Die Idee der volkswirtschaftlichen Schenkung – Schwierigkeiten ihrer Geburt

Vorbemerkung

Die Dreigliederung des sozialen Organismus ist Forschungsgegenstand, -methode und -ergebnis zugleich. Ihr Gegenstand ist das soziale Leben der Menschheit, speziell die Verleiblichung im Weltwirtschaftskörper und seine Interdependenzen mit dem Rechtsbewußtsein und der Kulturfähigkeit. Ihre Methode ist die Empirie, und zwar schrittweise Entwicklung imaginativer, inspirativer und intuitiver Erkenntnis gemäß den zu erfassenden nichtsinnlichen Lebensprozessen, besonders der Werteströme. Resultat ist das Ideal, die Form der sozialen Gesetze, die dadurch Gestalt annehmen, daß Menschen als Freiheitswesen sie (erkennend) wollen. [1]

Die Veröffentlichung der Idee der Dreigliederung des Geldes ist demnach ein historischer Prozeß, der verknüpft ist mit der Erkenntnisfähigkeit und dem sozialen Wollen der Menschheit. In diesem Prozeß lassen sich Rhythmen und Umlaufzeiten beobachten. [2]

Im folgenden wird versucht, den Prozeß der Emanzipation des Geldes vom Ding oder Fetisch zum Instrument sozialer Bewußtheit und Durchdringung an einigen Symptomen aufzuzeigen. Zugleich möchte es ein Beitrag sein, Steiners Entdeckung der sozialen oder strukturellen Schenkung als einer Eigenbewegung des Geldes [3] als in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung verankert aufzuzeigen.

Symptomatisches

1922 wurde Walther Rathenau ermordet («Die Wirtschaft ist unser Schicksal»); im gleichen Jahr ereignet sich ferner Mussolinis «Marsch auf Rom»; Hitler schreibt auf der Festung Landsberg «Mein Kampf»; die Inflation treibt in Deutschland ihrem Höhepunkt entgegen: 1 $ = 4,2 Mill. M. Notgeldumlauf ca. 500 Trill. Papiermark (= ½ Milliarde Goldmark). J. M. Keynes veröffentlicht: «Revision des Friedensvertrages». Gandhi wird zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Physiknobelpreis geht an Niels Bohr (Atommodell). Rudolf Steiner hält in Dornach auf Bitte von Wirtschaftern und Ökonomiestudenten 14 Vorträge über Wirtschaftswissenschaft («Nationalökonomischer Kurs»), in denen er u. a. die Volkswirtschaftslehre dahingehend weiterführt, daß er zeigt, wie im Weltmaßstab drei Sorten von Geld die Ausgleichsvorgänge des Wirtschaftsorganismus bewirken. Und wie die Ausbildung dieser Geldkreisläufe in «selbsttätiger Vernunft» der erreichten Stufe der Arbeitsteilung und Fähigkeitenwirtschaft adäquat ist.

Eine Generation später, 1955, haben wir folgende Szenerie: Vom Weltsozialprodukt entfallen auf rund je ein Drittel der Erdbevölkerung 85 %, 10 % und 5 %. L. R Klein und A. S. Goldberger legen ein mathematisch-theoretisches Wirtschaftsmodell für die Vereinigten Staaten vor. Transistoren finden erstmals Anwendung in Großrechenanlagen. Albert Einstein stirbt. Werner Heisenberg setzt sich für ein Kernreaktorinstitut in Karlsruhe ein. Erster H-Bomben-Abwurf, Th. Blank wird erster Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland. Es gibt keinerlei Hinweise auf eine gezielte sozialwissenschaftliche Forschung innerhalb der geisteswissenschaftlichen Bewegung. [4]

Wiederum eine Generation später, 1988, zeigt sich folgendes Bild: Der Internationale Währungsfond und die Weltbank berufen eine Jahrestagung für den Herbst nach Berlin-West ein. Die Verschuldung der Dritten Welt übersteigt den Betrag von 1000 Milliarden US-Dollar. Die westlichen Finanzminister lehnen eine Schuldenstreichung ab. Die westdeutsche Mark feiert ihr vierzigjähriges Jubiläum: Am 20. Juni 1948 wurden pro Kopf DM 40,— ausgegeben. Auf den Berliner Film-Festspielen zeigt Peter Krieg seinen Dokumentar-Film «Die Seele des Geldes», der heftig diskutiert wird.

