Völker als Formen einer einzigen geistigen Wahrheit

Quelle: GA 054, S. 449-450, 2. Ausgabe 1983, 29.03.1906, Berlin

Daran können Sie sehen, wie die Theosophie oder Geisteswissenschaft mit ihrer Auffassung der Mythen der Kunst Wagners näherkommen muß. Es ist vor allen Dingen dem Theosophen klar, daß wir in den Sagen nichts anderes zu sehen haben als Bilder und Ausdrücke für große Wahrheiten. Den alten Völkern wurden dadurch gegeben die Bilder der Entwickelung des äußeren Lebens und der Seele. An der Lohengrin-Sage wird etwas klargemacht, damit der Mensch wüßte, was mit ihm geschieht, wenn er an gewissen Stufen angelangt ist. Den Völkern wird die Wahrheit in der Weise verkündigt, daß sie es fassen können. Stämme und Völker gab es und gibt es, die nur in Sagenform die großen Wahrheiten fassen können. Heute reden wir nicht mehr in bildlichen Formen. Die Geisteswissenschaft enthält dieselben Wahrheiten, die in grandiosen Sagen vor das alte Volk hingebracht worden sind und die Wagner zu erneuern sucht.

Die Geisteswissenschaft redet in einer andern Weise, aber was sie als Geist einströmen lassen will in die Welt, ist dasselbe. Und so fühlen wir, daß nicht nur das wahr ist, was Schopenhauer sagt, daß die großen Geister sich über die Jahrhunderte hin verstehen, daß Plato und Spinoza, Buddha und Goethe, Giordano Bruno und Sokrates, Hermes und Pythagoras, über Jahrhunderte hin sich verstehen, miteinander reden, in einem geistigen Verkehr sind. Nicht bloß das ist wahr, nicht bloß die auserlesenen Individualitäten verstehen sich, sondern auch das, was als Wahrheit in dem Volksgeiste lebt. Das klingt zusammen zu einem großen geschichtlichen Sphärenklang, und das verspüren wir, wenn wir uns heute klarmachen, was in den Sagen und Mythen lebt, wenn wir es auferstehen lassen für die höhere Seele der Gegenwart. Eine Wahrheit lebt zu allen Zeiten und drückt sich in den verschiedensten Formen aus. Dringen wir ein in diese Wahrheiten und wir werden verstehen, wie die Völker und Zeiten in diesen einzelnen Formen sprechen, und wir werden es nachklingen hören, wie in den mannigfaltigsten Tönen die eine Wahrheit allen Völkern, allen Menschen sich kündet.