Gewissen nicht aus Strafe sondern Individuum entstanden

Quelle: GA 053, S. 078-081, 2. Ausgabe 1981, 20.10.1904, Berlin

Dieses Gesetz, durch das der moralische Stempel einer Handlung unter allen Umständen zur Wirkung kommen muß, ist das Gesetz von Karma. So haben wir die Begriffe von Reinkarnation und Karma kennengelernt. Mancherlei wird eingewendet gegen diese Begriffe; gegen deren allgemeinen Charakter kann aber durch den wirklichen Denker nichts eingewendet werden. Das menschliche Leben zeigt uns in allen Erscheinungen, und die äußeren Tatsachen beweisen es, daß Entwickelung auch in dem geistigen Leben da ist, daß Ursache und Wirkung auch im geistigen Leben vorhanden sind. Auch diejenigen, welche nicht auf dem Standpunkte der Theosophie stehen, haben versucht, Ursache und Wirkung auch auf dem geistigen Gebiete zu suchen, so zum Beispiel ein Philosoph der neueren Zeit, Paul Rée, der Freund Friedrich Nietzsches. Er hat eine geistige Erscheinung auf äußerliche Weise durch die Entwickelung zu erklären versucht. Er frägt: Ist das Gewissen immer da gewesen in der Entwickelung? - Und er zeigt dann, daß es Menschen gibt, die das nicht haben, was wir in unserer Entwickelung Gewissen nennen. Er sagt, es hat Zeiten gegeben, in denen so etwas in der menschlichen Seele noch nicht entwickelt war, was wir Gewissen nennen. Dazumal haben die Menschen, verschieden von uns, bestimmte Erfahrungen gemacht. Die Menschen haben gefunden, daß, wenn sie gewisse Taten vollziehen, ihnen diese Taten Bestrafung einbringen, daß die Gesellschaft sich rächt an denjenigen, die der Gesellschaft schaden. Dadurch hat sich innerhalb der menschlichen Seele ein Gefühl für dasjenige, was sein soll, und für dasjenige, was nicht sein soll, entwickelt. Das ist im Laufe der Zeit in eine Art Vererbung übergegangen, und heute werden die Menschen mit dem Gefühl, das sich eben im Gewissen ausdrückt - etwas soll sein oder etwas soll nicht sein -, schon geboren. So hat sich im allgemeinen, so meint Rée, bei der ganzen Menschheit das Gewissen entwikkelt. Rée hat hier in schöner Weise gezeigt, daß wir auch den Begriff der Entwickelung auf die seelischen Eigenschaften, auf das Gewissen also, anwenden können. Hätte er noch einen Schritt weiter gemacht, so wäre er in das Gebiet der Theosophie hineingekommen.

Nur noch eine Erscheinung möchte ich erzählen, das ist die Erscheinung, daß wir in der europäischen Kulturgeschichte geradezu den Punkt genau angeben können, wo überhaupt zuerst vom Gewissen gesprochen wird. Wenn Sie die ganze alte griechische Welt durchgehen und die Beschreibungen und Schilderungen verfolgen, so finden Sie nirgends, nicht einmal in der alten griechischen Sprache, ein Wort für dasjenige, was wir Gewissen nennen. Man hatte kein Wort dafür. Besonders auffallend dürfte sein das, was wir bei Plato über Sokrates erzählen hören. In allen sokratischen Gesprächen ist noch nicht das Wort enthalten, das später - erst im letzten Jahrhundert vor Christi Geburt - in Griechenland aufgetreten ist. Einige meinen, daß das Dämonium das Gewissen sei. Das kann aber leicht widerlegt werden, und es kann daher nicht ernsthaft in Betracht gezogen werden. Das Gewissen finden wir nur in der christlichen Welt. Es gibt eine Dramentrilogie, die Orestie von Äschylos. Wenn Sie diese drei Dramen verfolgen, so sehen Sie, daß Orest unter dem unmittelbaren Eindruck des Muttermordes steht. Er hat die Mutter gemordet, weil sie den Vater getötet hat. Nun wird uns vorgeführt, wie Orestes verfolgt wird von den Erinnyen, und es wird uns gezeigt, wie er sich dem Gerichte stellt und das Gericht ihn freispricht. Nichts tritt auf als der Begriff der äußerlich sich rächenden Götter. Es drückt sich der Vorgang aus in der Furcht vor äußeren Gewalten. Nichts ist darin von dem, was den Begriff des Gewissens einschließt.

Dann folgt Sophokles und dann Euripides. Bei ihnen tritt uns Orest ganz anders entgegen. Warum er sich schuldig fühlt - das tritt uns hier in einer ganz anderen Weise entgegen. Bei diesen Dichtern fühlt Orest sich schuldig, weil er jetzt ein Wissen davon besitzt, ein Unrecht getan zu haben. Und daraus bildet sich im Griechischen und ebenso im Lateinischen das Wort Gewissen. Ein Wissen von seiner eigenen Tat haben, sich beobachten können, bei seiner eigenen Tat sein - das muß sich also erst entwickelt haben. Wenn nun Paul Rée recht hätte, daß das Gewissen eine Folge allgemeiner menschlicher Entwickelung wäre, daß es sich herausentwickelt aus dem, was der Mensch beobachtet, indem er Strafe erhält für dasjenige, was den Mitmenschen schadet, und daß es somit ihm selbst schadet, wenn er etwas tut, was nicht im Sinne einer vernünftigen Weltordnung ist, wenn das die Ursache wäre, dann hätte zweifellos dieses Gewissen auch generell auftreten müssen. Weil die äußere Veranlassung im gleichen Sinne verläuft, so müßte es bei größeren Menschenmassen auftreten; es müßte in einem Stamme zu gleicher Zeit auftreten, artgemäß sich entwickeln. Hier müßte man die griechische Geschichte als Seelengeschichte studieren. Damals nämlich, als in Griechenland bei einzelnen sich der Begriff entwickelt hat, den wir im älteren Griechenland noch nicht finden, da war eine Zeit, in welcher geradezu die öffentliche Gewissenlosigkeit an der Tagesordnung war. Lesen Sie die Schilderungen der Zeit der Kriege zwischen Athen und Sparta! Wir können also in bezug auf das Gewissen nicht von etwas Artgemäßem sprechen wie beim Tier.