Eine gesunde Geldschöpfung kann nicht in der Leihgeldsphäre vorgenommen werden

01.02.1934

[...] Damit sind wir [...] bei der für die Leihgeldsphäre entscheidenden Frage des Kreditvolumens angelangt:

Wie hoch darf ich die Sphäre des Leihgeldes über die des Kaufgeldes erheben?

Von der Bodenperspektive des Kaufgeldes aus gesehen, die durch die gestellte Frage vorgezeichnet ist, lautet diese Frage so: Wie kann in einem geschlossenen Wirtschaftszusammenhang die Gesamthöhe derjenigen Geldbeträge wirklichkeitsgemäss bemessen werden, durch welche Käufe möglich sind, deren Gegenwerte erst in der Zukunft erzeugt, aber in der Gegenwart durch Leihe verbürgt werden müssen?

Ein Beispiel: Herr A möchte eine Kunstmühle einrichten. Nehmen wir an, er verfüge über den dazu erforderlichen Geist, nicht aber über Geld. Dies muss er pumpen. Er braucht soviel Leihgeld, als er insgesamt aufwenden muss, um Konsument von Maschinen, Korn, Arbeitsleistungen usw. usw. werden zu können, deren Gegenwert erst durch das Ergebnis der künftigen Mehlproduktion seines Betriebes hereingebracht werden kann. (Denn – wohlgemerkt! – in Bezug auf Alles, was er kauft, ist auch der "Produzent" volkswirtschaftlich betrachtet "Konsument", wenn auch nicht durch einen Endkonsum – wo die Konsumentenformel endgültig ist –, sondern durch das, was Rudolf Steiner (Seminar 50) einen "Unterkonsum" nennt, – wo diese Formel zwischengültig ist.) In dieser Situation der Begründung eines neuen Betriebes führt eine hemmungslos liberalistische Kreditwirtschaft dadurch zu sozialen Wucherungsprozessen, zu Geschwulst – und Geschwürbildungen, dass scheinbare oder auch wirkliche subjektive Fähigkeiten und Betriebsamkeiten mit solcher geliehenen, d.h. nur durch die Zukunft gedeckten, aber in der Gegenwart wirksamen, Kaufkraft ausgestattet werden, ohne dass dieser Zahlenbetrag zwischen einem Mass des umgebenden organisch-wirtschaftlichen Gewebes und dem geistigen Gewicht des Leihgeldempfängers als Träger schöpferischer Fähigkeiten in eine sozialrechtliche Bilanz gebracht würde. Kredit erhält, wem man zutraut, dass er im Erwerbskampf Profit an sich bringen werde. Ob dieser Profit anderen Profiteuren abgegraben oder gar anderen Existenzen abgesogen sei, wird nicht in Betracht gezogen. Könnte Herr A plausibel machen, dass er nicht

[Sozialwissenschaftliche Korrespondenz S. 452] (59/60. Lieferung: Blatt 7)

 

nur aus Korn Mehl, sondern aus Steinen Brot machen könnte, so würde er das dazu erforderliche Kapital ohne Rücksicht darauf bekommen, ob nicht (abgesehen von allem Anderen) durch seine Erfindung alles das stillgelegt würde, was sich in den sozialen Zusammenhängen vom Brotbedarf der Menschen, den er nun für seine Steinbrotfabrik abfängt, als verteilende und erzeugende Glieder und Zwischenglieder bis zur getreidetragender Bodengrundlage als organisches Gewebe erstreckt.

Wodurch sind solche Dinge (auf welche dann die Planwirtschafter mit Fingern zeigen können) im volkswirtschaftlichen Zusammenhang möglich?

Dadurch, dass in der Leihgeldsphäre Geldschöpfung vorgenommen wird.

Wer ein Profitjagd-Revier haben will, kann in alle Rechte und Pachten einbrechen, wenn nur Hasen drin sind und er ein Schiessgewehr vorzeigen kann: Braucht er doch nur auf die voraussichtliche Jagdbeute vorweg Wechsel zu ziehen!

Eine gesunde Geldschöpfung kann aber gar nicht in der Leihgeld – sondern muss in der Kaufgeldsphäre vorgenommen werden. Für das Kreditvolumen darf nicht der subjektive Geldbedarf das Mass geben. Dieser hat sich vielmehr in ein Kreditvolumen hineinzubequemen, dessen Mass von dort her bestimmt ist, wo allein sozial-legitime Geldschöpfung ihre Stätte haben kann: „Im Beginne des Kauf- und Verkaufsprozesses“, in der Situation derjenigen Menschen, die „ein eben in die Arbeit übergehendes Naturprodukt zu behandeln“ haben, „wo das Naturprodukt beginnt, sich mit der Arbeit zu vereinigen, was ja eine volkswirtschaftliche Schwierigkeit gar nicht bieten kann“ (Kurs 155), – dort, und nur dort, wird Geld legitimerweise zur Welt gebracht.

