Sind Waldorfschulen Weltanschauungsschulen? Die Wirtschaft in den Lehrplanempfehlungen Rudolf Steiners

01.12.2013

Vorwort aus der Broschüre „ Rudolf Steiner - Wirtschaft und soziale Dreigliederung im Lehrplan der Waldorfschule“, bestellbar hier. Die Broschüre umfasst 88 Seiten und enthält entsprechende Lehrplanempfehlungen Rudolf Steiners, die für diese Ausgabe aus 13 verschiedenen Werken zusammengestellt wurden. Da dieser Teil der Lehrplanempfehlungen und die damit verbundenen Ziele in den heutigen Waldorfschulen kaum bekannt sind, oder wenigstens kaum berücksichtigt werden, bietet die Lektüre spannende und teilweise frappierend moderne Anregungen für Eltern und Lehrer.

Rudolf Steiners sozialwissenschaftliches Werk ist voller Widersprüche. Einem vertieften Studium der sozialen Dreigliederung erweisen sich allerdings gerade diese (nun scheinbaren) Widersprüche rückblickend als die Tore zum Verständnis des Steinerschen Denkens. Ein Beispiel dafür sind die zunächst paradox erscheinenden Aussagen Steiners zu der Frage, inwieweit die Waldorfschule eine „Weltanschauungsschule“ sein soll oder nicht, und insbesondere, inwieweit der Unterricht explizit auf eine Erkenntnis des dreigliedrigen Zusammenhangs von Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben, wie ihn Steiner etwa in „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ entwickelt, hinarbeiten soll. So soll z.B. laut Steiner einerseits der „Inhalt“ eben jenes Buches unterrichtet werden. Andererseits sei es „selbstverständlich, dass die Waldorfschule nicht etwa Dreigliederungsideen in die Schule hineinträgt“. Die Auflösung des scheinbaren Widerspruchs, dass eine Idee zugleich unterrichtet und nicht unterrichtet werden soll, liegt im Charakter dieser besonderen Idee verborgen.

Der gesellschaftspolitische Hintergrund der Waldorfschule

Krieg und Hunger, so Rudolf Steiner, seien das Ergebnis eines chaotischen Durcheinandergehens von wirtschaftlichen, rechtlichen und kulturellen Gesichtspunkten. Das Chaos werde dadurch bewirkt, dass die sozialen Anschauungen der Menschen nicht der sozialen Wirklichkeit entsprächen, sondern vergangene Kulturepochen konservierten. Tatsächlich gliedere sich das soziale Leben unter dem Einfluss der Individualisierung heute in drei unterschiedliche zwischenmenschliche Prozesse: Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben. Menschen tauschen die Produkte ihrer Arbeit, empfinden allgemein-menschliche Grundsätze, und bilden ihr Individuelles mit- und aneinander aus. Die Verschiedenartigkeit dieser drei Prozesse müsse durchschaut werden, wenn das Individuum auf jedem der drei Gebiete mitsprechen wolle. Es sei zum Beispiel gar nicht möglich, das wirtschaftliche Gebiet durch demokratische Prozesse zu sozialisieren, sondern dieses entgleite gerade erst durch solche Experimente. Die Demokratie, so Steiner, könne es nur mit rein rechtlichen Fragen zu tun haben, für das wirtschaftliche Gebiet dagegen sei die Assoziation das Entsprechende, und für das Geistesleben die freie Korporation.

Steiner widerspricht also sowohl Liberalismus als auch Sozialismus: die Wirtschaft könne sich nicht durch ein „Marktgesetz“ selbst regeln, sondern müsse vom Menschen bewusst gestaltet werden. Dazu sei aber nötig, neben der demokratischen Abstimmung noch ganz andere Formen der gemeinsamen Urteilsfindung zu begreifen. Entsprechend unterscheidet Steiner drei verschiedene soziale Urteilsformen: demokratisches Urteil im Rechtsleben, individuelles Urteil im Geistesleben, kollektives Urteil im Wirtschaftsleben. Der Mensch lebe jedoch eine alt-orientalische Bewusstseinsverfassung aus, die noch in seinen Gewohnheiten stecke, und ersticke damit die notwendige Entwicklung dieser drei Urteilsformen. Anstatt das Individuum durch jene drei Prozesse hindurch zu begreifen und in seine Verantwortung zu setzen, projiziere der Mensch alle Verantwortung auf ein Phantasma: auf den Staat. Der Staat, so Steiner, sei in Wahrheit jedoch seinerseits nur das Produkt des Zusammenwirkens jener drei zwischenmenschlichen Prozesse. Indem der Mensch nicht unmittelbar in den kausalen Prozessen erwache, sondern den Anfang gewissermaßen in das Ende hineinprojiziere, entmachte er sich selbst.

