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Rudolf Steiner - ein Judenfeind?
oder: Die Weltgeschichte geht verschlungene Wege

01.04.2008

Immer wieder wird Rudolf Steiner vorgeworfen, er habe sich mehrfach betont judenfeindlich geäußert und sei Antisemit gewesen. In der Folge wird Entsprechendes der gesamten Anthroposophie angelastet.

Der Vorwurf bezieht sich insbesondere auf Äußerungen Steiners, die dieser in der Besprechung des Buches Homunkulus von Robert Hamerling getan hat. Die Besprechung erschien 1888 in der Deutschen Wochenschrift und ist heute in Gesammelte Aufsätze zur Literatur 1884 bis 1902 (GA 32) abgedruckt.

Hier finden sich Sätze wie die folgenden:

Es ist gewiss nicht zu leugnen, dass heute das Judentum noch immer als geschlossenes Ganzes auftritt und als solches in die Entwicklung unserer gegenwärtigen Zustände vielfach eingegriffen hat, und das in einer Weise, die den abendländischen Kulturideen nichts weniger als günstig war. Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte, dessen Folgen nicht ausbleiben konnten. Wir meinen hier nicht die Formen der jüdischen Religion allein, wir meinen vorzüglich den Geist des Judentums, die jüdische Denkweise. Juden, die sich in den abendländischen Kulturprozeß eingelebt haben, sollten doch am besten die Fehler einsehen, die ein aus dem grauen Altertum in die Neuzeit hereinverpflanztes und hier ganz unbrauchbares sittliches Ideal hat.

Wer wollte nun bestreiten, daß diese Sätze, liest man sie als heutiger Leser nach den für das Judentum so existenzbedrohenden Geschehnissen während des Dritten Reichs, jenem gegenüber ausgesprochen arrogant und geringschätzig wirken? Wird hier nicht kurzerhand, so kann es scheinen, dem Judentum die Existenzberechtigung in der Gegenwart abgesprochen?

Es ist naheliegend, daß solche Sätze heute, nach dem grauenhaften Schicksal, welches den weitaus größten Teil des europäischen Judentums im nationalsozialistischen Holocaust ausgelöscht hat, als im Sinne jener Ideologie des Bösen verstanden werden können, welche die Rechtfertigung zu dessen Vernichtung bildete.

Doch welchen Sinn hat es, vor 120 Jahren geäusserte Sätze ausschliesslich aus gegenwärtiger Perspektive zu beurteilen? So stellt sich die Frage, wie diese Sätze im Zusammenhang mit dem Steinerschen Welt- und Menschenbild vor der Wende zum 20. Jahrhundert zu verstehen sind. Haben sie auch aus dieser Perspektive und in Verbindung mit den damals bereits deutlichen Bestrebungen Rudolf Steiners jene menschenfeindliche und niederträchtige Bedeutung, welche derjenige heutige Leser in ihnen vermuten muss, der mit dem Steinerschen Grundanliegen und den zeitbedingten Zusammenhängen wenig vertraut ist? Und der in einer Zeit aufgewachsen ist, in welcher die klare moralische Stellungnahme zu den Greueln des Nationalsozialismus als eines der vorrangigen Erfordernisse der deutschen Nachkriegszeit empfunden wird.

Beziehen wir uns zur Charakterisierung eines Grundzugs des Steinerschen Menschenbilds auf die Darstellung Steiners in der Zeit vor der Jahrhundertwende durch die freie Internet- Enzyklopädie Wikipedia[1]. Dort heißt es u.a.: Steiner betrachtete „seine monistische Erkenntnistheorie […] nur als Vorspiel, als philosophischen Unterbau einer radikal individualistischen Freiheitsphilosophie, mit welcher er eng an Friedrich Nietzsche und Max Stirner anschloss. […] Der Übermensch [Nietzsches, d.V.] ist für Steiner also der "von allen Normen befreite Mensch, der nicht mehr Ebenbild Gottes, Gott wohlgefälliges Wesen, guter Bürger usw., sondern er selber und nichts weiter sein will."[2] […] Er proklamierte An Gottes Stelle den freien Menschen.[3]" In seiner Philosophie der Freiheit (1894) krönt Steiner im sogenannten ethischen Individualismus sein Menschenverständnis, indem er die freie schöpferische Individualität als einzig möglichen Keim und Schöpfer der Zukunft herausarbeitet.