Das heisst: Der Gesamtumfang der in Arbeit genommenen Naturgrundlage eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes bestimmt unabänderlich die Breite der Basis seines Geldvolumens. Denn

„[...] keinerlei Art von Geld kann etwas anderes sein, als lediglich ein Ausdruck für die Summe der brauchbaren Produktionsmittel, die in irgend einem Gebiete sind, – worunter natürlich vorzugsweise, in erster Linie der Grund und Boden bestehen wird, – die brauchbaren Produktionsmittel, die in einem Gebiete sind, reduziert auf dasjenige, worin sie sich am leichtesten ausdrücken lassen [...]“ (Kurs 178),

also „keinerlei Art von Geld“, – weder Kauf-, Leih-, noch Schenkungsgeld; und ferner:

[...] die ganze Bodenfläche, wo dann die Menschen alles das, was sich vom Boden abhebt, entsprechend weiter bearbeiten müssen, die ganze Bodenflache auf die Einwohnerzahl verteilt [...] gibt jedem einzelnen Ding seinen Tauschwert [...] (179).

Ganz selbstverständlich erhebt sich hier aus der in der Wirklichkeit und in den Köpfen gärenden Leihgeldsphäre der Einwand: die ganze Welt der Industrie, auf die wir Heutigen doch so stolz sind, falle bei einem solchen Kurzschluss zwischen Bodenproduktion und Endkonsum aus dem Stromkreis der Wirtschaft!

Auf diesen Einwand, der in der Gestalt einer, allerdings unzulänglichen, Frage einmal erhoben wurde, gab Dr. Steiner selbst Antwort:

Frage:

Warum aus dem landwirtschaftlichen Gebiet bringen gewöhnlich Ueberschuss hervor, während die Waren aus der Industrie mit Unterbilanz arbeiten?

Antwort des Herrn Dr. Steiner:

Diese Sache wird natürlich heute vielfach missverständlich aufgenommen werden müssen, weil wir ja nicht in solchen Verhältnissen leben,

[Sozialwissenschaftliche Korrespondenz S. 452] (59/60. Lieferung: Blatt 8)

 

dass gewissermassen die Grossbilanz, die sich ergibt, wenn man einfach alles dasjenige, was produziert wird, in diese Bilanz eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes einbeziehen würde, weil diese Bilanz gar nicht herauskommen kann. Sie können nicht unsere gegenwärtige Landwirtschaft irgendwie in eine Totalbilanz einsetzen, wenn Sie so und so viele Belastungen auf den Gütern haben und vergleichen das mit der Bilanz der Industrie. Wenn ich sage: Im Grunde ist die Industrie immer darauf angewiesen, von all dem zu leben, was durch den Grund und Boden hervorgebracht wird, so muss man zunächst wegdenken alles dasjenige, was sich bei uns hineingemischt hat, um gewissermassen eine verschleierte Totalbilanz eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes zustande zu bringen. Wenn aufhört dasjenige, was Ware nicht sein kann, Ware zu sein, nämlich Grund und Boden und menschliche Arbeitskraft, wenn beides aufhört, Ware zu sein, wenn nur das Ware wird, was im Sinne der Dreigliederung zirkulieren kann zwischen Produzenten und Konsumenten, dann wird sich eine Bilanz herausstellen, bei der jedesmal die Aufwendungen, die für die Industrie notwendig sind, gedeckt werden müssen aus den Ueberschüssen der Landwirtschaft. Dass das gegenwärtig nicht der Fall ist, ist selbstverständlich; aber wir leben eben in Zeiten, in denen sich eine wirklich auf die Produktion sich stützende Totalbilanz eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes ergeben würde. Was ich da vorgebracht habe, ist einseitig für das Wirtschaftsleben längst erkannt. Nicht wahr, Sie finden es sogar bei Walter Rathenau betont, dass jede Industrie ein fressendes Gut ist, d.h. wo die Erträgnisse immer wieder hineinkommen müssen in die Industrie und wo fort und fort zugeschlossen werden muss. Das muss aber irgend woher kommen. Das kommt von demjenigen, was die Erträgnisse von Grund und Boden sind. Aber in unseren Bilanzen kommt das nicht zum Ausdruck.“

Diese „Grossbilanz“, diese „Totalbilanz“, von der hier gesprochen wird, ist schon heute vorhanden. Aber in verschleiertem Zustand. Sie wartet auf ihre Entschleierung.

Woraus besteht der „Schleier“ ? Aus allem, „was sich bei uns hineingemischt hat“, indem es als Ware behandelt wird, obschon es „Ware nicht sein kann“, weil es nicht „zwischen Produzenten und Konsumenten zirkulieren kann [...]“: dem Boden (einschliesslich die gewerblich=industriellen Produktionsmittel) und der Arbeit.

Insofern das Geld in Preisrelationen zu diesen Bereichen der Wirklichkeit steht, die einen Preis nicht haben können (weil sie nicht in der Spannung Produzent – Konsument zirkulieren), ist es selbst das verschleiernde Gewebe. An jedem Punkt, wo das Geld preismässig auf etwas bezogen wird, was einen „Wert“ im volkswirtschaftlichen Sinn (vgl. Lieferung 44) nicht hat und deshalb einen Preis nicht haben kann, wird es mit sich selbst – insofern es als das „a“ der Preisgleichungen mit „n“ und „p“ im Spiel steht – in Widerspruch gebracht. Es kann nur mit nachgefragten Waren (n) funktionell in Preisbeziehungen (p) stehen, nicht aber mit Nicht-Waren. Wenn es mit Nicht-Waren preismassig verkuppelt wird, wird es verlogen gemacht und zur Undurchsichtigkeit, zur Schleierhaftigkeit getrübt. Alle Geldziffern, die am Boden oder an industriellen Produktionsmitteln (als Kaufpreise oder sog. Realkredite) oder an der Arbeit (als sog. Löhne) preismässig festgespiesst werden, verschleiern die gesamtwirtschaftliche Totalbilanz.

