Im Gang der Zeiten – Erinnerungen

01.01.1960

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Auszug aus dem Buch „Im Gang der Zeiten – Erinnerungen“
Bibliographische Notiz und Zusammenfassung

Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis der Erben des Autors

Menschen im Betrieb und um den Betrieb

IM ZUSAMMENHANG der umfangreichen und vielseitigen Begründungen, die Rudolf Steiner seiner Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus gegeben hat, machte er auch auf das Zeitverhältnis aufmerksam, in dem die drei Gebiete Geistesleben, Redusleben und Wirtschaftsleben untereinander stehen. Das Geistesleben ist Vergangenheit, das heißt, der Mensch bringt seine Eigenschaften und Fähigkeiten mit als Frucht der vergangenen Inkarnationen und der Vererbung. Das Rechtsleben ist Gegenwart. Das Wirtschaftsleben weist in die Zukunft, das heißt, die Zukunft der Erde hängt ab von dem, was in der Wirtschaft geschieht, von der Art, wie sie betrieben wird, von der Gesinnung der in den Fabriken Tätigen in ihren gegenseitigen Beziehungen und dem Werkstoff gegenüber. Die Zukunft wird gut, wenn im Wirtschaftsleben Verantwortung der Erde gegenüber und Brüderlichkeit in der Enge des Werks und in der Weite der Welt herrschen, so, wie es gut geht, wenn im Rechtsleben die wahre Demokratie, die Gleichheit vor dem Recht verwirklicht wird und im Geistesleben die wahre Aristokratie, die Freiheit des Begabten, damit er mit seinen individuellen Fähigkeiten dem Wohle des Ganzen ungehindert dienen kann.

Diese Einsicht gab mir, wenn auch spät, die Befriedigung, als Industrieller im Brennpunkt des Geschehens stehen zu dürfen und nicht nur einem notwendigen Übel dienen zu müssen. Der Leser wird sich erinnern, daß ich mich eigentlich zu »Höherem« berufen fühlte, nämlich zu einem geistigen Beruf. Man klagt heute

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 371]

mit Recht über das Übergewicht der Wirtschaft. Jedoch wäre auch ein Überwiegen des Rechtslebens oder des Geisteslebens nicht zu wünschen. Die drei Gebiete müssen in einem harmonischen Gleichgewicht stehen. Immerhin erlöste mich die erwähnte Zukunftsbedeutung der Wirtschaft von einem gewissen Minderwertigkeitsgefühl, das ich als im Wirtschaftsleben Tätiger manchmal gegenüber gebildeten Philologen, Archäologen, Philosophen und Dichtern empfand. in einem mit gleichmäßigem Lärm erfüllten Raum, die dauernde Konzentration auf die gleiche präzise Arbeit etwa in der Uhrenindustrie, erschienen mir als die Tätigkeiten, bei denen man mit der Gefahr der Seelenverödung des Menschen rechnen muß.

Inzwischen hat sich auch im Bewußtsein der größeren Allgemeinheit die Erkenntnis durchgesetzt, daß die Schau- und Kampfplätze des Ringens um die soziale Frage vorwiegend die Industrie und die Fabriken sind und daß freilich die Lösung der sozialen Frage eine Aufgabe ist, die alle Kreise eines Volkes auf das tiefste berührt und die größte Bedeutung für ihre Existenz hat.

Grundlagen

IM APRIL 1933 fand am Goetheanum in Dornach eine Tagung über »Technik und Soziale Frage« statt. Ich war aufgefordert worden, einen Vortrag zu halten und wählte das Thema: »Völker, Menschen und Technik in Wirkung und Gegenwirkung«. In diesem Beitrag versuchte ich unter anderem darzutun, daß der Mensch durch die Art seiner Tätigkeit geformt wird. Ich beschrieb die durchaus unterschiedliche Stimmung — heute wird man von Betriebsklima sprechen — in den Betrieben der Rohstoffindustrie, der Produktionsmittelindustrie und der Verbrauchsgüterindustrie, wobei die moderne chemische Industrie innerhalb dieser Zusammenfassung einen besonderen Charakter hat. Sie ist wohl der unheimlichste, abstrakteste und gefährlichste Zweig, insofern hier die Materie nicht nur umgeformt und veredelt, sondern auch zerlegt und neu zusammengefügt wird.

Ich versuchte damals darzustellen, daß der seelische Zustand der in der Fabrik tätigen Menschen abhängig ist vom Grad der Gebundenheit an die Maschine und des Sich-bewegen-Könnens. Sie ist weiterhin abhängig vom Grad der Monotonie der Arbeit. Die moderne Massenfertigung, etwa die Bedienung von Webstühlen

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 372]

in einem mit gleichmäßigem Lärm erfüllten Raum, die dauernde Konzentration auf die gleiche präzise Arbeit etwa in der Uhrenindustrie, erschienen mir als die Tätigkeiten, bei denen man mit der Gefahr der Seelenverödung des Menschen rechnen muß.

Tiefen Eindruck machte mir im Jahr 1949 beim Besuch der Fordwerke in Detroit nicht so sehr die Arbeit der Menschen an dem Band, wo sich die Einzelteile zum fertigen Auto fügen, als die Arbeit an den Werkzeugmaschinen in Lärm und Enge, wo durch Ketten unerbittlich Motorenteile über den Köpfen der Arbeiter herangebracht werden.

Inzwischen hat man versucht, dem Menschen durch die Automatisierung das rein Mechanische, sich dauernd Wiederholende der Arbeit abzunehmen. Aber in der Massenproduktion der Konsumgüterindustrie wird für lange Zeit auch monotone Arbeit noch durch den Menschen verrichtet werden müssen.

Die Naturnähe ist am größten da, wo das Rohmaterial gewonnen wird, im uralten Bergbau, in der Eisen-, Stahl- und Metallherstellung. Dort ist die Arbeit menschenwürdiger, freier im Kampf mit den Elementen, wenn auch oft gefährlich genug. Die Produktionsmittelindustrie, in der ich einen großen Teil meines Lebens verbracht habe, steht in der Mitte. Sie besteht wesentlich aus dem Maschinenbau, verarbeitet in erster Linie Eisen, bezieht das Rohmaterial von dem Ort, wo es die Erde anbietet, und siedelt sich unabhängiger vom Vorkommen der Naturschätze nach anderen Standortgesetzen an. Absatzgebiet, Verkehrslage bedeuten etwas, oft — wie in unserem Fall — sind es nur historische Gegebenheiten und die Taten einzelner tüchtiger Männer und ihrer Nachkommen, die ein Werk an einem bestimmten Ort entstehen lassen. Auch die Eignung der Volksstämme kann einen bestimmenden Einfluß auf die Art der Fabrikation haben.

Noch einmal wiederholt sich in der Eisengießerei der Maschinenfabrik ein Prozeß, der im kleinen dem imponierenden Hantieren in den Eisen- und Stahlwerken der eisenschaffenden Industrie ähnelt. Das Eisen wird noch einmal bis zum Flüssigwerden erhitzt, damit es in die Formen fließen und zu den gewünschten Maschinenteilen erstarren kann.

Die hier tätigen Menschen gleichen denen, die sich in den groß-

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 373]

räumigen Hallen der eisenschaffenden Industrie bewegen. Sie machen ein handfestes Volk aus, das sich mehr wie andere einer Zunft zugehörig fühlt. Die Gießer sind starken Temperaturunterschieden ausgesetzt, sie arbeiten auf naturgewachsenem Boden, sie führen aber auch genaue Formarbeit mit feinerem Handwerkszeug aus. Bei den mit derben Schuhen, Hosen und Hemd bekleideten Männern herrscht oft die hitzige Temperatur des flüssige Funkensterne sprühenden Eisens. Sie sind rauh, aber charaktervoll und offenherzig.

Die besinnlichen, für sich arbeitenden Modellschreiner gehen mit dem Holz um, sie leben im Geruch des Holzes und der Lacke, sind säuberlich und still, wie ihr Handwerk ist.

Die Schlosser tragen die blauen Monteuranzüge, die jede Woche frisch gewaschen werden. Sie stehen im Temperament zwischen den Gießern und Schreinern. Das feste Eisen macht ruhiger, aber es schafft lebhaftere Gemüter als das Holz. Bei allen drei Kategorien läß die Arbeit eine gewisse Beweglichkeit zu, eine Möglichkeit zum Hin- und Hergehen. Die Schlosser, die große Maschinen mit Hilfe von Kranen bedächtig zusammenbauen und an die von Maschinen bearbeiteten Teile, wenn nötig, die letzte Hand anlegen, sind selbstbewußt, nicht getrieben vom Tempo eines Bandes, ja nicht einmal vom Akkord, dem Verlangen nach dem Mehrverdienst. Sie können mit Recht gelassen sein. Ihnen steht die Möglichkeit offen, als Monteure die Maschinen draußen, oft in fernen Ländern, an Ort und Stelle einzubauen, als Repräsentanten der Firma mit dem Gefühl der Verantwortung für die Güte der Arbeit und für das Ansehen des Hauses, das von den Kunden auch nach dem Benehmen der Monteure gemessen wird.