Zwei geisteswissenschaftlich orientierte Institute berufen im Frühjahr ein Colloquium zur Geldfrage nach St. Georgen b. Freiburg ein. Ein anthroposophischer Verlag schreibt ein Jahrbuch zur Geldfrage aus.

Paradigmenwechsel

Daß die Empirie 1922 methodisch von Steiner bis zur Charakteristik innerer Bildgesetze des Weltwirtschaftsprozesses vorangetrieben wurde, hat die schulmäßige und staatlich sanktionierte Forschung zunächst wenig beeinflußt. Auf diesem Gebiet sind vielmehr in dem bezeichneten Zeitraum von 66 Jahren die formalisierten Modelle, die ökonometrischen Erhebungen weiterentwickelt und die Aussagen stärker in den Dienst nationalpolitischer (oder entsprechender Zusammenschlüsse von Staatengruppen) Interessen und Ziele gestellt worden. Diese Tendenz hat die Gefahr heraufbeschworen, daß die sozialwissenschaftliche Arbeit vollends in den Bann von Interessengruppen und politischen Strategien gerät, ohne daß man ihr zubilligt (oder sie sich selbst), die sozialen Lebensnotwendigkeiten aus den Phänomenen selbst zu formulieren.

Mit Recht weist Susan George in ihrer Studie «Sie sterben an unserem Geld» [5] daraufhin, wie die theoretischen Entwicklungsmodelle, die in westlichen Industrieländern produziert wurden, der Überwindung von Massenarmut und Hunger im Wege stehen, und stattdessen die Grundlage dafür sind, über Währungsvorgänge die ärmsten Länder der Weltwirtschaft in eine größere Abhängigkeit von den reichsten zu bringen als je zuvor in der Geschichte.

Ein Paradigma definiert die Grenzen, innerhalb deren sinnvoll Forschung betrieben werden kann. [6] S. George zeigt, in wie krassem Maße die Wirklichkeit den in der Entwicklungstheorie herrschenden Paradigmen widerspricht, in denen «Wachstum», «komparative Vorteile», «Reichtum von oben nach unten», «Modernisierung» oder «Technologietransfer» dominierten. Solcher Entwicklungshilfe stellt sie Tatsachen gegenüber wie diese, daß innerhalb von nur vier Jahren ein Nettotransfer von 106 Milliarden Dollar aus Lateinamerika an westliche Banken erfolgte.

Nehmen wir zu dem Symptom der Schuldenkrise solche Erscheinungen hinzu wie Massenarbeitslosigkeit, Konkurswellen und Vernichtung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen in den betreffenden Gläubigerländern, so wird die Suche nach besseren, anwendbaren Paradigmen nur noch dringender.

Das gibt der verborgenen wissenschaftlichen Revolution von 1922 neue Aktualität, was sich an Steiners Kategorie der volkswirtschaftlichen Schenkung zeigen wird.

Geld als fliegende Weltbuchhaltung

Es ist entscheidend, wo und wie im NöK die Faktoren des wirtschaftlichen Prozesses aufgesucht werden; nicht in einzelnen Nationalwirtschaften oder in Modellen einfacher Tauschverhältnisse, sondern in der Wirklichkeit der im 20. Jh. arbeitsteilig über die ganze Erde auseinander-gegliederten Tausch — (Erzeugen, Verteilen, Verbrauchen) — Leih-(Kreditnehmer und Kreditgeber) und Schenkungsvorgänge.

