Sokrates - Bewußter Tod durch Todesstrafe als Vorbereitung zum Christentum

Quelle: GA 092, S. 084, 1. Ausgabe 1999, 21.10.1904, Berlin

In den alten Druiden-Mysterien im Norden wurden ähnliche Initiationen vollzogen wie bei andern aufsteigenden Völkern der damaligen Zeit. Ein Unterschied ist aber hervorzuheben zwischen dem, was sich im Norden vorbereitete und dem, was in andern Gegenden geschah. Um uns eine begriffliche Anschauung davon zu bilden, müssen wir einen Blick zurückwerfen auf die Entstehung der menschlichen Rassen auf den allmählich zu menschlichen Wohnstätten sich herausgestaltenden Gebieten der Erde. Von einer physisch bewohnbaren Erde können wir erst sprechen seit der lemurischen Wurzelrasse. Aber eine Äthererde ging dieser lemurischen Zeit voran, an welche die Sagen über das Paradies anknüpfen, ebenso die Sagen der verschiedenen Völker des südlichen und nördlichen Erdkreises. Sie sind dasjenige, was den Weisheitschatz der Mysterien bildet. Die Schulung in den Mysterien bestand darin, daß sie, dem Auffassungsgrade der Menschen gemäß, ihnen stufenweise dasjenige enthüllten, was die menschlichen Seelen imstande waren aufzunehmen und zu verarbeiten. Man kann also vom gemeinsamen Ursprung der Mysterien sprechen, der in der imaginativen und inspirierten Erkenntnis ihrer sie leitenden Lehrer liegt und von der dadurch gegebenen Einheit der Lehren, aber auch von deren Verschiedenheit, die durch die Zeitenläufe und die geographische und menschliche Umgebung gegeben ist. Sie waren geschützt durch die strengste Schweigepflicht, da durch Unreife Böses statt Gutes entstehen mußte, und auf dem Verrat der Mysterien an unreife Menschen stand Todesstrafe.

Doch lassen wir jetzt einige Streiflichter auf dasjenige fallen, was als gemeinsame Richtlinien zugrundelag den alten atlantischen Mysterien, die sich aus den Orakelstätten heraus zu Einweihungsschulen gestalteten. Auf neuplatonische Quellen und auf Plotin sich stützend, hat die theosophische Literatur ihre chronologischen Untersuchungen an die Annahme geknüpft, daß mit Sokrates der geschichtliche Augenblick gegeben war, in dem die früher von göttlichen Wesenheiten inspirierte und den Menschen als Werkzeug benutzende Weisheit sich in den Menschen, den Anthropos, hinuntersenkte und allmählich sein Gut, seine Aufgabe, seine Pflicht wurde. Sokrates mußte noch den Tod dafür erleiden, daß er Wahrheiten aus den Mysterien seinen Schülern vermittelte. Er nahm den über in verhängten Tod willig und bewußt auf sich. Aber die Metamorphosierung dieses Gedankens des bewußt erlebten Todes, der erst zum wahren Leben führt, sollte erst in den nordischen Völkern zur Reife gelangen, die langsam und allmählich dafür vorbereitet wurden durch dasjenige, was in ihren eigenen Mysterien lebte, und die durch eine lange Wartezeit hindurch zu einer größeren Reife ihres Seelenorganismus geführt wurden. Buddha wurde aus seiner Religionsgemeinschaft ausgestoßen, weil er hinausging, von Ort zu Ort wanderte und den Menschen die Lehre brachte von der Befreiung durch den Tod. Das war eine Mysterienwahrheit, die noch nicht gelehrt werden durfte. Sie durfte nur in einer fernab liegenden Zeit zur Geltung kommen und konnte jetzt nur in einzelnen Feuerseelen, diese ferne Zeit vorbereitend, leben. Ihre Erfüllung sollte sie erst finden durch das Christentum. Doch bis zu dieser Zeit ihrer Erfüllung mußten gewisse Völkerschaften durch ihre Mysterien eine Erziehung erhalten, die sie als Volkssubstanz für die fernab liegenden Aufgaben der Menschheitszivilisation prädestinierten.