Früher hatten die Arbeiter an den Werkzeugmaschinen, besonders die Dreher, Zeit zum »Sinnieren«. Sie bleibt ihnen vielleicht auch heute noch an den Großmaschinen, aber die kleineren Maschinen verlangen infolge der hohen Schnittgeschwindigkeiten gespannte Aufmerksamkeit, auch wird hier meist im Akkord gearbeitet. Diese Bearbeitungswerkstätten stellen auch in einem Produktionsmittelwerk, das Einzelmaschinen herstellt, soziale Probleme, weil der Mensch dort am engsten an die Maschine gebannt ist. Daher können dort zuerst Unruhe und Unzufriedenheit entstehen.

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 374]

Die Vorarbeiter und Meister gehen aus dem Kreis der Facharbeiter hervor, sie avancieren, weil sie gute Facharbeiter waren. Können sie auch Vorgesetzte sein, gerecht, unparteiisch, streng, wenn nötig, aber doch menschlich und verständnisvoll? Hier mahnt ein pädagogisches Problem. Das Verhältnis zwischen Meister und Arbeiter ist einer der neuralgischen Punkte, von dem aus das Betriebsklima stark beeinflußt wird. Daß in dieser Beziehung auch die arbeiternahen Betriebsingenieure eine wichtige Rolle spielen, ist klar.

Die werkstattfernen Ingenieure, die am Reißbrett stehen und konstruieren oder als Projekt- und Verkaufsingenieure in die Welt hinausfahren und mit den oft selbst sehr sachverständigen Kunden verhandeln, und die Wissenschaftler schließlich, die — bis zu einem gewissen Grad losgelöst von sozialen Problemen und den Forderungen des Tages — in den Entwicklungsbüros und Versuchsanstalten arbeiten, diese drei Gruppen der Ingenieure bewegen sich in einem beneidenswert objektiven Gebiet. Es ist das wissenschaftlich mathematische, das eine allen gemeinsame Sprache der Verständigung hervorbringt. Man kann sich wohl irren, aber nicht anderer Ansicht sein aus Sympathie oder Antipathie oder aus politischen oder weltanschaulichen Gründen, sondern weil man sich gegebenenfalls nachweisbar verrechnet hat. Diese gemeinsame Basis macht fast in allen Fällen eine Verständigung möglich, sie verbindet auch die Nationen, das heißt, die Ingenieure der Nationen. Es herrscht die ratio, die Vernunft.

Auch die Kaufleute stehen der Werkstatt ferner, sie verhalten sich nach innen kontrollierend, sind nach außen dem Subjektiven näher als die Ingenieure, denn es geht ums Geld, ein Gebiet, wo es schon leidenschaftlicher zugehen kann, wenn ausgehandelt werden muß. Sie muten prosaisch an, weil sie oft gezwungen sind, an die nüchternen Zahlen zu erinnern; denn sie sind die eigentlichen Verwalter und Wächter des Unternehmens und haben die Risiken zu verantworten. Wohl abwägend müssen sie aus ihrer Kenntnis der großen Zusammenhänge gegebenenfalls kühn entscheiden.

Der ständig sich erweiternde Wissensstoff, der in den technischen Lehranstalten vorgebracht wird, gestattet den Studenten fast kein studium generale mehr. Der Mangel an Bildung über das

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 375]

Fachliche hinaus ist das Schicksal der Ingenieure. Das Weltanschauliche kommt zu kurz, ja es entsteht fast eine Scheu dem Biologischen gegenüber. Aber gehört der Ingenieur mit seiner Person nicht auch dem Gebiet des Biologischen an? Ich gebe zu, es ist eine befriedigende, klare, ja reizvolle Atmosphäre, die unter Ingenieuren am Konferenztisch herrschen kann. Man fühlt sich geborgen im Bezirk der Zuverlässigkeit des Mineralreichs. Daß diese Einseitigkeit gelegentlich Ratlosigkeit im Menschlichen hervorbringen kann, ist zu verstehen.

Die in der Personalabteilung Tätigen haben hauptamtlich mit den Menschen im Betrieb zu tun. Ihre Aufgaben sind vielseitig. Psychologische Kenntnisse müssen vorausgesetzt werden, damit richtige Beurteilung der Menschen und ihrer Fähigkeiten entstehen kann. Durch Enttäuschungen dürfen sie nicht den Glauben an das Gute verlieren.

Gegebene Spannungen

Es GIBT SPANNUNGEN, die naturgegeben sind. Man soll sich damit abfinden und aus der Erkenntnis ihres Daseins dauernd um ihre Harmonisierung ringen.

Ein Betrieb ist ein hierarchisches Gebilde, ein lebendiger Organismus, und kann nur funktionieren, wenn in seinen Gliedern Ordnung herrscht. Ohne die Stufenleiter vom Hoftagelöhner zum Generaldirektor geht es nicht. So steht die Polarität Vorgesetzter und Untergebener, Leiter und Geleiteter, Arbeitgeber und Arbeitnehmer an erster Stelle.

Angestrebt werden muß, daß der richtige Mann an der richtigen Stelle nach seinen Fähigkeiten eingesetzt wird. Unabhängig von Sympathie und Antipathie, von Parteien und Konfessionen herrscht das Gesetz: Je höher einer auf der Stufenleiter steigt, desto höher muß der Grad seiner Selbstlosigkeit werden, desto größer sein Interesse am Gesamtwohl und an der Entwicklung des Werkes in der weiteren Zukunft sein, nicht nur auf technisch-kommerziellem, sondern auch auf dem menschlichen Gebiet. Wegen des letzteren muß der Leitende mehr und mehr zum Pädagogen werden, zum Erzieher an sich und an den ihm Anvertrauten.

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 376]

Von außen wirkt in das Verhältnis der Arbeitgeber und Arbeitnehmer dasjenige der Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Verbände als Spannungsmoment hinein. Die verhandelnden Ausschüsse und Funktionäre dürfen als Wahrer der Interessen ihrer Gruppen nicht die großen Zusammenhänge vergessen, zum Beispiel das Eingebettetsein des Betriebs in die Weltwirtschaft und den Wettbewerb, damit nicht der Ast abgesägt werde, auf dem man doch sitzen bleiben möchte. Sie müssen an den richtigen Preis und Gewinn und an den gerechten Lohn denken. Es kann vorkommen, daß das in den Verbänden Ausgehandelte nicht mit den Interessen des Einzelbetriebs übereinstimmt. Das ergibt dann eine Spannung zwischen letzterem und dem eigenen Verband.

Innerhalb eines Werkes ist die Spannung zwischen Büro und Werkstatt da, allgemein ausgedrückt, zwischen Kopf- und Handarbeiter. Beide Gruppen brauchen einander, jedoch besteht die Tendenz, daß entweder in einer der Gruppen eine Überschätzung der Bedeutung der eigenen Arbeit eintritt oder der Handarbeiter den Kopfarbeiter um seine scheinbar mühelose Arbeit beneidet, die zudem unter weniger strenger Kontrolle vor sich geht.

Die Konstrukteure entwerfen am Reißbrett die Maschinen. Sie haben wohl während ihrer Ausbildung ein oder zwei Jahre lang als Praktikanten in der Werkstatt gearbeitet, aber so betriebsnah sind sie nicht mehr wie die Ingenieure, Meister und Facharbeiter, die dauernd in der Werkstatt stehen. Auch das ist eine Spannung, aus der Differenzen entstehen können.

Die Ingenieure, die verkaufen, stehen draußen an der Front im Kampf um den Auftrag mit der Konkurrenz. Sie haben den Ehrgeiz, den Sieg davonzutragen. Von zu Hause erhalten sie die Mahnungen, vom nüchternen kaufmännischen Sektor und vom Terminbüro. Schließlich kommen sie mit der Beute der Aufträge heim. Vielleicht haben sie sich doch nicht ganz an die Weisungen gehalten. Es gibt Vorwürfe. Wird es trotzdem reichen mit Überzeit- und Feiertagsarbeit? Werden die Unterlieferanten rechtzeitig liefern? Solche Schwierigkeiten entstehen auch, wenn die Geschäftsleitung selbst aus geschäftspolitischen Gründen an die Ausführenden ungewöhnliche Zumutungen stellen muß.

Wahrhaft naturgegeben aber sind die Spannungen zwischen jung

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 377]

und alt. Sie sind infolge der durchgreifenden politischen Ereignisse heute größer als vor fünfzig Jahren. Offenbar haben die Väter und Großväter vieles falsch gemacht. Sonst stünden wir nicht da, wo wir heute stehen. Doch existiert auch ein unberechtigter Mangel an Ehrfurcht dem Alter gegenüber. Die den modernen Lebensverführungen ausgesetzten Jungen werden ungeduldig und unzufrieden. Sie sind voll Kritik und wollen schnell vorankommen.

