Keine Kälte, sondern Seligkeit der Befreiung

Quelle: GA 032, S. 219-223, 2. Ausgabe 1971, 09.07.1898

Was sich in Max Stirners Seele abgespielt hat, bevor er sein Lebenswerk der Welt vorgelegt hat, davon ahnen die zahlreichen Menschen nichts, die seine Schöpfung die eines kalten, nüchternen Verstandesmenschen nennen. Ich habe oft Menschen getroffen, die ihn so genannt haben. Dann stand ich immer ratlos da. Denn ich wußte mit solchen Menschen nicht recht zu sprechen. Als ich Stirners Buch las, da empfand ich einen Nachklang von Leiden und Freuden, von Leidenschaften und Schnsuchten, die Jahrhunderte lang die Herzen der Menschheit durchzuckt haben, in deren Banden heute noch immer fast unser ganzes Geschlecht lebt. Und ich hatte eine Empfindung von der Seligkeit, welche die Brust des Mannes durchdrang, der da sagen konnte: «Alle Wahrheiten unter mir sind mir lieb; eine Wahrheit über mir, eine Wahrheit, nach der ich mich richten müßte, kenne ich nicht.» Auch Fichte war eine stolze, eine kraftvolle Persönlichkeit. Aber was sagt er? «Ich bin ein Priester der Wahrheit; ich bin in ihre Solde; ich habe mich verbindlich gemacht, alles für sie zu tun und zu wagen und zu leiden.» Ein Eroberer ohnegleichen ist Max Stirner, denn er steht nicht mehr im Solde der Wahrheit; sie steht in dem seinen. «Der Eigner» - so sagt Stirner - «kann alle Gedanken, die seinem Herzen lieb waren und seinen Eifer entzündeten, von sich werfen und wird gleichfalls "tausendfältig wieder gewinnen", weil er, ihr Schöpfer, bleibt.» Wer es in seiner Seele durchleben kann, was dazu gehört, sich nicht nur der Sklavenketten zu entäußern, die uns Gott, die Menschheit, die Humanität, die Gerechtigkeit, der Staat auferlegen, sondern auch derjenigen, die uns von der «ewigen Wahrheit» geschmiedet sind, der wird Stirners Buch, das uns erzählt, wie sein Verfasser diese Ketten zerrissen hat, mit Gefühlen lesen, die weit hinausgehen an Wärme über alles, was wir sonst bei den erhabensten Schöpfungen und Leistungen der Menschen empfinden.

Und wie wenig hat Max Stirner verraten von den Leidenschaften, die sein Inneres durchwühlt haben bis zu der Zeit, in der er sein stolzes Buch niedergeschrieben hat! Fünf kurze Arbeiten hat John Henry Mackay in seinem Büchlein «Max Stirners kleinere Schriften» (Berlin 1898, Schuster & Loeffler) über diesen Entwickelungsweg Stirners der Vergessenheit entrissen. Man möchte wünschen, daß unsere in allen Dingen, die sich auf Weltanschauung und die höchsten Interessen der Menschheit beziehen, so feigen Zeitgenossen das dünne Büchlein lesen und immer wieder lesen. Wenn sie nur die Scham darüber verwinden können, wie klein sich ihre Gedankenzwerge gegenüber den Ideenriesen dieses Großen ausnehmen, dann können sie viel Nutzen durch das Buch haben.

Ich möchte hier nichts über den Inhalt des Büchleins sagen. Denn wer solche Dinge nicht liest, verdient gar nicht, daß er über ihren Inhalt aus zweiter Hand etwas erfährt. Ich möchte aber sagen, wie das Büchlein auf mich gewirkt hat.

In seinem «Einzigen und sein Eigentum» trat mir Stirner als ein Vollendeter entgegen. Wie ist der Mann aufgestiegen zu dieser Höhe? Ich sehe ihn nun wachsen, indem ich die fünf Aufsätze lese, die Mackay veröffentlicht hat. Ich sehe Max Stirners leidenschaftliches Ringen.

«Das unwahre Prinzip unserer Erziehung, oder der Humanismus und Realismus» ist der erste der Aufsätze. Er ist von Stirner in der «Rheinischen Zeitung» im April 1842 veröffentlicht worden. Ein Stück Seelenleben des Mannes hat in diesem Aufsatze Worte gefunden. Ich will nicht davon sprechen, daß unsere weisen Erziehungs- und Unterrichts-Reformatoren sich ein paar Stunden hinsetzen sollten - sie würden wahrscheinlich doch viel länger brauchen - und den Aufsatz studieren. Denn sie könnten daraus mehr lernen, als aus den impotenten Verhandlungen, die unsere Schulmänner heute mit der Aufwendung aller ihrer Geisteskraft führen. Aber ich will davon sprechen, daß dieser Aufsatz Stirners ganze Weltstellung in einziger Weise charakterisiert.

