Oliver Rautenberg – Der Anthroblogger

23.06.2022

Oliver Rautenberg, besser bekannt als „AnthroBlogger“, kritisiert nach eigenen Angaben bereits seit 13 Jahren Anthroposophie und hat dies zu seinem journalistischen Projekt gemacht. Der Journalist und Medienwissenschaftler Christoph Fasel hat Rautenbergs Arbeit in einem Gutachten untersucht und kommt zu dem Fazit: „So darf niemand arbeiten, der sich Journalist nennen will“.[1] Betrachtet man einige Ergebnisse seiner Arbeit, so ist dieses Urteil leicht nachzuvollziehen.

Um die Anthroposophie zu diskreditieren, nutzt Rautenberg gerne Zitate ihres Gründers Rudolf Steiner, um dessen Unzulänglichkeit und Unfähigkeit zu demonstrieren und damit der Anthroposophie zu schaden. Genügt die Dekontextualisierung der Zitate nicht, um Rautenbergs Behauptungen ausreichend zu unterstützen, nimmt er auch kleine Änderungen an ihnen vor. Allein um eine Untersuchung seiner Methode und des Wahrheitsgehalts seiner Aussagen soll es hier gehen.

Der Antisemitismusvorwurf

Auf seinem Blog wirft Rautenberg Rudolf Steiner Antisemitismus vor und belegt das unter anderem mit dem angeblichen Statement Steiners:

„Das Judentum ist ein Fehler der Weltgeschichte.“[2]

Dieser Ausdruck findet sich so nicht bei Steiner, die zitierte Stelle liest sich aber im Original wie folgt:

„Es ist gewiß nicht zu leugnen, daß heute das Judentum noch immer als geschlossenes Ganzes auftritt und als solches in die Entwickelung unserer gegenwärtigen Zustände vielfach eingegriffen hat, und das in einer Weise, die den abendländischen Kulturideen nichts weniger als günstig war. Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und daß es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte, dessen Folgen nicht ausbleiben konnten. Wir meinen hier nicht die Formen der jüdischen Religion allein, wir meinen vorzüglich den Geist des Judentums, die jüdische Denkweise. […] Den Juden selbst muß ja zuallererst die Erkenntnis aufleuchten, daß alle ihre Sonderbestrebungen aufgesogen werden müssen durch den Geist der modernen Zeit.“[3]

Mit einer kleinen Veränderung beraubt Rautenberg Steiners Aussage ihrer zeitlichen Perspektive und bewegt sie damit in die Absurdität.

Steiners Anliegen ist es, zu zeigen, dass das Judentum seine menschheitlichen Aufgaben, die auch für die abendländische Kultur von großer Bedeutung seien, bereits vollbracht habe und sich deshalb in die Kulturströmungen der Welt eingliedern solle. Die jüdische Kultur habe sich in einem „geschlossenen Ganzen“ zu ihrer vollen Größe entwickeln müssen, später seien die Ergebnisse dieser Entwicklung (etwa der Monotheismus) für die gesamte Menschheit zugänglich geworden. Eine jede Kultur, die ihre Aufgaben zur Vollendung gebracht habe, müsse sich auflösen und ihre Errungenschaften für die Welt zugänglich machen, so Steiner.

Er sieht den „Fehler der Weltgeschichte“ darin, dass sich die jüdische Kultur noch nicht vollends in die Weltkultur aufgelöst habe und weiter einen Sonderweg verfolge. Die Schuld daran sei vor allem beim Antisemitismus zu suchen, der Partei, die „neben der Eignung zum Toben und Lärmen nichts Charakteristisches hat als den gänzlichen Mangel jedes Gedankens“, so Steiner.[4][5] Rautenberg verdreht diesen Gedanken dahin, dass Steiner das Judentum an sich als Fehler der Weltgeschichte betrachte.

Spielerischer Umgang mit der Wahrheit

Gut zu beobachten ist Rautenbergs mitunter spielerische Umgang mit Nuancen und kleinen Wörtern auch in einer Diskussion auf Twitter vom 23.04.2022. Dort wirft Rautenberg Rudolf Steiner Demokratiefeindlichkeit vor und unterstützt diese Aussage mit einem Zitat:

„Wer glaubt, daß ein demokratisches Parlament herrschen soll, der mißversteht gründlich gerade den Antrieb zur Dreigliederung des sozialen Organismus.“[6]

Ein anderer Twitter-Nutzer weist ihn darauf hin, dass er ein entscheidendes Wort ausgelassen hat, denn im Original lautet das Zitat folgendermaßen:

