Der Grundirrtum im sozialen Denken

01.11.1919
[815/01]Einer Idee wie derjenigen von der Dreigliederung des sozialen Organismus werden viele Menschen immer wieder entgegenhalten: die soziale Bewegung strebt doch nach Überwindung der wirtschaftlichen Ungleichheiten der Menschen; wie soll diese erreicht werden durch die Wandlungen, die im Geistesleben und in der Rechtsordnung eintreten, wenn diese gegenüber dem Wirtschaftskreislauf selbständige Verwaltungen haben?
[815/02]Dieser Einwurf wird von denjenigen gemacht, die zwar sehen, daß die wirtschaftlichen Ungleichheiten vorhanden sind, nicht aber, wie sie von den Menschen, die im sozialen Organismus zusammenleben, hervorgebracht werden. Man sieht, daß die ökonomische Ordnung der Gesellschaft sich ausdrückt in der Lebenshaltung der Menschen. Man strebt darnach, daß für viele Menschen die Möglichkeit einer ihnen würdiger erscheinenden Lebenshaltung eintrete. Und man glaubt, diese Möglichkeit werde da sein, wenn gewisse Minderungen in der ökonomischen Ordnung, die man in Aussicht nimmt, eingetreten sein werden.
[815/03]Der tiefer in die menschlichen Lebensverhältnisse Blickende muß den Hauptgrund der sozialen Mißstände in der Gegenwart darin sehen, daß die eben gekennzeichnete Vorstellungsart die herrschende geworden ist. Es liegt für die Einsicht vieler Menschen die ökonomische Lebensordnung zu weit ab von dem, was sie an Vorstellungen über das Geistes- und Rechtsleben haben, als daß sie durchschauen könnten, wie im Menschenzusammenhange die eine mit den anderen in Beziehung steht. Die ökonomische Lage der Menschen ist ein Ergebnis dessen, wie sie sich durch ihre geistigen Fähigkeiten und durch die unter ihnen bestehende Rechtsregelung zueinander stellen. Wer das durchschaut, der wird nicht glauben, er könne ein Wirtschaftssystem finden, das durch sich die in demselben lebenden Menschen in ihnen würdig erscheinende Lebenshaltungen bringen könne. Ob man innerhalb eines Wirtschaftssystems für seine Leistung die zu einer solchen Lebenshaltung notwendige Gegenleistung finde, das hängt davon ab, wie die Menschen in demselben geistig gestimmt sind und wie sie ihre Verhältnisse zueinander aus ihrem Rechtsbewußtsein heraus ordnen.
[815/04]In den letzten drei bis vier Jahrhunderten hat sich die zivilisierte Menschheit aus Antrieben heraus entwickelt, welche dieses Durchschauen des wahren Verhältnisses zwischen Wirtschaftsleben und Geistesleben außerordentlich schwierig machen. Der Mensch ist eingesponnen worden in Lebenszusammenhänge, die durch die Errungenschaften der Technik auf wirtschaftlichem Gebiete ein Gepräge angenommen haben, das nicht mehr dem entspricht, was er aus vorangehenden Entwickelungszeiten als Geistespflege und Rechtsvorstellungen herangebildet hat. Man ist gewohnt geworden, die geistigen Fortschritte der neueren Zeit mit ungeteilter Anerkennung anzusehen. Man übersieht dabei aber doch, daß diese geistigen Fortschritte hauptsächlich auf den Gebieten gemacht worden sind, die mit dem technisch-wirtschaftlichen Leben unmittelbar zusammenhängen. Gewiß, die Wissenschaft hat gewaltige Errungenschaften aufzuweisen, aber ihre Errungenschaften sind da am größten, wo sie herausgefordert worden sind durch die Anforderungen des technisch-wirtschaftlichen Lebens.
[815/05]Unter dem Einflusse eines solchen geistigen Fortschrittes hat sich in den führenden Kreisen der Menschheit die Denkgewohnheit ausgebildet, alle Lebensverhältnisse aus ökonomischen Unterlagen heraus zu beurteilen. Sie sind sich in den meisten Fallen dieser Beurteilungsart nicht bewußt. Sie üben sie unbewußt aus. Sie glauben aus allerlei ethischen, ästhetischen Antrieben heraus zu leben; aber sie folgen unbewußt ihrem aus der technisch-wirtschaftlichen Lebensökonomie heraus bestimmten Urteile. Sie denken ökonomisch, während sie glauben, ästhetisch, religiös, ethisch zu leben.