Ein unpersönliches Wissen wollten die Philosophen zu allen Zeiten. Ein Wissen, das ihnen verrät, welche Mächte die Welt im Innersten zusammenhalten. Brünstig verlarigten sie nach solcher «Wissenschaft». Die Welt ist da, so sagten sie. Sie ist gesetzmäßig. Uns drängt es, die Gesetze, nach denen sie eine objektive Macht geformt hat, zu erforschen. Und wenn sie dann «redlich» erforscht hatten, was «die Welt im Innersten zusammenhält», dann fühlten sich die Philosophen so selig, wie wenn dem Bräutigam die Geliebte das Jawort gegeben hat. Denn - wie sagt doch Nietzsche? - die Wahrheit ist ein Weib. Stirner ist kein Freier; er ist Eroberer. Er überwindet die Wahrheit. Er verdaut sie. Und sie wird bei ihm nicht Weltanschauung, nicht Philosophie, von der er uns Mitteilung macht. Sie wird Persönlichkeit. Das Wissen soll nun nicht mehr etwas sein, was die Menschen leidend von außen empfangen; es wird in ihnen Fleisch und Blut.

Sie nehmen nicht mehr bloß die Gesetzmäßigkeit der Welt wahr: sie stellen sie selbst dar. Sie wollen jetzt, was ihre Vorläufer bloß gewußt haben. Der Aufsatz, der das verkündet, klingt in die Worte aus: «So ließe sich der notwendige Untergang der willenlosen Wissenschaft und der Aufgang des selbstbewußten Willens, welcher sich im Sonnenglanz der freien Persönlichkeit vollendet, etwa folgendermaßen fassen: Das Wissen muß sterben, um als Wille wieder aufzuerstehen, und als freie Person sich täglich neu zu schaffen.»

Wie das Wissen persönlich werden kann, wie dasjenige, was man denkend erkennt, in die Kraft des persönlichen Willens übergehen kann, das hat sich Stirner in diesem Aufsatze beantwortet. Wie man aus dem Welterkenner der Weltherrscher, aus dem Priester der Wahrheit der Herr der Wahrheit werden kann, das ist die Frage für ihn gewesen.

Noch weniger will ich auf die anderen Aufsätze Stirners eingehen. Ich will bloß den fingerfertigen Wochenschrift-Artiklern, die meisterlich die Feder führen, weniger aber die Vernunft in ihrer Gewalt haben, raten, bevor sie über Stirner im schönen Bunde mit Bismarck und den Agrariern ihre grenzenlos lächerlichen Sätze hinschreiben, erst einmal ein paar Seiten des Büchleins zu lesen, das jetzt Mackay veröffentlicht hat. Der «Einzige und sein Eigentum» ist für solche Handlanger des Bundes der Landwirte, auch wenn sie es bis zur fragwürdigen Kollision mit Majestätsbeleidigungsparagraphen bringen, doch etwas zu schwer. Aber die Vorstufen, die Stirner allmählich zu seinem Lebenswerk führten, die könnten sie vielleicht noch erklimmen.

Und wenn sie dann das bißchen Nervenkraft, das sie noch haben, ökonomisch zusammenhalten, dann könnten sie vielleicht sich ebenso mannhaft gegen ihre Ankläger verteidigen, wie es Stirner in den eben auch von Mackay veröffentlichten «Entgegnungen» gegen sein Hauptwerk getan hat und brauchten nicht «die greisen, in den Ruhestand verabschiedeten Offiziere», den Fürsten Bismarck, den Herrn von Stumm, Herrn Bronsart von Schellendorf und die «gekrönten Vettern» etc. zu Kronzeugen ihrer unbeträchtlichen Behauptungen aufzurufen. Aber ich bin doch ein Tor, daß ich mich bei Betrachtungen über Stirner deutscher Leitartikler von Wochenschriften erinnere. Mein Gesinnungsverwandter Mackay wird mir das verzeihen. Was kann ich dafür, wenn draußen ein heiserer Hahn kräht, während Konrad Ansorge mir die erhabenste Klavierkomposition verspielt.