Die Gegenwart hat Steiners Thesen auf die Spitze getrieben: Tatsächlich weiß heute kaum jemand eine andere Antwort auf die drängenden sozialen Fragen, als dass der Staat das Gute „einführen“ möge. Der „Sozialaktivist“ von heute macht ein Kreuzchen in einer „Petition“, um vom Staat die Vermenschlichung der Gesellschaft zu erbitten. Der Staat soll den Wirtschaftsstandort Deutschland sichern, Arbeit stiften, den Finanzmarkt regeln, er soll das Menschenrecht durchsetzen, die Umwelt retten und jedem ein Grundeinkommen geben, und selbstverständlich Bildung, Wissenschaft und Forschung besorgen. Währenddessen wachsen Hunger und Armut bei gleichzeitig explodierenden Gewinnerwartungen weniger Vermögender, verwüsten offenbar rein wirtschaftlich begründete Kriege ein Land nach dem anderen, und verkümmern Bildung und Forschung unter der staatlichen Zwangs-Verwaltung. Wenn man Steiner folgen mag, ist das kein Wunder: die Spitze, die das alles „regeln“ soll, besitzt tatsächlich nicht die geringste Macht, die Verhältnisse zu bessern. Diese Verhältnisse beruhen nämlich auf der Art und Weise, wie die Individuen in den drei Gebieten des Zusammenlebens zueinander in Beziehung treten. Die vermeintlichen „Entscheidungen“ an der Spitze sind nur die letzten Folgen dessen, was durch die Beziehungen von Mensch zu Mensch auf den jeweiligen Gebieten gesetzt ist. Da das Individuum in diesen Beziehungen aber nicht bei Bewusstsein ist, sondern dem Staat die Urheberschaft andichtet, bewirkt es das Chaos.

Der Staat wird niemals die Macht besitzen, Einkommen zu erzeugen, Gerechtigkeit zu schaffen oder Menschen zu bilden. Aber in dem Maß, in dem diese All-Macht auf ihn projiziert wird, gewinnen seine Würdenträger eine rein persönliche Macht. Vom Nationalstaat über die EU zum Weltgipfel ist das phantasierte Machtzentrum in immer abstraktere Höhen gestiegen, und von dort, vom Weltgipfel, soll nun die Vermenschlichung auf die Bürger kommen. Das wird nicht geschehen. Mit der maximalen Entfernung vom Leben hat der „Rat“ auch die minimale Wirkungsmöglichkeit zum Guten erreicht. Gewonnen hat er allerdings eine bisher nie da gewesene Unangreifbarkeit, die ihm ermöglicht, NSA-Spähprogramm, Bankenrettung oder die Ausweitung der ISO-Normierung selbst auf die frühkindliche Erziehung gegen die Forderungen der Zeit durchzusetzen.

„Das Politische ist in der Weltgeschichte ein sekundäres Produkt. Das beruht lediglich darauf, daß die primitiven, vielleicht höchst unsympathischen, aber ganz ehrlichen Machtverhältnisse allmählich die Form des Krieges unter den Menschen angenommen haben … Es müßte danach gestrebt werden, daß die Politik in allem überwunden wird, selbst in der Politik.“ (Rudolf Steiner, Nationalökonomisches Seminar)

