Zur Frage der Kreditgeldschöpfung

01.06.2019

In der gegenwärtigen Wirtschaftspraxis gilt es als selbstverständlich, dass Banken Geld schöpfen, wenn sie Kredite vergeben. Die Wirtschaftswissenschaft begleitet diese Praxis mit einer umfangreichen Theorie. Die Mainstream-Auffassungen hierzu werden sehr gut in einem FAZ-Artikel von Christian Siedenbiedel: ›Wie kommt Geld in die Welt?‹ beschrieben. [1] Wie aber betrachtete Rudolf Steiner die sogenannte »Kreditgeldschöpfung«? Ging er ebenfalls davon aus, dass das Geld, welches als Buchgeld nur in Form von Zahlen in der Buchhaltung der Banken existiert, durch Kredite der Geschäftsbanken in Umlauf gebracht werden soll? Ist damit in der heutigen Literatur ein Prozess beschrieben, auf den Steiner sich implizit ebenfalls bezieht, wenn er von Geld als Buchhaltung spricht?

Stephan Eisenhut

Zum Geld findet man bei Steiner viele Aussagen, die sich auf den ersten Blick widersprechen. So findet man z.B. solche, dass das Geld Warencharakter haben sollte, und wiederum auch Stellen, die gerade das Gegenteil aussagen. Worüber jedoch Steiner ohne Ausnahme positiv spricht, ist der Charakter des Geldes als Buchhaltung: »Dasjenige, was im Geldwesen vorliegen wird, wird nur eine Art wandelnde Buchhaltung sein über den Warenaustausch der dem Wirtschaftsgebiet angehörenden Menschen. Eine Art aufgeschriebener Guthaben wird man haben in dem, was man als Geldunterlage hat. Und ein Abstreichen dieser Guthaben wird stattfinden, wenn man irgendetwas erlangt, was man zu seinem Bedarf braucht. Eine Art Buchführung, wandelnder Buchführung wird das Geldwesen sein.« [2] Wann aber spricht Steiner davon, dass Geld keine Ware ist? Es ist dies der Fall, wenn er darauf hinweist, dass Geld keine Deckung in Form von Gold oder eines anderen Metalls benötigt. [3] Und zwar deshalb, weil das Gold nur einen Scheinwert darstellt. [4]

Da, wo Steiner vom notwendigen Warencharakter des Geldes spricht, macht er deutlich, dass Geld am Naturpol, d.h. im Zusammenhang mit der auf die Natur angewendeten Arbeit zu entstehen hat. Im zwölften Vortrag des ›Nationalökonomischen Kurses‹ drückt Steiner dies wie folgt aus:

»Nur handelt es sich darum, daß im volkswirtschaftlichen Prozess zuletzt dasjenige vernunftgemäß herbeigeführt werden muss, was ohnedies geschieht, was nur maskiert wird, nämlich dass einfach das Geld, wenn es ausgedient hat, gesammelt wird. Und es bekommt jetzt wiederum im Beginne des Kauf- und Verkaufsprozesses seinen ursprünglichen Wert, das heißt es bekommt seine neue Jahreszahl; aber es geht über an denjenigen, der nun wiederum ein Naturprodukt, ein nun eben in die Arbeit übergehendes Naturprodukt zu behandeln hat – wo es sich um Kauf und Verkauf allein handelt.« [5]

In diesem Zusammenhang könnte man auch sagen, dass Steiner anstatt von einer »Kreditgeldschöpfung« von einer »Kaufgeldschöpfung« ausgeht. Diese Schlüsselstelle hat den ersten Herausgeber des Nationalökonomischen Kurses, Roman Boos, jedenfalls dazu gebracht, jede Geldschöpfung in der Leihgeldsphäre abzulehnen:

»Eine gesunde Geldschöpfung kann [...] gar nicht in der Leihgeld- sondern muss in der Kaufgeldsphäre vorgenommen werden. Für das Kreditvolumen darf nicht der subjektive Geldbedarf das Maß geben. Dieser hat sich vielmehr in ein Kreditvolumen hineinzubequemen, dessen Maß von dort her bestimmt ist, wo allein sozial-legitime Geldschöpfung ihre Stätte haben kann: ›Im Beginne des Kauf- und Verkaufsprozesses, [...] wo das Naturprodukt beginnt, sich mit der Arbeit zu vereinigen [...]‹, – dort, und nur dort, wird Geld legitimerweise zur Welt gebracht.« [6]

Bei Steiner lassen sich bisher zwar keine direkten Aussagen gegen die heutige Form der »Kreditgeldschöpfung« nachweisen, wohl aber Aussagen, die indirekt dagegen sprechen:

