BÜCHEREI für Geisteswissenschaft und soziale Frage

(Rundbrief 1980/81)

Es war nicht Ziel der Gründung der Bücherei (1. Januar 1976), der Berliner Öffentlichkeit bloß eine weitere, die dreihundertsoundsovielte, Buchhandlung zu bescheren. Die Versorgung mit Büchern allgemeiner Art klappt auch ohne uns. Jedoch meinten wir, die Bedürfnislage insofern richtig einzuschätzen, daß der Zugang zur Anthroposophie (als Gedanken‑weg) und zur Dreigliederung des sozialen Organismus (als Sozialform) in der Buchbranche noch kaum hinreichend geleistet wird (Ausnahme in Berlin: Bücherkabinett, Bleibtreustraße). So ist diese BÜCHER EI verbunden mit dem Versuch, die lebenspraktische und sozial befruchtende Stoßkraft der Arbeiten Steiners in das moderne Buchwesen einzubeziehen. Nicht weniger wichtig als treibende Kraft unserer Gründung war jedoch die Hoffnung, neue Wege und Formen des Miteinanderwirtschaftens zu erfahren.

Die Lebenssituation der Initiatoren brachte es mit sich, daß der geschäftsmäßige Teil von Anfang an vom vollberuflich tätigen M. Kannenberg übernommen wurde und derzeit wird. Auf ihn sind auch die aufgenommenen drei Darlehen, die Gewerbeerlaubnis sowie die Ausbildungsberechtigung eingetragen. lm juristischen Sinne ist er somit Inhaber („Alleinherrscher“). Die eigentliche Leitung liegt hingegen bei der „Mitarbeiterversammlung“.

Da in den ersten beiden Jahren des Betriebes nicht nur kein Eigenkapital gebildet wurde, sondern durch Verluste sogar geliehene Mittel vermindert wurden, war die Frage der künftigen Verfügungsmacht über das Betriebsvermögen noch nicht relevant. M. K. entschied, das Risiko allein zu tragen. In den folgenden Jahren konnten dann durch minimale Entnahmen Lagerbestände aufgebaut werden, ohne weitere fremde Mittel aufzunehmen. Dadurch ist die Anziehungskraft des Sortiments trotz des immer noch vergleichsweise bescheidenen Umfanges erhöht worden. Auch wurden Teile der Darlehen zurückgezahlt.

Hinsichtlich unserer Suche nach neuen Wegen und Formen des Zusammenwirtschaftens haben wir bisher kaum etwas zu berichten, ging es doch in den vergangenen Jahren erst einmal darum, auf den fahrenden Zug der üblichen Kalkulations-, Abrechnungs-, Vertriebs- und Kaufgewohnheiten aufzuspringen.

Nicht unerwähnt bleiben soll jedoch in diesem Zusammenhang eine spontane Hilfsaktion einiger Branchenkollegen vom Arbeitskreis Barsortiment Sandkühler und zweier Verlage. Die verheerenden Regenfälle in Berlin vom 11. 6. 1980 hatten nämlich eine kurzeitige Überflutung unserer Bücherei am Mexikoplatz zur Folge, wobei ein Schaden von ca. DM 2000,- entstand. Davon bekamen diese Kollegen Wind und verhalfen uns zu einem neuen Bodenbelag!

Was nun den Betrieb selbst angeht, wollen wir eine Form finden, die seine wirtschaftliche und soziale Zukunft nicht ausschließlich zur Privatsache verurteilt. Wir denken an eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, an der ein gemeinnütziger Verein eine stille typische Beteiligung erhält, in dem ihm Gesellschaftsanteile per Schenkung übertragen werden.

Durch diese Form soll eine Arbeitsverbindung zu Menschen entwickelt werden, die im kulturellen Leben tätig sind und Impulse zu seiner Erneuerung pflegen. Diese Verbindung wird gesucht, nicht nur um solche Menschen zu fördern, sondern auch, damit das Sortiment selbst immer mehr Ausdruck solcher echten Impulse wird.

Da mehrere Teilnehmer von sozialwissenschaftlichen Studienzusammenhängen, die der Bücherei vorangingen, inzwischen in einem Waldorfschulverein wirksam geworden sind, ist eine Zusammenarbeit bei der angedeuteten Gründung in Aussicht, zumal durch einige Jahre hindurch bereits gemeinsame Büchertische außerhalb Berlins beschickt wurden. Auch eine Partnerschaft mit dem Institut für soziale Gegenwartsfragen e. V. Freiburg - Berlin ist ein Teil unserer Überlegungen.

Manfred Kannenberg-Rentschler

BÜCHEREI für Geisteswissenschaft und Soziale Frage
Lindenthaler Allee, S-Bh.-Empfangsgebäude, 1000 Berlin 37, Telefon 030/8029304

Quelle

Sozial handeln - aus der Erkenntnis des sozial Ganzen. Soziale Dreigliederung heute, Seite 253

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors

Bibliographischer Eintrag in "Dreigliederung des sozialen Organismus - Eine Bibliographie"