Mensch steht höher als Nation

Quelle: GA 287, S. 040, 2. Ausgabe 1985, 19.10.1914, Dornach

Der Geisteswissenschafter kann ein Bild der europäischen Kultur gewinnen für das, was ihm als Prototyp des Zusammenwirkens von Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele, Bewußtseinsseele und Ich vor Augen schwebt. Und es kann als ein hohes Ideal vor unserer Seele stehen, daß wir - durch das, was wir als Geisteswissenschafter über das Zusammenwirken dieser Seelenglieder wissen - wirklich das Unsere dazu beitragen, daß an Stelle dessen, was jetzt als ein Chaos im Zusammenwirken vor uns liegt, dasjenige entstehe, was uns als Ideal des Zusammenwirkens auch in bezug auf die menschlichen Einzelseelen erscheinen muß.

Das ist aber nur dann möglich, wenn jeder Einzelne sich zur Objektivität durchringt. Der Einzelne, der Mensch, steht höher als die Nation. In unserer Zeit sind diese Dinge vielfach getrübt. Solche Bemerkungen zu machen, bin ich nun schon einmal genötigt. Es ist meine spirituelle Pflicht, sie Ihnen zu machen, und nur weil es meine spirituelle Pflicht ist, mache ich diese Bemerkungen in unserer Zeit.

Wir leben ja heute in einer Zeit, in der mehr als je getrübt zu sein scheint der Blick für dasjenige, was die angedeutete Harmonie der Völkerseelenglieder ausmacht, und für alles das, was um uns herum vorgeht. Ich will nicht einmal dabei den Hauptnachdruck auf dasjenige legen, was in den Schlachten geschieht, die muß man aus anderen Notwendigkeiten begreifen, sondern auf das, was vorgeht in der Beurteilung der einzelnen Völker. Alles das scheint zu widersprechen dem, was in der fünften nachatlantischen Kulturepoche sein sollte.