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Brot und Spiele oder Das Pferd am Schwanz aufzäumen

01.03.2012

Eltern machen es vor: in Liebe wird das Kind gezeugt, mit Schmerzen bringt es die Mutter zur Welt. Voller Hingabe leisten Vater und Mutter, was das Kind braucht, schenken ihm eine physische und seelische Hülle, geben ihm (hoffentlich) das Nötige. Das Kind wird später seinen Eltern manches zurückgeben, in Dankbarkeit, soweit es in der Liebe zu bleiben vermag. Alles Soziale beruht auf Gegenseitigkeit.

Diese Kindes-Situation wollen die Verfechter des Bedingungslosen Grundeinkommens als soziale Einrichtung für Erwachsene einführen. Vater Staat holt das Nötige bei Mutter Wirtschaft und die Kinder-Bürger erhalten ihr Grundeinkommen bedingungslos. Dann können sie endlich weiterspielen, sich selbst verwirklichen.
Bedingungslos? Solange andere arbeiten.
Würden noch welche arbeiten? – Sicher: Die vielen, die sich nicht zufriedengeben mit einem Grundeinkommen, die mehr verdienen wollten. – Aha, nicht die, welche finden, die Arbeit müsse getan sein. Der Blick ist auf das Geld für sich gerichtet, nicht auf die Arbeit für andere.

Was Frau Holle sagt

Denn so ist es im Märchen von Frau Holle: die Fleissige tut die Arbeit, weil die Dinge rufen – dann bekommt sie – unerwartet – eine Belohnung. Die Faule hingegen geht durch, ist auf Belohnung aus – und bekommt sie auch. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine gesellschaftliche Einrichtung, welche die Belohnung vorwegnimmt. Pech-Marie wird sich freuen. Doch sie täuscht sich. Und wie steht es dann mit der von Udo Herrmannstorfer vorgeschlagenen Vorauszahlung des Lohnes, um einen Schritt zur Überwindung der Lohnarbeit zu machen? Ist das nicht eine ähnliche Form? So scheint es. Doch schauen wir genauer hin: Die hier vorliegende Geste geschieht auf gegenseitige Absprache hin in einem konkreten Arbeitsverhältnis. Und das ist der springende Punkt.

Sie geschieht gerade nicht bedingungslos, sondern im Rahmen eines Arbeits-Vertrages. Richtig, ich soll die Arbeit nicht tun, weil ich Geld erhalten habe. Aber wenn ich sie nicht täte, würde ich den Vertrag brechen. Diese Form durchbricht die gewohnte Vorstellung: Geld gegen Arbeit. Sie stellt die Arbeitssklaverei im Lohn-Verhältnis in Frage – sofern bewusst damit umgegangen wird. Wirtschaftlich gesehen tauschen wir eigentlich unsere Arbeits-Produkte gegen Geld. Aber wir behandeln einander oft so, als ob wir die Arbeitskraft des anderen kaufen würden.
Und viele holen die Motivation zum Arbeiten einzig aus dem Geld-Verdienen. Sie tun als ob. Sie arbeiten, aber ohne tiefere Bejahung. Das Geld ist ihr Antreiber.
Jetzt kommt das bedingungslose Grundeinkommen und sagt: Genau diese Sklaven-Verhältnisse schaffen wir ab! Unsere Antwort auf Geld gegen Arbeit ist Geld ohne Arbeit. Niemand soll mehr müssen! Der Arbeitszwang soll schwinden. Das Reich der Freiheit erstehen.
Das bedingungslose Grundeinkommen ist die Behauptung: Freiheit im Wirtschaftsleben! Alle gleich!
Was aber wird aus dem Reich der Notwendigkeit? Wird dieses umgestaltet?
Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine Befreiung, ohne dass die Menschen im befreienden Prozess die Arbeitsverhältnisse umgestalten würden. Darum aber geht es.

„Uns geht doch die Arbeit aus!“

Aber siehst du denn nicht, dass uns in den Wohlstands-Gesellschaften die Arbeit ausgeht? Dass wir das Einkommen schon deshalb anders organisieren müssen? – Nein, das sehe ich nicht. Da wird ein Automatismus hineingesehen, der nicht existiert. Klar, Maschinen befreien uns vor gewissen Arbeiten. Damit wir andere Arbeiten umso intensiver tun können. Es gilt gerade, die wirtschaftlichen Verhältnisse so einzurichten, dass sie allen Arbeitsfähigen Arbeit bieten. Es gilt gerade, die Arbeitswelt neu zu gestalten.