Vor diesem Hintergrund kann es kaum verwundern, wenn Steiner den „Geist des Judentums“, „die jüdische Denkweise“ als einen entscheidenden, wenn nicht den damaligen Hauptrepräsentanten einer Geisteshaltung betrachtet und in der ihm damals eigenen Schärfe kennzeichnet, die der seinen diametral entgegengesetzt ist und „ein aus dem grauen Altertum in die Neuzeit hereinverpflanztes und hier ganz unbrauchbares sittliches Ideal hat.“ Denn worin bestand diese Denkweise, dieses Ideal? Nicht der Einzelne, souverän werdende Mensch stand im Zentrum der grundlegenden Bestrebungen des jüdischen Weltbildes, sondern die durch Blutsbande verbundenen Angehörigen einer Nation, die sich durch göttlichen Ratschluss gegenüber allen anderen Völkern als erhöht und bevorzugt verstand. Deren einzelne Angehörige waren nicht aufgrund individueller Befähigungen und Errungenschaften, sondern qua Mitgliedschaft in einer gottgefälligen Nation bereits höher, besser, im Verhältnis zu den sonstigen Gliedern der Menschheit erhoben, eben „von Gott auserwählt“.

Während sich Steiner in der Tradition der „abendländischen Kulturideen“ versteht, deren Denker und Wegbereiter (so Hegel, Fichte, Schelling, Goethe, Schiller, Lessing, später dann Stirner, Nietzsche u.v.a.) einen Weg einschlugen, der die Befreiung und eigenständige Entwicklung des Individuums im Auge hatte, steht für ihn das Judentum als Geisteshaltung, „die jüdische Denkweise“, im gegebenen Zusammenhang als Repräsentant für gruppen- oder volksbezogenes Heil (auserwähltes Volk) und für alles, was sich aus den Konsequenzen eines solchen Denkens ergibt: erneutes Konstituieren des Judentums als blutsmäßig miteinander verbundener Gruppe, während diese de facto vielerorts, insbesondere in Mitteleuropa, dabei war, sich als solche aufzulösen; Zionismus, Rückkehr nach Palästina, heilsgeschichtliche und religiöse Legitimation und Motivation eines volksbezogenen Gruppenegoismus und Ähnliches.

In anderem, insbesondere christologischem Kontext hebt Steiner gerade die tatsächliche einstige Auserwähltheit des hebräischen Volkes hervor und würdigt den gar nicht hoch genug einzuschätzenden Beitrag, den dieses nicht nur für das zentrale Ereignis des Christentums, sondern für die Menschheitsgeschichte geleistet hat.

Der abendländischen Tendenz zur eigenständigen Entwicklung der individuell werdenden Persönlichkeit, welcher Steiner sich verpflichtet fühlte, stand für ihn der genannte Zug des damaligen bekennenden Judentumn als Vertreter einer ideellen Zielrichtung gegenüber, die uralte Gruppenzusammenhänge wieder aufleben lassen wollte. Und dies nicht in erster Linie aus freien Stücken, sondern zu einem nicht unerheblichen Teil als Antwort auf den immer stärker werdenden Antisemitismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

In diesem Sinne dürfte auch der Satz zu verstehen sein, „Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und daß es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte, dessen Folgen nicht ausbleiben konnten.“ Steiner behauptet, es sei ein Fehler der Weltgeschichte (nicht des Judentums!), daß sich letzteres bis zu seiner Zeit erhalten habe und unterstellt damit als andere mögliche Entwicklung desselben dessen Aufgehen in der abendländischen Gegenwartskultur - wären nicht dem widerstrebende Kräfteverhältnisse und Bestrebungen (kurz: die Weltgeschichte), welche eine solche Entwicklung verhinderten. Zu den widerstrebenden Faktoren dürfte entscheidend die jahrhundertealte Judenfeindschaft zu rechnen sein, welche das Judentum in militanter Weise daran hinderte, sich in die moderne Zivilisation und Kultur seiner Gastländer einzugliedern und sich rückhaltlos in sie einzufügen. Diese Eingliederung und damit letztlich Auflösung des Judentums im Sinne der dieses ursprünglich konstituierenden religiösen Ideale wurde vielmehr immer aufs Neue von anderen Akteuren der Weltgeschichte behindert und verunmöglicht. In der Folge wandte sich das Judentum von einer Entwicklung ab, in der es durch viele seiner hervorragenden Persönlichkeiten, Strömungen und Bestrebungen längst schon begriffen war. Steiner bemerkt übigens in späterer Zeit, dass er gerade die Gefahr des Antisemitismus in seiner Wiener Zeit noch unterschätzt habe. Und er wirkt um die Jahrhundertwende sogar aktiv mit im Verein zur Abwehr des Antisemitismus.

