Richtungsunterschiede in der Dreigliederungsbewegung 1959 und 1979 – Rüblick und Ausblick

02.04.1980

In der zweiten Hälfte der 50er Jahre erhielt die damals mehr in der Stille wirkende Dreigliederungsbewegung mehrere Sprachrohre, mit denen die Dreigliederer miteinander in Verbindung traten und zugleich auch die sozialwissenschaftliche und gesellschaftspolitische Umwelt ansprechen konnten. Im Januar 1956 veröffentlichte F. Herbert Hillringhaus in Freiburg die erste Nummer einer monatlichen Korrespondenz für Dreigliederungsarbeit, die "Soziale Zukunft". Sie war gedacht als Weiterführung des bis 1955 von Godhard von Heydebrand in Wabern, Ktn. Bern herausgegebenen "Informationsblatt für Dreigliederungsarbeit", beschränkte sich aber im Unterschied zu diesem nicht auf neutrale Berichte, sondern suchte ein (schriftliches) Gespräch in Gang zu bringen, bei dem naturgemäß schon damals unterschiedliche Meinungen zu Worte kamen. Das wurde vereinzelt in Zuschriften an die Redaktion bedauert.[1] Noch im gleichen Jahre 1956 kam das erste Heft der "Beiträge zur Dreigliederung des sozialen Organismus" heraus. Im nächsten Jahre folgte das von Lothar Vogel herausgegebene erste Heft der "Fragen der Freiheit", die zunächst als Broschürenfolge, später als regelrechte Zeitschrift herauskamen und noch heute erscheinen.[2]

In diesen Periodiken kamen recht verschiedene Anschauungen zu Worte. Am deutlichsten wurde das bei den "Fragen der Freiheit", die schon früh damit begannen, herauszuarbeiten, was die Anhänger von Rudolf Steiner mit den "Freiwirtschaftlern" gemeinsam haben, deren Anschauungen wesentlich auf die Lehren von Silvio Gesell zurückgingen.

Jener Aufschwung der theoretischen Dreigliederungsarbeit in den endfünfziger Jahren ließ bald den Wunsch nach besserer gegenseitiger Zusammenarbeit entstehen. Hillringhaus rief (etwa 1959-60) dazu auf, in Freiburg ein eigenes Forschungsinstitut für anthroposophische Sozialwissenschaft zu gründen, dessen Leiter Prof. Folker Wilken werden sollte. Aber wie hätte sich das Institut – falls es zustandegekommen wäre – zu den verschiedenen Lehrmeinungen der anthroposophischen Sozialwissenschaftler verhalten sollen? Schon damals wurde deutlich, wie schwer eine Zusammenarbeit zwischen den Vertretern der einzelnen Richtungen war.

Unter dem Datum von 10. April 1959 versandte ein Veteran der ersten Dreigliederungsbewegung, Hans Kühn aus Arlesheim, dessen Bemühungen um eine Zusammenfassung der Dreigliederer in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg eine eigene Würdigung verdienen würden, folgendes Rundschreiben:

"Liebe Freunde! Ich habe Ihnen noch über das Anfang Januar in Stuttgart abgehaltene Seminar der ehemaligen Schüler der Kräherwaldschule zu berichten. Es hat noch einmal im gleichen Kreise stattgefunden wie im Sommer 58, soll aber künftig über Ehemalige weiterer Waldorfschulen ausgedehnt werden. Wer diese Tage miterlebt hat, konnte beglückt sein von der Frische und Offenheit dieser zukunftsfrohen jungen Menschen. Es ist besonders interessant zu sehen, wie diese Generation an die Probleme der Dreigliederung herangeht und sich das Verständnis dafür ganz aus den heutigen Gegebenheiten heraus erarbeitet. Sie wollen kein Luftschloß vor sich hingestellt haben, sie wollen sich auch nicht mit einer Idee begnügen, sondern sogleich die praktischen Ansatzpunkte suchen. Typisch dafür ist, was stud. jur. Eckhard Behrens in Nr. 7 der "Fragen der Freiheit" schreibt. Nachdem er aus erstaunlichen Einsichten heraus die heutigen Gesellschaftssyseme in Ost und West untersucht und anschaulich geschildert hat, wie sich daraus die Notwendigkeit einer dreigliedrigen Gesellschaftsordnung ergibt, heißt es da: 'Es steht jetzt die Frage vor uns: Wie gelangen wir zu diesem Ziel? Das Suchen und Beschreiten des Weges ist zweifellos spannender und reizvoller als die Entdeckung des Zieles. — Uns ist gegeben, auf keiner Stufe zu ruhen!'