Schwierig zu beherrschen sind die Bildungsunterschiede, die Gegensätzlichkeiten: Volksschüler, Mittel- und Oberschüler, Fachingenieur und akademisch gebildeter Ingenieur, Handlungsgehilfe und Diplom-Kaufmann. Klassengegensätze, Überheblichkeit einerseits und Minderwertigkeitsgefühle andererseits entstehen aus diesen Unterschieden im ganzen Volk; in einer Fabrik gelangen sie oft zu drastischer Wirkung. Auch Unterschiede im Volkstum und im Dialekt können zu Dissonanzen führen.

Das sind die Voraussetzungen, denen die Leitung eines Werkes gegenübersteht. Sie haben sich langsam aus der industriellen Entwicklung in hundert Jahren ergeben, aus der patriarchalischen, gewerkschaftslosen Zeit bis zu dem heutigen, höchst komplizierten, eng verflochtenen Wirtschaftsleben, das mit einer weitgehenden Sinnesänderung der Menschen verbunden ist.

Die drei Glieder des Betriebs

DER MENSCH besteht aus Leib, Seele und Geist. Den dreifachen Aspekt, in dem die Welt dem Menschen erscheint, hat Rudolf Steiner in einer einfachen Betrachtung dargestellt. Die Blumen einer Wiese werden mit dem leiblichen Sinnesorgan, dem Auge, wahrgenommen. Die Freude über die Farbenpracht ist ein Ausdruck der Seele, welche diese Tatsache zu ihrem persönlichen Eigentum macht. Nach einem Jahr taucht die Freude bei der Betrachtung der gleichen Wiese wieder auf: ich erinnere mich an die Freude des vergangenen Jahres, aber die Blumen sind andere, wenn auch von derselben Art und nach denselben Gesetzen gewachsen. Die Erkenntnis dieser Gesetze, errungen durch Nachdenken, ist eine Funktion des Geistes in mir.

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 378]

So ist der Mensch Bürger dreier Welten: Durch seinen Leib gehört er der äußeren Welt an. Er nimmt sie mit dem physischen Sinnesorgan wahr. Durch seine Seele baut er sich eine eigene innere Welt auf; durch seinen Geist offenbart sich ihm eine Welt, die über die beiden anderen erhoben ist. Und der Mensch ist gerade dadurch Mensch, daß er das in seinem Geist Erfahrene durch das Werkzeug seines Leibes in schöpferische Tat umzuwandeln vermag.

Nun ist es dem Wesen des Menschen gemäß, daß er nicht allein, sondern in Verbindung mit anderen lebt, und so gehört es zu seinen wesentlichen Aufgaben, von sich aus eine Gemeinschaft, einen sozialen Organismus, zu bilden; denn dieser ist ihm ja nicht a priori gegeben, wie die Naturdinge gegeben sind. Soll dieser soziale Organismus aber ein menschliches, des Menschen würdiges Gebilde sein, dann muß es auch nach dem inneren Maß, das der Mensch selber gibt, gestaltet werden. Deshalb untersucht Rudolf Steiner, so wie er die Lebensgesetze des Leibes, der Seele und des Geistes erforscht hatte, auch die Gesetzmäßigkeiten, die im sozialen Organismus walten. Er fand, daß dem Leiblichen ein autonomes Wirtschaftsleben, dem Seelischen ein autonomes Rechtsleben und dem freien Menschengeiste ein freies Geistesleben zuzuordnen sei; und er fand weiter, daß die großen Ideale der Französischen Revolution, die auch Goethe und Schiller lebhaft beschäftigt haben, nicht zu erfüllen sind, weil sie sich in einem Einheitsstaat gegenseitig ausschließen. Sie können aber verwirklicht werden, wenn die drei sozialen Gebiete nach den ihnen innewohnenden Gesetzmäßigkeiten als autonome Bereiche aufgebaut werden. So ordnete er dem Wirtschaftsleben, wenn es gesund funktionieren solle, die Brüderlichkeit, dem eigentlichen Staate, der Rechtsstaat sein soll, die Gleichheit und dem Geistesleben die Freiheit zu. Das hat Rudolf Steiner in seinen »Kernpunkten der sozialen Frage« die »Dreigliederung des sozialen Organismus« genannt und ausführlich behandelt.

Wenn der Betrieb als ein Organ des Wirtschaftslebens auch menschenwürdig geführt werden soll, so kann das nur geschehen, wenn er, wie der Mensch, als dreigliedrig angesehen wird. In der Tat: mit seinem Leib ist der schaffende Mensch ein produzierendes

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 379]

und konsumierendes, also ein wirtschaftsgebundenes Wesen; mit seinem Geist erfaßt und durchdringt er den ganzen Betriebsorganismus und seinen Volkszusammenhang; mit seiner Seele lebt er in den Rechtsbeziehungen zum Betrieb selbst, zu den Mitarbeitenden und zur Umwelt des Betriebs.

Das betriebliche Wesen in diesem Sinne menschlich zu gestalten, ist eine der großen Aufgaben unserer Zeit. Heute wird solchen Gesichtspunkten noch nicht genug Beachtung geschenkt, wenn auch Ansätze dazu zu finden sind. Wie im großen sozialen Organismus, so wäre auch im kleinen des Betriebs zu bedenken, daß der Menschenleib Brüderlichkeit, die Menschenseele Gleichheit und der Menschengeist Freiheit als objektiv innewohnende Prinzipien verlangen.

Ich bin überzeugt, daß in der Erkenntnis der Dreigliedrigkeit im Menschen, im sozialen Organismus und im Betrieb eine wissenschaftlich fundierte Lehre vorliegt, die ordnend in die Praxis eingreifen und zu einem menschenwürdigen Leben in der Gemeinschaft verhelfen kann. Hier liegt die Möglichkeit, die brennenden Probleme der modernen Massengesellschaft in einer Weise zu lösen, die als eine dem wahren Wesen des Menschen angepaßte Ordnung größere Anziehungskraft haben würde als das, was im Osten geschieht und uns bedroht. Auch der Westen und insbesondere die Vereinigten Staaten von Amerika ringen um die Lösung der sozialen Frage. Werden die bisherigen westlichen Methoden der immer weiter sich ausbreitenden marxistischen Lehre standhalten?

In dem kleineren sozialen Organismus eines Industriebetriebs ist freiere Beweglichkeit vorhanden; dort ist es noch möglich, daß willensvolle Menschen soziale Ideen schnell in die Lebenspraxis übersetzen und sie ausprobieren können, ohne an den beharrenden Gewohnheiten der Parteien, der Organisationen und der Bürokratie erlahmen zu müssen. Was in den Betrieben als heute wichtig gewordenen Zellen auf sozialem Gebiet geschieht, wird für das ganze Volk mehr und mehr Bedeutung bekommen.

Der Mensch als Urbeweger des Betriebs steht mit Leib, Seele und Geist in ihm. Man könnte annehmen, daß die rentable Herstellung von Gütern das Hauptgewicht ausmache. Bei genauerer

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 380]

Untersuchung wird man aber zu der Auffassung kommen, daß der Geist das Primäre ist, wie er es auch in der ganzen Schöpfung war. Ja, man könnte sagen, die wissenschaftliche Analysierung der Vorgänge ergibt geradezu zwangsläufig einen Beweis gegen den Materialismus.

Man wird wohl nicht behaupten dürfen, daß beispielsweise eine Wasserturbine durch ein zufälliges chemisch-physikalisches Sichselbstzusammenfügen oder allein durch ein Kombinationsspiel von Elektronen, Neutronen und Protonen zustandekomme.

Versuchen wir also das Walten des Geistes im Betrieb aufzuspüren. Vielleicht begeben wir uns zuerst in das Zimmer des Chefs, der Generaldirektor, Vorsitzer des Vorstands, Geschäftsführer sein kann. Es gibt führende Persönlichkeiten, deren Schreibtische mit Papieren bedeckt sind, und andere, die an einem blanken Tisch sitzen, auf dem vielleicht nur noch ein Notizblock und ein Bleistift liegen. Das Hantieren damit wäre ihr letzter rudimentärer Anteil an der Handarbeit, die im Betrieb in allen Winkeln in verschiedenen Abstufungen auftritt. Im großen und ganzen ist die Tätigkeit des Chefs eine geistige; sein Instrument ist das Wort, gesprochen unter vier Augen, in der Konferenz, am Telephon, zur Sekretärin, weitergeleitet in Anweisungen, Mitteilungen, Briefen, als Gedanke wirkend in den Köpfen seiner Mitarbeiter, von denen er in die Tat übersetzt wird.