Die "Entschleierung" kann nur dadurch vorgenommen werden, dass das Geld ausser in seiner preismässigen Bezogenheit zu den Waren (als Kaufgeld) in den andersartigen Bezogenheiten zu den Nicht-Waren, die in der Geldwirtschaft eine Rolle spielen, erkannt, ergriffen und entfaltet wird, – das heisst: dass es nicht nur im Zusammenspiel mit der Warenwelt, sondern ausserdem noch in sich selbst „in Zirkulation kommt und als Kaufgeld, Leihgeld und Schenkungsgeld

[Sozialwissenschaftliche Korrespondenz S. 453] (59/60. Lieferung: Blatt 9)

 

figuriert“, – wie es Rudolf Steiner in Handhabung „lebendiger Begriffe“ darstellt (Kurs 174), – sodass es mit qualitativ verschiedenen Beschaffenheiten seines eigenen Wesens nach der einen Seite ständig den Kontakt mit der Welt der zirkulierenden Waren (in der Kaufgeldsphäre) wahrt, ausserdem aber nach den andern Seiten der Wirklichkeit – zum Boden, zur Arbeit, zum Geist hin – die dort gebotenen Formen der Bezogenheit gewinnt.

Ein Wesentliches, was durch solche „Entschleierung“ aus der Totalbilanz der Gesamtwirtschaft ablesbar würde, ist eben die Tatsache, „dass jede Industrie ein fressendes Gut ist“. In dem Augenblick, wo das Geld von den Fixpunkten, die es fälschen und verdunkeln, losgetaut und als Kauf-, Leih- und Schenkungsgeld in sich selbst verflüssigt würde, müsste im Bezogensein des Geldes zur Sphäre der Industrie diese Tatsache des „Fressens“ in Erscheinung
treten. Am Geld müsste sich diese Tatsache als der Vorgang des „Alterns“ sichtbar machen.

Wer ist denn der „Fresser“, der da frisst? Der „Zahn der Zeit“: Die in der Gegenwart noch nicht als Wert bilanzierbare Zukunft nagt mit diesem Zahn durch die Gegenwart an den Werten der Vergangenheit. Nicht nur das freie Geistesleben (als „reiner Konsument“, Kurs 72/3), sondern auch das halbfreie ist – innerhalb einer Totalbilanz gesehen – nicht „speisend“, sondern „fressend“, also nicht „Habend“, sondern „Sollend“ wirksam, nicht wertebildend, sondern entwertend.

Dieses „Fressen“ an den Werten, dies tätige Negieren der positiven Posten, ist am sichtbarsten dort, wo das halbfreie Geistesleben durch die Person eines Unternehmers, der Produktionsmittel braucht, Ergebnisse vergangener wertebildender Bewegung (Drehbänke etc.) aus dem Markt herauskauft, ohne ihm gleichzeitig Gegenwerte zurückzuliefern. Jede Ware, die ich durch einen Kauf (mit Leihgeld) aus dem Markt herausnehme und zum Produktionsmittel entwerte, wird in Wahrheit von der Zukunft mit dem Zahn der Zeit der Vergangenheit entrissen. Der Aufbau einer Fabrik ist zunächst nichts anderes als ein riesiger volkswirtschaftlicher Entwertungs- und Verzehrungsprozess, ein ganz realer Vorgang des „Alterns“, eine Einbuchtung in die von der Natur her originär gegebene Prallheit der wirtschaftlich-jugendlichen Verumständungen, ein Einbruch des „Chemismus“ (vom Violettpol her) in die „Wärme“ (des Rotpols).

Abgesehen nun davon, dass unsere instinktive Vorliebe für „jung“ und unsere instinktive Abneigung gegen „alt“ töricht sind, und wir uns dazu erziehen müssen, die Abbauprozesse in der Wirtschaft (wie überall) mit der gleichen Aufmerksamkeit und Objektivität und der gleichen Anerkenntnis ihrer Notwendigkeit als zum Leben gehörig zu betrachten (vgl. Kurs 57, 62 und sonst vielerorts), müssen wir die Verteilung von Aufbau und Abbau (Rot und Blau) in der ganzen Sphäre der Wirtschaft auch deshalb wirklichkeitsgemäss erkennen, weil wir nur aus einem solchen Erkennen rein technisch das moderne Hauptinstrument allen Wirtschaftens, das Geld, den ihm gestellten Aufgaben gemäss zu formen vermögen.