»Man denke nur einmal, wie sich das bloße abstrakte Wirtschaften im Gelde von den realen Verhältnissen loslösen kann. Nehmen Sie Deutschland vor dem Jahre 1914. Da wurde ungefähr in einem Jahre 5 bis 6 Milliarden Kapital erspart und erarbeitet. Neue Emissionen auch unter Einbeziehung von Pfandobligationen, Grundbuchschulden und alldem, was ausgegeben wurde für Luxusbauten, neue Wohnungen und dergleichen, das gab zusammen vor dem Jahre 1914 ungefähr 11 Milliarden Mark. Erarbeitet, erspart wurde ein Kapital von 5 bis 6 Milliarden, neue Emissionen beliefen sich auf 11 Milliarden, doppelt soviel! Was bedeutet das? Das bedeutet: man bewegt sich jenseits der wirklichen Wirtschaft, denn die wirkliche Wirtschaft muss erarbeitet werden: jenseits der wirklichen Wirtschaft steckt der Kapitalwert, um das doppelte dessen, was der reale Kapitalwert ist. Denn der erarbeitete Kapitalwert hätte bloß aus neuen Emissionen und Pfandrechtsobligationen in Höhe von 5 bis 6 Milliarden Mark erscheinen dürfen. Das war ja in Wirklichkeit da.« [7]

Aus dieser Stelle geht hervor, dass in einer gesunden Wirtschaft Kapital nur aus erarbeitetem und erspartem Kapital besteht und nicht über Geldschöpfung mittels Kreditvergabe neu geschaffen werden darf. Dass Steiner die Kreditgeldschöpfung als nicht sachgemäß erachtet, geht auch aus einer anderen Stelle hervor, wo er die Probleme beschreibt, die durch eine »Überkapitalisierung« entstehen. [8] Wird die Industrie überkapitalisiert, so hat das die Folge, dass das Geld zu billig, respektive die Industrieprodukte im Vergleich zu den Landwirtschaftsprodukten zu teuer werden. [9] Zusammengenommen zeigen beide Stellen, dass für Steiner nicht nur die Kreditgeldschöpfung in Zusammenhang mit Erwerb von Eigentumsrechten (z.B. in Form von Aktien) problematisch ist, sondern auch für die Anschaffung von Produktionsmitteln. [10]

Wie kann jedoch stattdessen Geld in Form von Buchhaltung entstehen? Wie könnte eine »Kaufgeldschöpfung« aussehen? Dies lässt sich von der Definition des Geldes als »Anweisung auf Ware« ableiten, die Steiner in ›Die Kernpunkte der sozialen Frage‹ [11] und an anderen Stellen vorbringt. Jemand, der eine Ware in das betreffende Wirtschaftsgebiet abgibt, erhält dafür eine »Anweisung auf Waren«, die buchhalterisch erfasst werden kann. Neues Geld entsteht dann nur im Zusammenhang mit der Erstellung neuer Waren, als eine Anweisung auf Ware durch Abgabe von Ware, anstatt als Recht auf Arbeit ohne Gegenleistung von Arbeit, wie dies heute in der Regel geschieht.

Sylvain Coiplet

Anmerkungen

[1] www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/geldschoepfung-wie-kommt-geld-in-die-welt11637825-p2.html

[2] Vortrag vom 30. Mai 1919 in Rudolf Steiner: ›Soziale Ideen – Soziale Wirklichkeit – Soziale Praxis. Band I‹ (GA 337a), Dornach 1999, S. 78.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Sylvain Coiplet: ›Was ist Geld? – Rudolf Steiner im Wortlaut über Geld und Währungen sowie die Idee einer assoziativen Weltwirtschaft‹ – www.dreigliederung.de/essays/sylvain-coiplet-was-ist-geld

[5] GA 340, S. 182.

[6] Roman Boos: ›Korrespondenz der Sozialwissenschaftlichen Vereinigung am Goetheanum‹ 59/60. Lieferung (Februar/März 1934), S. 442 – www. dreigliederung.de/essays/1934-02-roman-boos-eine-gesunde-geldschoepfung-kann-nicht-in-der-leihgeldsphaere-vorgenommen-werden

[7] Vortrag vom 26. April 1920 in Rudolf Steiner: ›Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus‹ (GA 334), Dornach 1983, S. 217.

[8] Vortrag vom 12. Oktober 1920 in Rudolf Steiner: ›Soziale Ideen – Soziale Wirklichkeit – Soziale Praxis. Band II‹ (GA 337b), Dornach 1999, S. 226.

[9] Auf diesen Zusammenhang zwischen der Kreditgeldschöpfung und dem Preisdruck auf die Landwirtschaft weist Alexander Caspar in seinem Aufsatz ›Die verschleierte Macht des Geldes‹ hin – www.dreigliederung.de/essays/2018-02-alexander-caspar-die-verschleierte-macht-des-geldes

[10] Dieser Gesichtspunkt spielt auch in dem Artikel von Stephan Eisenhut: ›Geldalterung und Kapitallenkung – Rudolf Steiners Beitrag zur Geldwertstabilität‹, in: die Drei 11/2018, eine zentrale Rolle.

[11] Rudolf Steiner: ›Die Kernpunkte der sozialen Frage‹ (GA 23), Dornach 1976, S. 130.

Veröffentlichung

Die Drei, Heft 6/2019, S. 25-26