Karmastrafe durch Wiederholung des Fehlers testen

Quelle: GA 266a, S. 248-249, 1. Ausgabe 1995, 15.09.1907

Wir wollen uns einmal ein wenig klarwerden darüber, wie man sich die theosophischen Wahrheiten selbst beweisen kann. Wir reden von der Wiederverkörperungslehre und vom Karmagesetz. Nun kommen leichtgläubige Menschen und sagen: die Reinkarnationsiehre erscheint uns sehr glaubhaft und verständlich, denn alle Rätsel des Lebens können dadurch gelöst werden. Wenn man hineinschaut ins Leben und sieht, wie ein Kind geradezu im Rinnstein geboren wird und schon von Geburt an dazu prädestiniert ist, nichts Rechtes zu werden und sein Leben in Jammer und Elend zu verbringen, und wenn man sieht, wie ein anderes Kind im Palaste zur Welt kommt, vom ersten Tage an von sorgender Liebe umgeben und mit allen Geistesgaben ausgestattet, so wird da die Wiederverkörperungslehre eine gute Erklärung geben können, indem sie sagt, daß die beiden Kinder den Grund zu ihrem jetzigen Leben in einer früheren Verkörperung selbst gelegt haben. Aber dann kommen die Nachdenksamen und sagen: Deswegen, weil Eure Wiederverkörperungslehre eine schöne Erklärung für viele Rätselfragen des Lebens geben kann, glauben wir noch lange nicht daran, denn eine Erklärung ist kein Beweis. - Die Menschen, die so sprechen, haben ganz recht. Denn ich darf eine Weltanschauung nicht deswegen für richtig halten, weil sie mir bequem ist. Aber gleichwohl könnten diese Menschen, wenn sie ernstlich wollen, sich den trefflichsten Beweis für die Reinkarnationslehre geben. Man sage sich einmal: Ich will annehmen, daß es eine Wiederverkörperung gibt. Ich glaube es zwar nicht, aber ich kann es ja einmal annehmen. Ich will mich also ganz so verhalten, als wenn meine Annahme Wahrheit wäre und abwarten, was sich dabei herausstellt. - Der Mensch, der so denkt und handelt, wird erstaunliche Erfahrungen machen. Bei allem, was ihm zustößt, wird er denken: Ich selbst habe einst in einem früheren Leben den Grund dazu gelegt und trage nun die Folgen meiner eigenen Taten. Wenn ein solcher Mensch einmal unbewußt eine Torheit gemacht hat und die Strafe ihn ereilt, so wird er denken: Nun will ich diese Torheit doch gleich noch einmal bewußt machen, damit ich sehe, daß ich es war, der die Ursache zu diesen häßlichen Folgen legte. Denn wenn ich selbst die Ursache bin, so müssen jetzt, wo ich bewußt diesen Fehler begehe, auch die nämlichen Folgen sich einstellen. - Das ist der wahre Sinn dieses Bibelwortes: «Wenn dir jemand auf die linke Backe schlägt, dem biete die rechte auch dar.»

Wer es fertigbringt, bei allem, was ihn trifft, in sich selbst den Grund zu suchen, der leistet viel. Wer es durchführt, wird bald bemerken, wie es ihn vorwärtsbringt, wie er anfängt, sich aus den karmischen Ketten zu lösen und sein Leben immer mehr selbst in die Hand bekommt. Frei und sicher geht ein solcher Mensch seinen Lebensweg.