„[Es muß also aus dem Parlamentarismus herausgenommen werden die Verwaltung des Geisteslebens.] Wer glaubt, daß da ein demokratisches Parlament herrschen soll, der mißversteht gründlich gerade den Antrieb zur Dreigliederung des sozialen Organismus.“[7]

Im Kontext und mit dem kleinen, aber bedeutenden Wort „da“ ergibt sich hier ein ganz anderer Sinn: Steiner richtet sich nicht gegen Demokratie, sondern verweist sie nur von dem Gebiet des Geisteslebens, in welchem nicht der Mehrheitsentscheid, sondern die Freiheit des Individuums das vorherrschende Prinzip sein solle.

Interessant ist auch, wie Rautenberg auf die Richtigstellung des Zitats reagiert: indem er sich über das Wort „da“ erheitert und den aufmerksamen Twitter-Nutzer verhöhnt. Einige Wochen später zitiert er sich selbst mit dem veränderten Zitat, um erneut Steiners angebliche Demokratiefeindlichkeit anzukreiden.[8]

Eine „Ein-Mann-Wissenschaft“

Im Laufe seiner (über ein Jahrzehnt währenden) Tätigkeit als Anthroposophie-Kritiker haben sich unter Rautenbergs unzählige Aussagen zu Rudolf Steiner und der Anthroposophie, die meist jeder Quelle entbehren, berechtigte Kritikpunkten, vielfältige Entstellungen, stark verzerrte Darstellungen und schlichte Unwahrheiten gemischt.

Zu den eindeutigeren Beispielen falscher Aussagen gehören Rautenbergs Behauptungen, Steiner habe die Existenz der Spektralfarben geleugnet[9] und die Fähigkeit in der Akasha-Chronik lesen zu können, also sowohl Zukunft als auch Vergangenheit erkennen zu können, für sich allein beansprucht.[10]

Beide Aussagen können, obwohl Rautenberg keine Quellen erwähnt, leicht als Unwahrheiten enttarnt werden.
In den bis zum jetzigen Zeitpunkt bereits veröffentlichten Schriften und Vorträgen Steiners finden die Spektralfarben einige Male Erwähnung. An keiner Stelle aber wird ihre Existenz in Frage gestellt.[11][12] Noch häufiger spricht Steiner davon, dass die Fähigkeit zur Erkenntnis übersinnlicher Welten grundsätzlich von jedem Menschen erlangt werden könne. Nicht ohne Grund veröffentlichte er das Buch „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“,[13] in dem er einen Weg zur Ausbildung dieser Fähigkeiten beschreibt. Da die menschliche Erkenntnisfähigkeit nur in Bezug auf die sinnlich wahrnehmbare Welt an den Augenblick, den wir Gegenwart nennen gebunden ist, geht mit dieser übersinnlichen Erkenntnis ab einer gewissen Stufe auch die Möglichkeit eines Rück- und Vorblicks einher.[14][15] In anderen Worten: man kann in der Akasha-Chronik lesen.

Darauf angesprochen, an welcher Stelle Steiner diese Fähigkeit zur „übersinnlichen Erkenntnis“ für sich allein beanspruche schreibt Rautenberg: „Einfach nach Akasha suchen. Er sagte ihm sei es gelungen, und theoretisch könnte das jeder lernen. Meines Wissens hat es aber noch niemand geschafft.“[16]

Dass Rautenberg von niemandem weiß, dem die Erkenntnis höherer Welten gelang, führt ihn zu der Behauptung, dass Steiners Aussagen in Bezug auf übersinnliches nicht geprüft werden können. Damit wird die Anthroposophie in seinen Augen zu einer „Ein-Mann-Wissenschaft“.[17][18]

Viele Aussagen Rautenbergs lassen sich aufgrund mangelnder oder fehlerhafter Quellenangaben nicht prüfen, weshalb seine Anthroposophie-Kritik kaum nachvollzogen werden kann. Seine „Ein-Mann-Wissenschaft“ entspricht damit leider keinerlei wissenschaftlichen Standards.