Für die unvoreingenommene Diskussion des hier behandelten Sachverhalts besteht ein erschwerendes Dilemma. Steiner setzt sich in seiner Ablehnung des im oben beschriebenen Sinne verstandenen „jüdischen Geistes“ von Ideen ab, die damals für ihn durch das Judentum repräsentiert wurden. Kurze Zeit nach ihm traten jedoch in Form des Nationalsozialismus rassistische Ideen mit menschenverachtendem und zerstörerischem Charakter auf. Die Arier wurden als auserwählte Rasse und die Deutschen als ihre Vorreiter betrachtet, und die Nationalsozialisten setzten ihre Ideen u.a. gegenüber eben dem Judentum in mörderischer Weise um.

Diese Tatsache überlagert vollständig, was Steiner aus damaliger Sicht im „Geist des Judentums“ als überholt, nicht mehr zeitgemäß, den abendländischen Kulturideen in seinen Wirkungen abträglich und schädlich beurteilen konnte, ohne diese Ablehnung als Antisemitismus zu betreiben. (Im Gegenteil: von diesem distanzierte er sich mehrmals in aller Schärfe, wie übrigens auch Hamerling.) Er setzte sich in seiner Auseinandersetzung mit der „jüdischen Denkeweise“ von sittlichen Idealen vergangenheitsverhafteter religiös motivierter Gruppenegoismen ab, die seinen eigenen Idealen der Entfaltung der freien menschlichen Individualität fundamental zuwiderliefen.

Wir Heutigen hingegen haben uns in Tat und Wahrheit von dem monströsen modernen Gegenbild derartiger Gruppenideale, dem Ungeist des Nationalsozialismus, freizumachen und abzusetzen. Als Anthroposophen insbesondere auch in Zusammenhängen der eigenen Bewegung, wo eine Verbindung anthroposophischen und nationalsozialistischen Gedankenguts missbräuchlicherweise bis heute vorkommt.

Ich beziehe mich hier im Versuch, Steiner zu verstehen und ihm gerecht zu werden, insbesondere auf das von ihm so genannte „ganz unbrauchbare sittliche Ideal“ des Judentums, welches sich aus der im „grauen Altertum“ entstandenen Idee des auserwählten Volkes ergibt. Ich halte diese Idee mitsamt ihren Implikationen für besonders relevant in der Auseinandersetzung Steiners mit dem Judentum. Selbstverständlich müsste man dieses Grundverständnis erweitern, wenn man umfassend einbeziehen wollte, worauf Steiner sich als den „Geist des Judentums“ bezieht. Doch scheint mir in dem Genannten die gedankliche Essenz zu liegen.

Das Judentum seiner Zeit – vermutlich vor allem das bekennende Judentum – steht bei Steiner 1888 für heilsgeschichtlich-religiöse Aufwertung bzw. Neubelebung des Volks- und Gruppenhaften in ursprünglicher Blutsverwandtschaft in einem uralten Sinn. Der „abendländische Kulturprozess“, die „abendländischen Kulturideen“ stehen für das Gegenteil: die Befreiung des Einzelnen aus bevormundenden Ketten und Zwängen hin zu einer den einzelnen Menschen in seiner Einzigartigkeit würdigenden und fördernden Entwicklung im Sinne einer neu heraufziehenden Zeit.

Es versteht sich aus dem ganzen Zusammenhang der Anthroposophie und ihrem Eintreten für Individualität und Würde jedes einzelnen Menschen unabhängig von Volk, Ethnie, Religion, Kultur und Bildungsstand von selbst, dass Anthroposophen sich nach dem Nationalsozialismus und seiner vernichtenden Praxis gegen die Juden nicht mehr in der von Steiner damals vollzogenen Weise ausdrücken können und wollen.

[1] Wikipedia, de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Steiner, Stand 24. April 2008

[2] Rudolf Steiner, Der Individualismus in der Philosophie, in: Methodische Grundlagen der Anthroposophie 1884 bis 1901. Gesammelte Aufsätze zur Philosophie, Naturwissenschaft, Ästhetik und Seelenkunde, GA 30 (1961), S. 99 ff.

[3] Zitat aus einem von Rudolf Steiner zu seiner Person am 8. Februar 1892 ausgefüllten Fragebogen. Als Faksimile veröffentlicht in: Christoph Lindenberg, Rudolf Steiner, rowohlts monographien Band 500, Hamburg 1992, S. 51.

Alle nicht im Einzelnen kenntlich gemachten Wortlaute entstammen den zitierten Sätzen aus der anfangs angeführten Buchbesprechung Rudolf Steiners von R. Hamerling, Homunkulus.


Erschienen in GEGENWART Nr. 2/08

GEGENWART, Zeitschrift für Kultur, Politik, Wirtschaft, Burgunderstrasse 132, 3018 Bern