In dem das Geld diese drei Qualitäten ausbildet, kann es die ganz verschiedenen Ereignisse widerspiegeln, zum Ausdruck bringen und organisieren. Wo? «Die ganze Erde, als Wirtschaftsorganismus gedacht, ist der Soziale Organismus». [7]

Wir haben also eine Weltwirtschaft, die sich zunehmend von den nationalen Begrenzungen und Zielsetzungen emanzipiert und deren Prozesse sich durch die Produktivkraft des organisierenden Geistes differenzieren und dadurch einen Sektor aus sich hervortreibt, in dem die menschlichen Fähigkeiten um ihrer selbst Willen gepflegt und gefördert werden. Diese Entwicklung läßt sich als Übergang von Natural- über Geld- zur Fähigkeitenwirtschaft charakterisieren.

Wir «täuschen» (Steiner) uns, wenn wir diese Übergänge von der einfachen Tauschwirtschaft zur entwickelten Fähigkeitenwirtschaft in unserem Verständnis von Geld nicht mitvollziehen. «Geld» wird dabei nicht pragmatisch oder politisch gedacht, sondern durch und durch sozialökonomisch als fluktuierender Gegenposten zu allen charakteristischen Umlagerungen, zu denen sich der Wirtschaftsprozeß hinentwickelt hat. Und obwohl Geld eine reale Abstraktion ist, durch die wir alle die Benanntheit der unzähligen Wertespannungen und -auflösungen gewinnen, führt Steiners Geldbegriff(sbild) gerade zu der Wirklichkeit zurück; aber nicht indem er die Faktoren dieser Wirklichkeit isoliert und in Ruhe versetzt, sondern indem er im prozessualen Zusammenhang denkt.

Werteumlagerung 1

Während zu gleicher Zeit in der Physik die Weichen für das Atommodell und dessen Folgen gestellt werden, entwickelt Steiner für die Wirtschaftswissenschaft eine ganz andere Denkmöglichkeit. Hatten bis dahin abstrakte «Egoismuswerte» [8] das Denken und die Rechnungen beherrscht, so verweist er die Beobachtung jetzt auf einen sozialen Zusammenhang, den er die «Urzelle des Wirtschaftslebens», an anderen Stellen auch «das Atom des Wirtschaftens» nennt [9]: Die gegenseitigen Werte der Lebensgüter gestalten sich so, daß im wesentlichen der Wert eines Erzeugnisses dem Werte der anderen Güter entspricht, für welche der Erzeuger in der Zeit Bedarf hat, die er auf die Wiedererzeugung in der Zukunft verwendet. Hier haben wir also ein Eingehen auf Faktoren, die in die Preisbildung des Warenverkehrs hineinspielen und zugleich einen Anfang für die Erfassung des Werteflusses gewonnen. Indem auf diesen Werteausgleich gewiesen wird, ohne daß etwas zum Wirtschaftsleben theoretisch hinzugedacht wird oder unfreie Antriebe der Handelnden bestimmend werden, stellt der NöK den Vollzug der richtigen Preisgestaltung in die Beobachtung durch die Beteiligten. Steiner gibt als die «Form» dieser Beobachtung der Tauschprozesse die Assoziationen von Erzeugern, Händlern und Konsumenten an.

Deren «objektiver Gemeinsinn» ist lediglich die praktische Folgerung aus dem altruistischen Charakter auch des einfachen Wertetausches. Damit ist erstmals auf den Altruismus als auf eine weltwirtschaftliche Kategorie in der arbeitsteiligen Wirtschaft hingewiesen. Ist sie einmal erkannt, können auch die Störungen diagnostiziert werden, etwa die Arbeit auf Erwerb durch den Zwang des Lohnsystems, die die Preise verfälscht, oder etwa die Produktion um eines abstrakten Profites willen.

Es mag dieser Übergang von mechanistischen oder zwangswirtschaftlichen Erklärungen der Preisvorgänge zur lebendigen Beobachtung derselben auch 66 Jahre später befremdlich sein, haben wir uns doch an ganz andere Begriffe gewöhnt und lassen von ihnen auch weitgehend unseren Willen leiten. Aber Kriterien, wie «gesund», «erträglich» oder «schädlich», die uns für die Medizin als Wissenschaft durchaus geläufig geworden sind, lassen sich ebenso für die sozialen Prozesse gewinnen, wenn wir auf die Wertebewegungen konsequent eingehen.