Der früher allmächtige, in den Wolken thronende Generaldirektor muß heute mit einem Kollegium regieren, weil in seinem Kopf nicht mehr alle Kenntnisse und Unterlagen Platz finden, die ihn einst die Entscheidungen allein treffen ließen. Er wird sich auf Sachverständige stützen, so daß ein Entschluß zustandekommt, nicht durch demokratische Abstimmung, sondern durch Einsicht aller, in Zweifelsfällen aber durch ein entscheidendes Wort des an der Spitze der Hierarchie Stehenden.

Hier herrscht freies Verfügungsrecht der geistig Begabten, zu dem sich aber neben der eigenen und der von den Bearbeitern dazugegebenen Sachkenntnis noch etwas darüber Stehendes gesellen muß: Motive, die sich dem Gebiete des Moralischen nähern. Der Entscheidende berücksichtigt den Ruf seines Unternehmens, er muß in einem umfassenden Denken auf Grund seines erweiter-

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 381]

ten Horizontes den Stand seines Werks in der Wirtschaft des Landes und in der Weltwirtschaft berücksichtigen, er muß die Wirkung der Entscheidung in der Zeit bedenken und sich fragen, ob der heute richtig scheinende Entschluß sich in einigen Jahren nicht als der falsche herausstellen könnte. Er muß prüfen, was der Kunde, was der Konkurrent sagen wird. Die Entscheidung muß im Einklang stehen mit der Verantwortung für das Wohl des Betriebs und seiner Angehörigen; und diese Verantwortung hat er oft allein zu tragen. Ist der Entschluß im Einklang mit der historisch gewordenen Betriebsidee, ist er moralisch? Die Werksangehörigen erwarten unbewußt oder bewußt von der Leitung gegebenenfalls auch moralische Entscheidungen. Sie wollen einer Firma angehören, deren »Vornehmheit« anerkannt ist, sie sehen darin unter anderem eine Sicherung ihres Arbeitsplatzes. Das, was von der obersten Leitung ausgeht, ist entscheidend für die gesamte Stimmung im Betrieb. In einem Unternehmen zeigt sich als Lebenspraxis: das Unwägbare, die geistige Fähigkeit der Leitenden, kann so real werden, daß als Folge einer Kettenreaktion negativer Wirkungen schwarze Zahlen der Bilanz sich in rote verwandeln.

Die hohen Forderungen, die an die oberste Werksleitung gestellt werden müssen, sind nur zu erfüllen, wenn die Verantwortlichen nicht in den Forderungen des Tages untergehen und atemlos werden, sondern Zeit haben zur Besinnung und zum Nachdenken. Sie werden ohne ein gewisses meditatives Verhalten nicht zu schöpferischen Ideen kommen. Das bedeutet notwendigerweise Dezentralisation, Weitergabe der kleineren Verantwortungen an Beauftragte in Produktions-, in Forschungsausschüssen und dergleichen. Damit läßt sich zugleich Arbeitsfreudigkeit in den unteren Stufen der Hierarchie erreichen, wegen Verdrossenheit etwa brachliegende oder schlummernde Kräfte werden im Interesse des Ganzen entbunden. Die Mitglieder der obersten Leitung können trotz solcher organisatorischer Maßnahmen nicht auskommen ohne Selbsterziehung und Willensentwicklung, was nicht leicht, aber unabdingbar ist für eine freie, auf sich gestellte Persönlichkeit.

Die Verästelung der geistigen Arbeit durch den ganzen Betrieb findet ihren Ausdruck in der Arbeitskraft und der Arbeitsgeschicklichkeit jedes Mitglieds der Mitarbeiterschaft. Sie ist individuell.

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 382]

So wie der äußerste Ausläufer der Handarbeit der Bleistift in der Hand des Chefs ist, so wird der letzte Ausläufer des Geistes sich in der geschickten Art manifestieren, mit welcher der Hoftaglöhner die Schaufel bewegt. Von der geistigen Zentrale aus fließt belebend auch der Strom des Geldes, des richtig und geistvoll eingesetzten Kapitals, sichtbar geworden etwa in den Produktionsmitteln und dem für die Herstellung der Produkte notwendigen Material.

Im Leib des Betriebs, im Wirtschaftsgebiet der Warenproduktion, sind die Arbeitenden eng aufeinander angewiesen. Wenn auch der Konstrukteur am Reißbrett eine gewisse Distanz hat, so kann die Maschine nicht entstehen ohne ihn. Nach seinen Plänen wird in der Modellschreinerei gearbeitet, werden die Graugußund Stahlteile durch die Werkzeugmaschinen auf das richtige Maß bearbeitet, fügen die Monteure die Teile zum Ganzen zusammen. Die Nebenbetriebe, Krafterzeugung, Reparatur-Abteilung, Kranen und Transportwesen, Späneabfuhr und Reinigung, Malerei und Verpackung sind die unumgänglichen Hilfen, deshalb nennt man sie auch Hilfsbetriebe. Auch hier kommt man nicht ohne Papier aus, ohne Arbeitsvorbereitung, Stückzettel, Hollerithkarten, Magazinverwaltung und ein ganzes System von Kontrollen und Prüfungen.

In dieser Zone, wo auch die Konsumenteneigenschaft des Werkes zutage tritt in dem hereinkommenden Material und den Zubehörteilen aller Art, die in Lagern und Magazinen aufgestapelt zur Verfügung stehen, kommt die Wirkung des Werkes nach außen in der Form einer engen Verflechtung mit den Lieferanten zur Geltung. Ebenso in die Weite, ja gegebenenfalls in die ganze Welt strahlen die Beziehungen zu den Empfängern der im Werk hergestellten Waren und der vermittelnden Vertreter und Händler.

Diese Prozesse des Hereinnehmens von Material von außen, des Veredelns und Umwandelns, des Abstoßens von Unbrauchbarem kann man wohl vergleichen mit einem Stoffwechselvorgang. In dieser Welt des tätigen Produzierens herrscht der Wille.

Was sich an menschlichen Beziehungen herausbildet, hat verschiedene Schattierung. Das nach außen und innen wirkende Dienst-, Abhängigkeits- und Vertrauensverhältnis des Gebens und

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 383]

Nehmens zwischen Konsumenten und Produzenten, zwischen Lieferant, Fabrikant und Kunde ist ein vielfältig verflochtenes. Bei einiger Einsicht hat es keinen Sinn und zeugt von Unklugheit, wenn sich der Kunde auf das hohe Roß schwingt, denn auch er ist Lieferant. Hier ist die beste Lebens- und Geschäftspraxis der Dienst am Kunden, der, ob man will oder nicht, die christliche Nuance der Liebe zum Nächsten bekommt.

Innerhalb des Werkes aber entsteht aus der engen täglichen Zusammenarbeit und dem Aufeinanderangewiesensein jene eigenartige Berufsbrüderlichkeit, die ohne Zwang und Theorie aus der Sache selbst ersprießt. Das brüderliche Du in der Werkstatt ist ein Ausdruck dafür.

Möge einmal das Ziel erreicht werden, daß allgemein im Wirtschaftsleben die Vernunft der Brüderlichkeit anstelle des mörderischen Konkurrenzkampfes herrscht. Das wird geschehen, wenn nicht der Staat, sondern eine assoziative Wirtschaft, Produzenten, Händler und Konsumenten im Zusammenwirken, eine auf Sachkenntnis und Bedarf begründete Wirtschaft betreiben. Dann erst besteht Hoffnung, daß die Konjunkturkurve beherrscht werden kann, indem Über- und Unterproduktion in gemeinsamer Anstrengung ausgeglichen beziehungsweise früh genug abgefangen werden. Dabei müßte sich dann auch das richtige Preisverhältnis von selbst ergeben.

Man kann bildlich den dreigegliederten Betrieb in drei Kreisen darstellen, die sich zum Teil überschneiden. Damit würden einerseits das Ineinanderspielen der drei Funktionen und andererseits ihre Schwerpunkte in den Kreismitten angedeutet sein.

Die mittlere Sphäre des Rechts wirkt regulierend in das Geistige und in das Wirtschaftliche des Betriebes hinein. Sie ist der Ort, wo es in erster Linie um den Menschen geht, wo Gleichheit vor dem Recht herrschen soll, und das — über das kühle Arbeitsrecht hinaus — durch die Kräfte des Seelischen, des Herzens. Denn Zufriedenheit und Wohlgefühl der Menschen im Betrieb hängen von dem Zustand dieser Sphäre ab, in der auch der Betriebsrat sein Tätigkeitsfeld findet.

Wohl kommen die Gesetze von außen, vom Staat und den Verbänden in der Form des Arbeitsrechts, Gewerbeschutzes, der

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 384]

Tarifabmachungen und dergleichen, aber vieles kommt zusätzlich durch die Zusammenarbeit und das Verhandeln zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat zustande.

