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Idealismus gegen Antisemitismus

01.01.1901

Quelle: Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus 1901, II. Jahrgang, Nr.52

Zwei merkwürdige Bücher sind kurz hintereinander erschienen. Das erste hieß: « Gesetz Freiheit und Sittlichkeit des künstlerischen Schaffens ». Der Verfasser ist Lothar von Kunowski. Er hat der ersten jetzt eine zweite Schrift folgen lassen unter dem Titel: « Ein Volk von Genies ». Beide Bände sollen nur Teile eines umfangreichen Gesamtwerkes sein, das den Titel führt: « Durch Kunst zum Leben ». In gewissen Kreisen gilt nun Lothar von Kunowski geradezu als Prophet. Man kann Ausdrücke der rückhaltlosesten Bewunderung hören. Wie ein neues Evangelium wird angepriesen, was er über das Wesen der Kunst und über das sittliche Leben sagt.

Wenn auch für denjenigen, der die Entwicklung des deutschen Geisteslebens im neunzehnten Jahrhundert wirklich kennt, darin kein neuer Gedanke enthalten ist, so kann doch auch ein solcher sich dem Urteile anschließen, das vor kurzem von wichtiger Seite über Kunowski gefällt worden ist. Sein Buch wird da als ein solches bezeichnet, in « dem ein ernster Mann sich über Fragen ausspricht, die ihn jahrelang marterten: der Schmerzensschrei eines Künstlers, der ziellos im Dunkeln tappte; der Jubelruf eines, der endlich das Ziel sieht ».

Gewiß ist vieles unreif in den beiden Büchern; gewiß ist alles, was Kunowski sagt, früher gründlicher und umfassender gesagt worden: es ist an den beiden Büchern doch etwas, was auch für den Kenner der einschlägigen Literatur im höchsten Maße erfrischend ist. Es ist nämlich seit Jahrzehnten über Kunst und ihre Beziehungen zum Leben nicht mit einem solchen durch Erkenntnis hervorgebrachten Idealismus gesprochen worden wie von Kunowski.

Dem deutschen Volke schreibt Kunowski eine große Kulturmission zu Es soll eine Erneuerung der sittlichen Weltanschauung hervorbringen durch eine wahrhafte Erfassung der Kunst. « Eine neue Kunstlehre wird eine neue Lebenslehre sein müssen und umgekehrt, eine neue Auffassung des Lebens wird wurzeln müssen in einer verjüngten Kunstlehre ... Wenige wissen, was sie sagen mit der Forderung einer Volkskunst, einer Kunst, die jeden Angehörigen des Volkes zum Künstler macht in allen Handlungen des Lebens. » Es könnte scheinen, als ob die Art, wie Kunowski sich über « Kunst und Volk » ausspricht, von denen für ihre Zwecke auszunützen sei, welche unter diesem Schlagworte allerlei Volks- und Rassenantipathien verbreiten möchten. Und der vor einigen Monaten erschienene erste Band des Werkes ist auch in diesem Sinne - ganz ungerechtfertigterweise - ausgenützt worden.

Der jetzt erschienene zweite Band hat vielen, die Kunowski früher glaubten, zu den ihrigen rechnen zu können, eine gründliche Enttäuschung gebracht. Er spricht sich an vielen Stellen klar und unzweideutig über die « Rassenfrage » aus. Und was er an solchen Stellen sagt, zeigt, wie ein idealistisch gesinnter Mensch über diese « Frage » denken muß. Namentlich weist Kunowski allen Antisemitismus weit von sich. Scharf tadelt er den Engländer Chamberlain wegen seiner Ausfälle gegen die « Semiten » in dem Buche: « Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts.» Und von dem gleichen Gesichtspunkte aus sind Urteile gefällt, die es den Antisemiten unmöglich machen, sich auf Kunowski zu berufen, den sie sonst gewiß gern anführen möchten, wenn sie, in ihrem Sinne, davon fabeln, daß die starken Wurzeln der Bildung und Kultur im « Volkstum » wurzeln. Aber Kunowski faßt den Begriff « Volk » durchaus so auf, daß jeder Antisemitismus mit seiner Auffassung unvereinbar ist. « Wir Deutschen sind bestimmt », sagte er, daß wir « die Form der umzubildenden Welt allen Völkern vorbehalten, sie alle herbeirufen, das Werk durchzuführen, vornehmlich die Romanen und Semiten, denen wir Unendliches verdanken, mit denen wir, im Unendlichen einig, auch die Endlichkeit des Irdischen gemeinsam erweitern werden. In dieser liebevollen Gerechtigkeit liegt die Zukunft des Deutschen, liegt sein Weltreich geborgen, seine Verjüngung zu einem neuen Menschen, zu einem neuen Volk ». Kunowski will keinen Rassenkampf; er will das Bedeutsame aller Rassen in die Kultur der Zukunft hinüberführen: « Das Sittengesetz des Juden, der Staat des Römers, die Kunst der Griechen, die Pyramide des Ägypters » müssen sich in uns vereinigen, damit wir « in der Weltschmiede selbständig arbeiten » können. Besonders schön kommt dieser Gedanke in folgendem Ausspruch zum Vorschein: « An unseren Altären ruhen Kreuz, Halbmond und Bundeslade, in unseren Wäldern lustwandeln Zarathustra, Moses, Sokrates, Dante, Rousseau, in unseren Auen wachsen neu Jerusalem, Athen, Sparta, Florenz und Paris.»

Dem engherzigen Rassenstandpunkt setzt Kunowski den seinigen mit den Worten gegenüber: « Ziel der Welteroberung ist nicht Verbreitung des unveränderten deutschen Typus, vielmehr Erzeugung eines neuen Kulturmenschen, der weder Germane, noch Romane, noch Semit ist.» Diese Vorstellung gipfelt in dem Satz: « Völker werden durch Völkerverschmelzung in der Glut einer neuen Kultur, die den Rassenhaß verbrennt. »

Als ein bedeutsames Symptom der Zeit darf Kunowskis Buch aufgefaßt werden. Wir wollen wieder einen Idealismus. Keinen verschwommenen, den nur die Phantastik erzeugt; aber einen solchen, der auf der Erkenntnis und Bildung beruht. Kunowski macht sich zum Wortführer eines solchen. Es ist bezeichnend, daß er dadurch wie von selbst zum Gegner des erkenntnis- und bildungsfeindlichen Antisemitismus, des engherzigen « Germanentums » wird.

Rudolf Steiner