Obwohl unser Beitrag auf die volkswirtschaftliche Schenkung speziell zielt, bleibt dem Leser nicht erspart, sich auch durch die anderen Geldbewegungen hindurchzuarbeiten. Ein Begriffsbild kann nicht am Ende anfangen. Denn es zeigt sich, daß auch auf der einfachen Wirtschaftsstufe des Tausches von Leistungen der innere Wert der geldmäßigen Verrechnung dieser Tauschvorgänge, seine Währung, nichts anderes sein kann als der Ausdruck der vernünftigen Einrichtungen dieser Tauschvorgänge und -vereinbarungen.

Werteumlagerung 2

Aber die volkswirtschaftliche Bewegung bleibt nicht bei diesen Käufen und Verkäufen von Lebensgütern mit Warencharakter stehen. Was treibt den Prozeß weiter in eine höhere Produktivität als diejenige, die in den Tauschvorgängen zum allgemeinen Nutzen wirkt? Es ist dies die Situation, wo menschlicher Geist organisierend, arbeitssparend in die Wertebildung eingreift und wo sich dieses Organisieren äußerlich in Kapitalformationen niederschlägt. Schon beim Tausch treffen ja nicht nur von der Arbeit modifizierte Naturprodukte aufeinander, sondern die durch den Geist modifizierte Arbeit wirkt als wertbildende Komponente. Und je stärker diese Intelligenz gliedernd, organisierend eingreift, desto stärker ist die damit einhergehende Kapitalentstehung. Der Wert dieses Kapitals bzw. Produktionsmittels hat aber mit dem Warenwert nichts zu tun. Dieser erlischt wieder, sobald der Tauschvorgang im richtigen Preis seinen Abschluß gefunden hat und schließlich im persönlichen Gebrauchswert verschwindet. Der Wert des Kapitals besteht aber solange, wie die durch dasselbe wirksam gewordene Produktivitätssteigerung, das erhöhte Produktionsvermögen volkswirtschaftlich weiterbesteht, solange also das Produktionsmittel technisch brauchbar ist und mit entsprechenden Fähigkeiten verbunden bleibt!

Wie läßt sich dieser Zusammenhang buchmäßig fassen, d. h. im Geld zur Erscheinung bringen? Damit sind wir mitten im Kreditverkehr. Inhalt dieses Verkehrs ist nicht der Tausch von Warenwerten, sondern eine sozialorganische Betätigung (s. NöK 5. Vortrag) des Kapitals. Sie wird dadurch hervorgerufen, daß zwischen dem Leiber und dem Schuldner eine Niveaudifferenz auftritt, wodurch der Schuldner als geistiger Arbeiter das Geld in eine fruchtbare volkswirtschaftliche Betätigung führen kann. Die menschlichen Qualitäten, die im sozialen Organismus miteinander verbunden sind, rufen den Fluß des Kapitals ins Leben. Dadurch setzt sich der Prozeß fort. Jedoch ist der Geldvorgang, der mit dieser Kreditschöpfung verbunden ist, nicht auf der Ebene der Geldzeichen wahrzunehmen. Schaffen wir uns also auf der Ebene der Geldzeichen einen Gegenposten für diese qualitative Steigerung des Wirtschaftsprozesses, so müssen die Zeichen ihren Zusammenhang mit der konkreten Verwertungskraft dieses Kreditvorgangs zum Ausdruck bringen. Und diese Verwertungskraft ist nicht endlos, sondern nützt sich ab. Deshalb ist im NöK vorgeschlagen worden, das Leihgeld mit einem Anfangs- und einem Verfallstermin zu versehen. Wir haben hier also eine Wertigkeit der Umlagerungen zu beobachten, wo der Geist als solcher den Wert des Geldes bestimmt.