In einem regelrechten Vortrags-Marathon versucht Rudolf Steiner ab 1918, die psychologische Fixierung auf den „Einheitsstaat“ in Mitteleuropa aufzubrechen, und eine Wahrnehmung für die wahren Quellen der Sozialisierung zu erzeugen. In drastischen Farben schildert er, wie die Zivilisation untergehen müsse, wenn der Mensch nicht lerne, die drei Gebiete aus ihrer jeweils eigenen Logik heraus zu gestalten, und gewissermaßen von unten herauf zu einem menschenwürdigen Gesamtorganismus zusammenklingen zu lassen. Aus der Bewegung für soziale Dreigliederung von 1919, der auch Emil Molt angehörte, ging dann die erste Waldorfschule hervor. Rudolf Steiner verstand sie als ein Beispiel dafür, wie die Menschen den Staat aus der Bildungsfrage hinausdrängen, und den Bildungsprozess unmittelbar in seinem Entstehungsort in der zwischenmenschlichen Begegnung ergreifen und von da aus selbst verwalten können. Mit dem Unternehmensverbund „Der kommende Tag“ und dem „Bund für Dreigliederung“ stellte er daneben auch die entsprechenden Beispiele für Wirtschaftsleben und Rechtsleben.

Bis ins Detail arbeitete er die Besonderheiten der jeweiligen Beziehungsformen aus. Demokratie könne gegenüber der Wirtschaft zu gar nichts führen, da dasjenige, was zu einem bestimmten Zeitpunkt ökonomisch richtig ist, keine Abstimmungsfrage, sondern eine Frage der Sachkenntnis sei. Diese Sachkenntnis besitze jedoch kein Mensch, da auf wirtschaftlichem Gebiet jedes Einzelurteil bedingt sei durch die Art, wie die anderen Marktteilnehmer jeweils urteilen. Für sich genommen sei also jedes Einzelurteil nur Spekulation, im Verhältnis zu den anderen Einzelurteilen jedoch relevant. Im Wirtschaftsleben, so Steiner, müsse deshalb eine Vernetzung der Betriebsräte eine Zusammenschau aller Einzelurteile ermöglichen, und so „brüderliches“ Handeln erlauben. Aber auch auf kulturellem Gebiet könne es keine Abstimmungsprozesse geben. Hier müsse nämlich die Minderheit gleichberechtigt neben der Mehrheit leben können, wenn Fortschritt möglich sein soll. Dennoch verzichtet Steiner auch hier nicht auf Gemeinsamkeit, sondern im Gegenteil: alle Gemeinsamkeit werde auf objektiver Erkenntnis beruhen, sobald sich das Individuum keinen demokratischen Beschlüssen fügen müsse, so Steiner. Gerade das „freie Geistesleben“ werde zum ersten Mal eine wirkliche Einheit der einzelnen Forschungsgebiete und Weltanschauungen schaffen.

Die soziale Dreigliederung im Lehrplan der Waldorfschule

Es wäre schwer vorstellbar, wenn Rudolf Steiner nicht die Absicht gehabt haben sollte, den Schülern der von ihm begründeten Waldorfschule nicht auch eine Erkenntnis des gesetzmäßigen Zusammenwirkens der drei Glieder der Gesellschaft nahe zu bringen, wo für ihn doch der Fortgang der Menschheit von dieser Erkenntnis abhing. Tatsächlich ist der gesamte „Lehrplan“ der Waldorfschule auf eine Erkenntnis von Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben hinorientiert, an einigen Stellen sogar explizit mit Hinweis auf die soziale Dreigliederung. Wirtschaftliche Themen nehmen überhaupt einen Schwerpunkt in den Empfehlungen ein, und finden sich fächerübergreifend. Im Deutschunterricht etwa sollen anstatt moralisierender Geschichten wirtschaftliche Gutachten geübt, und im Mathematikunterricht soll die Zinsrechnung am Beispiel des Wertpapier-Handels erlernt werden. Spätestens bis zum 15. Lebensjahr, so Steiner, soll jeder Schüler die Buchführung beherrschen. Und im Werkunterricht soll nicht etwa zur Unterhaltung der Eltern, sondern für eine reale Nachfrage produziert werden. An einer Stelle im Protokoll heisst es sogar lapidar: „In der 7. und 8. Klasse könnte man das geben, was in den Kernpunkten der sozialen Frage steht“. Die genannte Schrift behandelt die oben skizzierte soziale Dreigliederung, Fragen des gerechten Preises, den Begriff der Ware, die wirtschaftliche Urzelle, die Notwendigkeit eines freien Geisteslebens, die Unverkäuflichkeit von Grund und Boden, die Überwindung der Lohnabhängigkeit und vieles mehr.