[815/06]Diese Denkgewohnheit der führenden Klassen ist nun im Laufe der neuesten Zeit bei den sozialistisch Denkenden zum Dogma geworden. Diese meinen alles Leben sei ökonomisch bedingt, weil diejenigen, von denen sie ihre Meinungen geerbt haben, die ökonomische Denkart zu ihrer ihnen größtenteils unbewußten Gewohnheit gemacht haben. Und so wollen diese sozialistisch Denkenden die Wirtschaftsordnung aus einer Anschauung heraus umgestalten, die gerade das herbeigeführt hat, was sie einer Umwandlung für dringend bedürftig halten. Sie bemerken nicht, daß sie, was sie nicht wollen, in einem verschärften Grade herbeiführen würden, wenn sie unter dem Einfluß von Ideen handelten, aus denen das Umzuwandelnde sich ergeben hat. Das rührt davon her, daß die Menschen an ihren Ideen und Denkgewohnheiten viel zäher festhalten wollen, als an den äußeren Einrichtungen.
[815/07]Nun aber ist die menschliche Entwickelung an einem Punkte angelangt, in dem diese selbst durch ihre Wesenheit einen Fortschritt nicht nur der Einrichtungen, sondern der Gedanken und Anschauungen fordert. Ob diese Forderung, welche die Menschheitsgeschichte stellt, empfunden wird oder nicht, davon ist das Schicksal der sozialen Bewegung abhängig. So sonderbar es heute auch noch für viele Menschen klingt: es ist doch richtig, das moderne Leben hat eine Gestalt angenommen, die nicht mehr mit den alten Vorstellungsarten zu bemeistern ist.
[815/08]Viele sagen mit Recht: Die soziale Frage muß anders angefaßt werden als sie etwa St. Simon, Owen, Fourier angefaßt haben. Mit deren geistigen Antrieben könne man das wirtschaftliche Leben nicht umgestalten. Aber solche ziehen daraus die Folgerung, daß geistige Antriebe überhaupt keinen wandelnden Einfluß auf die sozialen Lebensverhältnisse haben können. In Wahrheit liegt die Sache so, daß die genannten Denker ihre Vorstellungen aus einem Geistesleben heraus gebildet haben, das seiner Natur nach dem modernen Wirtschaftsleben nicht mehr gewachsen war. Statt nun zu der gesunden Einsicht sich zu bekennen: Also bedarf es einer Erneuerung des Geisteslebens - und des Rechtslebens -, ist man zu der Meinung gekommen, die ersehnten sozialen Zustände müßten aus dem Wirtschaftsleben heraus von selbst sich ergeben. Aber nicht sie werden sich ergeben, sondern nur wirtschaftliche Wirrnis, wenn nicht die Fortentwickelung aus einem von der neueren Zeit geforderten Fortschritt des Geistes- und Rechtslebens heraus geschehen wird.
[815/09]Von dem Mute zu diesem Fortschritt der Geistespflege und Rechtsordnung wird getragen sein müssen, was auf sozialem Gebiete in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft geschehen soll. Was nicht aus diesem Mute heraus geschaffen werden wird, das wird gut gemeint sein können, es wird aber nicht zu haltbaren Zuständen führen. Deshalb ist heute auf diesem Gebiete das Wichtigste, in weitesten Kreisen Aufklärung darüber hervorzurufen, daß die neue Geistespflege die Grundlage einer gedeihlichen Weiterentwickelung der zivilisierten Menschheit ist. Die Früchte dieser Geistespflege werden in der Wirtschaftsordnung aufgehen; ein Wirtschafsleben, das sich aus sich selbst neugestalten will, wird seine alten Schäden nur - in Verschärfung - fortpflanzen. Solange man von dem Wirtschaftsleben verlangen wird, es solle aus den Menschen machen, was in ihnen veranlagt ist, wird man zu den alten Schäden neue hinzufugen; erst, wenn man sich zu der Einsicht durchringen wird, daß der Mensch aus seinem Geiste dem Wirtschafsleben geben muß, was es braucht, wird man bewußt erstreben können, was man unbewußt fordert.

Rudolf Steiner