Die Arbeitsverhältnisse, nicht die Geldverhältnisse, sind der entscheidende Ort im Wirtschaftsleben.

Dass es heute anders ist und die Gesellschaft gleichsam Kopf steht, ist wahr: die Geldverhältnisse bestimmen weitgehend das soziale Leben. Das ist jedoch eine gravierende Umkehrung, wie jetzt immer mehr gesellschaftlich durchschaut wird. Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Kind dieser Verkehrung.
Real ist notwendig: dass die nötige Arbeit im Dienste aller geleistet wird. Das nennt sich Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit. Brüderlichkeit gesellschaftlich gesehen ist nicht, einem Bettler einen Fisch zu geben. Sondern ihn fischen zu lehren.
Die Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse, denen die Lohnverhältnisse folgen, geschieht in den Wirtschaftsbetrieben. An jedem Arbeitsort. Sie ist ein Prozess der beteiligten Menschen. Dieser fängt überall da an, wo jemand mit andern zusammen anfängt. Jederzeit ist das möglich. (Nicht überall in gleicher Weise allerdings, weil die soziale Gegenseitigkeit Abhängigkeiten einträgt.)
Niemand kann so etwas per Gesetz einführen. So eingeführt werden können Begrenzungen wie Arbeitszeit, Mindestlohn, Sicherheitsvorkehrungen u.ä.

Etwas Richtiges verfrüht

Allgemein eingeführt werden kann immer nur etwas, was bis zu einer gewissen Stärke und Ausbreitung bereits da ist. Wenn es also so wäre, dass heute bereits die meisten Menschen freiwillig ihre Arbeit täten, könnten andere Lohnformen, zum Beispiel eine Art Grundeinkommen, eingeführt werden. (Das Paradoxe im Sozialen ist jedoch, dass man doch Dinge tun kann, die eigentlich nicht gehen.)
Das bedingungslose Grundeinkommen ist etwas Richtiges verfrüht. Das heisst ist etwas Falsches. Es hat noch keinen Boden und wird verdorren.
Weil das bedingungslose Grundeinkommen reale Ideale, Zukunfskräfte anspricht, stösst es auf solche Begeisterung. Klar, wir müssen in Richtung Reich der Freiheit gehen. Aber wie kommen wir da hin? Sicher nicht mit Geschenken.
Der Einzug des Königs wird gefeiert. Es ist Palmsonntag.
Es gibt ein Erkennungszeichen für Verfrühtes: Arroganz (die kann subtil auftreten). Auch Bodenlosigkeit.

Vom Ringen und vom Schicksal

Unterschätzt, ja missachtet wird das Ringen mit den Widerstandskräften. Die Wirklichkeit der antisozialen Triebe. Wird der Kampf. Das „Arbeiten im Schweisse des Angesichts“. Wird die Tatsache, dass sozialer Fortschritt aus Mühen geboren wird – den Mühen der Ebenen. Vergessen geht, dass ein Einkommen nicht eingeführt, sondern nur erarbeitet werden kann. Der springende Punkt, wie gesagt, ist die Arbeit, ist die Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse, sind neue Lohnformen in der Wirtschaft, nicht neben der Wirtschaft. Das bedingungslose Grundeinkommen springt aus diesen realen sozialen Verhältnissen und meint, sie von aussen heilen zu können. Mit einer neuen Einrichtung, die nicht bei den Menschen verankert ist. Arbeiten für Andere ist immer mit einem Bewertungsvorgang dieser Anderen verbunden. Stösst meine Arbeit auf ein Bedürfnis? Sonst ist es keine! Das gemalte Bild, das niemand will, hat keinen wirtschaftlichen Wert (einen subjektiven vielleicht schon, aber das ist ja der Unterschied von Freizeit und Arbeitszeit). So spielt die soziale Gegenseitigkeit. Dieser entzieht sich das bedingungslose Grundeinkommen. Es entfernt sich aus der Wirtschaft, aus der Gemeinschaftlichkeit. Wie vieles heute ist das bedingungslose Grundeinkommen eine Geld-Illusion. Es gaukelt ein Dessert vor, bevor die Suppe gekocht worden ist.