Im Unterricht der heute existierenden Waldorfschulen ist die soziale Dreigliederung kein Thema mehr, abgesehen von einzelnen Versuchen, die aber wiederum auch nur Partielles aufgreifen. An manchen Schulen gibt es etwa Geschichtslehrer, welche die Entwicklung und gegenseitige Befruchtung der drei Glieder in der Geschichte verfolgen können, und den Geschichtsunterricht dementsprechend einzurichten wissen. Die historische Betrachtung, so wichtig wie sie ist, kann jedoch kaum eine Empfindung für das Wesen der Ware wecken. Diese Empfindung ist vielmehr ihrerseits eine Voraussetzung, um den geschichtlichen Prozess in dem hier gemeinten Sinn zu verstehen. Sie müsste also zuvor durch eine entsprechende Einrichtung z.B. des Werkunterrichts so gegeben werden, dass das historische Denken dann auf diese Empfindungsqualität bauen kann. Natürlich gibt es andererseits vereinzelt auch Werklehrer, welche das Werkstück, etwa in einer „Schülerfirma“, für eine reale Nachfrage produzieren lassen, vielleicht sogar welche, die das Geschehen durch eine doppelte Buchführung begleiten. Just an dieser Schule fehlt dann aber in der Regel wiederum ein Geschichtslehrer, der den Bewusstseinsprozess des „Buchhaltens“ in seinen historischen Kontext stellen könnte. Und so gibt es an vielen Schulen einzelne Persönlichkeiten, die durchaus in dem von Steiner bedeuteten Sinn auch auf eine Sozialerkenntnis hinarbeiten. Ihre Bemühungen versickern jedoch, sofern die Kollegen nicht sehen, wie sie das Entsprechende in ihren Fachgebieten anzugliedern haben.

Wenn jeder Lehrer an seinem Platz „wenigstens eine instinktive Erkenntnis“ des dreigliedrigen Organismus ausbildet, als der sich die Menschheit im aktuellen Zeitgeschehen entwickelt, wird auch jeder die Bedeutung des eigenen Faches für diesen Organismus durchschauen, und den Unterricht entsprechend orientieren können. Erst in einem solchen Zusammenwirken erhalten die einzelnen Empfehlungen Rudolf Steiners ihren vollen Sinn: sie sind Elemente eines einheitlich wirkenden Geistes. Ohne diesen Geist werden sie selbstverständlich austauschbar.

Ein solcher Geist, der das Kollegium entsprechend zu verbinden und in das gesamtgesellschaftliche Geschehen hineinzustellen vermag, ist aber weitgehend geschwunden. In den heute existierenden Waldorfschulen versteht man deshalb das Wort „sozial“ immer mehr in seiner zweiten Bedeutung, wie er sie z.B. im Ausdruck „sozialer Beruf“ erhält: als Wohlfahrtspflege. Selbstverständlich macht man an einer solchen Schule dann ein „Sozialpraktikum“. Die gesellschaftlichen Bedingungen, von denen die „soziale Einrichtung“ ihrerseits abhängt, bleiben den Schülern jedoch verborgen. Und da man spätestens seit Beuys zu wissen glaubt, dass auch die Gesellschaft irgendwie Kunst sei, findet man dann in der „sozialen Kompetenz“ einen dankbaren Lückenbüßer für die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten des dreigliedrigen sozialen Organismus. (Die Konsequenzen, welche eine Bewusstlosigkeit in den Beziehungen zu Staat und Wirtschaft auch für das Kollegium selbst hat, stehen auf einem anderen Blatt, siehe diesbezüglich die ebenfalls hier erschienene Broschüre „Rudolf Steiner: was ist eine freie Schule?“ zur Sozialgestalt der Waldorfschule).

