Der Weg zur Rettung des deutschen Volkes

01.12.1919
[819/01]Im Jahre 1858 schrieb Herman Grimm einen Aufsatz: « Schiller und Goethe.» Der beginnt mit den Sätzen: « Die wahre Geschichte Deutschlands ist die Geschichte der geistigen Bewegungen im Volke. Nur da, wo die Begeisterung für einen großen Gedanken die Nation erregte und die erstarrten Kräfte ins Fließen brachte, geschehen Taten, die groß und leuchtend sind.» Und im weiteren Verlaufe des Aufsatzes kann man noch lesen: « ... die Namen der deutschen Kaiser und Könige sind keine Meilensteine für den Fortschritt des Volkes.»
[819/02]Die Belebung der Seelenverfassung, aus der heraus solches geschrieben ist, scheint allein geeignet, Licht zu bringen in die Zeit der Not, die über das deutsche Volk gekommen ist. Daß noch etwas von dieser Seelenverfassung sich in das Wirken und Arbeiten der Gegenwart erheben könne, darauf nur kann die Hoffnung beruhen, die derjenige hegt, welcher gerade für das deutsche Volk notwendig findet, daß es sich jetzt zu rettenden Gedanken wende. Wer heute sagt: man müsse erst abwarten, was sich an Beziehungen zu den West- und Ostvölkern aus der entstandenen Weltlage heraus ergibt, bevor man an einen fruchtbaren Grund zu einer sozialen Neukultur denken könne, der hat keine Ahnung von den Notwendigkeiten der Zeit. Aus solcher Anschauung ist hervorgegangen, was in diesen Blättern über die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus gesagt worden ist. Der Schreiber dieser Zeilen meint, er habe in seinen bisherigen Aufsätzen hinlänglich denen geantwortet, die immer wieder mit dem Einwand kommen: es müsse doch erst an das gedacht werden, was sich aus dem gegenwärtigen Verhältnisse zu den andern Völkern ergebe, bevor man auf soziale Ideen die Aufmerksamkeit wenden könne, wie sie die Dreigliederung darstellt. Dieser Einwand beruht auf einem Irrtum, der zum bittersten Verhängnis des deutschen Volkes werden kann. Denn Deutschland ist aus der Weltkatastrophe so hervorgegangen, daß es die Grundlage für ein künftiges Verhältnis zu den anderen Völkern erst schaffen muß. Die Gestalt, welche das Wirtschaftsleben annehmen würde, wenn es, aus dem politisch-rechtlichen und dem geistigen Gebiete herausgelöst, sich entfalten wollte, könnte es in die Weltwirtschaft eingliedern. Daß die Eingliederung eines solchen Wirtschaftslebens in die Weltwirtschaft im Interesse der andern Völker liegt, das ist versucht worden, in diesen Aufsätzen zu zeigen. Ein freies Geistesleben kann von keinem andern Volke als Grundlage für Feindseligkeit betrachtet werden. Und ein politisches Rechtsleben, das auf der Gleichheit der mündigen Menschen beruht, könnte bei dem deutschen Volke ein anderes nur dann als ein feindliches Element ansehen, wenn dieses sich selbst verhöhnen wollte.
[819/03]Nur müßte eine Idee, wie es die von der Dreigliederung ist, als der Antrieb des Wollens in öffentlichen Angelegenheiten sich vor die Welt hinstellen. In dem Augenblicke, in dem sich diese Idee auf dem Wege zur Tat zeigt, kann sie die Offenbarung des deutschen Wesens werden, mit dem die übrige Welt sich als auf einem festen Grunde auseinandersetzen wird. Gegenüber den heutigen Verhältnissen, gegenüber dem Unglauben an die praktische Wirksamkeit lebensvoller Ideen aber möchte man fragen: Wo ist das deutsche Wesen? Von den besten Geistern seiner Vergangenheit können dem deutschen Volke solche Ideen ertönen, wie diejenigen sind, die Herman Grimm vor sechzig Jahren niedergeschrieben hat. Diese Geister haben mit diesen Ideen das tiefste Wollen ihres Volkes auszusprechen beabsichtigt. Sollten die Nachkommen dieser Geister keine Ohren haben, um den Sinn dieser Ideen zu vernehmen?
[819/04]Diese Nachkommen sind in einer Lage, in der es wahrlich nicht genügt, sich der Ideen der Vorfahren bloß zu erinnern, in der es vielmehr notwendig ist, in neuer, der Gegenwart angepaßter Art, diese Ideen fortzuentwickeln. Will der Deutsche sich selbst verlieren, indem er durch den Ideenunglauben sein eigenes Wesen verleugnet? Denn der beste Teil dieses Wesens kann nur in dem Glauben an die Wirksamkeit der Ideen bestehen. Und die Welt muß rechnen mit einer Offenbarung des deutschen Wesens, wenn dieses in seiner Echtheit sich vor sie hinstellt.
[819/05]Eine genügende Anzahl von Menschen innerhalb des deutschen Volkes, die das angestammte Erbe des Glaubens an die Ideenwelt mit den Kräften der Seele durchdränge, muß die Rettung dieses Volkes werden. Aus keiner Auseinandersetzung mit der Außenwelt wird den Deutschen Heil erblühen, die im Zeichen des Unglaubens an die praktische Wirksamkeit der Ideen vollzogen wird. Denn in jeder solchen Auseinandersetzung fehlt die Mitwirkung des deutschen Wesenskernes.
[819/06]Verstummen sollten alle Einwände, die von der Ansicht ausgehen: es sei jetzt nicht die Zeit, sich an Ideen hinzugeben. Denn von einer Zeit, die für das deutsche Volk die Keime wirklicher Lebensmöglichkeit enthält, kann erst gesprochen werden, wenn die Kraft der Ideen von einer hinlänglich großen Menschenzahl erkannt sein wird. Nicht nach dem, was sonst geschieht, darf der Ideenglaube eingerichtet werden; sondern in allem, was durch Deutsche geschieht, muß dieser Ideenglaube die treibende Kraft sein. Was unter seinem Einflusse geschehen wird, kann im Vertrauen zu ihm abgewartet werden; untätig warten, indem man ihn beiseite schiebt, in scheinbar praktischem Geschäftigsein das Verhängnis seinen Lauf nehmen lassen: das alles ist bei dem Deutschen Sünde wider das eigene Wesen, Sünde wider den Geist der Weltenstunde, Sünde wider die Forderung echter Selbstbesinnung.
[819/07]Ist das Walten dieser Sünde nicht deutlich genug wahrzunehmen? Sind die traurigen Wirkungen dieser Sünde noch nicht da? Tönt die Not nicht in Tönen, welche diese Sünde verständlich machen? Ist nicht mehr die Kraft im deutschen Volke, die Sünde gegen den Geist des eigenen Wesens als Sünde zu erkennen? Diese Fragen können Striemen drücken in die Seelen, welche das öffentliche Leben des deutschen Volkes betrachten. Der Schmerz müßte zum Erwachen führen. Waren die Geister deutscher Vergangenheit mit ihrem Ideenglauben Träumer? Solche Fragen löst nur das wirkliche Leben. Und wie kann die Lösung lauten? Ja, sie waren Träumer, wenn ihre Nachkommen ihre Ideen verträumen; sie waren aber leuchtende Wirklichkeitsgeister, wenn diese Nachkommen in das lebendig wache Wollen die Kraft ihrer Ideen aufnehmen.

Rudolf Steiner