Helmut Zander und die Anthroposophie

19.02.2021

Der Theologe Helmut Zander versucht, das problematische Verhältnis der katholischen Kirche zur Demokratie zu vertuschen. Mit seiner Diffamierung der sozialen Dreigliederung als verkappte geistige Diktatur[1] lenkt er von den Bestrebungen der Kirchen ab, die staatliche Macht zu instrumentalisieren, um ihre religiösen Werte durchzusetzen.

Im Rahmen seines Einsatzes für eine soziale Dreigliederung hat Rudolf Steiner ab 1919 unmissverständlich klar gemacht, dass das Recht dem Demokratischen zu unterliegen hat. Der Papst Benedikts XVI. hat sich hingegen noch 2011 in seiner Rede im Deutschen Bundestag zum Naturrecht bekannt und damit zu einem Recht jenseits des Demokratischen.

Wer wirklich nach Resten der alten Ständenordnung sucht, mit der Kirche an der Spitze, der wird diese Reste also nicht bei der sozialen Dreigliederung, sondern bei der katholischen Soziallehre finden. Mit seinem Werk tut Helmut Zander sein Bestes, diese Spuren zu verwischen.

Die eigentliche Ketzerei

Die ursprüngliche Motivation, sich überhaupt mit der Anthroposophie zu beschäftigen, war aber für Helmut Zander eine andere. Anfangs ging es ihm darum, als guter Christ die Idee der Wiederverkörperung zu bekämpfen. Rudolf Steiner macht sich aber nicht nur für die Idee der Wiederverkörperung stark. Er ist auch noch so frech, die Wiederverkörperung für vereinbar mit dem Christentum zu halten. Für einen katholischen Theologen wie Helmut Zander ist das der Gipfel der Ketzerei.[2] Nur stand er vor dem Problem, dass sich heute kaum jemand darüber aufregen würde.

Wollte Helmut Zander wirklich Rudolf Steiner bekämpfen, dann musste er einen anderen Weg finden. Am Effektivsten schien ihm der Rassismusvorwurf.[3][4] Wird er von Kennern zur Rede gestellt, dann zeigt sich, dass er selber nicht so recht daran glaubt. Aber das kommt nicht allzu oft vor. Auch wenn er es mit Anthroposophen zu tun hat, muss er selten zugeben, dass Rudolf Steiner sich selber als Kämpfer gegen den Rassismus und Antisemitismus verstand und – gerade, weil er es mit der Wiederverkörperung ernst meinte – niemals das Individuum mit irgendwelcher Rasse identifizieren konnte. Hat Helmut Zander es mit Menschen zu tun, die sich noch weniger auskennen, dann kann er schweres Geschütz auffahren, ohne zu riskieren, dass es nach hinten losgeht. Man braucht nur zu beobachten, wie er in dieser Frage geschickt taktiert, um den letzten Glauben an seiner Wahrhaftigkeit zu verlieren.

Bis ihm der Durchbruch mit seiner Steiner-Kritik gelang, sollte es aber noch einige Jahre dauern. Dazu reichte der Rassismusvorwurf nicht aus. Es brauchte die schiere Masse von über 1800 Seiten.[1] Seitdem gilt Helmut Zander als Kenner der Anthroposophie. Und jede Unterstellungen, jede Entstellung gilt als wissenschaftlich belegt, sobald man sich auf ihn berufen kann.

Aber das erklärt alles nicht, wie Helmut Zander dazu kommt, die soziale Dreigliederung mit der alten Ständeordnung gleichzusetzen. Die Verwechslung war zur Zeit Rudolf Steiners gängig. Damals war aber die klassische Bildung und die Kenntnis von Platos Ständestaat noch stark verbreitet. Das ging so weit, dass Rudolf Steiner nach anfänglichem Versuch bewusst darauf verzichtet hat, den Vergleich zwischen menschlichem und sozialen Organismus genauer auszuführen.[5]

Da Helmut Zander sich ausdrücklich dazu bekennt, Rudolf Steiner fast auschliesslich aus zweiter Hand zu kennen, wäre es natürlich möglich, dass er die damaligen Unterstellungen einfach ungeprüft übernommen hat. Obwohl es gut zu seinem wissenschaftlichen Selbstverständnis passen würde, scheint es mir keine ausreichende Erklärung zu sein. Zu frappierend ist die Parallele zwischen Ständeordnung und katholischer Soziallehre.