In diesem mittleren Bereich liegt vorwiegend auch die Tätigkeit des Personalbüros, besser gesagt der Personal- und Sozial-Abteilung. Aus der Fülle der in einem modernen Betrieb vorhandenen Einrichtungen unter dem Sammelwort Wohlfahrt seien genannt: Krankenkasse, Werksfürsorge, Erholungsheime, Pensionsund Hilfsfonds, medizinische Betreuung, allgemeine Hygiene, Umkleideräume, Bäder und Speiseanstalten. Dem Personalchef obliegen auch die Tarifverhandlungen, die Lohn- und Gehaltsfragen und nicht zuletzt alles, was mit Pädagogik zu tun hat. Hier greift seine Tätigkeit in das geistige Gebiet über: Bücherei, Werkzeitung und sonstige Unterrichtungen schriftlicher Art sind unerläßlich. Freude an der Arbeit kann nur entstehen, wenn der einzelne im Bewußtsein des Ganzen den Sinn seiner Arbeit, und sei sie noch so unscheinbar, versteht und die Zusammenhänge kennt. Er wird beispielsweise stolz sein, wenn er am Zustandekommen einer großen Maschine beteiligt war und aus der Werkzeitung erfährt, daß sie in einem fernen Land erfolgreich in Betrieb gekommen ist.

Eine wichtige Aufgabe liegt in der Erziehung der Jugend, der Lehrlinge und der Praktikanten, aber auch der Erwachsenen, durch Kurse und Vortragswesen innerhalb und außerhalb des Hauses. Schließlich ist es angezeigt, in der Nüchternheit des Werksalltags auch an das Musische zu denken, dazu gehören das Werksorchester und sonstige Möglichkeiten zu künstlerischer Betätigung sowohl im Rahmen der Lehrlingsausbildung als in freiwilliger Teilnahme von Erwachsenen am Kunstunterricht. Wenn man sich bemüht, können in jedem Betrieb Stellen gefunden werden, wo künstlerischer Schmuck in Form von Bild und Plastik angebracht werden kann. Auch Blumen und gärtnerische Anlagen dienen in den Pausen zum Ausgleich der einseitigen Inanspruchnahme in Büro und Werkstatt.

Haben die Betreuer dieses Rechtsgebiets eines Betriebs das Herz auf dem rechten Fleck und werden sie von der obersten Leitung nicht nur unterstützt, sondern angeregt, so ist auch die Stimmung

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 385]

der im Werk Tätigen in Ordnung. Hier entsteht das Vertrauen, das den ganzen Betrieb beleben und sich bis in die Qualität der Produktion auswirken kann. Es entsteht nur, wenn konsequent der Sinn für Wahrheit gepflegt wird.

Aus diesem Versuch, einen Wirtschaftskörper unter dem Gesichtspunkt seiner drei Glieder darzustellen, geht hervor, daß kein Gebiet ohne die beiden anderen leben kann. Der Grad ihrer Notwendigkeit ist der gleiche, nur ihre Atmosphären sind verschieden.

Die Praxis

Es GIBT EINE UMFANGREICHE LITERATUR, die sich in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg geradezu stürmisch entwickelt hat und sich mit Betriebsführung im allgemeinen, aber auch mit dem Menschen im Betrieb beschäftigt. Sie stammt von Instituten aller Art, Universitäten, gelernten Psychologen und von Praktikern des Betriebs. Die amerikanischen Bemühungen habe ich auf meiner Reise im Jahre 1949 kennengelernt.

Das Interesse am Wohlergehen der in der Industrie tätigen Menschen hatte verschiedene Ursachen. In den USA war es aus der Notwendigkeit des Kriegs geboren, großen, bis dahin dem Leben in Fabriken fernstehenden Menschenmassen das Ungewohnte erträglich zu machen. Man brauchte Gutwilligkeit und damit einen guten Nutzeffekt auch der Menschen bei der Herstellung des Kriegsmaterials, um den Krieg zu gewinnen. Die von den USA nach dem Krieg auf Europa übergreifende human relation-Bewegung wurde hier eifrig aufgenommen, als Reaktion auf die Mißachtung nicht nur der Würde des Menschen, sondern des Menschen überhaupt durch die Diktatoren, die im eigenen Volk und in ihren grausamen Kriegen gegeneinander gewütet hatten.

Die in den USA schon seit Taylor und Münsterberg vorhandenen Anfänge einer Arbeitspsychologie wurden zu ganzen Systemen erweitert. Kaum eine Universität, die nicht eine entsprechende Fakultät gegründet hatte, kaum ein größeres Werk von Bedeutung, das nicht entweder die vorhandene Personal-Abteilung erweitert oder eine neue mit großen Befugnissen gegründet hatte. Zwischen

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 386]

Wissenschaft und Praxis fand ein reger Austausch statt; viele Universitätspsychologen studierten die Verhältnisse in den Betrieben, während die Vertreter der Personalbüros Universitätskurse besuchten.

Der Zündfunke ging von zwei schon in der Zeit vor dem Krieg entstandenen Berichten aus. Ein Mann hatte über seine bewußt zu Studienzwecken in der Welt der Handarbeiter verbrachte Zeit und die damit gemachten Erfahrungen referiert. Eine andere Darstellung behandelte einen Versuch in einem bestimmten Werk. Man hatte dort in einer Abteilung bessere Arbeitsbedingungen äußerer Art, das heißt, günstigere Luft- und Lichtverhältnisse, mehr Platz, schönere Farben und ähnliches geschaffen. Der Erfolg zeigte sich in einer Steigerung der Produktion. Dann nahm man die Annehmlichkeiten wieder weg. Trotzdem blieb die Produktionszunahme bestehen. Daraus schloß man, daß der Fortschritt nicht so sehr durch Äußerlichkeiten hervorgebracht war, sondern durch das geweckte Interesse der Geschäftsleitung an den Betriebsangehörigen.

Das klingt primitiv, aber offenbar hatte man vor lauter Eifer und Begeisterung über die Entwicklung der Technik im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts den Menschen so sehr vergessen, daß seine Wiederentdeckung als »Produktionsmittel«, das wie jedes andere auch Pflege beansprucht, damit es funktioniere und länger aushalte, geradezu als Sensation wirkte.

Die Erkenntnisse dieser neuen stürmischen Bewegung, durch sorgfältige wissenschaftliche Analysen der Vorgänge in der Seele des arbeitenden Menschen und im Betriebsvorgang selbst gewonnen, schlugen sich in einer Fülle von Literatur und Anweisungen nieder, die fast nicht mehr zu bewältigen war. Auch wurden in den USA und anschließend in Europa zahlreiche Beratungsbüros gegründet, die sich den Werken anboten. Ich habe in einigen amerikanischen Werken umfangreiche Kompendien vorgefunden, man nannte sie ironischerweise »Bibeln«, die sogar den Meistern in die Hand gegeben wurden. Danach konnten sie jede überhaupt mögliche auftauchende Schwierigkeit bei ihren Untergebenen auf Seite soundsoviel nachschlagen und entsprechend behandeln. Gelang es nicht, die Störung zu beseitigen, so glückte sie sicher

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 387]

– und das sah ich in einem großen Werk praktiziert — beim Psychologen, der den schwierigen Mann unter vier Augen bei Wahrung voller Diskretion behandelte. Für diese gutmeinenden Leute wurde später das böse Wort »Seeleningenieur« geprägt. Diese Bezeichnung oder der ironische Titel »Betriebspastor« entstanden in Deutschland; in der Tat haben die Psychologen im Betrieb, übrigens auch die außerhalb eines Betriebs fürs Publikum arbeitenden, »pastorale« Aufgaben zuerteilt bekommen.

Wenn an einer komplizierten Maschine etwas nicht funktioniert, stehen in den Fabriken Fachleute zur Beseitigung der Ursachen bereit. Solche Spezialisten sind besonders in der Autobranche und ihren Reparaturwerkstätten zu finden. In Amerika nennt man sie »trouble shooter«, Schützen, die zielsicher die Fehler zu erlegen vermögen.

Nun darf man freilich Menschen nicht mit Maschinen vergleichen, auch nicht mit Nutztieren, die gut gepflegt und gefüttert werden müssen, damit sie guten Ertrag geben. Diesen meinen Einwänden begegnete man in den USA ziemlich unwillig. »Ach was, gute human relations sind für beide Teile, für das Management und für die Angestellten, ein gutes Geschäft.« Diese Auffassung mag im amerikanischen Volk, das eine so populäre, derb nüchterne Auffassung vom Dollar hat, vielleicht akzeptiert werden. Die europäischen Arbeiter sind sensibler und mißtrauischer.

Die Welle der human relation-Bewegung ist abgeebbt. Aus der Übertreibung ist jedoch manches Gute zurückgeblieben, das wir heute als selbstverständlich ansehen. Als Ergebnis kann man feststellen: Wohlfahrtseinrichtungen, Hygiene im weiteren Sinn, Fürsorge, gute Behandlung, aber auch diskrete Teilnahme an der seelischen Verfassung des einzelnen und Interesse an der Herstellung eines guten Betriebsklimas ziehen nur dann eine freiwillig gegebene gute Arbeitsleistung nach sich, wenn die Maßnahmen nicht getroffen werden in der Absicht, die Maschine gut zu ölen, vielmehr müssen alle Maßnahmen selbstverständlich und uneigennützig zur Wahrung der Würde des Menschen getroffen werden, aus echtem sozialem Interesse, aus der Gesinnung der Brüderlichkeit, die in der Wirtschaft als Impuls herrschen sollte.