Werteumlagerung 3

Der volkswirtschaftliche Prozeß geht aber nur weiter, wenn wir in ihm auch «reine Konsumenten» haben, die das mit immer weniger Arbeit Produzierte auch verbrauchen. Das sind die jungen und alten Leute und die «geistig» Produzierenden, die der Vergangenheit gegenüber nur Konsumierende, der Zukunft gegenüber aber Produzierende sind. Der Wirtschaftsprozeß kommt nicht zum Gleichgewicht, wenn die Entwertung nicht in ebenso konkrete Beobachtung gestellt wird wie die wertbildenden Prozesse. Diese Wertbildung hat in der Natur, die von menschlicher Arbeit verändert wird, ihren Anfang, findet ihre Fortsetzung, indem Geist / Kapital die Arbeit organisiert und geht derart weiter, daß Geist dieses Kapital dirigiert. Geldmäßig entspricht diesen Stadien das Zahlen und das Leihen. Aber der Prozeß kann in diesem Stadium der immer stärkeren Kapitalbildung nicht stagnieren. Er müßte ersticken, sich stauen, wenn sich das Kapital nicht wieder entwerten könnte und der Prozeß zum Ausgangspunkt (Natur) zurückkehren würde. Es ist außerordentlich schwer, hier nicht wieder in das private oder hauswirtschaftliche Denken zurückzufallen: Der dritte Faktor neben dem Zahlen und dem Leihen ist das Schenken — volkswirtschaftlich gedacht! Mit der Möglichkeit, daß diese Dreiheit von Faktoren miteinander in Ausgleich treten können, hängt also durchaus die Gesundheit des Prozesses zusammen.

In einem geschlossenen Wirtschaftsgebiet(Weltwirtschaft) geht nach einer bestimmten Zeit dasjenige, was Leihgeld ist, ganz in Schenkung über. [10]

 

Volkswirtschaftliche Schenkung

 

Nicht daß, sondern wie entwertet werden soll, ist demnach die Erkenntnis- und Gestaltungsfrage in einer durch Kapital in der Arbeitsteilung vorschreitenden Wirtschaft. Vergeblich sucht man in der übrigen volkswirtschaftlichen Literatur nach einem deutlichen Hinweis auf die Schenkung als einer volkswirtschaftlichen Kategorie. Zwar hat B. Laum bereits 1960 in seiner Studie «Schenkende Wirtschaft» [11] darauf hingewiesen, wie «Wirtschaften» ursprünglich synonym mit Bewirten und Schenken war, wie in schenkenden Wirtschaften das Bewußtsein für alle Teilnehmer wachgehalten wurde und die Schenkung solange fruchtbar war, bis sie durch Absolutismus und Merkantilismus mißbraucht und in neuerer Zeit in besonders perverser Form als Militärgeschenk wieder auftaucht (so «schenkten» die USA zwischen 1950-56 allein 60 Milliarden DM an befreundete Staatsmächte). Im übrigen beschränken sich die meisten Ökonomen darauf, das Problem der «unentgeltlichen Transfers» entweder fiskalisch, verteilungspolitisch oder privatwirtschaftlich zu analysieren.

Das bedeutet aber, daß die gesetzmäßige, organische Verwandlung der Werte im Prozeß nicht aufgedeckt und nicht als Korrelate der drei Glieder des Geldkreislaufes verstanden werden. Folglich überläßt man die Versorgung des Bildungs-Forschungs- und Sozialbereichs der Staatsbürokratie in Form der «Zwangsschenkung», wie Steiner die Steuern nennt. Während in diesen Entwertungen oder Umlagerungen noch gezielter politischer Wille steckt, kann dies für die volkswirtschaftlich unfreiwilligen Konkurse (Nichtbeschäftigung von Arbeitswilligen) nicht mehr gesagt werden. Da vollzieht sich der Übergang von Leihkapital in Schenkung völlig chaotisch.