Vergessen wird: Jeder kann damit beginnen, eine bessere Suppe zu kochen. Und für das Ausprobieren von Desserts ist in der Freizeit genügend Raum. Es liegt nicht am Geld, am fehlenden Geld. Man kann klein anfangen. Man hat heute tausend Möglichkeiten. Beschränkte, natürlich. Beschränkungen haben ja ihren Sinn und Grund. Unser Schicksal hat sie uns hingestellt.

Das bedingungslose Grundeinkommen will darüber hinweg springen.
Wer über den springenden Punkt springt, verfehlt ihn.

Ist der Sozialstaat nur schlecht?

Und es ist ja auch so: ein Grundeinkommen gibt es bereits. In unseren Gesellschaften lässt man niemanden verhungern. (Dass es bittere Armut, auch unerkannte, gibt, ist ein anderes Kapitel – das mit einem bedingungslosen Grundeinkommen wohl finanziell gelöst würde, aber nicht menschlich; es ginge auf Kosten der Wahrnehmbarkeit.)

Gewiss, die heutige Sozialhilfe nimmt teils unwürdige Formen an. Daran muss gearbeitet werden. Aber dass diese nicht bedingungslos gegeben wird, hat auch gute Gründe. Den Sozialstaat und die Sozialarbeiterinnen generell zu verunglimpfen, wäre etwas billig. Das bedingungslose Grundeinkommen will unwürdigen Verbindlichkeiten entgehen – und kippt dabei sämtliche sozialen Verbindlichkeiten.

Die Verfechter des Grundeinkommens weisen auf prekäre Lebensverhältnisse hin, die verbessert würden: diejenigen der völlig überforderten, alleinerziehenden Mütter. Hier haben wir es aber mit einer anderen Problemstellung zu tun: die Nichterwerbsfähigen, diejenigen, die ausserhalb des Arbeitsprozesses stehen, die Kinder, ebenso wie die Alten oder wie behinderte Menschen brauchen ein „Grundeinkommen“. Alte und Behinderte erhalten es bereits. Wenn Kinder es ebenfalls erhalten würden, wäre die Situation Alleinerziehender radikal entschärft.

Eine blosse Antithese

Der heutige wirtschaftliche Liberalismus baut philosophisch auf dem Egoismus auf: Wenn jeder dem eigenen Nutzen folge, erreiche man das grösste gesellschaftliche Wohl. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine Antithese dazu: wenn wir den Altruismus vorgeben (das Grundeinkommen schenken), erreichen wir das grösste gesellschaftliche Wohl. Beide Auffassungen machen sich nicht daran, die Arbeits- und Lohnverhältnisse menschlich zu gestalten.

Boden – Arbeit – Kapital: dies sind die drei Kerngebiete, welche einer radikalen gesellschaftlichen Umgestaltung harren. Boden: die Beziehung zu Mutter Erde. Kapital: die Beziehung zum Geist. Arbeit: die Beziehungen zwischen Menschen.

Das bedingungslose Grundeinkommen versäumt es, die Arbeitsfrage anzugehen, indem es die Einkommensfrage stellt. Es meint, Geldlösungen seien gesellschaftliche Lösungen. Es wähnt, eine einseitige Geld-Massnahme (die Einführung des Grundeinkommens) setze nicht Begehrlichkeiten frei, sondern Moralität in Gang. –
Geschenke machen ist eine Kunst. Sie lebt von der treffenden Idee. Automatische Geschenke höhlen aus.

So verging die Zeit, die auf Erden mir gegeben war

Das bedingungslose Grundeinkommen ist bequem. Es ist eine soziale Massnahme, wo man bleiben kann, wie man ist. Von selbst bekommt man es. Scheinbar. Preise, die man nicht zahlt, werden später eingetrieben.
Entscheidend ist, weichenstellend, ob wir eine Gesellschaft auf Selbstverwirklichung bauen wollen oder auf Verantwortung. Die eine wird halten, die andere stürzen. Welche Kräfte stärken wir mit einer Massnahme? Vermögen wir zu zeigen, dass der schmale Weg, der Weg der Verantwortung, den breiten Weg, den Weg der Selbstverwirklichung, übersteigt in Freude? Dass wahre Selbstverwirklichung mit dem Übernehmen von Verantwortung erreicht wird.
Jede Geburt ist mit Schmerzen verbunden. Wer den Schmerzen ausweichen will, den werden sie einholen.
Die Welt ist paradox. Das heisst, aus Widersprüchen gemischt. Einfache Lösungen im Sozialen sind fatal.
Bedingungsloses Grundeinkommen: Der Staat sorgt für dich. (Gewiss, er verteilt nur um. „Nur“: als ob zum Beispiel die Eintreibung einer Mehrwertsteuer von 50% ein Pappenstil wäre. Von der Sozial- in die Steuerbürokratie?) Statt: Wie schaffen wir wirtschaftliche Verhältnisse, allmählich, Schritt für Schritt, freudig, wo Menschen für Menschen sorgen. Weltweit.
Das sei kein Widerspruch? Ich meine doch. Es ist die Entscheidung, wofür wir unsere Kräfte einsetzen.
Zum Beispiel: Eltern brauchen Kindergeld. Heutige Kinderzulagen sind massiv zu tief.