Wenn man Waldorflehrer darauf anspricht, reagieren sie häufig mit Unverständnis: durch die ganzheitliche Erziehung würden doch die edleren Triebe ihrer Schüler gefördert, und damit bereits viel für die Gesundung unseres Sozialwesens getan. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Nicht von der Hand zu weisen ist aber auch, dass kein Mensch dadurch in den Besitz der richtigen Begriffe von Arbeit, Ware und Kapital kommt, dass er ein edler Mensch ist, genauso wenig, wie er dadurch in den Besitz seiner mathematischen oder physikalischen Begriffe kommt. Nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern gerade auch im Sozialen kommt es auf exakte Wissenschaft an. Es reicht deshalb nicht, wenn die jungen Menschen die Schule als irgendwie sozial empfindende Menschen verlassen, zumal auch das soziale Leben in seiner gegenwärtigen, korrumpierten Form nicht bei einem Ungefähren stehenbleibt, sondern den Heranwachsenden sehr konkrete Begriffe einbildet. Wie sollen sie der Suggestion widerstehen können, die ihrer habhaft werden will, wenn sie Worte wie „Arbeitgeber“, „Arbeitnehmer“ oder „Kapitalmarkt“ in den Mund nehmen, wenn sie sich an dem scheinbar aus dem Nichts kommenden Warenangebot bedienen, wenn sie ihre Arbeitskraft verkaufen müssen?

Nie war es dringender als jetzt, dass die Waldorfschulen mit den Anregungen Rudolf Steiners ernst machen und ihre Zöglinge auch in Wirtschaftsfragen unterrichten. Denn die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Bildungskrise. Sie hat ihren Ursprung in den Begriffen über das soziale Leben, die uns in Schule oder Universität, im alltäglichen Wirtschaftsverkehr oder mittels des vermeintlich neutralen Informationsflusses anerzogen werden. Neoliberale Think-Tanks wie etwa die INSM in Köln, die z.B. die FAZ oder die Financial Times mit „Nachrichten“ und die Regierung mit Slogans wie „Sozial ist, was Arbeit schafft“ beliefern, sind schon längst dazu übergegangen, die kommenden Generationen für die eigene Weltanschauung heranzuziehen, indem sie Unterrichtsmaterialien bereitstellen und Einfluss auf die Schulverordnungen nehmen, welche auch für Waldorfschulen bindend sind.

Der lebendige Begriff

Es kann sich gleichwohl nicht darum handeln, es dem Staat oder den Wirtschaftsverbänden gleich zu tun, und nun ebenfalls danach zu streben, die Waldorfschule in eine Weltanschauungsschule zu verwandeln. Die Waldorfpädagogik stellt jeden individuellen Schüler selbst in den Mittelpunkt. Sie fragt nicht, wie der Schüler für die Gesellschaft sein muss, sondern geht umgekehrt davon aus, dass der Gesellschaft die besten Kräfte gerade dann zugeführt werden, wenn sich alle Erziehung allein an dem orientiert, was der werdende Mensch selbst der Welt sein will. Das ist gewissermaßen der Kernpunkt der Waldorfschulbewegung. Rudolf Steiner betont deshalb auch gegenüber der eigenen Weltanschauung:

„Die Waldorfschule soll keine Weltanschauungsschule sein, in der wir die Kinder möglichst mit anthroposophischen Dogmen vollstopfen. Wir wollen keine anthroposophische Dogmatik lehren, Anthroposophie ist kein Lehrinhalt, aber wir streben hin auf praktische Handhabung der Anthroposophie. Wir wollen umsetzen dasjenige, was auf anthroposophischem Gebiet gewonnen werden kann, in wirkliche Unterrichtspraxis.“ GA 300a, S.63

Hier entsteht der oben angedeutete Widerspruch: Wie geht das zusammen, dass Steiner einerseits die Kenntnis der sozialen Dreigliederung fordert, und andererseits keine Weltanschauungsschule will?