Zwischen den Polen des Prall- und des Hohlgefressenseins liegen – wie zwischen dem Voll- und dem Neumond – die Phasen des Angefressenseins: im Leben zwischen dem „reinen Produzenten“ (der als Selbstversorger am prallen Naturpol der Wirtschaft Überschüsse über seinen Bedarf auf den Markt setzt) und dem „reinen Konsumenten“ (der als Geistesarbeiter am hohlen Geistpol der Wirtschaft mit seinem ganzen Bedarf am Markt zehrt); und im Geld zwischen dem „jungen“ und dem „alten“. Wie schon in der letzten Lieferung skizziert wurde, bewegt sich das Leihgeld zwischen dem prallen (roten) und dem hohlen (blauen) Pol der Wirtschaft, – recht eigentlich als das alternde Geld zwischen dem entstehenden und dem vergehenden. Das junge, von der Arbeit an Grund und Boden ganz vergangenheitspralle Geld

[Sozialwissenschaftliche Korrespondenz S. 454] (59/60. Lieferung: Blatt 10)

 

nennt Rudolf Steiner meist kurzweg „Kaufgeld“; indem es zuerst an- und dann ausgefressen wird, hört es nicht auf, „Kaufgeld“ zu sein (im Kurs, S. 154, und im Seminar, S. 65), bemerkt Rudolf Steiner, „dass es „als Kaufgeld“ seinen Wert behält, also keineswegs in „Schwund“ gerät“; aber indem aus dem halbfreien und dann dem freien Geistesleben immer intensiver von der Seite des Käufers her das Geldangebot „a“ nicht mehr als Ausdruck vorangegangener Wertebildung, sondern als Verheissung auf die Zukunft dem Verkäufer entgegentritt, vollzieht sich – in der gesamtwirtschaftlichen Verumständung gesehen – an den Orten, wo sich Verkäufer und Käufer begegnen, ein Ausmergelungsprozess.

Der „Positionswert“ des Geldes (vgl. Kurs 154, dazu Lieferung 58, Blatt 4) oben ist, im Gegensatz zum Zahlenwert, der Ausdruck des Ausmergelungs-Grades der jeweiligen Situation. Er drückt den Grad des „Angefressenseins“ zwischen dem prallen und dem hohlen Kaufgeldzustand aus und könnte deshalb, im Vergleich mit den Mondphasen, auch als der „Phasenwert“ bezeichnet werden: wie der Mond zwar seinem Gewicht und seiner Krümmungskurve nach durch alle Phasen konstant bleibt (und keinerlei "Schwund" erfährt), wohl aber durch den Wechsel der "Position" zwischen Erde und Sonne vom vollen Münzbild des Vollmonds zur dünnen Hohlform des Neumonds abgedunkelt wird, so schwindet auch das Geld in der wirtschaftlichen Gesamtverumständung nicht seinem Zahlen-, wohl aber seinem Positionswert nach, und zwar in solcher Weise, dass, je dünner die „Sichel“ wird, umso intensiver das zukunftragende Geistesleben darin zum Stehen kommen kann. (Freunde lebendiger Geschichtsbetrachtung mögen sich daran erinnern, dass im Mittelalter die Auseinandersetzung der Bereiche, die „Gottes“ und die „des Kaisers“ sind, am Doppelbild von Sonne und Mond vollzogen worden ist. Was des Geistes (der Zukunft) und was der Natur (der Vergangenheit) ist, steht heute als Problem zur Aufgabe. Die Lösung kann nicht in starrer Grenzziehung, sondern nur in der Beweglichkeit des Phasenwechsels gefunden werden, und zwar immer und aus jeder Position heraus aufs Neue).

Die Tatbestände „fressendes Gut“ und „alterndes Geld“ decken sich so wie in einem richtig geführten Geschäft eine kommerzielle Transaktion und deren sachgemässe Buchung. Nur durch ein Sichtbarmachen dieses Alterns (aber nicht Schwindens) des Geldes bekommen wir die buchhaltungstechnische Möglichkeit, die Industrie durch eine sachgemässe Gesamt-Buchhaltung (Kurs 174) unverschleiert in die gesamtwirtschaftliche Totalbilanz einzusetzen. Deshalb muss dieser Punkt noch etwas umständlicher herausgearbeitet werden:

Unser Beispiel: Herr A sucht Leihgeld, um eine Mühle zu bauen, die um 20 % billiger Korn in Mehl verwandeln soll, als es bisher in jener Gegend möglich war.

Wonach ist die Frage: ob und allenfalls in welcher Höhe er Leihgeld bekommen soll, aus der gesamtwirtschaftlichen Totalbilanz heraus zu entscheiden?

Erstens: welches „Gewicht“ hat Herr A? Wieviel „Glauben“ kann man seinen Fähigkeiten, seiner „Treue“ schenken ? Darüber ist im Allgemeinen nichts auszumachen. Es muss sich dies „Gewicht“ in der Wirklichkeit dadurch bewähren dass es „Niveaudifferenz“ (Kurs 49) erzeugt, wodurch „das Kapital zu dem Klugen hin abschwimmt“ und bei ihm zur „Synthese“ kommt. In einer gesunden Wirtschaft muss „der Dumme“, der Leihgeld sucht, in immer neuem Wägen als zu leicht befunden werden (Kurs 49; 121/2).

Zweitens: wieviel „Auftrieb“, wieviel objektive „Abstraktion“ (vgl. hierzu auch Kurs 168/9) waltet an diesem Ort, in diesem Augenblick, in dieser Branche innerhalb der konkreten Gesamt-Verumständung der Werte? Mit anderen Worten: wie gross ist das „Kreditvolumen“ ? Oder auch: wieviel ist „zum Fressen“ da?