Arbeitsteilige Wirtschaften, die in so starkem Maße Kapitalprozesse sich einverleiben, d. h. technische und innovative Fähigkeiten ins Werk setzen, gehen einher mit einem wachsenden Sektor der Schulung von Fähigkeiten. Dieser Funktion des «Freien Geisteslebens», im Vergleich zum halbfreien sich im Wirtschaftsbereich zweckgebunden betätigenden Geist, ist die Schenkung mit «selbsttätiger Vernunft» (Steiner) adäquat. Sie läßt sich aus der genauen Beobachtung der wertmäßigen Umlagerungen des volkswirtschaftlichen Prozesses ablesen: So wie die Bewertungsvorgänge des Wirtschaftsprozesses durch ständige Anwendung von technisch-organisatorischer Intelligenz umgeformt werden, was seinen geldmäßigen Ausdruck in der Position des Leihgeldes findet, so finden diese Produktivitätszuwächse organisch ihre Fortsetzung und Entwertung durch Schenkungen. In dem Maße, wie es an Verwertungskraft im Produktionsbereich verliert, als Leihgeld also alt geworden ist, kann es nur durch allmähliches Verschwinden im Bereich freier geistiger Betätigung («Kultur») verschwinden und hier in der Form des Schenkungsgeldes die Produktivität dritter Ordnung ins Leben rufen. So organisiert sich der soziale Prozeß, von der ökonomischen Seite gesehen, selbst in die Zukunft hinein.

Die organische Geldordnung

Mit Recht weist Gädeke in diesem Band darauf hin, daß sich aus dem Nationalökonomischen Kurs Steiners nicht ohne weiteres eine Geldordnung ablesen läßt (oben S. 94ff.). Der geisteswissenschaftliche Hinweis, daß die Arbeit auf Erwerb durch den Zwang zur Lohnarbeit schädliche Folgen für die richtige Preisbildung hat, ist nicht gleichbedeutend mit einer neuen Einkommensordnung. So wenig wie der Nachweis des NöK über die schädigenden Folgen der Käuflichkeit und Beleihbarkeit von Grund und Boden, nämlich das Erzeugen von Scheinwerten, schon eine neue Bodenordnung postuliert! Bereits die «Kernpunkte der sozialen Frage» sind als Agitationsprogramm mißverstanden worden, statt als Illustration neuer sozialer Gedanken. Die geisteswissenschaftlichen Anregungen zur Forschung und Weiterentwicklung sind davor auch nicht gefeit.

Und dennoch haben gerade die praktischen Konsequenzen aus dem dreigliedrigen Geldkreislauf die Gemüter bewegt und auch Auffassungsunterschiede produziert.

Es war besonders H. G. Schweppenhäuser, der die praktische Seite der Erkenntniserweiterung des geisteswissenschaftlichen Kapital- und Geldbegriffes aufgegriffen hat und 1971 mit der Studie «Das kranke Geld — Vorschläge für eine soziale Geldordnung» [12] an die Öffentlichkeit trat. In ihr und in einigen daran anknüpfenden Schriften arbeitet er insbesondere die Verwandlung des Leihgeldes in Schenkungsgeld bis in die Geldschöpfungstechnik aus, wobei er an die Anregungen der letzten vier Vorträge des NöK unmittelbar anknüpft: Leihgeld neuer Art (durch Personalkredit von Assoziationsbanken) verhindert, daß Unternehmerkapital sich in Geldkapital zurückverwandelt. Die Entschädigung des Leihgeldgebers erfolgt in Form des «Jahreszins» als Teilhabe an der Fruktifizierung des wirtschaftlichen Prozesses für eine vereinbarte Zeit. Die Vorleistung des Geisteslebens wirkt dabei wertbildend auf die Laufzeit der Anleihe. Danach muß dieser Vorgang auch volkswirtschaftlich ausgebucht werden: Das datierte Leihgeld, das sich im investiven Bereich erschöpft hat, geht als freie Schenkung an das autonome Geistesleben in Form des reinen Kaufgeldes weiter. Zum organischen Prinzip gehört, daß das Geld auch zahlenmäßig, d. h. wertmäßig mit selbsttätiger Vernunft das Gleichgewicht zwischen Wirtschaftsleben und Kulturleben ausdrückbar macht (Natur mal Arbeit = Geist minus Arbeit). Die abgelaufenen, gealterten und getilgten Leihgeldtitel können vom Inhaber benutzt werden, um eine Einrichtung des geistigen Produktionsbereiches in die Lage zu versetzen, sich in dieser Höhe bei der Bank mit neuem Kaufgeld zu versorgen. Das Volumen des Geldumlaufs ändert sich dadurch nicht, nur der zum Kaufen Berechtigte. Die Geldschöpfung im Leihgeld durch seine wirtschaftliche Produktivität sowie die Gelderneuerung durch die (in der Zukunft liegende) Produktivität des Geisteslebens sind die Kardinalpunkte.

