Erklärung des Verbrechens durch Affengehirn einseitig materialistisch

Quelle: GA 061, S. 493-494, 2. Ausgabe 1983, 28.03.1912, Berlin

Ein bedeutsames Beispiel für eine geisteswissenschaftliche Betrachtung ist es gut, wenn überall gründlich zu Werke gegangen wird und daher überall an die Quellen gegangen wird - bietet sich uns an einem Forscher, der ganz gewiß in der Gegenwart zu wenig gewürdigt wird, der zwar durch die Art und Weise, wie er aufgetreten ist, manches vielleicht Unsympathische hat, der aber in bezug auf seine wissenschaftlichen Resultate eine große Bedeutung für die Gegenwart hat. Ich meine den auch im Laufe der Jahre hier schon genannten Moriz Benedikt. Moriz Benedikt ist kein Darwinianer, aber Entwickelungstheoretiker. Er gibt eine Entwickelung zu, wenn auch nicht im Sinne der darwinistischen. Ein einziges Resultat aus der Fülle der Ergebnisse Benedikts sei hier hervorgehoben. Benedikt richtete seinen Blick darauf, moralisch defekte Menschen, sogenannte Verbrecher-Naturen, zu untersuchen. Bevor in einer mehr mundgerechten Weise, wie es dem Publikum mehr zu Recht ist, Lombroso in einer dilettantenhaften Weise auf solche Tatsachen hingewiesen hat, hatte lange vorher Benedikt bereits solche Untersuchungen gemacht, wenn sich auch dieses «lange vorher» nur auf einige Jahre erstreckt. Da sehen wir, wie Moriz Benedikt Verbrechergehirne untersucht, Gehirne von Mördern. Er findet, daß diese Verbrechergehirne alle ein Merkmal haben. Es stellte sich ihm die Tatsache als ganz merkwürdig dar, daß gewisse Furchen, welche sonst an der Oberfläche des Gehirns liegen, beim Verbrechergehirn mehr im Innern sich hinzogen, also von der Gehirnmasse bedeckt waren und nicht nach außen gingen. Er hat aber auch Gehirne von Mördern untersucht, die sozusagen sonst den Eindruck von gutmütigen Menschen machten. Da zeigte sich ihm überall, wie am Hinterhaupt gewisse Unregelmäßigkeiten auftraten, wie der Hinterhauptslappen des Gehirns nicht in rechter Weise das bedeckt, was unter ihm ist, und wie bei solchen Menschen, die zu derartigen Verbrechen getrieben waren, in der Form des Gehirns sich eine Xhnlichkeit mit dem Affengehirn ausspricht. Daher kam Benedikt zu dem Resultat, daß im Grunde genommen in dieser physischen Organisation des Menschen, in der Nichtvollentwickeitheit des Menschen, der Grund läge für seine abnormen Handlungen, so daß gleichsam dasjenige, wovon der Mensch den Ursprung genommen habe, das niedere Tierische, in den inneren Formen bis zum Gehirn hinauf wieder zum Ausdruck komme. Und weil so der Mensch das, worüber er hinausschreiten sollte, noch in sich trägt, werde er zum Verbrecher. So begründet Moriz Benedikt seine ganze Anschauung über das Recht, über die Moral und über die Strafe darauf, daß eigentlich beim Verbrecher, bei der Verbrecher-Individualität etwas zu finden sei wie eine Erbschaff aus denjenigen Zeiten her, da der Mensch noch unten bei seinem Ursprungswesen war bei den höheren Tieren. Wie gesagt, Moriz Benedikt ist kein Darwinist, aber er kommt mit seinem Denken auch nicht weiter, als zu glauben, daß man dabei stehen bleiben müsse, dem Verbrecher in seiner Individualität eine solche Organisation zuzuschreiben, welche ihn vom Physischen heraus zu seinen Taten zwinge. In der Anthropologie sucht dieser Forscher des neunzehnten Jahrhunderts dasjenige, was er zum Verständnisse abnormer Menschentaten haben zu müssen glaubt.