Wissenschaftlicher Selbstläufer

Bei Ansgar Martins, ein anderer Anthroposophenjäger, findet sich inzwischen derselbe Vorwurf, die soziale Dreigliederung sei gleichbedeutend mit Ständestaat und Demokratiefeindlichkeit. Das hat er aber von Helmut Zander bloss abgeschrieben. Das nennt sich wissenschaftliches Arbeiten. Würde er sich unvereingenommen mit den Originalquellen beschäftigen, dann könnte ihm dämmern, dass es genau anders herum ist. Rudolf Steiner sieht in der sozialen Dreigliederung die Bedingung, um den Ständestaat restlos zu überwinden[6] und die Demokratie langfristig erhalten zu können.[7]

Ansgar Martins hat übrigens mit Helmut Zander gemeinsam, dass es ihm eigentlich um die Bekämpfung der Idee der Wiederverkörperung geht. Er kommt aus der Ecke der Frankfurter Schule und fühlt sich dem Materialismus verpflichtet. In diesem Kampf sind ihm alle Mittel recht.

Wo es nur passt, greift Ansgar Martins also auch zum Rassismusvorwurf. Und dies obwohl er inzwischen die entscheidenden Belege gegen diese These kennt. Er hat sich nämlich in dieser Frage – anders als bei der Frage der sozialen Dreigliederung – mit den Originalquellen auseinandergesetzt. Oder zumindest mit einem echten Kenner der Anthroposophie, Hans Büchenbacher.[8] Eigentlich war Ansgar Martins nur an Büchenbacher interessiert, weil dieser Kritik an den Anthroposophen der dreissiger Jahre übte. Büchenbacher hatte durch seine intensive Beschäftigung mit der Anthroposophie jedes Rassenvorurteil überwindet und konnte gut einschätzen, wer von den Anthroposophen noch nicht so weit war. Das macht seine Erinnerungen so wertvoll. Auch wenn Marie Steiner nicht ganz so gut wegkommt.

In Büchenbacher's Erinnerungen stösst Ansgar Martins aber auch auf Aussagen, die zeigen, wie jeder Rassismusvorwurf gegen Rudolf Steiner und die Anthroposophie sich selber in den Schwanz beisst. Leider ist Selbsterkenntnis nicht die Stärke von Ansgar Martins. Er unterstellt Büchenbacher Antisemitismus, kann sich aber nicht gestehen, dass er selber rassistisch denkt, wenn er die Blutsverwandschaft einer bestimmten Gruppe für erhaltungswürdig hält. Büchenbacher, selber Halbjude, hielt ein solches Hängen an der Blutsverwandschaft für überholt und bekannte sich zum Menschentum.

Stand: 24.02.2021

Sylvain Coiplet

Anmerkungen

[1] Helmut Zander [2007]: „Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884-1945“
[2] Helmut Zander [1995]: „Reinkarnation und Christentum. Rudolf Steiners Theorie der Wiederverkörperung im Dialog mit der Theologie“
[3] Helmut Zander [1996]: „Sozialdarwinistische Rassentheorien aus dem okkulten Untergrund des Kaiserreichs“
[4] Helmut Zander [2001]: „Anthroposophische Rassentheorie. Der Geist auf dem Weg durch die Rassengeschichte“
[5] Rudolf Steiner [2019]: „Natürlicher und sozialer Organismus“
[6] Rudolf Steiner [2019]: „Grundfragen der sozialen Dreigliederung“
[7] Johannes Mosmann [2020]: „Der blinde Fleck der Gesellschaftskritik“
[8] Ansgar Martins [2014]: „Hans Büchenbacher Erinnerungen 1933-1949“