Die zwanglose Zeitschrift 'Fragen der Freiheit', die sich in letzter Zeit intensiv mit den Arbeiten des Herrn Fritz Götte über die in der deutschen Verfassung verankerte Frage nach der Menschenwürde, sowie mit der Forderung eines freien Geisteslebens befaßt, findet bei allen Dreigliederungsfreunden mehr und mehr Beachtung.

Ich bin mir wohl bewußt, daß die Ansichten unserer Freunde nicht in allen Fragen übereinstimmen. Es zeichnen sich dabei zwei Extreme ab, speziell über die Aufgaben der Assoziationen und des Geldwesens. Auf der einen Seite wird die größtmögliche Freiheit auch für das Wirtschaftsleben verfochten, auf der anderen eine gewisse Gebundenheit oder Planung, in die sich der einzelne einzufügen hat. Die jungen Menschen fußen am liebsten auf den Ansichten eines Max Stirner, denn sie haben einen unbändigen Freiheitsdrang. Wir wollen sie darin nicht hemmen. Wir müssen lernen, ihre Sprache zu verstehen und zu sprechen.

Lassen wir uns nicht beirren, für das Ganze einzutreten, einerlei, ob über Details Meinungsverschiedenheiten bestehen. Sie werden vom Leben korrigiert werden.

Der Ernst der Zeit sollte uns veranlassen, zusammenzuhalten. Ein Blick in die Zeitungen kann heutzutage bestätigen, daß wir schweren Zeiten entgegengehen, besonders wenn wir verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen. Uns bekannte tiefere Gründe sollten als Warnungen betrachtet werden, den kommenden Ereignissen mit wachem Bewußtsein entgegenzusehen.

Mir scheint es hoch an der Zeit, alle Initiativen für die Dreigliederung zu koordinieren, denn das was heute geschieht, muß mit einer vollkommenen Atomisierung bezeichnet werden. Alle solche Bemühungen bleiben wirkungslos — so gut sie auch sein mögen — wenn sie nicht im Rahmen einer Gesamt-Konzeption erfolgen. [3] Nur in der Gemeinschaft können wir etwas leisten. Ich gebe deshalb die Hoffnung nicht auf, daß sich unsere Arbeitsgemeinschaft zu einem gemeinsamen Forum entwickeln möge, in welchem die Einzelseele ihre volle Kraft entfalten kann. Auf Ihre freiwillige Mitarbeit kommt es an. Ein größeres Komitee kann jederzeit geschaffen werden. Herr Hartwig Wilken, Freiburg, ist bereit, eine Art Sekretariat zu führen."