Ich habe in Amerika auch gefragt, was mit den guten human

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 388]

relations in einem Betrieb geschehe, wenn die Leitung wegen Arbeitsmangel infolge einer allgemeinen Krisis Arbeiter entlassen muß. Darauf konnte man mir nur die in den USA vorgesehenen, mildernden Gegenmittel, nämlich: Hilfsmaßnahmen der Federal Reserve Bank, vermehrte Staatsaufträge und Arbeitslosenunterstützung entgegenhalten.

Es bleibt freilich, ob nun die spezielle Lehre der Betriebsführung oder die allgemeine Lehre der Volkswirtschaft in Frage steht, nichts anderes übrig, als ein normales, mindestens im politischen Friedenszustand befindliches nationales und internationales Wirtschaftsleben zugrunde zu legen, in dem der Fluß der Ware und des Kapitals einigermaßen ungehindert vor sich geht, wenn auch Konjunkturschwankungen in Betracht gezogen werden müssen.

Bemühungen im eigenen Hause

DER ANFANG meines 45 Jahre dauernden Berufslebens in einer Maschinenfabrik, beginnend im Jahre 1913, fiel noch in eine Zeit relativer Ruhe. Wohl kannte man allerlei Konjunkturschwankungen und Krisen, doch hatte es seit 1871 keinen Krieg mehr gegeben, und die innere Verfassung der Menschen war noch nicht zerrüttet, sie besaß eine konstante Grundlage traditioneller, meist religiöser Moral. Der teuflische Angriff einer kommerzialisierten Vergnügungstechnik auf den Seelenfrieden der Menschen war jedenfalls noch nicht spürbar. In der Industrie herrschten trotz der kollektivierenden Tendenz der Gewerkschaften noch gewisse patriarchalische Zustände oder wenigstens Erinnerungen daran. Der Fabrikherr sorgte da und dort noch aus väterlichen Instinkten für seine treuen Mitarbeiter, die sich mit ihm und dem Werk zusammen aus kleinen Verhältnissen heraus entwickelt hatten. Man war allein schon geeint durch gemeinsame Erinnerungen, etwa an die Einführung der Elektrizität im Betrieb der Maschinen und Kranen, an die erste Telephonanlage, an die ersten Preßluftwerkzeuge und ähnliche Fortschritte.

Mit dem ersten Weltkrieg wurde vieles anders. Man kann sagen, seitdem und bis heute leben wir, jedenfalls in Deutschland,

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 389]

in einem Ausnahmezustand, auf den die alten Maßstäbe nicht mehr passen. Wir, die im Wirtschaftsleben Arbeitenden, mußten uns unaufhörlich unserer Haut wehren gegen Drohungen, Angriffe und Nackenschläge, verursacht durch politische Ereignisse. Das bedeutete unrentables Improvisieren, dauernde Umstellungen, zum Beispiel auf Kriegsmaterial, Ersatzstoffe oder zwischen und nach den Kriegen auf groteske, alle Verhältnisse verzerrende Geldentwertungen, Angstkäufe mit übermäßigen Ansammlungen von Vorräten und unverschuldete Verluste aller Art. Planung und Befolgung von Wirtschaftslehren, ruhige Überlegungen wurden dabei höchst erschwert. In manchen Zeiten fühlten wir Industrielle uns gleich Kapitänen auf Schiffen, die in einen Hurrikan gerieten und froh waren, daß sie wenigstens das Schiff, wenn auch stark zerzaust und unter Verlust der Rettungsboote, in den Hafen bringen konnten. Daß Kriegswirtschaft Staatswirtschaft bedeutet, und daß man sich an diesen Zustand zu gewöhnen droht, ist eine zusätzliche peinliche Erfahrung. Immerhin wurde in zwei Kriegen während meiner Dienstzeit in der Industrie genau zehn Jahre lang geschossen, wenn man dies als Kennzeichen eines offiziellen, heute sagt man eines heißen Krieges nimmt. Dazu kamen die hektischen Jahre des Wiederaufbaus und der Heilung der Kriegsschäden, nicht nur der eigenen, sondern auch derjenigen der »Sieger«, weil diese Kriege trotz tapferer Soldaten und ob ihrer Kriegskunst bewunderter und gefürchteter Generale verloren wurden. Kein Wunder, daß man die Professoren der Nationalökonomie bemitleidete. Was konnten sie anderes tun als registrieren. Gegenüber den Riesenmächten von Unvernunft, Haß, Habgier und Unfähigkeit versagen alle Lehren, Mahnrufe und Planungen. Sie verwehen im Sturm.

Dennoch verlangte man, daß in der Wirtschaft die Kontinuität erhalten bliebe und die notwendigen Güter erzeugt würden, damit der grandios verschwenderische politische Betrieb fortwirken konnte. Man brauchte die notwendigen Papiermassen, die für den Druck von Aufrufen, Verordnungen und Pamphleten notwendig waren und für die Herstellung der ungezählten Millionen Zigaretten, die in ebenso unzählbaren Konferenzen verraucht wurden, indes wir Industrieameisen ebenso geduldig wie die echten Amei-

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 390]

sen den durch Bubenhand zerwühlten, kunstvollen Bau immer neu aufrichteten.

Nach der kummervollen Kriegswirtschaft der vier Jahre des ersten Weltkriegs trafen das ausgeblutete und halb verhungerte Volk die unmöglichen Bedingungen des Versailler Vertrags, die Inflation und die Schaffung der neuen Reichsmark unter Verlust der Vermögen und der Ersparnisse der Bevölkerung. Die Folge der Deflation waren zuerst Arbeitslosigkeit und Insolvenzen. Als allmählich eine Besserung eintrat, entwickelte sich die amerikanische Krisis von 1928 zur Weltkrisis und brachte uns Anfang der dreißiger Jahre erneut Arbeitslosigkeit und die lebensgefährliche Krisis der deutschen Banken. Die Machtergreifung Hitlers erzeugte wohl eine wirtschaftliche Belebung, besonders durch Staatsaufträge, zum Beispiel Autobahn und Aufbau einer Kriegsindustrie, an der unser Werk mit seinen eigenen Produkten nur unwesentlich teilnehmen konnte. Der neue Krieg führte eine gesteigerte Kriegswirtschaft herbei bis zum bitteren Ende mit dem folgenden Dahindämmern bis zur zweiten Geldreform, begleitet von erneuten Vermögensverlusten. Dann setzte das sogenannte Wirtschaftswunder ein, an dessen Dauer man mit Recht zweifeln darf.

In diesen 45 Jahren habe ich als Erwachsener fünf Regierungssysteme erlebt und habe gelebt unter König und Kaiser, unter der Weimarer Republik, unter einem Diktator, der auch das ganze in Jahrhunderten gesammelte Kapital an geistigen und seelischen Werten des deutschen Volkes vertan hat, unter einer amerikanischen Militärverwaltung und zuletzt unter der neuen, föderativen Bundesrepublik Adenauerscher Prägung, überschattet von der Bedrohung aus dem Osten. Man vergleiche damit die Stetigkeit in der Geschichte Englands, der Schweiz und auch der Vereinigten Staaten, deren Bürger jahrhundertelang unter der gleichen Verfassung leben durften.

Und dennoch brachten diese vielen Jahre auch viele Lichtblicke und blieb mir trotz all der zeitbedingten Einengungen auch im Beruf noch Gelegenheit zu persönlichem Wirken im Sinne eines Menschentums, das sich nicht nur unter das Schicksal beugt, sondern im Rahmen seiner Freiheit einiges als richtig Erkanntes zu verwirklichen sucht.

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 391]

Lehrlingsbildung und Schulgründung

SCHON FRÜH habe ich mein Augenmerk auf die Lehrlingsabteilung gerichtet. Früher als in anderen Werken trennten wir die Lehrlinge vom Betrieb und brachten sie in eigenen Lehrwerkstätten während der ersten zwei Jahre der Ausbildungsdauer unter. Schon in den zwanziger Jahren hatten wir im Einvernehmen mit der Gewerbeschule und im Zusammenwirken mit ihr eine eigene Werkschule gegründet und sie mit einem reichlichen, meist selbst gefertigten Anschauungsmaterial versehen.

Immer mehr aber wurde die achtjährige Volksschule, welche die Vierzehnjährigen zu früh und mit ungenügender Allgemeinbildung in einem gefährdeten Lebensalter ins Berufsleben entläßt, zu einem Problem erster Ordnung; besonders nach dem zweiten Weltkrieg wurde es aktuell.