[Sozialwissenschaftliche Korrespondenz S. 455] (59/60. Lieferung: Blatt 11)

 

Auf die Anfangs-Gefrässigkeit des gewerblich-industriellen Unternehmens wurde bereits aufmerksam gemacht: durch die Hand des Herrn A wird das Leihgeld zunächst rein „fressend“ zur Auswirkung kommen. Alle Vergangenheitswerte, die er damit kauft, um sie zu ent-waren und zu ent–werten, kann er nur mit Zukunftsverheissungen abspeisen. Wenn das Unternehmen fehlschlägt, wird er als „reiner Konsument“ Schenkung vertilgt haben. Denn alle die Menschen, die – vielleicht durch Dutzende oder Hunderte von Produktionsstufen – die neuen Produktionsmittel hergestellt haben, müssen gegessen haben, müssen Konsumenten gewesen sein, bevor auch nur die erste Bewegung im neuen Produktionsprozess möglich ist. Bevor die neue Produktionsstätte ihren ersten Atemzug tun kann, in ihrer Embryonalzeit, hat sie durch alle an ihrem Zustandekommen beteiligten Menschen, wie durch ungezählte Fasern, von der Mutter Erde her Werte zu sich hergesogen. Auch in der Stahlwalze ist in Wirklichkeit nicht der Stahl bezahlt, sondern gemäss der Urpreisformel (Kernpunkte 91; Kurs 67; vgl. Lieferung 51/2); das entgolten, was für „jeden Arbeitenden [...] zur Befriedigung sämtlicher Bedürfnisse bei ihm und den zu ihm gehörigen Personen nötig ist, bis er ein Erzeugnis der gleichen Art wieder hervorgebracht hat“.

Wie jeder andere „Konsument“ tritt also auch unser Herr A mit dem Geld, das ihm geliehen worden ist, an die Waren/Kaufgeld-Sphäre als Käufer heran. Im Sinne der Zeichnung 2 (Kurs 23) leistet er – gleichsam vom unteren Rand der Druckseite herauf – den „Preis“, auf den sich von zwei Polen her die wertebildende Doppelbewegung von Wert1 und Wert2 zu ihm herbewegt. Der Unterschied zwischen einem Endkonsum-Kauf und einem solchen Maschinenkauf besteht darin, dass das Geld, mit dem der Maschinenkäufer bezahlt, weder Ausdruck einer eigenen vorangegangenen Werteerzeugung (Kaufgeld), noch Ausdruck eines Freibriefs von wirtschaftlicher Gegenleistung (Schenkungsgeld), sondern Ausdruck der übernommenen Verpflichtung zu künftiger wirtschaftlicher Produktion ist. Herr A kauft durch Vermittlung des entlehnten Geldes nicht mit den Früchten des vergangenen, sondern mit den – noch gar nicht vorhandenen – Früchten des kommenden Herbstes. Er ist befähigt, Früchte der Vergangenheit zu „fressen“, weil ihm von Gläubigern der „Glaube“ entgegengebracht wird, dass er durch seine „Treue“ nachträglich nicht nur so viele Endkonsum-Werte zustandebringen werde, wie er vorweg „gefressen“ hat, sondern noch etwas darüber hinaus.

Darüber hinaus ? Dann wäre schliesslich dieser Betrieb doch kein „fressendes Gut“!

Entwickelt der industrielle Betrieb seinem Wesen nach über die geschilderte Anfangs-Gefrässigkeit hinaus noch eine Dauer-Gefrässigkeit?

Heute, in der chaotischen Leihgeldsphäre, erblicken wir überall die industriellen Betriebe in der Gestalt reissender Konkurrenzwölfe. Im ungezähmten Geld (Kurs 154) entwickelt sich der Profitkapitalismus als objektivierte Treulosigkeit und Abergläubigkeit. „Profit“ ist in weitem Umfang – wie die Beute der „Gewaltigen“ im „Faust – das Ergebnis der teuflischen Dreieinigkeit von „Krieg, Handel und Piraterie“. Die Existenzgrundlagen der Konkurrenten und deren Arbeiter, die ein im Profitkampf siegender Betrieb z.B. aus dem Brotkorb ihrer eigenen Leistungen an die Krippe der Gemeinnützigkeit geschleudert hat, werden am „Profit“ nicht abgezogen.

Aber dies kann nicht diejenige Dauer-Gefrässigkeit sein, die Rudolf Steiner meint, wenn er vom „fressenden Gut“ spricht.

Denn dies „Fressen“ soll ja gerade durch die Entschleierung und wirklich objektiv sichtbar gemacht werden Reinigung der Gesamtbilanz vom „versteinerten Einsatz“ der hypothekarischen Scheinkredite (Kurs 63) am Rotpol und die Bannung der „Eigenschaft der Kapitalmassen“ (Kurs 13) am Violettpol erst wirklich objektiv sichtbar gemacht werden.

[Sozialwissenschaftliche Korrespondenz S. 456] (59/60. Lieferung: Blatt 12)

 

Auch – und gerade! – in einer gesamtbuchhaltungsmässig richtigen Totalbilanz, wo der Wille, zu kreditieren, nicht mehr mit der Stange im Nebel trübender Schleier herumfahren muss, offenbart sich die Industrie als „fressende“, als vorwiegend nicht werteschaffende sondern wertevertilgende Potenz auf dem Feld der Wirtschaft.