Die Entwicklung verlief jedoch anders. Zu den diversen Richtungen und Einrichtungen kamen neue hinzu. 1963 gründete Hans Georg Schweppenhäuser in Berlin sein (später nach Freiburg verlegtes) "Institut für soziale Gegenwartsfragen" und seit 1968 erschienen die Bücher von Wilhelm Schmundt, der später vor allem innerhalb der Achberger Bewegung ein positives Echo fand. Doch alle Richtungen arbeiteten mehr oder weniger bezugslos nebeneinander — obwohl z.B. in den Achberger Jahreskongressen längere Zeit sowohl Schweppenhäuser wie auch Schmundt mitwirkten. Die anthroposophischen Zeitschriften, wie das "Goetheanum", "Die Drei" und "Die Kommenden" vermieden es tunlichst, auf die Differenzen einzugehen. Nur in den von Hartwig Wilken herausgegebenen "Beiträgen zur Dreigliederung" gab es etwa seit 1974 eine fortlaufende Aussprache wenigstens über bestimmte Teilprobleme, besonders über die Lehren von W. Schmundt, eine Aussprache, die sich aber bei der geringen Verbreitung gerade dieser Zeitschrift gewissermaßen nur im engsten Kreise abspielte und ohne breiteres Echo blieb. Erst im Jahre 1979, 20 Jahre nach Hans Kühns Appell, die Richtungsunterschiede weder auszuklammern, noch sie zur Ursache von faktischen Spaltungen werden zu lassen, hat die Frage dieser Unterschiede weitere Kreise erreicht. Hans Georg Schweppenhäuser setzte sich in der "Drei" mit dem "Dritten Weg" der Achberger, repräsentiert durch Wilfried Heidt, auseinander.[4] Der Schreiber dieser Zeilen referierte am 25.5. im Rahmen der Sozialwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum über diese Fragen, wobei er vornehmlich drei Richtungen herausstellte, die hier durch die Namen

1) Heinz-Hartmut Vogel und Lothar Vogel,
2) Hans Georg Schweppenhäuser,
3) Wilhelm Schmundt und Wilfried Heidt,

angedeutet seien. Seltsamerweise schrieb Susan Cojanitz in ihrem Bericht über diese Sitzung, ich hätte dort "noch einmal" von diesen Diskrepanzen gesprochen.[5] Diese Formulierung läßt den Leser vermuten, es handele sich um ein innerhalb der anthroposophischen Öffentlichkeit viel und genügsam erörtertes Thema, während es in Wirklichkeit nicht zu viel sondern eher zu wenig erörtert worden ist; das gilt besonders von der Sonderstellung des Personenkreises, der sich um die Brüder Vogel gesammelt hat.

Das Verfahren, die Richtungsunterschiede in Schweigen zu hüllen, ist kein Aus- sondern ein Irrweg. Denn es führt zur wachsenden wechselseitigen Abkapselung der Richtungen voneinander, wenn weder ihre Wortführer selber noch die Persönlichkeiten, die über sie mündlich oder schriftlich berichten, diese Divergenzen auch nur erwähnen.

Es ist eine Aufgabe für die Dreigliederungsbewegung der allernächsten Jahre, den von Hans Kühn in seinem 1959 verfaßten Schreiben gewünschten Weg eines "In Gegensätzen miteinander" zu finden. Das WIE zu erörtern, ist hier nicht der Platz.

Doch seien wenigstens einige erste Hinweise gegeben:

1) Eine Annäherung kann nur gelingen, wenn man sich über die Breite der Distanz keinen Täuschungen hingibt. Wir brauchen daher (intern) vor allem einen "Katalog", der rücksichtslos in voller Deutlichkeit die vorhandenen Richtungen – zum mindesten die drei obengenannten – charakterisiert.

2) Anschließend brauchen wir einen "Katalog" dessen, was den verschiedenen Richtungen trotzdem noch gemeinsam ist.

3) Als nächster Schritt wäre zu ermitteln, in welchen Fällen die Unterschiede auf von vornherein unvereinbaren Gegensätzen beruhen und in welchen Fällen auf einer größeren oder geringeren Radikalität des Denkens. Um ein Beispiel zu geben: Alle Dreigliederer streben eine Wirtschaftsordnung an, in der solche Produktionsmittel, deren Einsatz, Verwendung und Verwaltung die Kräfte eines einzelnen übersteigen, nicht mehr nach einem mechanischen Erbrecht in gleicher Weise wie ein Eigenheim oder ein kleines Sparguthaben in die Hände des oder der zufällig Nächstverwandten übergehen dürfen. Es gibt Dreigliederer, die glauben, dieses Ziel könne erreicht werden auf mittelbare Weise, nämlich durch eine gründliche Änderung des Boden-, des Geld- und des Arbeitsrechts. Andere aber meinen, es müsse zu dieser dreifachen Neuordnung hinzukommen eine Einführung neuer Eigentumsformen (Verwaltungs- oder Nutzungseigentum).

