Charakteristik, sondern Sympathien und Antipathien sprechen. Wenn aber Sympathie und Antipathie sprechen würden, so müßte die Charakteristik selber verlogen sein, so wurde sie niemals verläßlich sein können. Das können Sie aus diesem einzelnen Falle wohl begreifen, wenn ich das Folgende sage. Sie wissen alle, daß der Mensch nicht nur dieses Wesen ist, als welches er vor uns steht, wenn wir ihn mit Tagesaugen betrachten. Da lebt er seiner eigentlichen Wesenheit nach in seinem physischen Leibe, da blickt er uns gleichsam durch einen physischen Leib an. Diejenige Wesenheit aber, deren er sich aus bestimmten Gründen - die Sie kennen - im gewöhnlichen Erdenleben nicht bewußt ist, diese Wesenheit, die eigentlich innerhalb des Ich und des astralischen Leibes lebt, lebt er ganz abgesondert vom physischen Leib und Ätherleib vom Einschlafen bis zum Aufwachen durch. Beim Geistesforscher ist es ja so, daß er dadurch zu den Ergebnissen seiner Forschung kommt, daß er sich dasjenige durchleuchtet, was sonst zwischen Einschlafen und Aufwachen unbewußt bleibt. Er erlebt dadurch - durch innere Erlebnisse - dasjenige, was sonst hinter den äußeren Eindrücken der Welt, hinter der Phantasmagorie der Welt verborgen bleibt.

Nun ist gestern im öffentlichen Vortrage gesagt worden, daß der Volksgeist, die Volksseele, im Leibe des Menschen lebt. Heute kann ich sagen: Insbesondere lebt die Volksseele im Ätherleibe des Menschen, in dem wir sind in der Zeit vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Beim Aufwachen tauchen wir mit unserem Untertauchen in den Leib zugleich in die Volksseele ein. Schlafend sind wir nicht in der Volksseele, sondern nur vom Aufwachen bis zum Einschlafen.

Nun der Geistesforscher dasjenige gerade innerlich belebt und durchleuchtet, was nicht im physischen Leibe lebt, wie ist es dann mit seinem vom Leibe abgesonderten Leben in der Volksseele? Da wirkt die Volksseele trennend, wenn wir in den Leib untertauchen. Da kann der Geistesforscher ja nicht in der Volksseele leben, wenn er das bewußt durchlebt, was der Mensch im Schlafe durchlebt. Das Eigentümliche ist, daß es zu jeder Zeit, in jeder Gegenwart eine gewisse, man möchte sagen, regierende Anzahl von Volksseelen gibt, und die Art, wie sich diese Volksseelen zueinander verhalten, macht überhaupt das gesamte Erdenleben der Menschheit aus, insofern es physisch verläuft. Wenn man in den physischen Leib untertaucht, taucht man damit in die Volksseele unter. Kommt man aus seinem physischen Leib heraus und erlebt bewußt außerhalb desselben, dann taucht man ebenso - unter all den anderen Erlebnissen, die man durchmacht - jetzt nicht in die eigene, sondern in die anderen Volksseelen unter, mit Ausnahme der eigenen, in der man während des Tageslebens im physischen Leibe lebt. Nehmen Sie im vollen Gewicht, was ich eben gesagt habe. Daß wir mit dem Einschlafen also nicht in eine einzelne Volksseele untertauchen, sondern daß wir untertauchen in das Zusammenwirken, gleichsam in den Reigen der anderen Volksseelen, nur daß in dieses Reigenspiel nicht diejenige Volksseele hineinspielt, in die wir untertauchen, wenn wir in den physischen Leib kommen. Der Geistesforscher durchlebt tatsächlich innerhalb seiner Forschung mit den anderen Volksseelen - nur in ihrem Zusammenklang - dasselbe, was man sonst auf dem physischen Plane gegenüber der einzelnen Volksseele erlebt, die dem Volke angehört, in welchem man sonst darinnensteht.