Wer Kinder durch ein Prisma sehen lässt, um die Farberscheinungen zu beobachten, wird sich kaum der Ideologiebildung verdächtig machen. Das ideologische Moment entsteht vielmehr erst, wo die Newtonsche Erklärung dieser Beobachtung gepaukt werden muss. Und so verhält es sich auch in Bezug auf die Erkenntnis des sozialen Lebens: wer im sozialen Leben „sehen“ lernt in dem Sinn, dass er z.B. die Prozesse der ökonomischen Wertbildung scharf von der Entstehung des Rechts unterscheiden, und vielleicht sogar schon die Wechselwirkungen zwischen beiden Gebieten beobachten kann, bringt sich lediglich in ein Verhältnis zu den Tatsachen. Was aus diesen Tatsachen für die Formulierung eines politischen Programms gefolgert werden mag, bleibt dem Schüler selbst überlassen. Es handelt sich in keiner Weise darum, dass der Waldorflehrer etwa sagen soll: „Die Gesellschaft muss dreigegliedert werden.“ Aber er soll den Unterricht so einrichten können, dass die Gegenstände der Beschäftigung im Schüler Empfindungen für die unterschiedlichen Qualitäten von Ware (Wirtschaftsleben), Recht (Rechtsleben) und Kapital (Geistesleben) wecken können.

Rudolf Steiner bleibt allerdings nicht dabei stehen, die gesellschaftsbildenden Kräfte als solche zu erfassen, sondern skizziert das Ideal ihres menschenwürdigen Zusammenwirkens. Darf auch ein solches Idealbild in den Schülern geweckt werden, wenn man den Anspruch hat, jedes ideologische Moment auszuschließen? Rudolf Steiner zieht hier gerne den Vergleich zum natürlichen Organismus: Wer einen Kranken heilen will, muss einen Begriff der Gesundheit haben. Diesen Begriff kann er nicht vom kranken Organismus ableiten. Und dennoch darf der Begriff der Gesundheit kein ausgedachter, sondern muss dem Wesen selbst entnommen sein. Die Wirklichkeit, auf die sich die Praxis des Arztes stützt, beschränkt sich dann aber nicht auf das Faktische der äußeren Wahrnehmung, sondern ist eine geistige. In dem selben Sinn geht auch die Idee der sozialen Dreigliederung über das hinaus, was man in der gegenwärtigen Gesellschaft konstatieren kann, und bleibt dennoch objektiv. Deshalb kann Rudolf Steiner die folgende Forderung gegenüber dem Schulwesen aussprechen:

„Die gegenwärtige geschichtliche Menschheitskrisis fordert, daß gewisse Empfindungen entstehen in jedem einzelnen Menschen, daß die Anregung zu diesen Empfindungen von dem Erziehungs- und Schulsystem so gegeben werde, wie diejenige zur Erlernung der vier Rechnungsarten. Was bisher ohne die bewußte Aufnahme in das menschliche Seelenleben die alten Formen des sozialen Organismus ergeben hat, das wird in der Zukunft nicht mehr wirksam sein. Es gehört zu den Entwickelungsimpulsen, die von der Gegenwart an neu in das Menschenleben eintreten wollen, daß die angedeuteten Empfindungen von dem einzelnen Menschen so gefordert werden, wie seit langem eine gewisse Schulbildung gefordert wird. Daß man gesund empfinden lernen müsse, wie die Kräfte des sozialen Organismus wirken sollen, damit dieser lebensfähig sich erweist, das wird, von der Gegenwart an, von dem Menschen gefordert. Man wird sich ein Gefühl davon aneignen müssen, daß es ungesund, antisozial ist, nicht sich mit solchen Empfindungen in diesen Organismus hineinstellen zu wollen. Man kann heute von „Sozialisierung“ als von dem reden hören, was der Zeit nötig ist. Diese Sozialisierung wird kein Heilungsprozeß, sondern ein Kurpfuscherprozeß am sozialen Organismus sein, vielleicht sogar ein Zerstörungsprozeß, wenn nicht in die menschlichen Herzen, in die menschlichen Seelen einzieht wenigstens die instinktive Erkenntnis von der Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus. Dieser soziale Organismus muß, wenn er gesund wirken soll, drei solche Glieder gesetzmäßig ausbilden.“ GA 23, S.69 ff