Nachwort

Auf einer argumentativen Ebene kann die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht widerlegt werden. Auf jedes Argument gibt es ein Gegenargument, und umgekehrt. Der Verstand kann in sich schlüssige Systeme bauen, die aufgehen. Hier sollte etwas anderes versucht werden, nämlich eine Schicht tiefer zu gehen und die Art der sozialen Geste zu betrachten und zu charakterisieren, die in dieser Idee lebt. Vielleicht ist mir das schlecht gelungen.
Auf der ideellen Ebene gilt: „Deine Rede sei ja ja, nein nein.“
Eine andere Ebene, auf der dem bedingungslosen Grundeinkommen fruchtbar entgegengetreten werden kann, ist die konkrete Zahlenebene. Die meisten Rechnungen stimmen nicht, wenn man genau hinschaut.

Etwas anderes wird es sein, wenn nun am 21. April die Unterschriftensammlung für die Volksinitiative in der Schweiz gestartet wird. Im politischen Prozess vermochte die Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen die soziale Frage überhaupt wieder ein Stück weit ins Spiel zu bringen. Das ist einerseits zu begrüssen. (Eben, die Welt ist paradox.) Im unmittelbaren politischen Prozess wird es fruchtbarer sein, dieser Idee nicht frontal entgegenzutreten. Sondern Formen zu suchen, in welche die durch das Grundeinkommen aufgeweckte Stosskraft fruchtbar gelenkt werden kann. Wie eben ein Kindergeld, das seinen Namen verdient. Oder der Bildungs-Gutschein. Eine unbürokratische Grundsicherung. Bezahlte Auszeiten. – Nur dagegen zu sein wäre zu einfach.

Übrigens: Es gibt auch falsche Ideen, deren Zeit gekommen ist.

Gerold Aregger

Rudolf Steiner zu dieser Thematik

Sylvain Coiplet vom Institut für soziale Dreigliederung in Berlin hat ein Büchlein mit einschlägigen Wortlauten Rudolf Steiners zum Thema Arbeit und Einkommen zusammengestellt. Vorangestellt ist eine spitze Einleitung aus seiner Feder, die sich in prägnanter Art kritisch mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens befasst. „Wer – wie heute noch üblich – erst in Massen produziert unbd seine Produktion über Werbung in den Markt drückt, hat eigentlich nicht für seine Mitmenschen, sondern für sich selber gearbeitet. Er hat nur sein Einkommen im Sinn gehabt. (...) Dasselbe gilt aber, wenn alle ein bedingungsloses Grundeinkommen beziehen würden. Sie würden sich genauso wenig darum scheren müssen, was ihre Mitmenschen brauchen.“ (S. 7) „Dabei hat der Ansatz einer Vernetzung zu wirtschaftlichen Assoziationen gegenüber dem Ansatz eines bedingungslosen Grundeinkommens den entscheidenden Vorteil, dass überall damit angefangen werden kann, ohne auf eine demokratische Mehrheit warten zu müssen.“ (S. 10) Gewiss wird auch Sylvain Coiplet zugeben, dass bisher leider viel zu wenig solcher Anfänge sichtbar geworden sind. - Das bedingungslose Grundeinkommen wird als Gefühls- und Gedankenlosigkeit charakterisiert: gerade Kreativität vertrage sich schlecht damit.
Wer bereit ist, sich sozialen Fragen nicht mit vorgefassten Meinungen zu widmen, findet hier anregende Lektüre. Nicht nur zur Frage, ob das bedingungslose Grundeinkommen verträglich sei mit der Richtung von Rudolf Steiners sozialem Dreigliederungsimpuls.

Gerold Aregger


Dieser Artikel ist erstmals erschienen in GEGENWART, Ausgabe 1/12