Richter wegen Staatsverhältnissen keine Psychologen

Quelle: GA 031, S. 278-281, 2. Ausgabe 1966, 15.10.1898

Alle Leute mit psychologischem Urteil konnten aus dem Verhalten des Hauptmann Dreyfus vor, während und nach seiner Verurteilung mit Bestimmtheit sagen: Dieser Mann muß unschuldig sein.

In den letzten Wochen ist zu den Gründen, welche diese Menschen mit psychologischem Blick hatten, noch ein weiterer hinzugetreten. Die Briefe, die Dreyfus vom Dezember 1894 bis zum März 1898 an seine Gattin geschrieben hat, sind veröffentlicht worden. Sie sind ein psychologisches Dokument ersten Ranges. Ich möchte die Empfindungen rückhaltlos verzeichnen, die beim Lesen dieser Briefe durch meine Seele gezogen sind. Dreyfus ist eine Persönlichkeit mit Eigenschaften, die ich hasse. Er ist mir unsympathisch, wie mir nur ein Mensch unsympathisch sein kann. Er ist ein bornierter Chauvinist. [...] Eine verbohrte Soldatennatur ist Dreyfus. Die Entrüstungsrufe, die er aus seinem Gefängnis, aus dem Exil an seine Gattin sendet, tragen alle einen kleinlichen Charakter. Keine Löwennatur bäumt sich auf gegen maßlose Ungerechtigkeit, sondern ein kleiner Patriot und Gesellschaftsmensch, der sich selbst umgebracht hätte, wenn er sich nicht verpflichtet fühlte zu leben, bis seine «Ehre» und der gute Name seiner Kinder wiederhergestellt ist. Für eine mir sympathische oder große Persönlichkeit trete ich nicht ein, sondern ich spreche gegen das mit Füssen getretene Recht der Persönlichkeit, gegen die mit Kot beworfene Freiheit. [...]

Niemand, der mit psychologischem Blick diese Briefe liest, kann noch an die geringste Schuld dieses Mannes glauben. Als ein mit monumentalen Worten sprechendes Zeugnis sollten diese Briefe gelesen werden, daß heute in der Republik Frankreich das Recht der Persönlichkeit, daß die Freiheit zerstampft werden kann, daß der Mensch rechtlos sein kann in einem Staate, der sein Dasein auf sogenannte Freiheitsrechte stützt.

Gäbe es Richter, könnte es bei den gegenwärtigen Staatsverhältnissen solche geben, welche nicht nach dem Buchstaben der Gesetze Urteile fällen, die den Tatsachen gegenüber wie Hohn sich ausnehmen, so bedurfte es nur dieser Briefe, um Dreyfus aus seiner Verbannung zu holen, ihn von aller Schuld freizusprechen und ihm zu gewähren, was er verlangt und wessen er noch fähig ist.

Aber die Richter können keine Psychologen sein. Stärker für sie als der Beweis, den die Briefe für die Unschuld liefern, spricht der Umstand, ob es irgendwo einen vieldeutigen Paragraphen gibt, der spitzfindig zu Gunsten oder Ungunsten des Verurteilten ausgelegt werden kann.