Nun frage ich Sie: Wenn nun der Geistesforscher tatsächlich das kennt, wie man nicht nur in der eigenen Volksseele lebt, sondern wie man in den anderen Volksseelen lebt, wenn er das durchzumachen hat, hat er dann einen besonderen Grund, mit anderer Objektivität die eigene Volksseele zu schildern als andere Volksseelen? Das hat er nicht. Und hier liegt die Möglichkeit, über die Vorurteile der Sympathien und Antipathien hinüberzukommen und objektiv zu schildern. Es ist selbstverständlich, daß nicht nur der Geistesforscher, der das einfach bewußt durchmacht, was alle Menschen durchmachen, sondern daß jede Menschenseele vom Einschlafen bis zum Aufwachen in allen Volksseelen in ihrem Zusammenspiel lebt, mit Ausnahme derjenigen, in welcher die Seele lebt während des Tagwachens. Das ist das, was uns die Geisteswissenschaft gibt, damit der Horizont unseres Fühlens und Empfindens wirklich erweitert wird. Oftmals sprechen wir ja davon, daß die Geisteswissenschaft geeignet ist, eben durch die Art von Erkenntnis, die sie gibt, die Liebe ohne Unterschied von Volk, Rasse, Stand und so weiter wirklich zu geben. Dieser Satz ist so tief begründet, daß der, welcher einsieht, daß er, wenn er sich in dem Teile als Mensch nimmt, der geistig in ihm ist, sich ja gar nicht ausschließen kann in Haß und Antipathie von dem, was Menschtum ist, sich sagen muß: Es ist eigentlich ein Unsinn, nicht zu lieben! Um aber zu sagen: es ist eigentlich ein Unsinn, nicht zu lieben, muß uns eben die Geisteswissenschaft ergreifen wie ein Leben, nicht bloß wie ein Wissen. Deshalb treiben wir diese Geisteswissenschaft auch nicht wie ein bloßes Wissen, sondern so treiben wir sie, daß sie in jahrelangem Zusammenleben in unseren Zweigen wie eine geistige Nahrung, die wir aufnehmen und in uns verarbeiten, wirklich mit uns eins wird.

Ich sagte: Das Gewöhnliche ist das, daß der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen in dem Zusammenspiel der Volksseelen lebt, der anderen als derjenigen, die seine Volksseele gerade ist. Das ist das Gewöhnliche. Aber es gibt auch ein Mittel, um gewissermaßen in Einseitigkeit in der einen oder in der anderen Volksseele zu leben.

Es gibt ein Mittel, daß man gezwungen wird, in dem Zustande zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen nicht mit dem ganzen Zusammenspiel, nicht mit dem ganzen Reigentanz gleichsam der anderen Volksseelen zu leben, sondern mehr oder weniger gebannt zu sein, mit einer oder mit mehreren anderen Volksseelen zusammenzuleben, die herausgehoben werden aus dem ganzen Zusammensein aller Volksseelen. Ein solches Mittel gibt es, und es besteht darin, daß wir eine oder mehrere Völksseelen - Völker - besonders hassen. Dieser Haß nämlich, den wir aufbringen, gibt die besondere Kraft, in unserem Schlafzustande mit denjenigen Volksseelen leben zu müssen, die wir am meisten hassen oder die wir überhaupt hassen. Man kann sich also nicht besser dazu vorbereiten, in dem unbewußten Zustande zwischen Einschlafen und Aufwachen völlig in eine Volksseele aufzugehen und mit ihr so leben zu müssen wie mit der, mit welcher man im physischen Leibe lebt, als dadurch, daß man sie haßt, aber ehrlich haßt, mit dem Gefühl haßt, und sich nicht bloß einredet, sie zu hassen.

Wenn solche Dinge ausgesprochen werden, dann merkt man, wie tief und ernst die Wahrheit von der Maja genommen werden muß. Denn nicht nur, daß unser Verstand, so wie er einmal konstruiert ist, nicht einsehen will, daß die Dinge in ihren Tiefen anders sind als in ihrer äußeren Phantasmagorie, sondern es bäumt sich unser Fühlen, unser Wollen auf gegen das, was wahr ist für die geistige Welt. Wenn man solche Wahrheiten nimmt, wie die von dem Leben in den andern Volksseelen und besonders in der, welche man haßt, dann wird man sich sagen müssen, daß die größte Anzahl der Menschen die geistige Wahrheit nicht nur aus dem Grunde von sich weist, weit sie der Verstand nicht einsehen kann, sondern deshalb, weil sie sie gar nicht haben wollen, weil sie sie stört auch in dem Empfinden, dem sich der gewöhnliche Erdenmensch hingibt. Sobald man tiefer und ernsthafter auf die Wahrheiten der geistigen Welt eingeht, dann sind sie gar nicht bequem, dann sind sie gar nicht das, was der Mensch, wenn er auf dem physischen Plan allein leben will, eigentlich liebt.