Im „Seminar“ sehen wir, wie Rudolf Steiner geradezu darum kämpfte, den Begriff „Entwertung“ das Odiose zu nehmen, das wir ihm (weil wir unser ganzes Leben lang den inneren Säugling nicht los werden) anheften. Deshalb sagte er, ohne dass zunächst von den jugendbewegten Zuhörern darauf eingegangen worden wäre, am Ende der „weiten Besprechung“ (Seminar 32):

„Jemand sollte versuchen, mehr im Konkreten zu zeigen: wo volkswirtschaftliche Verwertungs- und Entwertungsprozesse notwendig sind“.

Und dann (Seminar 42):

"[...] es handelt sich darum, dass man doch im kontinuierlichen Prozess des Volkswirtschaftslebens wirtschaftlich notwendige Entwertungen eben durch Arbeit herbeiführen muss [...]"

Besonders aber (als eine Art vorläufiger Abschluss der Aussprache) später (Seminar 50):

„Entwertung ist nur für den Wert negativ. In bezug auf das Konsumfähigmachen gehen Sie nicht zurück. Sie gehen nur zurück in bezug auf die Werteverteilung: Sie wickeln zuerst die Spule auf. Dazu ist Arbeit nötig; da haben Sie einen Wert gebildet. Jetzt wickeln Sie die Spule ab; da zerstören Sie den Wert. Wenn Sie aber die Sache betrachten, so werden Sie finden: bis zu der Zerstörung ist ein konsumfähiges Produkt entstanden, und nachher ist das Endziel der Arbeit wieder ein konsumfähiges Produkt. Bei der Arbeit handelt es sich darum, ein naturgegebenes Ding konsumfähig zu machen. Sie haben eben nur einen Unterkonsum eingeschaltet. Sie brauchen so und so viele solcher Vorgänge, um sie von anderen Vorgängen konsumieren zu lassen. Bei diesem Konsumieren, wo die Entwertung stattfinden muss, wird eine notwendige Arbeit geleistet [...]“

Man durchdenke doch gründlich den Inhalt dieser „Vierten Besprechung“ des „Seminars“. Und stelle ihn zusammen mit dem oben zitierten Aussprache-Votum, dem das Wort vom „fressenden Gut“ entnommen ist. Wohl haben diese beiden Gedankengänge nicht einen unmittelbaren Anschluss an einander. Aber im Zueinander-Denken ergeben sich die fruchtbarsten Einsichten für die Begriffe „fressendes Gut“ und „alterndes Geld“:

Die ganze Industrie verbraucht nicht nur die Werte, die sie durch „Anfangs-Gefrässigkeit“ an sich zieht und dann nach und nach abbraucht, sondern sie ist auch durchsetzt von Tätigkeiten die „im fortlaufenden volkswirtschaftlichen Prozess [...] negativ bezeichnet“ werden müssen (Seminar 46), - wo also „Arbeiten aufzuwenden sind für Auflösungen, also für Entwertungen von Werten, die schon zustande gekommen waren im volkswirtschaftlichen Prozess“ (Seminar 46). Die Menschen aber, die solche Entwertungs-Arbeit leisten, müssen gleichfalls im Sinne der Ur-Preisformel soviel erhalten, dass sie weiterhin Konsumenten sein können; „aus den Ueberschüssen der Landwirtschaft“ müssen also, gesamtbuchhalterisch gesehen, dauernd diese „Aufwendungen“ für werte „fressendes“ Tun gedeckt werden.

[Sozialwissenschaftliche Korrespondenz S. 457] (59/60. Lieferung: Blatt 13)

 

Auf dem „emanzipierten Boden“ (Kurs 45), wo nicht mehr, wie in der Dorfwirtschaft „das Positive überwiegt“ (Kurs 166), müssen zwar alle Menschen vom natürlichen Boden her ihre Nahrung beziehen; aber ausser mit dem „Mund“ konsumieren sie, wie das Zitat (Seminar 50) zeigt, auch noch mit der „Hand“, indem sie Zwischenprodukte, in denen Vergangenheitswerte stecken, durch „Unterkonsum“ entwerten. „Entwürken“ (woraus dann das Wort „Handwerk“ durch einen Verschönerungsprozess gebildet wurde; vgl. „Neugeburt des Deutschen Rechts“ 21) könnte man diesen „Hand-Konsum“, dies konsumieren von Vorgängen durch nachfolgende Vorgänge nennen. Je entwickelter in einem Gebiet das industrielle Leben ist, umso umfangreicher ist dies ganze Gewebe von wertebildenden und wertefressenden Vorgängen. Lasse ich mir vom Dorfschuster Stiefel machen, so kommt meiner Hand, mit der ich sie bezahle, eine fast rein wertebildende Bewegung entgegen. Kaufe ich Fabrikschuhe, so mündet in meinem Konsumententum eine Bewegung, in welcher eine Art Wertesaldo, ein Ueberschuss von Wertebildung über Wertevernichtungen, zustandekommt. Mit Begriffen, die nicht zu Ende gedacht sind, werde ich sagen: im niedrigen Preis der Fabrikschuhe ist paradoxerweise nicht nur der am Ende gebildete Endwert, sondern auch jeder unterwegs unterkonsumierte Zwischenwert mitbezahlt, – also mehr als im hohen Preis der Dorfschusterschuhe. Mit Begriffen aber, die ich zu Ende denke, komme ich zum Ergebnis: die Entgelte für die wertevernichtenden Arbeitsleistungen sind gar nicht aus dem Portemonnaie des Endkonsumenten, sondern aus den durch die gesamtwirtschaftliche Vergangenheit gebildeten Wertereserven, gewissermassen aus dem volkswirtschaftlichen Fettpolster gefressen. Denn der in der Arbeitsteilung tätige Menschengeist hat das Kunststück zustandegebracht: auf der Strecke der Wirtschaftsvorgänge vom Urproduzenten zum Endkonsumenten die arbeit-ersparenden Einrichtungen einzuschalten, die in ihrem „Hohlraum“ nicht nur allen den wertekonsumierenden Mündern, sondern auch den werte-unterkonsumierenden Händen Unterschlupf bieten, die mit Vergangenheitswerten beliefert sein müssen, wenn sich neben der landwirtschaftlichen noch eine gewerblich-industrielle Produktion abspielen soll. Die überall in den Etappen von Gewerbe und Industrie für wertevernichtende Leistungen bezahlten Preise werden in Wirklichkeit gar nicht den End-Käufern zugeschlagen, sondern den Vergangenheitsreserven abgefressen. Das „Fressen“ der Industrie geschieht organischerweise an der Vergangenheit, letzten Endes an der Naturgrundlage. Und nur in Wirtschaftskrisen stürzt sich das Ungeheuer „Kapitalismus“ fressgierig auf den Konsumentenpol.

