Blaues Blut als Strafe für Baum der Erkenntnis

Quelle: GA 265, S. 345-346, 1. Ausgabe 1987, 21.05.1907

Denken Sie sich, der Mensch stünde vor Ihnen, und Sie könnten nur das Rieseln des roten Blutes verfolgen: Sie würden vor sich haben einen lebendigen roten Baum. Von diesem sagt der christliche Esoteriker: Er ist der Baum der Erkenntnis. Der Mensch hat ihn an sich gerissen, er hat genossen von dem roten Blutbaum. Die Errichtung des roten Blutbaumes, der der wahre Baum der Erkenntnis ist: das ist die Sünde. Und Gott vertrieb den Menschen aus dem Paradies, auf daß er nicht auch von dem Baum des Lebens genieße. Wir haben noch einen anderen Baum in uns, den Sie sich ebenso vorstellen können wie jenen. Aber er hat rotblaues Blut. Dieses Blut ist Todesstoff. Der rotblaue Baum war dem Menschen in derselben Zeit eingepflanzt worden wie der andere. Als der Mensch im Schoße der Gottheit ruhte, da war die Gottheit in ihm fähig, das, was sein Leben und seine Erkenntnis bedeutet, ineinander zu verschlingen - und in der Zukunft liegt der Zeitpunkt, wo der Mensch durch sein erweitertes Bewußtsein in sich selbst fähig sein wird, das blaue Blut umzuwandeln in das rote; dann wird in ihm selbst der Quell sein dafür, daß der blaue Blutbaum ein Baum des Lebens ist. Heute ist er ein Baum des Todes. - So lebt in diesem Bilde ein Rückblick und ein Vorausblick!

Sie sehen, daß im Menschen ein roter und ein rotblauer Blutbaum verschlungen sind. Das rote Blut ist der Ausdruck des Ich, ist das Untere der Ich-Erkenntnis, das blaue Blut ist der Ausdruck des Todes. Als Strafe wurde zu dem roten Erkenntnisbaum der blaue Blutbaum als der Baum des Todes hinzugefügt. In ferner Zukunft wird dieser Baum des Todes in den Baum des Lebens verwandelt werden, so wie er ursprünglich ein Baum des Lebens war. - Wenn Sie sich den Menschen vorstellen, wie er vor Ihnen steht, beruht sein ganzes Leben gegenwärtig auf der Wechselwirkung dieser zwei Baume.