Tatsächlich ist der Widerspruch also nur ein scheinbarer. Er entsteht nur dann, wenn man dem Begriff der sozialen Dreigliederung einen Charakter beilegt, den dieser für Steiner gar nicht hat. Die Auflösung des vermeintlichen Widerspruchs führt deshalb zugleich tiefer in das Verständnis der Denkweise Rudolf Steiners. Für Steiner ist die soziale Dreigliederung eben nicht ein weiteres Programm, das irgendwie neben Sozialismus oder Liberalismus gestellt werden könnte, sondern eine Beschreibung der objektiv wirksamen Kräfte. Diese tragen aber gewissermaßen an sich selbst auch den Idealzustand, dem sie zustreben. Wer etwa den Begriff der ökonomischen Arbeitsteilung wirklich besitzt, sieht unmittelbar ein, warum sich an diesen die Begriffe einer solidarischen Wirtschaft, eines demokratischen Rechtsstaats und eines einheitlich wirkenden, freien Geisteslebens schließen. Umgekehrt findet sich da, wo der sozialen Dreigliederung Unverständnis entgegengebracht wird, immer auch Unverständnis der ganz äußeren Fakten.

Das ideologische Denken in seiner gesamten Spannbreite von liberal bis marxistisch hat dem Menschen der Gegenwart Kategorien eingeprägt, die es unmöglich machen, zu einem objektiven Begriff von Arbeit, Ware oder Kapital zu kommen. Deshalb soll den Kindern gerade nicht irgendeine andere, vermeintlich bessere Ideologie anstelle der alten eingeimpft werden. Man steht als Erzieher heute aber in der Pflicht, den Heranwachsenden wenigstens die Chance zu geben, sich den Tatsachen des sozialen Lebens erlebend gegenüberstellen zu können, bevor sie von diesem Leben in seiner ideologisierten Form geprägt werden. Denn dadurch, dass er z.B. arbeitet, so wie man heute arbeiten muss, sprich, seine Arbeitskraft verkauft, kann kein Mensch lernen, sich objektiv zum sozialen Leben zu stellen, im Gegenteil: durch die Arbeit in ihrer heutigen Form wird die Ideologie in den Gewohnheiten zementiert. Daher hängt die Zukunft der Menschheit davon ab, ob der Mensch bereits im Schutzraum der Schule die praktischen Mittel kennenlernen darf, die menschliche Arbeit aus den Zwangsverhältnissen der Gegenwart wieder herauszuführen.

Von der Weltanschauung zum Anschauen der Welt

Warum die hier versammelten Lehrplanempfehlungen Rudolf Steiners von den Waldorfschulen bis dato kaum oder gar nicht aufgegriffen wurden, ist schwer zu erklären. Die Erklärungsversuche der Lehrer jedenfalls leuchten meistens wenig ein. Es ist z.B. schlicht unehrlich, wenn mit der fehlenden Zeit argumentiert wird, denn Kunstunterricht, Schreinern, Schmieden, Eurythmie u.v.m ist ja möglich. Die 12. Klässler finden sogar neben den Prüfungsvorbereitungen genügend Zeit, ein anspruchsvolles Theaterstück einzustudieren. Tatsächlich verhält es sich also so, dass die Waldorfschulen für manches von dem, was sie laut Lehrplan zusätzlich zum Staatsschul-Pensum leisten sollen, Zeit finden, für anderes dagegen nicht. Und da sie alle sehr viel Zeit für Künstlerisches, in der Regel aber überhaupt keine Zeit für Wirtschaftliches oder Rechtliches finden, während sich im Lehrplan beides die Waage hält, liegt es auf der Hand, dass die Waldorflehrer die Themenbereiche des Lehrplans unterschiedlich bewerten.

Das sollen sie auch. Unter „Lehrplan“ verstehen die Waldorfschulen zunächst Protokolle der Lehrerkonferenzen der ersten Waldorfschule, bei denen Rudolf Steiner anwesend war, sowie dessen Vorträge zur Erziehungskunst. Den eigentlichen Lehrplan entwickelt das Lehrerkollegium dann unter Berücksichtigung dieses Quellenmaterials, aber im Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen. Keineswegs dürfen also die Steinerschen Empfehlungen einfach übernommen werden, sondern können nur, wie Steiner ausdrücklich betont, als freilassende Ratschläge verstanden werden. Die Frage wäre also, ob im Hinblick auf die Herausforderungen unserer Zeit die Wahl richtig getroffen ist, wenn ausgerechnet der Wirtschaftsunterricht nicht umgesetzt wird?