Beim Entscheid, ob und wieviel Leihgeld im konkreten Fall gewährt werden könne, muss deshalb festgestellt werden: wieviel ist „zum Fressen“ da, und zwar nicht nur als Vorspeise für die Anfangs-, sondern als Dauerspeise für die Dauer-Gefrässigkeit.

Bei diesem Entscheid über das objektiv vorhandene Volumen des zu gewährenden Kredits ist nun aber selbstverständlich mit einzurechnen, was als Wellenschlag von der neuen Produktionsstätte her an die Naturgrundlagen hin zurückbranden wird. Wenn ich eine Papierfabrik einrichte, wird vielleicht plötzlich ein Wald, der vorher nicht ausgebeutet werden konnte, eine Stätte wertebildender Verbindung von Natur und Arbeit (Kurs 22). Jede neue industriell-gewerbliche Verwertungsmöglichkeit einer Natursubstanz wirft Wellen bis zur Naturgrundlage rückwärts. Innerhalb der Gesamtbilanz ist allerdings wiederum die Frage zu prüfen, ob nicht das, was an einem Ort auf diese Weise wirtschaftlich mobilisiert wird, irgendwo anders durch Lähmung wettgemacht werde. Eine Zementfabrik kann an einem Kalksteinberg Flut, gleichzeitig aber an einem Wald Ebbe bewirken. Bilanzmässig entscheidend darf nicht nur die Flut, sondern muss der Saldo-Ueberschuss der Flut über die Ebbe sein.

[Sozialwissenschaftliche Korrespondenz S. 458] (59/60. Lieferung: Blatt 14)

 

Wenn also die Industrie als „fressendes Gut“ bezeichnet wird, so heisst das gar nicht, dass sie wirtschaftsgeschichtlich etwa als Schmarotzer gekennzeichnet werden müsste. (Im XIII. Kurs-Vortrag wird ja gezeigt, wie es sich in der „Bilanz zwischen Landwirtschaft, Landbearbeitung im weiteren Sinn, und geistiger Wirksamkeit [...],“(169) um ein „zahlenmässiges Entgegenwirken“ (167) des Geistes, nicht um ein Schmarotzen, handelt). Durch ihren Appetit macht sie einen ganz wesentlichen Teil der Naturgrundlagen ja erst appetitlich. Aber es ist eben zweierlei: ob der positive Pol (rot) durch Steigerung in sich selbst oder durch Steigerung der Spannung vom Gegenpol (violett) her intensiviert wird. Im augenblicklichen Querschnitt ist die Industrie ein an der Vergangenheit fressendes Wesen; in der entwicklungsgeschichtlichen Längsrichtung zeigt sie sich aber als ein Wesen, das sich den Zugang zu seinen Futterplätzen stets neu und immer umfassender bahnt (wobei wiederum die Gefahr des Raubbaus droht).

Dass zu einem solchen wirklichkeitsgemässen Kreditieren wirtschaftliche Assoziationen zusammenwirken müssen, ist selbstverständlich. In welcher Weise ein solches Zusammenwirken geschehen kann, wird in späteren Lieferungen noch zu untersuchen sein. In der vorliegenden Lieferung soll nur gezeigt werden: wie es eine Forderung der wirtschaftlichen Wirklichkeit, nicht eine Konstruktion des Denkens ist, wenn eine dreigliederige Struktur des Geldes als Bilanzinstrument der Gesamtwirtschaft gezeichnet wird.