Sie sind unbequem. Sie durchrütteln und durchschütteln uns und fordern, je tiefer sie sind, eigentlich in jedem Augenblicke von uns, daß wir anders sein sollen, als wir gewohnt sind auf dem physischen Plan zu sein. Und dies, daß sie als ein lebendiges Inneres etwas anderes von uns fordert, als wir auf dem physischen Plane sind, das ist zumeist einer der Gründe, warum die Menschen die geistige Wahrheit zurückweisen. Wir können gar nicht anders, als nicht bloß mit einem Teile der Welt oder der Menschheit verbunden zu sein, sondern wir müssen verbunden sein mit der ganzen Welt und mit der ganzen Menschheit. Unser physisches Sein bedeutet im Grunde nur den einen Pendelausschlag, der andere Pendelausschlag ist das Entgegengesetzte in vieler Beziehung; man kennt ihn nur nicht im gewöhnlichen Leben. Man kann sagen, es wird Ernst, sobald man nur auf die tieferen Wahrheiten vom geistigen Leben eingeht Und unendlich richtunggebend können diese tieferen Wahrheiten vom geistigen Leben für dasjenige werden, was Menschheitsentwickelung, was Menschheitsfortschritt gerade in unserer Zeit von uns fordert. Lassen Sie uns aus der geistigen Forschung ein Beispiel herausheben, das insbesondere für die Gegenwart wichtig sein kann.

Sie sehen leicht ein, wenn die Dinge so stehen, wie ich jetzt eben von ihnen gesprochen habe, wenn wir also beim Untertauchen in den physischen Leib und Ätherleib das Miterleben mit dem haben, was man im gewöhnlichen Sinne den Volksgeist, die Volksseele nennt, so gehört dieses Miterleben der Schicksale des einzelnen Volksgeistes zu den Erlebnissen nach dem Tode, die wir nach und nach abstreifen. Oft wurde in bezug auf viele Dinge gesprochen, die der Mensch nach dem Tode abstreift, aber zu diesen Dingen gehört auch das Verbundensein mit dem Volksgeist. Der Volksgeist wirkt im Fortschritt der Erdenentwickelung, er wirkt in dem, wie sich von Generation zu Generation die Menschheit auf der Erde fortentwickelt. Nach dem Tode, zwischen Tod und neuer Geburt, müssen wir uns, wie wir aus anderen uns herausentwickeln, so auch aus dem Volksgeist herauslösen. Das begründet zugleich das Bedeutsame des Heldentodes, des Todes auf dem Schlachtfelde zum Beispiel, das empfunden wird.

Wer ihn richtig fühlt - und es fühlen ihn sicher richtig die, welche mit der richtigen Gesinnung durch diesen Tod gehen -, der weiß, daß dieser Tod ein Tod der Liebe ist, daß er erlitten nicht für das Persönliche, nicht für das, was man mitbehalten kann in der ganzen Zeit zwischen Tod und neuer Geburt für sich; sondern daß er erlitten wird für die Volksseele, indem selbstlos hingegeben wird dieser physische Leib und Ätherleib. Man kann sich den Tod auf dem Schlachtfelde nicht denken, ohne ihn durchdrungen zu wissen von wirklicher innigster Liebe, vom Getragenwerden der Menschen von dem, was zum Heile der Menschheit in der Zukunft beiträgt. Das ist das Große, das Bedeutsame, das Ungeheure gerade dieses Todes auf dem Schlachtfelde, wenn er in richtiger Gesinnung erlebt wird. Denn er ist undenkbar, ohne verbunden zu sein mit der Liebe.

Aber das Zusammensein mit dem einzelnen Volksgeist müssen wir zwischen Tod und neuer Geburt abstreifen. Es muß von uns abfallen. Wir müssen in eine Region hineinkommen, wo wir nicht mit dem einzelnen Volksgeiste als solchem leben. Allerdings ist es dann nicht so, daß wir unmittelbar in andere Volksgeister übergehen können. Das ist zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen der Fall. Wir müssen überhaupt frei werden von dem, was bloß irdisch ist, und müssen eingehen in das Leben, das sich loslöst von dem, was die Entwickelung der Menschheit auf der Erde ausmacht. Also loslösen müssen wir uns auch von alledem, was uns mit den Volksgeistern verbindet Und das ist wieder das, was, wenn wir es uns als Erkenntnis aneignen, unseren Empfindungshorizont erweitert, vergrößert, indem es uns hinblicken läßt auf das andere, das wir suchen, und das nicht um uns herum ist, wenn wir auf dem Horizont des physischen Daseins leben.