Inzwischen erkannte man, daß ein neuntes, ja zehntes Schuljahr nötig sei, um die vielen Mißstände zu beseitigen, die unter anderem auch mit dem Wandel im Wesen der Jugend zusammenhängen.

Wie diese Wünsche, die besonders aus industriellen Kreisen kommen, befriedigt werden können, ist heute die viel diskutierte Frage, wobei der Geldbedarf und der Lehrermangel eine große Rolle spielen. Man ist sich auch heute noch nicht einig über das, was in den zusätzlichen Schuljahren gelehrt werden soll, ja was unter Weiterbildung zu verstehen und von ihr zu erwarten ist. Diese Schulsorgen, veranlaßt durch die Anforderungen des technischen Zeitalters und durch die zum Teil beschämenden Vergleiche mit besseren Schulsystemen in anderen Ländern, bewegen die deutsche Öffentlichkeit. Es geht nicht nur um eine Reform der Volksschule, sondern auch der Mittel- und Oberschulen sowie der Technischen Hochschulen und Universitäten. Aus der Industrie lassen sich immer dringlicher werdende Mahnungen vernehmen. Im Ettlinger Kreis, gegründet durch meinen Jugendfreund Hans Freudenberg, wird versucht, konkrete Vorschläge zu entwerfen, die den Behörden und der größeren Öffentlichkeit vorgelegt wer-

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 392]

den. Diesem Kreis hatte ich mich angeschlossen. Ich konnte übrigens feststellen, daß die Waldorfschule als gutes Modell einer Einheitsschule gelten kann. Nicht nur entspricht sie im weiteren Sinne der neuen Gleichberechtigung der Frau durch Koedukation, sondern auch dem heute berechtigten Wunsch nach gleichem »Start« im Leben als einem der wichtigsten Mittel zum Ausgleich der Klassengegensätze.

Ich mußte lange warten. Erst nach dem zweiten Weltkrieg und nach dem Zusammenbruch der Hybris des Staates nationalsozialistischer Prägung waren die Verhältnisse gelockert genug, wozu auch die vorurteilsloseren amerikanischen Besatzungsbehörden beitrugen. Meine Frau und ich gründeten mit einer — nachträglich betrachtet—bemerkenswerten Zuversicht eine Schule nach dem System der Waldorfschulpädagogik auf dem Fabrikgelände, die sich aus einer einzigen ersten Klasse an Ostern 1946 im Laufe der Jahre bei einer Zahl von etwa 400 Kindern zu einer Schule mit dreizehn Klassen und Abiturmöglichkeit entwickelte. Ich erinnere mich noch deutlich an unseren Besuch im Kultusministerium in Stuttgart. Es war kalt, das Amt war provisorisch in einem durch Bomben beschädigten Haus untergebracht. Meine Frau und ich und der einzige Lehrer, den wir hatten, richteten unser Anliegen mit Genehmigung der Amerikaner an den aufgeschlossenen und allgemein geschätzten Ministerialdirektor Bäuerle. Der Kultusminister Württembergs und spätere Bundespräsident Theodor Heuss wandelte im Mantel mit einer brennenden Zigarre auf und ab, um sich warm zu halten; beide liebenswürdige Herren gaben ihren Segen für unsere Schule.

Wenn auch die räumlich eng mit den Fabrikgebäuden verbundene Schule vom Werk unabhängig als allgemeine öffentliche Schule betrieben wird, so hatte sie doch eine zusätzliche Wirkung auf die Lehrlingsausbildung. Aus den geschilderten Bestrebungen nach einem neunten und zehnten Schuljahr heraus, die sich nur langsam verwirklichen lassen, haben einige Werke in der Bundesrepublik, zu denen auch wir gehören, einstweilen zur Selbsthilfe gegriffen und versuchen, die Bildungslücke dadurch zu schließen, daß sie den Lehrlingen zusätzlich in den ersten Jahren allgemeinbildenden Unterricht mit Betonung des Künstlerischen erteilen lassen, zum

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 393]

Beispiel durch Zeichnen, Malen, Holzschnitzen und Modellieren, wozu auch ein theoretischer Unterricht tritt.

Damit wird Verschiedenes erreicht. Der allzu harte Übergang vom Elternhaus zur Fabrik wird gemildert. Die Forderung des handwerklichen Lehrgangs auf genaues Einhalten der Maße findet einen Ausgleich durch das freie, nicht maßhaltige Schalten und Walten in einer künstlerischen Betätigung. Kräfte, die sich sonst in sattsam bekannter Weise austoben, werden so schöpferisch verbraucht. Ein gesundes Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen entsteht; es ist erstaunlich und voll freudiger Überraschungen für die Lehrer, was an künstlerischer Leistung aus fast allen Vierzehn-und Fünfzehnjährigen an den Tag tritt, wenn offenbar Schlummerndes geweckt wird.

Der begleitende theoretische Unterricht schließt wenigstens einen Teil der Bildungslücken und vermittelt Kenntnisse vom deutschen und europäischen Kulturgut, das nicht nur jenem Fünftel der Bevölkerung vorbehalten bleiben darf, welches das Glück hatte, höhere Schulen besuchen zu dürfen. Die Stunden, die hierfür in den ersten Jahren der Lehrzeit am handwerklichen Unterricht abgezogen werden müssen, sind nicht verloren. Das Handwerkliche wird schnell nachgeholt, nachdem der am Anfang noch wenig robuste Körper des Vierzehnjährigen sich inzwischen kräftigen konnte.

Die bessere Allgemeinbildung wirkt nicht nur fördernd auf den Charakter, sie kann auch zur Freizeitbeschäftigung anregen und gelegentlich der populär gewordenen Reisen aufgenommene Natur-und Kunsterlebnisse vertiefen, vielleicht auch den Willen anregen, die weiterbildenden Vorträge der Volkshochschulen aus eigenem Antrieb zu besuchen.

Das noch frische Streben unserer Arbeiterbevölkerung nach Bildung muß befriedigt werden, wenn wir eine neue europäische Gesellschaft schaffen wollen, welche in erster Linie die Jugend erfassen und verbinden soll. In diesem Zusammenhang gingen wir auch auf den Wunsch nach einer Tanzstunde der Lehrlinge im letzten Lehrjahr ein und freuten uns, daß am Abschlußball sogar Schüler der Oberschulen anwesend waren.

Bei all diesen Bemühungen bewegte mich die Frage: »Was

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 394]

können wir in Europa tun, um der Drohung des Ostens entgegenzuwirken?« Es hat den Anschein, als ob in Rußland aus der dort noch vorhandenen Begeisterung des primitiveren Menschen für technische Errungenschaften heraus eine vorwiegend technologische Erziehung angestrebt wird. Was kann aus einer atheistisch orientierten, staatlich gelenkten Weltanschauung auch anderes erwachsen? Das scheint mir eine Schwäche zu sein. Haben wir in Europa eine Stärke entgegenzusetzen? Nur dann, wenn wir im weitesten Sinne theistisch sind, vom Geiste als dem Primären überzeugt, und aus solcher Weltanschauung heraus die unumgänglich notwendige Begeisterung empfangen, die den Willen befeuert, um das Leben menschenwürdig und so in wahrem Sinne sozial zu gestalten.

Der zusätzliche allgemeinbildende Unterricht der Lehrlinge lehnt sich in der Methode an die Waldorfschul-Pädagogik an und wird zum Teil finanziert durch eine Stiftung, die meinen Namen trägt und anläßlich meiner Jubiläen dotiert wurde. Bis jetzt waren diese Bemühungen von Erfolg begleitet. »Was fruchtbar ist, allein ist wahr.«

Erwachsenen-Bildung

WÄHREND MEINER REISE nach Amerika im Jahre 1949 nahm ich bald nach der Ankunft in New York an einer Konferenz der American Management Association teil, die im Waldorf Astoria Hotel stattfand. Diese Industriellenvereinigung hatte uns zu betreuen. Es wurde uns erklärt, das USA-Management sei die einzige Stelle der Welt, von der aus eine Wirtschaft, frei vom Staat, unter Wahrung individuellen Unternehmergeistes, gerettet werden könne. Dazu benötigten die USA aber die Hilfe der Unternehmer aller Länder, die noch nicht unter der Diktatur der Staatswirtschaft stehen, sonst gehe auch das Amerikanische Management zugrunde. Die Aufgabe könne nur bewältigt werden, wenn über das einzelne Werk hinaus volle Verantwortung herrsche und ein Bewußtsein für das Wohl der Gemeinde und des ganzen Volkes (community and publicity) bestehe. Es müsse der neue Typ des »industrial statesman« geschaffen werden, des industriellen Staatsmannes, der zusammen mit den Gewerkschaften

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 395]

dem Wohl des Volkes diene. Geschehe das nicht, dann triumphiere der Staatskapitalismus mit Recht; er werde sich dann des Volkes annehmen.