Wäre es wirklich sinnlos zu sagen: man arbeite doch zunächst einmal auf jene radikale Neuordnung von Boden-, Geld- und Arbeitsrecht hin! Im Verlaufe dieser Reformmaßnahmen muß sich ja zeigen, ob wirklich auf diesem indirekten Wege zugleich auch das Problem des Eigentums an den Produktionsmitteln gelöst werden kann, oder ob nicht doch auch das Eigentumsrecht umgestaltet werden muß. Ich glaube in den Schriften des doch eher in der Nähe des "linken Flügels" der Dreigliederungsbewegung angesiedelten Wilfried Heidt Denkansätze dieser Art bemerkt zu haben. So, wenn er 1973 schrieb, in der wissenschaftlichen Ideenbildung über die sachgemäße Behandlung des Kapitals mußten auch Vorschläge, die sich an den bisherigen Praktiken des Privateigentums oder der Verstaatlichung orientierten, "frei und gleichberechtigt" behandelt werden."[6] So auch, wenn er 1978 in mehreren Rundbriefen, die teils von ihm als Person teils von seinem Freundeskreis ausgingen, für die politische "Grüne Bewegung", in die er den Achberger Einsatz für einen der Dreigliederungsbewegung eng verbundenen Dritten Weg eingebracht sehen wollte, die Konzeption der "Einheit in der Vielfalt" darlegte. Dabei wurde einmal vorgeschlagen, für die Öko-Bewegung eine Einheitsliste zu schaffen, die paritätisch besetzt sei mit Anhängern des Dritten Weges wie auch mit Persönlichkeiten, die die soziale Marktwirtschaft für zwar verbesserungswürdig aber im Kern gesund halten.[7]

Es scheint mir recht zweifelhaft, ob in einer politisch-praktisch aktiven Bewegung eine solche Bündelung verschiedener Richtungen verwirklicht werden könnte, nicht aber, daß auf der Ebene der sozialwissenschaftlichen Forschung eine pluralistische Zusammenarbeit möglich und (folglich) notwendig wäre.

Anmerkungen

[1] So in Nr. 7/8 von Juli/August 1956 durch Diether Vogel

[2] Ihr vorausgegangen waren von Lothar Vogel in Wuppertal herausgegebene "Mitteilungen des Bundes für Dreigliederung".

[3] Hervorhebungen vor mir, H.K.

[4] H. G. Schweppenhäuser: Dritter Weg oder Neugestaltung des sozialen Organismus?, in: Die Drei, Jg. 49, H. 4, April 1979, S. 251 ff.

[5] Info 3, Berlin Nr. 5/1979,

[6] W. Heidt: Der dritte Weg. Die notwendige Alternative zu Kapitalismus und Kommunismus. Achberg, 19732, S. 56.

[7] So im Heidt's Handschrift tragenden Rundbrief vom 4.8.79, wo freilich sein Name unter den Unterschriften fehlt. In einem wohl etwas späteren Rundbrief "Überlegungen zur Wiederherstellung der Einheit der Grünen Bewegung", Achberg (o. Dat.). In diesen Vorschlag einer paritätisch besetzten Einheitsliste wurden, als dritte Gruppe, noch die sozialistisch orientierten Ökologen hinzugefügt.

Quelle

Beiträge zur Dreigliederung des sozialen Organismus, 21. Jg., Nr. 33, April 1980, S.66-70: Bibliographische Notiz