Den Paradigmenwechsel mit den Herausforderungen der modernen Zeit erklären zu wollen, wäre absurd. Er könnte aber damit zusammenhängen, dass ja auch der Lehrer in den Miss-Verhältnissen leben und arbeiten muss. Auch seine Sozialanschauung ist somit, ehe er sie durch eine Kenntnis des dreigliedrigen Zusammenhangs ersetzen kann, das Produkt tradierter, römisch-katholischer Kategorien, wie sie sich z.B. hinter der täglich gelebten Utopie einer „sozialen Marktwirtschaft“ verbergen. Ich habe sogar einmal einen Waldorflehrer-Ausbilder für das Fach Sozialkunde kennen gelernt, der ganz offen gestand, dass er die Assoziation zwar nicht verstehe, die Marktwirtschaft aber ohnehin für das „erfolgreichste Modell“ halte. Unter solchen Voraussetzungen liest man natürlich über jene Stellen im Lehrplan hinweg, da man sie in keinen Zusammenhang einordnen, und ihre Bedeutung daher auch kaum abschätzen kann. Die Lehrer der ersten Waldorfschule dagegen standen aktiv in der Dreigliederungsbewegung drinnen, und erarbeiteten sich im unmittelbaren Mittun eine Anschauung der realen, gesellschaftsbildenden Kräfte.

Das Erlebnis der Ohnmacht der eigenen Begriffe gerade gegenüber den Phänomenen des modernen Wirtschaftslebens und das Ringen um neue, wirklichkeitsgetränkte Begriffe am Bild der sozialen Dreigliederung sind unentbehrlich, um die Lehrplanempfehlungen im Sinne ihres Verfasser verstehen zu können. Wo diese beiden Fähigkeiten nicht vorhanden sind, wird sich die Waldorfschule immer mehr in eine Weltanschauungsschule verwandeln. Man vermeidet Ideologie nämlich nicht dadurch, dass man auf ein Anschauen der Welt verzichtet. Im Gegenteil: Wo die Lehrer nicht gegenüber Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben um sachgemäße Begriffe gerungen haben, besitzen sie keine anderen Begriffe als die, die ihnen von der korrumpierten Gestalt unseres sozialen Lebens eingeprägt wurden. Und diese Begriffe gestalten dann auch den Unterricht mit, der scheinbar gar nichts mit der sozialen Frage zu tun hat. Man kann „Wirtschaft“ oder „Recht“ also in Wahrheit gar nicht „nicht unterrichten“. Man kann die Kinder in diesen Dingen nur mit oder ohne Bewusstsein unterrichten. Und wenn man sie ohne Bewusstsein unterrichtet, zwingt man ihnen jene falschen Begriffe auf, die uns in die Krise geführt haben.

Von den richtigen Begriffen für das soziale Leben hängt unsere Zukunft ab. Das kann nur derjenige verkennen, für den das Soziale eine Gesinnungsfrage ist, weil er sich nicht vorstellen mag, dass das Soziale ebenso konkret ist wie irgendetwas sonst in der Welt. Dass z.B. der Begriff „Ware“ keine Definitionssache ist, sondern dass es etwas Objektives gibt, das mit Recht Ware genannt werden kann, und etwas anderes, das nicht so genannt werden kann, dass also auch im Sozialen Objektivität möglich ist, das wollen Menschen, die eine hohe Meinung von ihrer Gesinnung haben, nicht so gerne wahr haben. Auf die Fähigkeit, zwischen der sozialen Wirklichkeit und dem Anteil, den die Gesinnung an ihr hat, unterscheiden zu können, kommt es aber gerade an.

Die Lehrplanempfehlungen Rudolf Steiners

Die Aussagen Rudolf Steiners zu Wirtschaft und sozialer Dreigliederung im Lehrplan der Waldorfschule können in der Broschüre „Rudolf Steiner - Wirtschaft und soziale Dreigliederung im Lehrplan der Waldorfschule“ nachgelesen werden.

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