Dieser »industrial statesman« müsse dauernd an den Menschen im Betrieb und an seine Würde denken. Das sei heute, sagte einer der Redner, nicht eine Sache des guten Willens und des Altruismus, sondern eine Existenzfrage (a question of surviving). Der Wunsch der Werksangehörigen nach Aufklärung über das Unternehmen lasse sich nicht mehr überhören, das Interesse sei groß. Früher hätten die Menschen, wenn auch oft nur in der Erinnerung, eine innere Bindung etwa an die Farm gehabt, von der sie kamen. Heute gebe es nicht einmal mehr eine Heimatsehnsucht, heute sei der Betrieb die Heimat, und alle wollten wissen, wie es mit dieser Heimat und ihrer Sicherheit und Zukunft stehe. Und dies nicht nur aus Existenzgründen. In einem Betrieb, der seinen Arbeitern guten Verdienst geboten habe, sei erklärt worden: »We do not want bread alone, we want roses too« — »Wir wollen nicht nur Brot, wir wollen auch Rosen«.

Diese Prinzipien begeisterten mich. Sie strebten Ziele an, die mir von ganz anderer Seite her vertraut waren. Daß man in Amerika mutig darüber sprach, überraschte mich und erfüllte mich aufs neue mit dem Bewußtsein der allgemeinen Bedeutung dessen, was in der Industrie geschieht. Die Sorge, daß die Wirtschaft mehr und mehr vom Staate beherrscht werden könnte, das Ringen um eine Partnerschaft mit den Gewerkschaften zum Wohl des Volkes, die Wahrung der Würde des Menschen im Betrieb und die Notwendigkeit, ihn dauernd unterrichtet zu halten, damit er den Sinn seiner Arbeit als Teil eines Ganzen verstehe, — das alles lag auch mir am Herzen.

Doch suchte ich Klarheit zu gewinnen, wie sich diese Ziele in der Praxis des täglichen Lebens verwirklichen lassen. Bei den vielen Besuchen in Betrieben, Universitäten und Organisationen stieß ich immer wieder auf den Begriff »communication«, auf die Mitteilung als Mittel zur Aufklärung, zur Beseitigung sachlicher und persönlicher Schwierigkeiten, zu gemeinsamer Entschließung auf Grund der ausgetauschten Erfahrungen und Sachkenntnisse. Die Austauschfreudigkeit ist in den Vereinigten Staaten größer als bei

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uns, selbst zwischen den Betrieben. Das stärkt die Industrie im ganzen auch in ihrer Wettbewerbsfähigkeit, indes bei uns eher die Tendenz herrscht, Betriebsgeheimnisse im engeren und weiteren Sinn für sich zu behalten.

Dramatisch wurde uns von einem Mitglied der Personalabteilung der Standard Oil im Rockefeller Centre in New York gezeigt, wie man dort zu Beginn des Unterrichts die Angestellten auf die »communication« aufmerksam mache. Er forderte aus einem Kreis von zuhörenden Gästen und Professoren ausgerechnet mich auf, zu ihm zu treten. Er überreichte mir eine Papiertüte, der ich ein nacktes Puppenbaby entnehmen mußte. »Was tun Sie als Geburtshelfer?« fragte er streng. Nun, er wollte dartun, daß die erste Lebensäußerung des Menschen der Schrei sei, die »communication« mit der Umwelt, und daß man das Kind schütteln müsse, wenn es nicht von allein schreie.

Als ich von dieser Reise nach Hause kam, war ich von Begeisterung und Tatkraft erfüllt. Aber wer hat nicht schon erlebt, daß er, als erlebniserfüllter Reisender zurückgekehrt, auf kühle Blicke traf?

Die regelmäßigen Zusammenkünfte in Gruppen, je nach Bedarf, was die Anzahl der Teilnehmer und die Zeitabstände betrifft, müssen zur Gewohnheit werden. Sie dürfen nicht wegen Kleinigkeiten ausfallen, sie dürfen nicht zu »Kränzchen« werden. Das brauchen sie auch nicht zu werden, wenn nur einer dabei ist, der sie mit Ökonomie der Gedanken und der Zeit geschickt leitet.

Im Laufe der Jahre ist auch in unserem Werk vieles in dieser Beziehung anders und besser geworden trotz des oft an falscher Stelle betonten Individualismus der Deutschen.

Erziehung bedeutet zu einem guten Teil, den Kindern gute Gewohnheiten beizubringen. Bei den Erwachsenen müssen zuerst schlechte und meist alte Gewohnheiten beseitigt werden. Das ist unsäglich schwer. Dennoch darf man der Aufgabe nicht aus dem Wege gehen; durch schriftliche Anweisung, gelegentliche mündliche Ermahnungen, durch Schulung innerhalb und außerhalb des Hauses, oft gegen die vielen, die im Unterbewußtsein schuldbewußt oder aus einer gewissen Rauheit heraus den Imponderabilien keine Beachtung schenken wollen, muß die Trägheit überwunden werden.

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 397]

Im Rahmen dieser Bemühungen steht die Erziehung der Meister deshalb im Vordergrund, weil sie in direkter täglicher Berührung mit den Arbeitern großen Einfluß auf das »Betriebsklima« ausüben. Was nützt dem Arbeiter die menschliche Einstellung der Leitung, wenn er das Unglück hat, einen parteiischen und jähzornigen Meister zu haben? Selbst auf diesem Gebiet, wenn auch spät, sind wir ein Stück weiter gekommen. Eine Betriebsbefragung wurde veranstaltet, bei der von außen kommende Experten sich aus allen Abteilungen eine statistisch ermittelte Anzahl von Menschen herausholten, um ihnen, ohne ihre Namen zu kennen, bestimmte Fragen vorzulegen. Trotz der vorhandenen offiziellen Beschwerdemöglichkeit fand diese anonyme Gelegenheit, das Herz auszuschütten, erstaunlichen Anklang. Die Resultate dieser Betriebsbefragung brachten uns überraschendes, Angenehmes und Unangenehmes, und wurden ein Anlaß, mit neuem Mut an die menschlichen Probleme im Betrieb heranzugehen. Die Analyse dient auch dazu, sogar Skeptiker nachdenklich zu machen.

Der Frage: Wie verwirklicht man die lobenswerten Ziele? muß gleich die zweite folgen: Wer verwirklicht sie? Es mußte viel geschehen in der Welt, und ich wurde ein alter Mann dabei, bis ich endlich etwas von dem, was ich wollte, verwirklichen konnte und Menschen fand, die befähigt, verständnisvoll und zäh genug waren, zu helfen, daß einiges anders wurde als bisher und daß in der Praxis etwas ausgeführt wurde, was uns als Ziel in Gedanken vorgeschwebt hatte.

Die unerhörte und erfolgreiche Leistung der Menschen in der deutschen Wirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg, die größere Aufgeschlossenheit nach der schrecklichen Katastrophe des äußeren und inneren Zusammenbruchs des deutschen Volkes gab mir eine unerwartete und in meinem Leben einmalige Chance. Es war eine Freude, aus dem Überfluß der eigenartigen Nachkriegsjahre heraus schöne und bleibende Einrichtungen zu schaffen. Daß diese nur eine allmählich fast selbstverständlich gewordene Grundlage bilden können, auf der sich die eigentliche Pflege der menschlichen Beziehungen abspielt, ist inzwischen eine weiter verbreitete Erkenntnis geworden.

[Hanns Voith, Erinnerungen, 1960, S. 398]

Erwachsene Menschen verschiedener Lebensalter, Bildungsgrade und Volksstämme zu einem einigermaßen harmonischen Zusammenwirken zu bringen, ist eine Daueraufgabe, an der täglich gearbeitet werden muß, eine Aufgabe, die nicht mit Geld zu erledigen ist, sondern nur durch die Willensanstrengung und das »Drandenken« einer größeren, als Sauerteig wirkenden Gruppe. Wenn auch der Personalchef der Aufgabe am nächsten steht, so können er und sein Stab sie doch nicht allein bewältigen, er braucht Helfer unter denen, die in den Büros und Werkstätten leitend tätig sind.

Den an der Spitze Stehenden kann man wohl mit dem Orchesterdirigenten vergleichen, der die Einsätze gibt, die verschiedenen Instrumentengruppen aufeinander abstimmt, dämpft und anfeuert, mahnt, lobt, schmeichelt, zürnt und Mißtöne nicht duldet. Die Voraussetzungen für ein gutes Symphonieorchester sind freilich Spieler, die ihr Instrument gelernt haben und auch aufeinander hören und nicht nur auf den Dirigenten blicken.

Fragen

WENN SICH DER VERFASSER von Lebenserinnerungen der Gegenwart nähert, verläßt er das Gebiet des Gewesenen und des Gewordenen. Vieles muß unerwähnt bleiben, weil es in Plänen und Ansätzen steckengeblieben ist. Auf solche, oft auch einfach vergessene Absichten stieß ich zum Beispiel bei der Durchsicht von Korrespondenzen meines Vaters und meiner Brüder. Es überra