Denn das Geld muss - gleichsam als voll von der Sonne beschienener Vollmond – am Quell aller Wertebildung, an der in Arbeit genommenen Natur entstehen und von dort aus dann durch alle Phasen der Wirtschaft hindurch – bis zum Neumond-Zustand – abnehmen. Als Geldverwalter würde

„ein Bankinstitut herauskommen zwischen denjenigen, die Schenkungsgelder bekommen haben, und denjenigen, die durch Arbeit, namentlich Bodenarbeit, wiederum neue Waren in ihrem Anfang schaffen" (Seminar 68).

Eine “Erweiterung des Kreditvolumens“ könnte dann nicht einfach dadurch stattfinden, dass irgend ein betriebsamer Mann sich durch Wechsel aus der blauen Luft oder dgl. neues Geld (als Wechselbalg) schafft, sondern nur dadurch, dass von dem Ort der Naturgrundlage aus, wohin die neue Produktionsstätte werteweckend zurückbrandet, neues Geld in der Richtung der neuen wertebildenden Bewegung in Kurs gesetzt wird. Auf diese Weise bekommt alles Geld den "Wechselcharakter“ durch die ganze Wirtschaft hin, von dem im Seminar (66;69: Angleichung von Papiergeld und Geldsurrogat) die Rede ist. Und dieser „Wechselcharakter“ würde nicht dadurch realisiert, dass das Geld zu einem sich allmählich auspfeifenden Freigeld-Dudelsack (mit Zahlenwert-Schwund) verfälscht wird, sondern einfach dadurch gegeben werden, dass jedes Geldzeichen seinen Endtermin hat. Denn

"es handelt sich wirklich nicht darum, dass man die Abnutzung durch solche äusseren Zeichen herbeiführt, sondern dass der reale Verlauf der Dinge von selbst diese Wertigkeit bewirkt" (Seminar 66; Kurs 149/50).

Wie und wodurch aber diese „Wertigkeit“ – d.h. der Positions-, der Phasen-, im Gegensatz zum Zahlenwert, also, wie wir auch sagen können, der Jahrgangs-, der zeitlich-valutarische Wert dieses wechselartig gestalteten Geldes sich ergeben wird, wird durch die folgenden Worte deutlich (Seminar 69):

[Sozialwissenschaftliche Korrespondenz S. 459] (59/60. Lieferung: Blatt 15)

 

„Was gibt denn nun innerhalb eines solchen Zeitraumes, in dem dieser Umschwung für ein bestimmtes Geld stattfindet, dafür den Geltungswert? Dasjenige, was an brauchbaren Produktionsmitteln da ist! Nehmen Sie an, es ist sehr wenig an brauchbaren Produktionsmitteln da, so wird die Sache sehr schnell umgesetzt werden müssen; es wird sich überall Geld stauen, es wird überall Kaufgeld zurückgehen durch wenige Produktionsmittel usw. Wenn aber viel brauchbare Produktionsmittel da sind, so wird der Umlauf ein anderer sein, und es wird dadurch diesem Geld ein erhöhter Wert anhaften. Auf diese Weise bekommen wir die Währung heraus durch die brauchbaren Produktionsmittel“.

Wenn sich „überall Geld staut“, so ist das eine Aufforderung, an solchen Stauungsknoten „fressende Güter“ anzusetzen. Dann ist das Geld leicht zu haben. Es ist „billig“. Sind viele Produktionsmittel da, ist also das Kreditvolumen schon stark ausgenutzt, dann haftet ihm „ein erhöhter Wert an“, dann ist es „teuer“. Das „durch die Natur der Sache gegebene Bilanzverhältnis [...] zwischen der Bodenproduktion [...] und der geistigen Produktion [...]“ (Kurs 168) drückt sich in einer entschleierten Gesamt-Buchhaltung einfach am Barometer der Zinsen aus, die für die verschiedenen Jahrgänge des Geldes (im Sinne vertikaler Valutadifferenzen) gefordert werden (Kurs 145 oben).

So ergibt sich das Bild:

  • für die Basis des Kreditvolumens ist das Mass durch den Umfang der in Arbeit genommenen Naturgrundlage gegeben,
  • für die Höhe dieses Volumens, d.h. für die „Laufzeit der Wechsel“, für die Lebensdauer des Geldes, für die Anzahl der von der Geburt bis zum Tod wandernden valutarischen Jahrgänge, ist das Mass durch die Summe der brauchbaren gewerblich-industriellen Produktionsmittel bestimmt.

Aufgabe der Assoziationen wird es sein, zu bestimmen, wie gross zahlenmässig der Betrag des immer neu auszugebenden Voll-Kaufgeldes zu bemessen, und wie lang es zeitlich zu strecken ist, um auf dem Weg zwischen Boden und Geist das den Leihgeld-Ansprüchen gerechte Kredit-Volumen erreichen zu können.

Das freie Geistesleben aber hat für die Wirtschaft die unentbehrliche Funktion: die im Geld aufgespeicherten Werte immer wieder radikal wegzufressen, die, wenn sie nicht vertilgt werden, aus den Organen des sozialen Organismus Geschwülste und Geschwüre heraustreiben. [...]

[Sozialwissenschaftliche Korrespondenz S. 460] (59/60. Lieferung: Blatt 16)

Quelle

Auszug aus: Das Altern des Geldes III, in: Korrespondenz der Sozialwissenschaftlichen Vereinigung am Goetheanum, 59/60. Lieferung, Februar/März 1934, S. 445-462 bzw. Blatt 1-18