Aus beiden ergibt sich das organische, lebendige Strömen des Kaufgeldes, in dem sich die ganze Wirtschaft quantitativ spiegelt. Durch die organische Geldordnung, so weiter gedacht, werden Kultur- und Geistesleben auf die eigenen Füße gestellt. Es ist gerade diese Gesetzmäßigkeit, die durch die internationale Währungsordnung ständig verletzt und unterlaufen wird.

Nicht daß ein Praktiker die Idee des Schenkungsgeldes derart aufgegriffen hat, ist die Besonderheit der «organischen Geldordnung», sondern wie wenig Praktiker sich auf diesem Gebiet haben anregen lassen. Dieses Desinteresse war aber bereits Steiners Aufsätzen von 1905/06 über «Geisteswissenschaft und soziale Frage» beschieden, in denen der Altruismus als wirtschaftliche Kategorie erstmals formuliert wurde. [13]

Anmerkungen

[1] Siehe hierzu den Beitrag von Thomas Gädeke in diesem Band, S.94ff.

[2] Rudolf Steiner, Et incarnatus est. Vortrag Basel 23.12.1917 (Die Umlaufzeiten geschichtlicher Ereignisse), in GA Bibl. Nr.180.

[3] Rudolf Steiner, Nationalökonomischer Kurs (NöK), 24.Juli-6.August 1922, GA Bibl. Nr.340, Dornach 41965.

[4] Diese Bemerkung ist nicht polemisch gemeint, sondern ergibt sich aus dem Studium der geisteswissenschaftlich orientierten Zeitschriften dieser Zeit und der Beobachtung, daß die Sektion für Sozialwissenschaft an der Freien Hochschule in Dornach damals unbesetzt war.

[5] Susan George, Sie sterben an unserem Geld, Reinbek 1988.

[6] Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt 1973.

[7] Rudolf Steiner, NöK, a.a.O., 1. Vortrag.

[8] Siehe Rudolf Steiner, Dreigliederung und soziales Vertrauen (Kapital und Kredit) in: Aufsätze in Ausführung der Dreigliederung 1915-1921, GA Bibl. Nr.24, Dornach 1961, S. 249ff.

[9] An verschiedenen Stellen, besonders im NöK, a.a.O., S.82 und im öffentlichen Vortrag in Tübingen, 2.6.1919 (nicht in der GA).

[10] Rudolf Steiner, NöK, a.a.O., S. 177.

[11] Bernhard Laum, Schenkende Wirtschaft, Frankfurt 196o.

[12] Hans Georg Schweppenhäuser, Das kranke Geld — Vorschläge für eine soziale Geldordnung von Morgen, Stuttgart 1971 sowie Derselbe, Die organische Geldordnung, Freiburg 1975.

[13] Siehe hierzu den Aufsatz des Verfassers «Soziales Hauptgesetz – Beginn einer neuen Wirtschaftswissenschaft und -praxis» in: Sozialwissenschaftliches Forum 1, Das Soziale Hauptgesetz, Stuttgart 1986.

Quelle

Wesen und Funktion des Geldes - Zahlen, Leihen und Schenken im volkswirtschaftlichen Prozeß.
Sozialwissenschaftliches Forum Band 3.
Hrsg. von der Sozialwisenschaftlichen Forschungsgesellschaft durch Stefan Leber.
Stuttgart 1989, Seite 239-249.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors

Bibliographischer Eintrag in "Dreigliederung des sozialen Organismus - Eine Bibliographie"