Anmerkungen

[1] Vorsicht vor unprofessionellen Quellen! (anthroposophische-gesellschaft.org) (21.06.2022)

[2] So zitiert Rautenberg Steiner sowohl in der Überschrift als auch in einer angehängten Auswahl von Statements. Letzteres enthält einen Link zur tatsächlichen Aussage Steiners. Angedichteter Antisemitismus – Anthroposophie.blog
https://anthroposophie.blog/2016/02/10/angedichteter-antisemitismus-2/ (21.06.2022)

[3] Steiner, Rudolf: Gesammelte Aufsätze zur Literatur 1884-1902. GA 32 Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach/Schweiz. 4. Auflage, 2016. S.168

[4] Steiner, Rudolf: Gesammelte Aufsätze zur Literatur 1884-1902. GA 32. Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach/Schweiz. 4. Auflage, 2016. S.169,170

[5] „Wer offene Augen für die Gegenwart hat, der weiß, daß es unrichtig ist, wenn man meint, es sei die Zusammengehörigkeit der Juden untereinander größer als ihre Zusammengehörigkeit mit den modernen Kulturbestrebungen. Wenn es in den letzten Jahren auch so ausgesehen hat, so hat dazu der Antisemitismus ein Wesentliches beigetragen. Wer, wie ich, mit Schaudern gesehen hat, was der Antisemitismus in den Gemütern edler Juden angerichtet hat, der mußte zu dieser Überzeugung kommen.“ (Steiner, Rudolf: Gesammelte Aufsätze zur Kultur und Zeitgeschichte 1887-1901. GA 31 Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach/Schweiz. 3. Auflage 1989. S.409)

[6] https://twitter.com/AnthroBlogger/status/1517846978352320513?s=20&t=YGUVdlAZ607rN9mKsGoPpg (21.06.2022)

[7] Steiner, Rudolf: Soziale Zukunft. GA 332a. 4. Auflage, 2019. Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach/Schweiz. S.41

[8] https://twitter.com/AnthroBlogger/status/1531196930419834880?s=20&t=eqDULn1IBmrbiYoG_x4Isgb (21.06.2022)

[9] „Viele konkretere Aussagen Steiners sind jedoch leicht zu widerlegen. So war Steiner sicher: Der Planet Vulkan existiert (er tut es nicht), das Herz ist keine Pumpe (ist es doch) und Spektralfarben gibt es nicht (es gibt sie). Steiners Anhängerschaft ficht all das jedoch bis heute nicht an.“ (Rudolf Steiner – Unfehlbar oder Unzurechnungsfähig? – Anthroposophie.blog)
https://anthroposophie.blog/2019/06/13/rudolf-steiner-unfehlbar-oder-unzurechnungsfahig/ (21.06.2022)

[10] „Der selbsterklärte „Hellseher, Hellhörer und Hellschmecker“ glaubte, nur er allein könne in die Zukunft und Vergangenheit der gesamten Menschheit „schauen“.“ (Rudolf Steiner – Anthroposophie.blog)
https://anthroposophie.blog/rudolf-steiner/ (21.06.2022) „Rudolf Steiner gab an, als einziger in der „Akasha-Chronik“ lesen zu können, einer Art kosmischem Weltgedächtnis, in dem alle Ereignisse der Vergangenheit und Zukunft geschrieben stehen.“ (Rudolf Steiner – Anthroposophie.blog)
https://anthroposophie.blog/rudolf-steiner/ (21.06.2022)

[11] Vgl. Steiner, Rudolf: Goethes Weltanschauung. GA 6 Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach/Schweiz. 8. Auflage 1990. S.160-166.

[12] Vgl. Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA) 291a, S.59, 63, 66, 389, GA 320, S.102

[13] Steiner, Rudolf: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?. (Teil 1). GA 10.

[14] Vgl. Steiner, Rudolf: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?. (Teil 1). GA 10. Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach, Schweiz. 35. Auflage 2018, S.16, S.32

[15] Steiner Rudolf: Aus der Akasha-Chronik. GA 11. Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach/Schweiz. 7. Auflage, 2018. S.7,8

[16] https://twitter.com/AnthroBlogger/status/1535303999330652163?s=20&t=2vmftikdoS15CjaDY15Fng (21.06.2022)

[17] Rudolf Steiner – Anthroposophie.blog
https://anthroposophie.blog/rudolf-steiner/ (21.06.2022)

[19] „Der selbsterklärte „Hellseher, Hellhörer und Hellschmecker“ glaubte, nur er allein könne in die Zukunft und Vergangenheit der gesamten Menschheit „schauen“. Die Anthroposophie, die für sich selbst den Status einer „Wissenschaft“ einfordert, muss daher als „Ein-Mann-Wissenschaft“ gelten.“ (Rudolf Steiner – Anthroposophie.blog)
https://anthroposophie.blog/rudolf-steiner/ (21.06.2022)